Kategorie-Archiv: Up & Down

Herrlich hässliche Bauten im Wettstreit

Up & Down. Das ultimativ unfaire Architektur-Duell (8)

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Diesmal:

Wohn- und Geschäftshaus, Regensburg, Deutschland,

gegen

Happy Rizzi House, Braunschweig, Deutschland

 

Up: Erregt von Unlust bis Augenkrebs alles und jeden

Regensburg ist UNESCO-Weltkulturerbe. Also, will sagen, die Altstadt. Das hier ist nicht Altstadt, das ist Nordrand. Hier hat sich ein Malermeister niedergelassen und mit seiner Berufsausübung die Kunstkritiker des städtischen Bauordnungsamtes herausgefordert: Das Werk sei ein „grober gestalterischer Missgriff“, das „vom Durchschnittsbetrachter als belastend oder Unlust erzeugend empfunden wird.“ Und der Oberbürgermeister höchstselbst warnte vor einem „Präzendenzfall“. Nun lässt sich gegen ein selbst ernanntes gesundes Volksempfinden alles historisch Mögliche einwenden, gegen die bayerische PISA-Volksbildung und das damit einhergehende gesunde Farbempfinden hingegen wenig: Für die einen ist’s „kackerlbunte Kunst am Bau“, für die anderen augenkrebserregendes Kombinieren von Schweinchenrosa mit Rot und Lila mit Grün. Es gibt indes Regensburger, die standhaft behaupten, das Gebäude sei vorher hässlich gewesen. Deshalb: ein liberaltolerantes „Up!“

Down: lustig, klebrig, funny-frisch

Braunschweig ist nicht Weltkulturerbe, sondern „Stadt der Wissenschaft 2007″. Sagt der Stifterverband der deutschen Wissenschaft. Hier indes wurde etwas gewollt Groteskes gestiftet: ein gebäudeähnliches Comedy-Ensemble an städtebaulich bedeutsamer Stätte. Es erhebt sich am Ackerhof, dem historischen Zugang vom Magniviertel zum Schlossplatz. Fans des Künstlers und Fassadenverantwortlichen James Rizzi erklären allen Ernstes, sein an tausend Tonnen Marshmellow erinnerndes Werk „integriert sich in die gewachsene, kleinteilige Struktur des Magniviertels“. Wiederholung: integriert sich. Zitat Ende. Wenn die angrenzenden Häuser könnten, würden sie sich in ebenso angeekelten Verrenkungen winden wie die bonbonfarbenen Alptraumrequisiten, an die sie als arme, alte Immobilien nun gekettet sind. So verheerend ist nicht einmal der unvermeidliche Herr Hundertwasser über den Bahnhof von Uelzen hergefallen. Ein geschundenes „Down!“

Up & Down. Das ultimativ unfaire Architektur-Duell (7)

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Diesmal:

Torre Velasca, Mailand, Italien,

gegen

Stone Psychiatric Center, Chicago, USA

Up: perfekter Erektionswinkel, Pisa-Test bestanden

Dieses 106 Meter hohe Ungetüm aus dem Jahr 1958 soll, so wollten es die Architekten des berühmten Mailänder Büros BBPR, „die Tradition der lombardischen Wehrtürme aufgreifen“. Nach mehr als 50 Jahren Dauerständertest lässt sich jedenfalls festhalten: Die Türme in der Lombardei zeichnen sich sich durch einen höheren Erektionswinkel aus als die in der Toscana, speziell jener in Pisa. Aber darum ging es den Schöpfern ja gar nicht: Tatsächlich wollten sie mit ihrer „aus dem stadträumlichen Kontext und der Geschichte des Ortes abgeleiteten Architektursprache“ (Wikipedia) zeigen, dass Mailand komplett der Hölle entwachsen ist. Oder (hier berühren sich die Extreme) sie wollten etwas bauen, das sich nahtlos an den Charme des nur einen Steinwurf entfernten Doms anschmiegt und den Mailändern ebenso viel Gottesfurcht einbläut wie der Sakralbau. Letzteres ist weder dem Torre noch dem Dom gelungen, wobei aber der Torre ungleich deutlicher die Drohung des jüngsten Gerichts und der ewigen Verdammnis symbolisiert. Ein himmelschreiendes „Up!“

