Kategorie-Archiv: Geschäftsmodelle, die wir im 21. Jahrhundert nicht mehr auf der Rechnung hatten

Geschäftsmodelle, die wir im 21. Jahrhundert nicht mehr auf der Rechnung hatten (6): Litfaßsäule

Flattr this!

WP_20150723_11_15_34_Pro
Kein besserer Ort für das Bewerben der Arbeitslosen-Telefonhilfe und der Bad Segeberger Karl-May-Festspiele: Litfaßsäule

Doch, ja, natürlich gibt es Litfaßsäulen im 21. Jahrhundert, eine Menge sogar. Vielleicht mehr denn je.

Es sind hochglänzend verglaste,  inwendig langsam rotierende, gleißend hintergrundbeleuchtete Monstren der sterilen Straßenrandmöblierung, und genau deshalb werden sie von mir ignoriert.

Diese Werbepuff-Mutanten, diese vollverspiegelten Reklame-Androiden sind allerhöchstens illegitime Nachkommen der eigentlichen, klassischen Litfaßsäule (Abbildung), die sich nicht dreht und nicht blinkt und einem nicht hinterrücks nachläuft und die es aus vielerlei Gründen zu feiern gilt.

Erstens begeht die Litfaßsäule dieses Jahr ihr 160. Jubiläum. Nur ganz wenige Menschen, die so rund sind, werden so alt. Es war 1855, als im Namen ihres Berliner Erfinders, des Drucker Ernst Litfaß, in dessen Heimatstadt die ersten Exemplare aufgestellt wurden (wie übrigens auch die erste Ampel und die erste U-Bahn in Berlin zu bestaunen waren; wohingegen die erste asphaltierte Straße Deutschlands unser Hamburger Jungfernstieg war).

Zweitens resultiert aus dieser Genesis auch die Benamsung der Säule, und die wiederum hat den besonderen Charme, dass sie die Duden-Rechtschreibung durcheinanderbringt. Ich darf mal kurz zitieren:

„Die Regel, dass nach einem kurzen Vokal -ss zu schreiben ist, gilt für das Substantiv Litfaßsäule nicht. Das Wort geht zurück auf den Namen des Erfinders, des Buchdruckers Ernst Litfaß, und Personennamen sind von den allgemeinen Rechtschreibregeln nicht betroffen, sie bleiben in der Regel unverändert.“

Jaaaaa, höre ich die Orthographiepriester unter den Zeilensturm-Lesern aufschreien, aber in der Überschrift steht LITFASSSÄULE mit drei S!

Richtig, Ihr Orthographiepriester, also eben eigentlich: falsch! Kann ich aber nichts gegen tun, mein WordPress-Layout setzt die Headline automatisch in Majuskeln, da geht halt nur SSS, solange das große „ß“ sich nicht endlich etabliert* hat, was ich seit Ewigkeiten fordere.

Doch genug davon, der eigentliche Feier- und Existenzgrund der Litfaßsäule ist nämlich Grund Nummer 3: Was da alles beworben wird!

Angenommen, Sie sind arbeitslos und möchten etwas dagegen tun. Im Leben nicht werden Sie eine zu diesem Wunsch passende Beratungstelefonnummer im Werbefernsehen oder im Internet eingespielt bekommen. Also runter vom Sofa, raus auf die Straße, einmal in frischer Luft um den Block flaniert und vor der Litfaßsäule zur Salzsäule erstarrt! Da steht sie ja, genau die Nummer, die Ihr Leben zum Besseren verändern wird!

Oder Sie möchten sich als Pierre-Brice-Nachfolger bewerben und wissen bloß gerade nicht, wo die berühmten Bad Segeberger  Karl-May-Festspiele stattfinden. Da, an der Säule, steht es ja! In Bad Segeberg!

Interessant übrigens auch die weißen Flecken auf der Säule, die bei längerem Davor-Verweilen leise flüstern: „Sommerloch, Sommerloch,  weitergeh’n, hier gibt’s nichts zu seh’n! Komm’se gern im Frühherbst wieder!“

Ich werde das jetzt absichtlich nicht googeln, um nicht enttäuscht zusammenzusacken, aber ich wünsche mir in jeder Stadt ein Litfaßsäulenplakatierungshauptamt  mit einem ergrauten Hauptamtsleiter, bei dem man seine zu plakatierenden Litfaßsäulenplakate zwecks inhaltlicher und formaler Prüfung einzureichen hat.

