Onkel Olivers objektives Rhabarberschorlen-Grundseminar

Wonach, liebe Leserlein, schmeckt der Inhalt dieser Flasche? Tipp: Das Wort unten auf dem Etikett heißt vollumfänglich „Rhabarber Schorle“.

Schnips, schnips: Hi-aaaaar, i-hiiiiiich, i-hiiiiich, ich weiß es!

Ja, Leserlein?

Das schmeckt nach Rhabarber Schorle!

Bitte sprich den fehlenden Bindestrich mit, Leserlein!

Das schmeckt nach Rhabarberbindestrichschorle!

Originelle Anwort, Leserlein! Deine mündliche Beteiligung ist schon viel besser geworden. Allerdings verhält es sich etwas komplizierter.

Och mennooooo!!!

Da ist in erster Linie mal 50% Wasser drin. Die Hälfte. Und dann vor allem noch Apfelsaft (31%). Ein knappes Drittel. Und dann noch 19% Rhabarbersaft. Ein Fünftel. Das Zeug schmeckt demzufolge nach Wasser, neben dem ein Apfel gelegen hat. Wenn man großzügig sein will: nach Apfel Schorle. Und kein bisschen nach Rhabarber Schorle. Weil nämlich: 19% von 0,33 Liter sind?

I-hiiiiiich, i-hiiiich, ich weiß es schon wieder, schnips, schnips!

Na, Leserlein?

Das sind 0,0627 Liter Rhabarber Saft.

Leserlein, dran denken!

Rhabarberbindestrichsaft.

Gut, aber jetzt eine Frage für Schlaumeier: Wie viel wäre das in Wodka?

I-hiiiich, i-hiiiiich, ich wa-ha-heiß es!!!

Ja? Aber dann auch mal die anderen lassen, ja?

Das sind drei einfache Wodka oder ein doppelter und ein einfacher und das schmeckt nach was und danach ist man ganz komisch!

Richtig, Leserlein, aber nur, weil der Wodka ja zu 40% aus Alkohol besteht. Hier ist man danach zwar auch ganz komisch, aber mehr so aus Wut. Weil man ja Rhabarberschorle gekauft hat. Von der „Mutter HzH GmbH & Co. KG“ aus Hamburg.

Was’n das für’n Name?

Ich will es euch gerne erklären! „HzH“ bedeutet „Hand zu Hand“, das ist was mit Fortschritt und menschlich. Da steht noch mehr auf dem Etikett, zum Beispiel „vegan“ und „sozial“ und „bio“ und „be happy – make happy“ und „natürlich“ und „No Zusatzstoffe“ und „von der Elbe“. Ist also alles regional und nachhaltig und PC und antirassistisch und halal und gegen G20 und …

Könn‘ wa jetzt in die Pause?

Nein, Leserlein. Erst müsst ihr die Lektion für heute verstehen: Was korrekt aussieht und lässig designed ist und irgendwie hutzeldutzel-globalisierungskritisch rüberkommt, kann trotzdem scheiße schmecken. Und dabei auch noch verhältnismäßig teuer sein.

Ja, gut, aber könn‘ wa jetzt?

Nein, noch nicht. Vorher müsst ihr für euer Empowerment noch wissen, dass zum Beispiel das Konkurrenzprodukt „Fritz Spritz! Bio Rhabarbersaftschorle“ immerhin 40% oder 0,132 Liter Rhabarberdirektsaft drin hat. Und „Lüthauer Rhabarberschorle“ enthält satte 45% oder 0,1485 Liter Rhabarbersaft. Was das geschmacklich bedeutet, könnt ihr euch mittlerweile sicher vorstellen. Es gibt also immer Alternativen, auch wenn man gar keinen Ausweg mehr weiß.

Gecheckt, Mann, aber: jetzt?

Ja, jetzt könnt ihr. Wir sehen uns dann morgen wieder hier in der AStA-Mensa der Universität Hamburg. Und immer schön die Augen aufhalten!

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Wegwerf-Warenkunde (5): Fahrräder

Hallo, Fahrradhersteller!

Ich hadere mit Euren Produkten. Aber nicht aus den üblichen, tausendfach beklagten Gründen. Nicht, weil das Dynamo-Laufrädchen bei Regen ohne Strom- und Lichtproduktion am nassen Reifengummi entlangschreddert (es gibt ja jetzt Radnabendynamos, die einen sogar tagsüber gern mit Licht fahren lassen). Auch nicht, weil die Lichtkabel und Bremszüge reißen, die Bremsbacken ständig abgenutzt sind, die Gangschaltung gerne kracht, die Pedalkurbel ausleiert, die Schutzbleche klappern, die Klingel nicht klingelt, das Bügelschloss klemmt, die Felge zur Acht neigt oder die Reifen von den kleinsten Scherben auf der Straße geplättet werden (es gibt neuerdings „Unplattbare“, die sogar häufig funktionieren). Geschenkt, alles geschenkt. Das ist es nicht.

Nein, ich klage etwas anderes an: Ihr stellt von allen mir bekannten Branchen – von Möbelproduzenten über Atomstromversorger bis hin zu Naturkosmetikanbietern – die Produkte her, die den mit Abstand höchsten Verhakelungsfaktor aufweisen. Eure Fahrräder verhakeln sich immer, immer, immer. Mit allem, was ihnen zu nahe kommt. Mit Maschendrahtzäunen, Autos, Hunden und Katzen, den Haaren meiner Tochter, vor allem und zuvörderst aber – mit anderen Fahrrädern.