Down: taugt nicht mal als BMW-Zentrale

Dass dieses Gebäude in Chicago ein psychiatrisches Universitäts-Krankenhaus beherbergt, versteht sich von selbst. Das heißt, vielleicht doch nicht – in München hätte man wohl ein BMW-Hauptquartier daraus gemacht. Nun gut, vielleicht hält es sich ja für ein BMW-Hauptquartier und wurde deswegen … lassen wir das. Der wahre Witz ist nämlich: Es gibt eine örtliche Bürgerinitiative, die gemeinsam mit der Denkmalbehörde von Illinois das Stone Psychiatric Center einer neuen Verwendung zuführen will, damit es die Northwestern University nicht wie vorgesehen im Sommer 2011 abreißen lässt. Es handele sich nämlich, so die Initiative, um „eines der berühmtesten Gebäude des modernistischen Architekten Bertrand Goldberg in Chicago“. Nun soll eine Studie klären, ob sich diese Örtlichkeit nicht weiterhin für Forschungszwecke nutzen lässt – ja, natürlich, möchte man rufen: zum Beispiel als Labor für die Erforschung der Wirkung von außerirdischen Strahlenwaffen. Erstaunlich ist nur, dass es sich bei der Bürgerinitiative nicht um eine Vereinigung von Insassen handelt. Abbruch statt Ausbruch: Sicherheitshalber „Down“.

Up & Down. Das ultimativ unfaire Architektur-Duell (6)

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Diesmal:

Wohnhaus in Mautern, Österreich,

gegen

Wohnhaus in der HafenCity, Hamburg

Up: Gebirge, das zwischen Natur und Kultur Zäsuren inszeniert

Nehmen wir an, Sie haben die Aufgabe, als Architekt gegen ein Gebirge anzutreten. Das Gebirge – in diesem Fall die Eisenerzer Alpen in der Steiermark – gibt es schon länger, Ihr Architekturbüro erst seit etwa 25 Jahren, was erdgeschichtlich betrachtet ein Witz ist. Wie können Sie, obwohl Sie als Mensch nur ein Stäubchen zwischen Felsen sind und außerdem nur eine schnöde Wohn-Schachtel (Ihre allererste!) bauen sollen, das Gebirge toppen? Indem sie erst mal die Ausgangslage analysieren: Die ist, so schreiben Sie auf Ihrer Büro-Homepage, „von einer gewissen Kargheit bzw. Tristesse geprägt und baulich beherrscht von ‚ruraler Normalität’“. Damit von alledem nur die Tristesse übrigbleibt, treiben Sie „einen architektonischen Keil in die Landschaft“. Schon besser! Doch es fehlt noch ein Akzent, der Steine erweicht. Da betonieren Sie einfach ein Privatgipfelchen auf den Klumpatsch und setzen ihm noch einen lustigen Schornstein auf. Ergebnis: „In der Dramaturgie der Anlage wird zwischen Anfang bzw. Ende, zwischen Natur und Kultur, Landschaft und Dorf unterschieden, indem die Architektur Zäsuren inszeniert.“ Der Berg ruft: „Up“!

Down: Naturgewollte Überflutung wird durch Sperrmauer verhindert

Als vor zirka fünf Milliarden Jahren Ebbe und Flut erschaffen wurden, ahnte man noch nicht, dass die zukünftigen Bewohner der sich exklusiv wähnenden Hamburger HafenCity mal eine Stuttgart-Stammheim-mäßige Hochwasserschutzwand vor ihre Haustür gesetzt kriegen würden. Sie selbst ahnten es zu allerletzt, das Preisschild auf dem Exposé des „Harbour Cubes“ jedenfalls sprach nicht dafür. Auch nicht die Werbung der HafenCity GmbH, der zufolge der Wohnwürfel „licht- und luftdurchflutet“ ist. Das mit der Luftzirkulation mag auch an den rudimentär gefüllten Fugen in der gratigen Gasbetonstein-Fassade liegen. Die wirken derart unvollendet, als sei hier ein Bauunternehmer der kalabrischen ’Ndrangheta kurz vor Vollendung des Rohbaus samt Familie und Consiliare erschossen worden. Der Architekt hat die 20 Wohnungen um einen Gefängnis-Innenhof gruppiert, und dieser erhielt „eine direkte Verbindung auf ein nach Süden gerichtetes privates ‚Deck’, zu dem alle Bewohner von ihren Wohnungen aus Zutritt haben“. Da kann man sich dann treffen und sich gemeinsam wundern, warum das verdammte Schiff nicht losfährt. Ein maritimes „Down“.

