Doğan Akhanlı erneut verhaftet

Erneut verhaftet: Doğan Akhanlı (Aufnahme von 1998)

Nun geht es also wieder los, aber diesmal bereits unter den Verhältnissen einer Diktatur. Mein Kölner Kollege Doğan Akhanlı ist heute in Spanien verhaftet worden – auf Veranlassung des türkischen Despoten Recep Tayyip Erdoğan.

Noch ist der offizielle Grund des internationalen Haftbefehls aus Ankara nicht bekannt, auf den die spanischen Behörden jetzt reagiert haben. Voraussichtlich ist es aber ein alter Vorwand, der indes längst entkräftet war.

Doğan Akhanlı ist ein deutscher Schriftsteller mit türkischen Wurzeln, der vom Regime in Ankara in Wahrheit deswegen verfolgt wird, weil er kritisch über die Verhältnisse im Land seiner Herkunft und insbesondere über den türkischen Völkermord an den Armeniern geschrieben hat. Das genügt heute in der Türkei, um Erdoğans Schergen ausgeliefert zu werden.

Spiegel online hält das in einer ersten Reaktion für eine neue Machtdemonstration des Gewaltherrscherschers gegenüber seiner „Flüchtlingsdeal“-Partnerin Merkel in Berlin. In dem Fall wäre der Menschenrechtsaktivist und Autor, rechtzeitig zum Bundestagswahlkampf, ein weiteres menschliches Faustpfand des Antidemokraten Erdogan – nach dem Muster des deutsch-türkischen „Welt“-Korrespondenten Denis Yücel, der seit Anfang des Jahres in türkischer Haft sitzt.

Ich kann hier in aller Eile nur wiederholen, was ich schon bei der Verhaftung im Jahr 2010 geschrieben habe:

Da ich Doğan in Kölner Zeiten während seiner Arbeit an dem fraglichen Roman „Die Richter des jüngsten Gerichts“ auf einer gemeinsamen Reise kennenlernte, konnte ich mir selbst ein Bild von ihm machen – es versteht sich von selbst, dass es alles andere als das Bild eines Verbrechers ist.

Er kauerte – die Sitze in dem Bus des alternativen Reiseunternehmens waren zugunsten von Matratzen ausgebaut worden – selbst während der Fahrt an seinem Laptop und schrieb an seiner ersten Romantrilogie “Die verschwundenen Meere”, die ihn wenige Jahre später in der Türkei mit einem Schlag berühmt und berüchtigt machen sollte.

Denn in deren dritten Teil geht es um den Vorwurf des Völkermords der Türken an den Armeniern 1915-17, unter Erdogan mehr denn je ein Tabu in der Türkei. Doğan war der erste, der dieses Tabu als Schriftsteller brach – weil er die Wahrheit suchte, und weil er selbst schwerstes Unrecht erlitten hatte: Von der Militärjunta in seinem Heimatland nach dem Putsch 1980 waren er und seine Frau – vor den Augen seines kleinen Sohnes! – gefoltert worden, weil er zum “revolutionären” kommunistischen Untergrund gehörte.

Später gelang ihm und seiner Familie die Flucht ins Exil nach Köln. Er hatte sich längst von der “revolutionären kommunistischen Partei” und ihrem rigiden Totalitarismus losgesagt.

Nach seiner Verhaftung 2010 hatten sich viele deutsche Schriftstellerkollegen für Doğan eingesetzt. Nur in Hamburg hatte man durch Zurückhaltung geglänzt.

Nach seiner Verhaftung 2010 hatten sich viele deutsche Schriftstellerkollegen und Prominente aller gesellschaftlichen Lager für Doğan eingesetzt. Nur in Hamburg hatte man durch Zurückhaltung geglänzt. Mir war es damals nicht gelungen, irgendeine der vermeintlich zuständigen Institutionen vom Kulturforum über das Literaturhaus bis hin zur Hamburger Stiftung für politsche Verfolgte für seinen Fall zu interessieren.

