Nach dem Euro (3)

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Die Vorboten werden massiver, die Einschläge erreichen die Provinz. Mitten im geruhsamen Gütersloh (das liegt bei Bertelsmann in Ostwestfalen) steht eine Art gläserner Expo-Pavillon. Er beherbergt ein neues „Gastrokonzept“ mit dem herrlich provinziellen Avantgarde-Namen „Bankery“: eine Mischung aus Bistro, Tortenabfüllanlage, Hipster-Lounge und Volksbank-Filiale. Über der Bar huschen die aktuellen Börsenkurse die digitalen Schriftbänder entlang, der Barmann verleiht iPads zum Dranrumspielen – und in der Ecke steht diese golden lackierte Kiste:

Gold to Go. Der Edelmetall-Automat. Einfach ID-Card durch den Scanner ziehen, Kaufbetrag von rund 1365 Euro (Preis variiert!) abbuchen lassen und eine Feinunze Gold in Barrenform entnehmen. Auch andere Käufe sind möglich, Krügerrand-Münzen zum Beispiel. Es ist teuer, solch einen Apparat auf den Markt zu bringen und ihn auch dort zu halten. Das wird nur gemacht, wenn das dahinter stehende Geschäftsmodell Erfolg verspricht: Es muss genügend Menschen geben, die aus blanker Angst vor dem baldigen Ende des Euro und der einhergehenden Hyperinflation ihre Ersparnisse an diesem Automaten in krisenfestes Edelmetall umzutauschen trachten. Getarnt vor sich selbst und der Welt, so lange es noch geht, als Lifestyle-Statement. Und inzwischen gibt es offenbar genug davon. Offenbar schätzen sie dabei die relative Anonymität des Geräts mehr als die Dienste eines Bankberaters aus Fleisch und Blut.

Das wirft allerdings Fragen auf: Wer traut sich, zu den Öffnungszeiten der „Bankery“ unter potenzieller Beobachtung einen oder mehrere Barren zu ziehen und danach mit den Taschen voll Gold durch Gütersloh zu wandern – sei es auch nur zum Parkplatz, wo der gepanzerte SUV wartet? Ist der Leidensdruck schon groß genug dafür? Oder reicht die Protzsucht der Neureichen aus? Geht man grundsätzlich eher im Schutz der Dunkelheit, also in den finsteren Nachmittagsstunden der Vorweihnachtszeit, oder wagt man es um 12 Uhr mittags?

Und wenn der Euro als Währung dann weg ist und ich meinen Latte in der Bankery mit Krügerrand bezahle: Bekomme ich als Wechselgold ein Gläschen Danziger Goldwasser zurück?

 

 

Nach dem Euro (2)

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Am Paulinenplatz in St. Pauli steht neuerdings ein Häuschen. Na gut, eine Bretterbude. Eigentlich eher ein Bretterverschlag. Schön ist er nicht, aber das ist auch nicht der Sinn der Sache. Er wurde von Jugendlichen aus Holzresten zusammengezimmert, und wenn man es nicht schon geahnt hätte: Sein Initiator ist Tischler, Zweitberuf Diplom-Psychologe. Das Ganze soll Sinn stiftende Jugendarbeit mit einem alternativen Modell des Warenkreislaufs verknüpfen. In Berlin, wo sonst, gibt es das schon und heißt dort „Give-Box“. Ein Netz von Give-Boxen überzieht bereits die Hauptstadt. Aber hallo, wir sind hier in Hamburg, wir nennen das Ding hanseatisch-nüchtern:

Also: Brauchbare Sachen für andere reintun, selbst benötigte Sachen rausnehmen. Nicht unbedingt in dieser Reihenfolge, es geht auch entweder/oder. Kein Geld, keine Quittung, keine Aufsicht. Gute Idee? Hm …

Ich weiß nicht. Man traut sich ja kaum, das so gut Gemeinte nur zögernd toll zu finden, schließlich sollen damit gleich mehrere karitative und soziale Zwecke zugleich erfüllt werden. Ich fürchte aber, diese Sammelsurien strahlen eine enorme Vermüllungs- und Verwahrlosungstendenz aus. Alter, kostenloser Krempel hat das so an sich, selbst wenn er potenziellen Kult-Charakter hätte, was der am Paulinenplatz zufällig vorgefundene Inhalt definitiv nicht hat. Auch Wind und Wetter werden dem von vorn nahezu schutzlosen Holzdings zusetzen. Und, wie gesagt, eine Zierde ist es schon jetzt nicht gerade.

Dagegen lässt sich natürlich einwenden, dass auch Stromtrafokästen oder Müllcontainer an den Straßen nicht unbedingt das Stadtbild verschönern, aber von den meisten Menschen als notwendig und sinnvoll toleriert werden. Und dass Warentausch bzw. -recycling ein Konzept mit Zukunft ist, na gut: Schalten Sie an einem beliebigen Tag die Tagesschau ein und fragen Sie sich, wie lange wir den Euro noch haben werden.

Die Nagelprobe für das Modell heißt: Möchten Sie so eine Tauschkiste vor Ihrer eigenen Tür stehen haben? Ich lasse die Frage mal offen.