Up & Down. Das ultimativ unfaire Architektur-Duell (5)

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Diesmal:

Nazi-Standortkommandantur, Hamburg,

gegen

Wohnhaus „Genesis“, Hongkong


Down: bräunliche Fototapete für den Volks-Wagen

Tief einatmen: Ja, das ist die Luft, die Nazi-Admiral Wilhelm Canaris als Chef der Spionageabwehr atmete. Hier, in der Standortkommandantur an der Außenalster (die Straße trug unter Adolf den klangvollen Namen des Generals Knochenhauer) wurde auch die Besetzung der neutralen Länder Dänemark und Norwegen vorbereitet. Ein lupenreiner NS-Bau mit eingebauter Schauer-Garantie, 1937 vollendet. Irrsinnigerweise steht er seit dem Jahr 2000 auf der Denkmalschutzliste und – weniger irrsinnig – seit 2005 leer: Damals zog die Bundeswehr aus, die hier nach Kriegsende die Stellung gehalten hatte. Aber die ehrwürdigen Mauern werden nicht auskühlen: Die Stadt Hamburg verkaufte die Gruselvilla samt 50.000-Quadratmeter-Grundstück an Investoren, und die machen nun 300 Luxuswohnungen draus: schön weiß getüncht, um das alte Blut zu überdecken, mit Wellness-Bad, Nobelrestaurant und hohem Zaun drumherum gegen den Pöbel: eine rassereine „Gated Community“. Die Wohnungen zu Preisen von einer bis drei Millionen Euro sind natürlich alle schon verkauft. Es ist halt fix, das neue deutsche Junkertum! Dafür: ein zackiges „Down“.

Up: Flugbahn vom Dach bis ins Tal für Suizid mit Erfolgsgarantie

Dies ist kein Flakbunker, sondern Wohnen auf höchstem (Preis-)Niveau. Zu Beginn des Jahrtausends erwarb der chinesische Immobilien-Tycoon Hui Wing Mau das Ensemble im Hongkonger Reichen-Viertel Peak mit Blick auf den Victoria-Hafen. Zum Preis von rund 33 Millionen Euro war es damals für kurze Zeit das teuerste Wohnhaus der Welt. Dafür besteht es aber auch vollständig aus edlem, erlesenem, exklusivem – Beton. Und Glas natürlich, mundgeblasen, zum Rausgucken über die Berge. Weil da seit Erschaffung des Planeten immer so ein Nebel wabert, taufte der Tycoon seine neuen vier Wände „Genesis“. Das Anwesen ist vergleichsweise bescheiden mit nur 2500 Quadratmetern, aber in Hongkong bringt ein Grundstück laut der Lehre des Konfuzius nur dann Glück, wenn der Quadrat-Millimeter mehr als eine Quantillion Euro kostet. Und weil Herr Hui Wing Mau das Ganze sowieso vorwiegend als Geldanlage betrachtete, wurde die Genesis ein paar Jahre später flugs in zwei geteilt. Gar keine dumme Idee: So können sich dort nun des Nachts zwei Volltrottel mit dem Schlagbohrer in der Betonwand einen tollen Nachbarschaftskrieg liefern. Spaßfaktor: „Up“.

Up & Down. Das ultimativ unfaire Architektur-Duell (4)

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Diesmal:

Villa „E96“, Hamburg,

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Sharp Center for Design, Toronto, Kanada