Man winkte hanseatisch gediegen ab, hatte andere Sorgen, keine Zeit oder ließ unter der Hand durchblicken, womöglich könne ja doch was dran sein an den Vorwürfen. Da ging man lieber kein Risiko ein.

Damals, vor sieben Jahren, ist Doğan Akhanli am ersten Prozesstag in der Türkei freigekommen und konnte nach Deutschland zurückkehren, da „kein dringender Tatverdacht“ bestehe. Ob das unter den heute enorm verschärften Vorzeichen eines Unrechtsstaates noch einmal so ausgeht, falls Spanien den Schriftsteller an die Türkei ausliefert, ist mehr als fraglich.

Es wird wohl Zeit, aufs Neue für die Freiheit des Wortes auf die Barrikaden zu gehen. Diesmal ja womöglich sogar in Hamburg.

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Gestatten: Debütant (50)

Schon irgendwie ein kleiner Hängenbleiber, wenn man seinen Namen in in der Zeitung liest, zwei Klammern dahinter, darin eingesperrt eine nackte Zahl: „Oliver Driesen (50)“…

Also nicht, dass mich das stören würde. Nicht, dass ich brüllen würde: „Fake news!“ Nein: In Würde altern und so, schon recht. Es ist ja wahr.

Nur – als „Literaturneuling“? Mit einem „Romandebüt“? Sollte man da nicht eher 15 sein heutzutage?

Nun gut, ich war schon immer ein Spätstarter. Und jetzt, wo es in der Zeitung steht, ist es auch wirklich passiert. Lübecker lügen nicht. Jedenfalls nicht die Lübecker Nachrichten vom 22.12.2016 in ihrem Kulturteil. Urteilen Sie selbst (nachdem Sie bestellt und gelesen haben, versteht sich):

Bloß das mit den bibliographischen Angaben ist ein wenig danebengegangen: Es gibt gar keinen „Verlag Zeilensturm“. Es gibt nur ein schönes Zeilensturm-Logo (danke Julian!), das aussieht, als könne es durchaus vom Verlag Zeilensturm sein. Oder als müsse man den jetzt schnellstens gründen. Keine schlechte Idee eigentlich…

In Wahrheit gibt es den „Verlag“ Books on Demand (BoD) in Norderstedt, eine Plattform zum Selbst-Publizieren. Die haben das Buch produziert.

Und vielleicht ist das auch der Grund, warum es von August bis heute gedauert hat, bevor eine richtige Zeitung es zur Kenntnis genommen hat. Denn, wie wir alle wissen: Selbst publizierte Romane haben keine Lobby (es gibt Ausnahmen). Sie sind die schmuddeligen, lausigen und vor Rechtschreibfehlern strotzenden Cousins richtiger Bücher von Rowohlt oder Suhrkamp.

Verlagslektoren schauen dich als Selfpublisher nicht mit dem Hintern an. Denn sie sind im Gegensatz zu dir der deutschen Sprache mächtig und nehmen ihre Verantwortung ihr gegenüber sehr ernst. Wie der führende Satire-Verlag, der mir damals in seiner Ablehnung meines Manuskriptes mitteilte:

Wenngleich die Halligbewohner und deren Eigenarten durchaus vielfältig dargestellt sind, geschiet dies doch in etwas altmodischer Lieterarisierung.

Nein, ich habe mir das nicht ausgedacht. Weder die Begründung noch die Schreibung. Es ist eben ein Satire-Verlag.

Auch eine Marketingmaschine gibt es für Self-Publisher nicht. Nur Autoren, die bei Facebook bezahlte Eigenwerbung schalten und auf den berühmten Algorithmus vertrauen. Ich erhielt dann übrigens auch gleich viel mehr „Likes“ für das Buch – vor allem von Menschen mit in arabischer Schrift gestalteten Facebook-Seiten, von denen einer auf seinem Profilbild eine Kalaschnikow schwenkte.

All dessen eingedenk hat es mein kleines Buch doch ziemlich weit gebracht. Und sein Autor wird ja auch erst in 50 Jahren 100.

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