Kategorie-Archiv: Wegwerf-Warenkunde

Aus der Welt des Ex und Hopp

Wegwerf-Warenkunde (5): Fahrräder

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Hallo, Fahrradhersteller!

Ich hadere mit Euren Produkten. Aber nicht aus den üblichen, tausendfach beklagten Gründen. Nicht, weil das Dynamo-Laufrädchen bei Regen ohne Strom- und Lichtproduktion am nassen Reifengummi entlangschreddert (es gibt ja jetzt Radnabendynamos, die einen sogar tagsüber gern mit Licht fahren lassen). Auch nicht, weil die Lichtkabel und Bremszüge reißen, die Bremsbacken ständig abgenutzt sind, die Gangschaltung gerne kracht, die Pedalkurbel ausleiert, die Schutzbleche klappern, die Klingel nicht klingelt, das Bügelschloss klemmt, die Felge zur Acht neigt oder die Reifen von den kleinsten Scherben auf der Straße geplättet werden (es gibt neuerdings „Unplattbare“, die sogar häufig funktionieren). Geschenkt, alles geschenkt. Das ist es nicht.

Nein, ich klage etwas anderes an: Ihr stellt von allen mir bekannten Branchen – von Möbelproduzenten über Atomstromversorger bis hin zu Naturkosmetikanbietern – die Produkte her, die den mit Abstand höchsten Verhakelungsfaktor aufweisen. Eure Fahrräder verhakeln sich immer, immer, immer. Mit allem, was ihnen zu nahe kommt. Mit Maschendrahtzäunen, Autos, Hunden und Katzen, den Haaren meiner Tochter, vor allem und zuvörderst aber – mit anderen Fahrrädern.

Versucht es selbst: Stellt zwei Fahrräder nebeneinander in einen engen Schuppen oder Fahrradkeller. Versucht, eines davon wieder herauszuziehen. Es geht und geht und geht nicht nicht nicht! Es ist zum Rasendwerden. Ihr baut doch absichtlich derart viele Teile an Fahrräder, die hervorragen oder aus feinem Drahtgeflecht bestehen oder herausstechen oder ineinandergreifen oder an irgendwas hängen bleiben: Lenker, Klappständer, Pedale, Schalthebel, Gepäckgummis … Aaaaarrrrgh! Und sie finden immer zueinander, diese Teile: haken sich unter dem Schutzblech ein, bleiben in den Speichen hängen, verkanten sich so im Nachbarfahrrad, dass selbst Entfesselungskünstler Harry Houdini keine Chance hätte.

Wenn ich Pirat wäre, ich würde keinen Enterhaken auf das fremde Schiff hinüber werfen, sondern ein Fahrrad mit einem Tau dran – da gelingt der Überfall auf jeden Fall.

Bitte! Bitte! Erfindet verhakelungsfreie Fahrräder ohne Lenker, Kurbeln, Pedale, Ketten oder Speichen. Das kann doch so schwer nicht sein.

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Wegwerf-Warenkunde (4): „Einkauf aktuell“

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Hallo, Deutsche Post,

rate mal, was das ist: Es ist eine ästhetische und inhaltliche Beleidigung, ein Monument der Arbeits- und Ressourcenvergeudung, eine Zumutung für Deine Postboten und eine ökologische Katastrophe. Aber für die allermeisten (Gesunden) von uns ist es einfach nur das, was wir aus lauter Trägheit als eine der biblischen Plagen hinnehmen, um es im wöchenlichem Ritus direkt aus dem Briefkasten ins Altpapier entsorgen:

Für Dich, Deutsche Post, ist es etwas anderes: ein Geschäftsmodell. Man schweiße ein halbes Dutzend oder mehr Reklameprospekte für Ramsch und Nippes zusammen, die sonst von Asylbewerbern einzeln durch die Briefschlitze der städtischen Ballungsräume geschoben würden. Man suche sodann einen Vorwand, warum das irgendjemand auch nur sehenden Auges in die Hand nehmen wollen könnte, finde ihn in einem „Trägermedium“ und man erhält: Einkauf aktuell.