Nach bestandener Sichtung („So so, junger Mann, Sie möchten also für eine Damen-Schlammcatchen-Belustigung werben! Na, Sie sind mir ja ein Filou. Aber woll’mer mal nicht so sein, was! War ja auch mal jung! Gehen Sie, kleben Sie, und viel Erfolg auch auf Ihrem weiteren Lebensweg!“) entrichtet man seinen Obolus, erhält einen  Stempel und darf dann also mit Leiter und Quast zum Anleimen schreiten. Herrlich würdevoll und urban-souverän.

Litfaßsäulen. Ein Spiegel unserer zunehmend bunten Gesellschaft. Gar nicht wegzudenken aus dem 21. Jahrhundert.

*) Nachtrag: Ein kleines Wunder! In der Version für Mobiltelefone überträgt mein WordPress-Layout das SS in der groß geschriebenen Litfaßsäulen-Headline selbstständig in ein (großes?) „ß“!

(Zum Archiv der Geschäftsmodelle, die wir im 21. Jahrhundert nicht mehr auf der Rechnung hatten.)

Geschäftsmodelle, die wir im 21. Jahrhundert nicht mehr auf der Rechnung hatten (5): Bahnhofshallen-spielzeugeisenbahnanlage

Flattr this!

Hannover Hauptbahnhof, kurz vor Weihnachten: Erst jetzt, wo sie wieder ihre Kreise zieht, wird mir der ansonsten allerorten herrschende Verlust deutlich. Die Bahnhofs-Spielzeugeisenbahnanlage, die früher selbst in C-Bahnhöfen wie Krefeld zum Standardinventar gehörte, sie ist so gut wie ausgestorben. Diese Miniaturwelten, die man dort bewundern konnte, hatten eine Schleuse zur Wirklichkeit: den Trafo. Bzw. die Trafos. Es gab meiner Erinnerung nach mehrere davon nebeneinander, Elektrokästchen mit einem Drehregler zur Wahl der Fahrtgeschwindigkeit und einem Geldeinwurf, in dem man wahlweise einen Groschen, 50 Pfennige oder ein Markstück versenken konnte („1, 5 oder 10 Züge“). Und so viele Züge durfte man dann tatsächlich (simultan?) fahren lassen – denn steuern konnte man das ja nicht nennen. Machte aber nichts, man war Herr der Deutschen Bundesbahn, wenn auch nur en miniature. Da aber immer jemand gerade wundersam Geld gespendet hatte, fuhren die Züge auch für Schnorrer und Voyeure. Und keine hundert Meter entfernt donnerten die echten Vorbilder der Spielzeugzüge durchs richtige Leben, so dass selbst der Tisch mit der Anlage gelegentlich leicht vibrierte.

Dann, zu Beginn des neuen Jahrtausends, verschwanden sie aus den Bahnhofshallen, langsam, nach und nach, um niemanden zu schockieren oder gar eine Volksfront der Miniaturbahnverteidiger zu mobilisieren – das hätte der Deutschen Bahn auf Börsenkurs gerade noch gefehlt. Offenbar passte das Renditepotenzial der Groschengräber nicht länger zum Vorbild Deutsche Bank (25 Prozent), so dass man sagen kann: Ackermann killed the Bahnhofsspielzeugbahn. Nun ja, das ist heutzutage der Weg alles Menschlichen. Wir Fahrgäste gaben vor, das Vakuum nicht zu bemerken, und hatten ja auch eilig unseren Zug zu kriegen.

Und nun, Weihnachten 2011 naht, beobachte ich ein merkwürdiges Phänomen. Da steht also plötzich ein entfernter Verwandter der alten Bezahl-Spielzeugbahn, dort, wo auch ein Original einst gestanden haben könnte: in der Bahnhofshalle von Hannover. Doch man muss nicht bezahlen. Die Züge, größer und doch weniger detailverliebt ausgestattet, rattern kostenlos durch eine etwas kitschige Winterlandschaft. Die Trafos sind hier wie der Rest hinter dem Plexiglas verbarrikadiert, damit niemand an ihre Drehregler herankommt und sich zum Zugchef erklärt.

Doch was ist das: Das Gleisbett liegt voller Münzen, viele Centstücke, aber auch Zwei-Euro-Brocken säumen die Schienenstränge. Da die Anlage nur Plexiglaswände, aber kein Dach hat, müssen bereits unzählige Zuschauer ihr Kleingeld über die Barriere geworfen haben. Soll das Glück bringen? Eine milde Weihnachtsgabe sein? Aber an wen, bzw. wem wird hier geopfert? Dem Gott der Pünktlichkeit und der Klimaanlagen? Das wäre verständlich. Genützt hat es offenbar bislang nicht viel. Dennoch: Könnte man nicht nach diesem Prinzip der Freiwillig- und -giebigkeit überall auf deutschen Bahnhöfen (auch in Krefeld) wieder Ganzjahresanlagen aufstellen? Hier scheinen die 25 Prozent konkret erreichbar! Ackermann, schauen Sie – ach, der ist ja jetzt auch bald weg.