Versucht es selbst: Stellt zwei Fahrräder nebeneinander in einen engen Schuppen oder Fahrradkeller. Versucht, eines davon wieder herauszuziehen. Es geht und geht und geht nicht nicht nicht! Es ist zum Rasendwerden. Ihr baut doch absichtlich derart viele Teile an Fahrräder, die hervorragen oder aus feinem Drahtgeflecht bestehen oder herausstechen oder ineinandergreifen oder an irgendwas hängen bleiben: Lenker, Klappständer, Pedale, Schalthebel, Gepäckgummis … Aaaaarrrrgh! Und sie finden immer zueinander, diese Teile: haken sich unter dem Schutzblech ein, bleiben in den Speichen hängen, verkanten sich so im Nachbarfahrrad, dass selbst Entfesselungskünstler Harry Houdini keine Chance hätte.

Wenn ich Pirat wäre, ich würde keinen Enterhaken auf das fremde Schiff hinüber werfen, sondern ein Fahrrad mit einem Tau dran – da gelingt der Überfall auf jeden Fall.

Bitte! Bitte! Erfindet verhakelungsfreie Fahrräder ohne Lenker, Kurbeln, Pedale, Ketten oder Speichen. Das kann doch so schwer nicht sein.

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Wegwerf-Warenkunde (4): „Einkauf aktuell“

Hallo, Deutsche Post,

rate mal, was das ist: Es ist eine ästhetische und inhaltliche Beleidigung, ein Monument der Arbeits- und Ressourcenvergeudung, eine Zumutung für Deine Postboten und eine ökologische Katastrophe. Aber für die allermeisten (Gesunden) von uns ist es einfach nur das, was wir aus lauter Trägheit als eine der biblischen Plagen hinnehmen, um es im wöchenlichem Ritus direkt aus dem Briefkasten ins Altpapier entsorgen:

Für Dich, Deutsche Post, ist es etwas anderes: ein Geschäftsmodell. Man schweiße ein halbes Dutzend oder mehr Reklameprospekte für Ramsch und Nippes zusammen, die sonst von Asylbewerbern einzeln durch die Briefschlitze der städtischen Ballungsräume geschoben würden. Man suche sodann einen Vorwand, warum das irgendjemand auch nur sehenden Auges in die Hand nehmen wollen könnte, finde ihn in einem „Trägermedium“ und man erhält: Einkauf aktuell.

Was ein „Trägermedium“ ist? Der Köder. Das Zückerchen, das uns zugreifen lässt, weil es „nützliche Informationen“ bzw. „gute Unterhaltung“ bietet (alle Zitate von Dir, Deutsche Post). Und zwar ausgerechnet ein TV-Programmblättchen, das gespickt ist mit noch mehr Reklame und journalistischen Glanzstücken wie „Will Smith – ein Prinz und Spaßvogel strebt nach Glück“.

Ich frage mich seit langem, wer unter deutschen Dächern endverzweifelt genug ist, am Wochenende mit zittrigen Fingern die Zelophanhülle dieses Bündels brutaler Banalität aufzureißen, ihm die fliegenden Blätter zu entnehmen und sich in Smiths Schicksal zu vertiefen: „Sein frecher Charme (und seine Millionen) retteten ihn auch vor einem Prozess wegen Steuerhinterziehung und aus der Sekten-Klammer der Scientologen.“ Könnten vielleicht Sozialrentner so desparat sein, dass sie zu dieser Zielgruppe gehören? Oder doch die Scientologen? Nicht einmal das scheint mir vorstellbar.

Indes: Die „gebündelte Haushaltwerbung, die doppelt gut ankommt“, überschwemmt wöchentlich flächendeckend 20 Metropolregionen Deutschlands, das bedeutet die schon sagenhaft irrationale Menge von bis zu 18 Millionen Medienmüll-Bündeln. Das sind ein paar Millionen mehr als die Auflage der ADAC Motorwelt. Und in Multimillionen Haushalten bleiben es, siehe oben, eben auch Müllpakete – ungeöffnet. Das heißt: Jede Woche werden in Deutschland bis zu 18 Millionen bunte Papierbündel bedruckt, in Folie verpackt und über Autobahnen transportiert (Logistiker: Wie viele LKW-Fahrten, Liter Diesel, CO2-Tonnen und Staukilometer macht das?), um am Zielort umstandslos und unbeachtet entsorgt zu werden. Und das alles völlig kostenlos für den Nicht-Verbraucher! Na ja, jedenfalls auf den ersten Blick – abgesehen von den üblichen „negativen externen Effekten“, aber das ist Makroökonomie und interessiert keine Sau.

Du, Post, hast aber kein schlechtes Gewissen. Denn Dein „Trägermedium“ besteht „jetzt zu 100% aus Recyclingpapier“ mit dem blauen Umwelt-Engel. Recycelt aus früheren ungelesenen Lieferungen von Einkauf aktuell, nehme ich an. Und das ist doch mal eine gute Nachricht. Die noch bessere versteckst Du im ganz, ganz Kleingedruckten: den Ausweg aus dem ganzen Wahnsinn.

Da heißt es nämlich, von der Zustellung seien „Werbeverweigerer ausgenommen“.

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