Was ein „Trägermedium“ ist? Der Köder. Das Zückerchen, das uns zugreifen lässt, weil es „nützliche Informationen“ bzw. „gute Unterhaltung“ bietet (alle Zitate von Dir, Deutsche Post). Und zwar ausgerechnet ein TV-Programmblättchen, das gespickt ist mit noch mehr Reklame und journalistischen Glanzstücken wie „Will Smith – ein Prinz und Spaßvogel strebt nach Glück“.

Ich frage mich seit langem, wer unter deutschen Dächern endverzweifelt genug ist, am Wochenende mit zittrigen Fingern die Zelophanhülle dieses Bündels brutaler Banalität aufzureißen, ihm die fliegenden Blätter zu entnehmen und sich in Smiths Schicksal zu vertiefen: „Sein frecher Charme (und seine Millionen) retteten ihn auch vor einem Prozess wegen Steuerhinterziehung und aus der Sekten-Klammer der Scientologen.“ Könnten vielleicht Sozialrentner so desparat sein, dass sie zu dieser Zielgruppe gehören? Oder doch die Scientologen? Nicht einmal das scheint mir vorstellbar.

Indes: Die „gebündelte Haushaltwerbung, die doppelt gut ankommt“, überschwemmt wöchentlich flächendeckend 20 Metropolregionen Deutschlands, das bedeutet die schon sagenhaft irrationale Menge von bis zu 18 Millionen Medienmüll-Bündeln. Das sind ein paar Millionen mehr als die Auflage der ADAC Motorwelt. Und in Multimillionen Haushalten bleiben es, siehe oben, eben auch Müllpakete – ungeöffnet. Das heißt: Jede Woche werden in Deutschland bis zu 18 Millionen bunte Papierbündel bedruckt, in Folie verpackt und über Autobahnen transportiert (Logistiker: Wie viele LKW-Fahrten, Liter Diesel, CO2-Tonnen und Staukilometer macht das?), um am Zielort umstandslos und unbeachtet entsorgt zu werden. Und das alles völlig kostenlos für den Nicht-Verbraucher! Na ja, jedenfalls auf den ersten Blick – abgesehen von den üblichen „negativen externen Effekten“, aber das ist Makroökonomie und interessiert keine Sau.

Du, Post, hast aber kein schlechtes Gewissen. Denn Dein „Trägermedium“ besteht „jetzt zu 100% aus Recyclingpapier“ mit dem blauen Umwelt-Engel. Recycelt aus früheren ungelesenen Lieferungen von Einkauf aktuell, nehme ich an. Und das ist doch mal eine gute Nachricht. Die noch bessere versteckst Du im ganz, ganz Kleingedruckten: den Ausweg aus dem ganzen Wahnsinn.

Da heißt es nämlich, von der Zustellung seien „Werbeverweigerer ausgenommen“.

Wegwerf-Warenkunde (3): Laubgebläse

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Hallo, städtische Grünflächenämter!
Es ist wieder soweit: Die Natur spielt verrückt und schmeißt einfach so Blätter in die Gegend, nicht im rechten Winkel, nicht mit Genehmigung, nicht einmal nur innerhalb der Kernarbeitszeit. Das Ergebnis: Chaos. Aufruhr. Anarchie. Selbst Parkwege, diese einst für ihre Rollator-Freundlichkeit gerühmten Highways, sind bedeckt mit bremsendem Biomüll.
Aber seit etwa zehn Jahren nutzt Ihr, Grünflächenämter, in Eurem niemals erlahmenden Kampf gegen die herbstlichen Auflösungserscheinungen eine Wunderwaffe, die V2 der Grünflächenguerilla: das Laubgebläse. Es funktioniert elektrisch oder, noch besser, mit Benzin. Und es produziert den allerinfernalischsten Lärm, der sich an einem sowieso schon düsteren Herbstmorgen um 7.10 Uhr überhaupt nur denken lässt. Es heult wie eine Luftschutzsirene und dröhnt dabei wie ein Containerzug. Ach ja, und es wirbelt dem Grünstreifenzorro, der damit stundenlang aus der Hüfte schießt, krebsbringende Aerosole aus dem aufgeschreckten faulen Laub in die Atemwege. Alles sehr, sehr unschön.
Dabei gibt es eine klassische Alternative: Ich fordere die Rückkehr von Beppo, dem Straßenkehrer aus Michael Endes Momo. Feierlich gelobe ich, mich mit dessen geschätzt 1500-fach niedrigerer „Produktivität“ zufrieden zu geben. Und alten Damen persönlich durch den Park zu helfen.