Geschäftsmodelle, die wir im 21. Jahrhundert nicht mehr auf der Rechnung hatten (4): Flohmarkt

Flattr this!

Flohmarkt vor der Katharinenkirche, aber in Wahrheit überall, jederzeit. Der Blick schweift über immer dieselben Sortimente, über die Endmoräne der Dinge, die uns mit- und nachlaufen, sich nur mühsam abstoßen lassen. In bösen Träumen schiebt sie sich, alles Maßvolle einebnend, konturlos über das Land. Die Springflut aus Spielzeug und Haushaltskeramik, sie erinnert in ihrer chaotischen Symmetrie an die Trümmerwalze, die der japanische Tsunami mit Haus, Schiff und Auto vor sich her schob. Eine Flut der Dinglichkeit, deren bedrohliches Ausmaß wir nie wahrnehmen, solange sie sich noch in Kellern und Speichern staut.

Immer, wenn ich Flohmarktstände betrachte, denke ich: Was für eine unbeherrschbare Walze an Waren wir zu kontrollieren hoffen in den Jahren, die wir die Erde bevölkern. Was für ein marodes Minenfeld der früh verbrauchten Schätze. Ich hätte gern eines späten Tages ein Foto aus der Vogelperspektive: was ich, während ich lebte, jemals besessen habe. Von 46 Bleistiftanspitzern bis hin zu einem Turm an bedrucktem Papier, der einer Weltausstellung zur Attraktion gereichen würde. Und dann, wenn ich alles überblickte, wenn die Inventur mehrerer Fußballfelder abgeschlossen wäre, würde ich sagen: Ein Euro für alles, nimm’s mit.

Geschäftsmodelle, die wir im 21. Jahrhundert nicht mehr auf der Rechnung hatten (3): Postschiffer auf Schienen

Flattr this!

 

Dieser Mann ist ein Seebär, aber zugleich ein Eisenbahner: Fiede Nissen, 61, bringt als freier Unternehmer im Dienst der Deutschen Post Briefe und Pakete auf die Halligen in der Nordsee. Halligen, das sind zehn kleine bis winzige tellerflache Inseln ohne Deiche, die bei Sturmflut vollständig überspült werden – bis auf die Warften, künstliche Hügel, auf denen dann Häuser, Menschen und Vieh dicht gedrängt den Elementen trotzen, bis das Wasser wieder abfließt.

Fiede macht das mit der Post seit drei Jahrzehnten auf eine von zwei Arten: Lässt der Wasserstand es zu, dann fährt er mit der Lorenbahn vom Festland aus quer durchs Wasser bzw. den Schlick des Wattenmeers über die Hallig Oland zur Hallig Langeneß (er ist zugleich Bürgermeister beider Halligen).

Die Lorenbahn gibt es seit rund 90 Jahren. Fast jeder Hallighaushalt auf Oland und Langeneß hat eine eigene, oft selbst gebaute Lore für die Fahrten aufs Festland. Eine Lore ist im Prinzip ein Kasten mit eisernen Rädern, manchmal einem phantasievoll gestalteten Aufbau gegen Wind und Wetter sowie grundsätzlich einem lärmenden Rasenmähermotor. Der beschleunigt das 500 Kilo schwere Vehikel auf rund 30 Stundenkilometer. Ausweichstellen gibt es wenige, und wenn, dann muss man die Weichen schon selber stellen. Klar, dass die Post immer Vorfahrt hat.

Die Lorenbahn hat keine festen Fahrzeiten und ist auch kein öffentliches Verkehrsmittel – aber wer fragt, darf höchst wahrscheinlich mal mitfahren. Er sollte aber über gute Bandscheiben verfügen, denn alle zehn Meter, wo ein Schienenstück ans andere stößt, fährt ein Ruck durch Mark und Bein. Dafür bewegt man sich beinahe auf Augenhöhe mit Krabben und Seevögeln durchs Watt – wenn sie nicht schnell genug flüchten können, wobei die Krabben klar im Nachteil sind.

