Kategorie-Archiv: Wirtschaftswunderbilder

Sehen und nicht verstehen

Wirtschaftswunderbilder (15)

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Dies ist der Dienstwagen einer x-beliebigen katholischen Kirchengemeinde vom Lande. Gibt es aber auch in der Großstadt, wie ich mit eigenen Augen gesehen habe. Der Wagen fährt alte Mütterchen zur Messe, Pfadfindergruppen ins Zeltlager und Tonnen von Werbung spazieren. Werbung? Ja, richtig, die ganze Karre ist von A (Aretz, Schreinerei) bis Z (Zahntechnik Gastes) mit Reklame bepflastert. Selbst auf der Radkappe vorn rechts prangt das Logo einer Anwaltskanzlei, wobei das Auto gerade zufällig so geparkt ist, dass das Paragraphenzeichen richtig herum zu lesen ist – oder hat man den Vikar vertraglich verpflichtet, nicht eher sein Fahrzeug zu verlassen, als bis dies gewährleistet ist?

Jedenfalls: Dieser Wagen ist ein Blech gewordenes Armutszeugnis: für den finanziellen und geistigen Zustand der Kirchen, aber auch für den kreuznaiven Glauben der Werbepartner, die tatsächlich meinen, jemand außer mir würde den Schriftzug „Waldnieler Fruchtsaft“ interessiert zur Kenntnis nehmen – auf Gottes rollender Litfaßsäule, eingekeilt zwischen den Kontaktdaten mehrerer Sargschreinereien.

Merkwürdig nur, dass der Tankdeckel noch nicht bedruckt ist. Mein Vorschlag: „Fährt mit Spiritus Sanctus!“

 

Wirtschaftswunderbilder (14)

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Wie gut, dass die persönliche Orthographie eines Grillimbiss-Besitzers in Hamburg-Harburg saubere Getrenntschreibung vorsah. Sonst hätte da womöglich Afterworkwurst gestanden, was zu einer höchst unappetitlichen Gedankenverbindung von Ausscheidungsorgan und Ausscheidungsprodukt geführt hätte. So aber hat es den Rhythmus, wo jeder mit muss: Erst hart arbeiten, dann lecker essen, derweil langsam das Gelesene verdauen, sich dann erst zuhause übergeben. Come in and spuck’s aus!

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Wirtschaftswunderbilder (13)

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Das auf dem Plakat (und was die Plakatwand hochgeht) sind Monkeybikes. Die Spezialität der Burnout GmbH ist deren Tuning. Es hat also alles mit dem schnellen Verbrennen, dem Ausbrennen zu tun. Aber wir leben in einer Zeit, in der die Qualen des permanenten 150%-Einsatzes fürs Geschäft die einzige gesellschaftlich akzeptable Form des Leidens am Turbokapitalismus sind. Für solchen Zeiten scheint dieser Anbieter die ultimative Pflegedienstleistung gefunden zu haben: Tune dich fit, geh die Wände hoch, heile deinen Burnout durch gründliches Aufbohren. Danach: Gib 160%. Und komm bald wieder vorbei.

Wirtschaftswunderbilder (12)

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Dass unsere Zeitungen immer „dünner“ werden, ahnte man schon länger. Aber soll man nun gerade deshalb eine nehmen? Oder hat der Zeitungshändler die Erfahrung gemacht, dass Leser das Dünne auszugleichen suchen, indem sie zwei Exemplare übereinander legen? Aber vielleicht ergeben zwei dünne Argumente ja tatsächlich ein angedicktes. Da mal weiterforschen …

Wirtschaftswunderbilder (11)

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Arbeitswelten: Hinter so vielen Bürotüren (hier, besonders perfide, in einem Büro-Treppenhaus) lauern die Dämonen des unteren Mittelmaßes. Stroh als Medium aber hat doch Seltenheitswert: zu spröde das Material, nicht schnell genug hektographierbar die Botschaft („Ich bin hier auf der Arbeit und nicht auf der Flucht“). In diesem Fall behalf sich der Künstler mit einem separaten Druckwerk, Manifest und Mahnung zugleich. Da stecken Liebe und Anhänglichkeit im Staub fangenden Detail. Aber auch das Monster der Präpotenz hockt sprungbereit hinter bürgerlicher Fassade und bestrahlt giftig den Ficus Benjamini (verdeckt, hinten rechts). Frage: Ist der Schauplatz a) ein Weltmarktführer, Kapitalgesellschaft, vor der Übernahme; b) eine inhabergeführte Mittelstands-GmbH ohne Familien-Nachfolger; c) eine Behörde in latenter Gefahr, aufgelöst zu werden? Auflösung vielleicht demnächst in diesem Theater.

Wirtschafts-Wunderbilder (7)

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Finden Sie die versteckte Spaßbremse! Zwischen der Ei-Hülle aus Kinderschokolade und der Kinderüberraschung selbst befand sich auch in meiner Kindheit schon ein gelbes Plastik-Ei. Es musste in zwei Teile zerlegt werden, um die Überraschung zu entnehmen. Die war dann oft weniger begehrt als das gelbe Ei selbst, denn dessen kleineres Teil konnte man durch Druck auf das größere sauber durch die Wohnung flitschen lassen. Oder unters Kinn des kleinen Bruders. Eine Tip-Top-Mörsergranate!

Heute dagegen: Die beiden Teile sind durch ein Sicherheitsgelenk miteinander unlösbar verbunden. Wer es doch versucht, zerstört dank einer perfiden Sollbruch-Lasche das ganze Gehäuse. Es wird sicher irgendwas mit einer EU-Verordnung zu tun haben: gegen Unfälle im Haushalt, gegen Umweltverschmutzung durch umherflutschende Plastikeier. Nach dem Muster des unlösbaren Cola-Dosen-Verschlusses. Alles sinnvoll, alles sicher, alles sauber. Aber sooooo öde.

Wirtschafts-Wunderbilder (6)

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Bleigießen im März. Ich fange jetzt gar nicht an zu erklären, warum dieses Bleigießset noch übrig war von Silvester und warum der Auftrag eigentlich lautete, eine möglichst gut lesbare Vier zu gießen. Meinem vierjährigen Sohn (nein, er war nicht der Grund) war das alles ohnehin egal: „Bleigießen ist wunderbar“, strahlte er, nachdem er sich den Finger mit Ruß eingerieben, den Ruß abgeleckt und den Rest im Gesicht verschmiert hatte. Was das alles hier zu suchen hat? Aber eine Menge! Die abgebildeten Resultate sind genau das, was der deutschen Volkswirtschaft für die Quartale 2 bis 4 des Berichtsjahres 2010 bevorsteht. Bitte, die Chefvolkswirte gehen auch nicht anders vor bei ihren Prognosen.