Wegwerf-Warenkunde (2): Autos

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Hallo, Hamburger Autoanzünder!

Ihr liefert Euch seit vorigem Jahr ein Fernduell mit Euren minderbemittelten Geistesbrüdern in Berlin um die meisten angezündeten Fahrzeuge. Keine Ahnung, welche Stadt gerade vorn liegt, aber zuletzt sind beide Seiten zum möglichst flächenbrandmäßigen Mehrfach-Zündeln übergegangen, so dass immer gleich fünf bis acht dicht an dicht geparkte Wagen zugleich ausbrennen. Gerne übrigens in ärmeren Stadtteilen, wo dann typischerweise ein zehn Jahre alter Polo mit zwei Kindersitzen zusammen mit dem auf Handgas umgestellten A-Klasse-Mercedes eines Rollstuhlfahrers abgefackelt wird.

Dieses Euer Treiben gibt Euch sicherlich sogar noch eine Art revolutionären Kick, weil die Polizei Euch furchtlose Supermänner wieder nicht geschnappt hat und die Lokalpresse am übernächsten Tag irgendwas von „linken Gewalttätern“ schreibt. Wenn Ihr dazu nicht zu beschränkt wäret, würdet Ihr Euch werweiß für die Avantgarde der Konsumkritik halten, die der Wegwerf-Gesellschaft den Spiegel vorhält. Dabei seid Ihr doch nur a) hirnamputierte Prekariats-Kids wahlweise mit oder ohne Migrationshintergrund bzw. b) verzogene Eppendorfer Vorstands-Söhnchen ohne jeden moralischen Sicherungskasten.

Aber wisst Ihr, Auto-Anzünder, was? Ihr Revolutionäre treibt die Mieten in Hamburg hoch! Und seid damit, quasi, Immobilien-Spekulanten. Also das Unterste vom Untersten. Das glaubt Ihr jetzt nicht? Aber doch: Die Leute wollen wegen Euch jetzt alle Garagen. Garagen sind aber knapp. Also steigen die Mieten für die Garagen. Wegen Euch.

P.S: Neulich, auf dem Schanzenfest, hatten einige Eurer Vordenker ein Transparent aufgehängt, dass es uns Spießern mal so richtig gegeben hat: „Autos brennen und ihr schreit. Menschen sterben und ihr schweigt.“ Ist aber falsch, was mich angeht. Ich schreie beide Male.

Wegwerf-Warenkunde (1): Männersocken

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Hallo, Männersockenhersteller!

Ich wüsste gern, warum Ihr keine Socken mit Wollanteil mehr herstellt, die halten. Also im Sinne von: länger als zwei Waschgänge. Nein, nicht fälschlich bei Kochwäsche, sondern mit Wollwaschmittel, 30 Grad, schonend, gaaaaanz vorsichtig. Und ein-, zweimal werden sie zwischendurch auch getragen, mit brav beschnittenen Zehnägeln, in gut besohlten Schuhen. Ergebnis jedoch in jedem Fall, schnellstens: Löcher. Häßliche, riesige Löcher von der Ferse bis zur Zehe. Material, das fadenscheinig und rissig wird zum Gotterbarmen. Warum, Männersockenhersteller? Könnt Ihr nicht? Wollt Ihr nicht? Rechnet sich nicht? Und Ihr dürft trotzdem auch mal 19 Euro pro Paar kassieren?

Irrtum! Denn ich, ich bin jetzt sauer auf Euch. Ich kaufe nicht mehr bei Euch. Ich laufe barfuß, so wie der Mittvierziger mit dem Pferdeschwanz, der heute zu mir in die S-Bahn stieg. Nicht schön an heißen Tagen, aber nun kommt eh der Herbst.