Doch was, wenn die Flut hoch ausfällt und auch der alte Lorendamm unter Wasser steht? Wie kommt dann die Post auf die Halligen? So:

Das ist Fiede Nissens Postboot, die Störtebekker. Auch hier dürfen gern mal Touristen mit an Bord, wenn Fiede etwa zur Hallig Gröde übersetzt. Dort, auf dem winzigen Stück Land, steht das älteste Kirchlein aller Halligen, Baujahr 1779. Im Altarraum findet sich die viel versprechende Inschrift: „Die Steine in den Mauern werden schreyen und die Balcken im Gesparre werden ihnen antworten.“ Man muss wissen, dass die Kirche der sechste oder siebte „Neubau“ ist – alle vorherigen wurden von grausamen Sturmfluten weggespült. Aber für Halligleute wie Fiede ist das noch lange kein Grund nicht zu tun, was sie tun müssen. Wenn das Wetter mal wieder umgeschlagen ist, ermuntert Fiede Nissen seine im Gesicht grün verfärbten Fahrgäste gern mit Sprüchen wie: „Dat is hier ein Schiff und kein ICE!“. Und kurz vor der Landung, wobei der Steg schon von Brechern überspült wird: „Bevor wir hier alle absaufen, wollt ich noch schnell kassieren!“

Wer mehr über die Eigenarten der Halligen (und touristische Tipps) erfahren will, kann die Details in meiner Geschichte für das aktuelle Ausgabe des „nordstern“ nachlesen, des Kundenmagazins der HSH Nordbank. Zeilensturm hat darüber hinaus auch den Schwerpunkt des Heftes über Immobilien in Hamburg beigesteuert – aber das ist eine ganz andere Geschichte.

 

[facebook_ilike]

Geschäftsmodelle, die wir im 21. Jahrhundert nicht mehr auf der Rechnung hatten (2): Bonschenladen

Flattr this!

Der Laden hat kein Schild. Braucht er auch nicht. Die Kinder des Hamburger Stadtteils Wilhelmsburg kommen seit 40 Jahren zu Pfeifer: Sie wissen, wo sie ihn finden. Pfeifer war der erste Ladenmieter in dem heute heruntergekommenen Hochhaus der Wohnungsbaugesellschaft SAGA. Im Jahr 1970 legte Erwin Pfeifer los, „da war hier ringsum nur Sandwüste“. Und heute, mit 87, ist er der letzte Ladeninhaber, der noch immer hier ist. Jedenfalls zweimal die Woche, eine Couch für das Mittagsschläfchen im Laden steht parat. Ansonsten ist mittlerweile Sohn Manfred (61) hier der Chef.

Süßwaren Pfeifer, das ist eine Institution. Eltern kommen heute, die schon kamen, als sie selbst noch klein waren. Sie kommen in ein 66 Quadratmeter großes Wunderland: 170 blaue Plastikdosen, aus denen die Kids ihre Bonschen – so sagt man in Hamburg – mit der Zange oder in unbeobachteten Momenten mit kleinen Grabbelfingern einzeln auf Pappteller legen und dann zur Kasse bringen. Wenn Pfeifer Glück hat. Denn immer mal wieder versuchen Kinder, die noch nicht hier waren, in dem verwinkelten Laden zu klauen. „Die kriegen dann Hausverbot“, sagt Pfeifer junior. Die Polizei holt er nicht, das wäre ja geschäftsschädigend. „Aber nach einer Woche kommen die Kinder und entschuldigen sich bei mir, denn sonst müssen sie die Bonschen viel teurer anderswo kaufen, und das wäre die Höchststrafe.“

Inzwischen sind die meisten seiner kleinen Kunden muslimisch. Deshalb hat Pfeifer eine Ecke, wo in den blauen Boxen nur Süßigkeiten ohne Gelatine sind – Gelatine wird ja aus Teilen vom Schwein gemacht. Als Pfeifer senior hier anfing, hatte er schon fast drei Jahrzehnte lang einen Laden in St.Pauli gehabt: „Pfeifers Buchantiquariat“. Noch heute steht sein Geschäft so im Telefonbuch eingetragen. Das Geschäftsmodell: Aus Kisten und Kartons heraus verkaufte er Groschenromane, die gelesenen brachten die Kunden zurück und tauschen sie zu einem Aufpreis gegen neue um. So geht das bis heute. Ein ganzer Raum des Ladenlokals in Wilhelmsburg ist voll mit den Heftchen. „Und wir haben nochmal die fünffache Menge zuhause“, sagt Manfred Pfeifer. Kein Wunder, bei diesem Recyclingsystem fällt wenig aus dem Kreislauf heraus.

Doch bald schon riet ein Vertreter dem alten Pfeifer, doch Spielwaren dazuzunehmen – und Süßigkeiten. So wurde der Grundstein zur Legende gelegt. Die Spielwaren sind billiger Plastikkram aus Fernost, die wird der Junior nun nicht mehr los. Ringsum in den Ramschwarenketten wird auch so ein Kram verscherbelt. Dafür brummt das Geschäft mit Batterien für Armbanduhren, seit der einzige Juwelier der Gegend dichtmachte. Pfeifer setzt den Kunden die Batterien auch gleich in ihre Uhren ein – macht dann insgesamt 3,50 Euro. Billiger gibt es das nirgendwo. Und die Rentner, die sich deshalb die Klinke seiner Ladentür in die Hand geben, bekommen kostenlos noch einen Schnack mit auf den Weg, bevor sie in die Einsamkeit ihrer vier Wände zurückkehren müssen.

Im Spätsommer muss Pfeifer raus. Dann wird die SAGA hier alles renovieren, den ganzen Block. Ist auch nötig, der Schimmel schlägt schon große Blasen an der Decke. Aber alle waren sich einig: „Der Pfeifer muss weitermachen“. Also darf er danach zurückkehren, aber dann nur noch in eine 18-Quadratmeter-Ecke seines heutigen, eh schon winzigen Ladens. Das ist jetzt die Abteilung, wo die Groschenromane lagern. Mehr Miete könnte er nach der Sanierung gar nicht aufbringen. Pfeifer macht sich nichts draus: „Ohne die Spielsachen brauch ich viel weniger Platz. Wir sind genügsam. Es hat immer zum Leben gereicht.“ Und es wird immer noch reichen, um in Wilhelmburg ein paar Menschen glücklich zu machen.

Geschäftsmodelle, die wir im 21. Jahrhundert nicht mehr auf der Rechnung hatten (1): Familienzirkus

Flattr this!

Ein Zirkus ist in der Stadt. Die Stadt ist groß, der Zirkus ist klein. Sehr klein. Und so sieht er auch aus: handgestrickt, handgemalt, handgelebt. Hier sind die Akrobaten noch die Clowns und die Hundedompteure und die Kassierer in einem. Drei Tage Gastspiel auf der Wiese im unbekannten Park im unbedeutenden Stadtteil. Dann Abbau, Umzug, nächste Wiese. Und keine noch so kleine Chance auf Fernsehkameras.

Wer soll davon leben können? Wer soll hieraus eine Existenz ableiten, mit Konsum, Kindererziehung, Rentenanspruch? Natürlich niemand. Und doch: Die Zirkusmenschen, durchweg schwarzhaarig, haben Kinder. Die Kinder tollen im Park herum, nehmen gleich mal das Zicklein mit, während das Dromedar an seiner Kette bleibt und Gras mümmelt, üben Fahrrad fahren. Die hier mitmachen, wirken nicht unglücklich. Die Älteren sitzen auf Plastikstühlen in der Sonne, um 15 Uhr wird die Premierenvorstellung sein. Das selbstgemalte Preisschild am Kassenhäuschen sagt: Kinder 10 Euro, Erwachsene 12 Euro. Holladiewaldfee!

Die Preise sind jedenfalls nicht von gestern. Vielleicht werden zur Premiere 80 zahlende Gäste kommen, davon 50 Kinder. Das würde 860 Euro Bruttoeinnahme bringen – davon abzuziehen sind Strom, Platzmiete, Wasseranschluss, Steuern und Gebühren, der Diesel für die Transporter, das Futter für die Tiere …

Aber irgendwo da unter dieser 4,50 Meter hohen Zirkuskuppel verbirgt sich etwas – der Grund, weshalb dieses Geschäftsmodell für manchen immer noch aufgeht wie anno 1950: Faszination Zirkusluft. Egal wie klein, egal wie aus der Zeit gefallen. Als ich meinen Sohn heute zum Kindergarten bringe, kommt ihm sein Freund schon entgegen und brüllt statt einer Begrüßung: „Ich geh heut in den Zirkus, Zirkus, Zirkus!“ Und fühlt sich wie Bolle. So sieht die Attraktivität des Geschäftsmodells aus Kindersicht aus.

Es ist nicht totzukriegen. Wir haben den 15. April 2011, ein Datum, das mir vorgekommen wäre wie ein Hauch von Ewigkeit, als ich zirka 1979 zum ersten Mal Star Wars im Kino sah. In Star Wars kam kein Zirkus Martinelly vor. Aber die Welt hat sich weiter und weiter gedreht. Wir haben die Sternenkrieger überholt, den 11. September 2001 und den Tsunami überlebt und sind mit Warp-Antrieb auf dem Weg zurück in eine Zukunft aus lauter glücklichen Murmeltiertagen.

Hals- und Beinbruch, kleiner Zirkus!