Up: hoher Altmetallwert, außenliegende Heizkörper

Hier hat der liebe Gott, als er weiße Zuckerbäcker-Villen satt war, einen Haufen Altmetall auf Hamburgs feine Elbchaussee gesetzt und einfach mal abgewartet, ob Humanoide den für ein Gebäude halten würden. Einer von ihnen, Architekt von Beruf, durchwühlte den Haufen, schweißte die Teile nach dem Zufallsprinzip zusammen und firmierte fortan mir nichts, dir nichts als Schöpfer der „Villa E 96“. Die habe er persönlich im Stil des „poetischen High-Tech-Barock“ entworfen. Da überließ ihm Gott, perplex von so viel Chuzpe, die Urheberrechte. Nun kann in einem Messing- und Aluminium-Amalgam, das aussieht wie die Kassenarzt-Sanierung eines kariösen Pottwal-Gebisses, beim besten Willen niemand wohnen. Deshalb wird die „Designer-Villa“ heute tageweise vermietet – für sogenannte Events wie etwa die Wahl der Miss Dessous 2009 des Orion-Sexversands. Angesichts der außenliegenden Heizkörper war es weise, dass die Kür der Halbnackigen nicht im Winter erfolgte. Mutige Charakterisierung des Architektur-Klumpens in einem PR-Käseblättchen: „In dem Bauwerk wurden Kunst, High-Tech und Ökologie verbunden.“ Unsere Öko-Bilanz: ein dreistes „Up“.

Down: Dauerstreik der Straßenbahnfahrer für Riskoprämien

Wer unter diesem „Dach“ studiert, muss sich fühlen wie Asterix und Obelix, deren größte Sorge es war, der Himmel könne ihnen auf den Kopf fallen. Im Jahr 2004 erhielt das altehrwürdige Ontario College of Art & Design in Toronto seinen zweigeschossigen Deckel vom Architekten Will Alsop sowie Robbie/Young + Wright Architects. Der weiße, verpickelt gepunktete Quader kostete 42,5 Millionen kanadische Dollar, steht dafür aber auf 26 Meter hohen Stelzen, die fatal an ein gleich zu Ende gehendes Mikado-Spiel erinnern. Die Ausstellungsräume und Hörsäle dort oben vermitteln auf diese Weise das Gefühl unerträglicher Leichtigkeit des Noch-Seins. Andererseits: ein realistisches Menetekel für Kunst- und New-Media-Studenten, deren luftige Ambitionen nur allzu bald auf dem harten Asphalt des Berufslebens aufschlagen werden. Dem armen alten Giebelbau dort unten verpasste man mit den übriggebliebenen 18,90 Dollar schnell noch einen laubfroschgrünen Anstrich der Fensterrahmen und Dachfirste. Damit sich die Welt nach dem Crash bestätigt fühlen darf: Kanada und Kunst, das ging ja von vornherein gar nicht. Insofern wortwörtlich: „Down“.

Up & Down. Das ultimativ unfaire Architektur-Duell (3)

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Ceaucescu-Palast, Bukarest, Rumänien,

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Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg


Up: Meist noch freie Parkplätze, auf Befehl wolkenloser Himmel

Wer sich vom genius loci dieses Gebäudes inspirieren lässt, sich täglich nur einmal darin zu übergeben, der kann das 800 Tage hintereinander tun, ohne zweimal dieselbe Toilette zu benutzen. Eine großzügige planerische Geste des Diktators Nicolae Ceaucescu, der 1982 für sein „Haus des Volkes“ („Ich bin das Volk“) die Altstadt von Bukarest mit einer Atombombe freischaufeln ließ: Tausende Häuser auf dem labyrinthartig besiedelten Arsenalhügel lösten sich in Luft auf, auch einige uralte Klöster und Kirchen, 57.000 Menschen wurden – nein, nicht pulverisiert, sondern lässig nur zwangsumgesiedelt. Der Keller des zweitgrößten Verwaltungsgebäudes der Welt mit oberirdisch kaum 1000 Zimmern ist bis heute nicht kartografiert, wahrscheinlich befinden sich einige CIA-Geheimgefängnisse samt Folteropfern darin. Die Architektin Anna Petrescu war 27, als sie umgerechnet drei Milliarden Euro, ein Gebirge aus einheimischem Marmor und 200.000 Quadratmeter Teppiche verplante. In diese Teppiche durfte das hungernde Volk beißen, der Diktator bevorzugte schlussendlich Gras. Grandezza nennt man das wohl. Dafür ein alleruntertänigstes „Up“.

Down: Eiter als Farbsignatur, Monologe im Dunkeln

Wenn Pädagogik so richtig nach Staub, Muff und Gilb schmecken soll, dann hat das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg einiges zu bieten. Hier knarzen noch die schiefgetretenen Treppenhäuser, wenn man über schlecht verspannte, modernde Jutebelänge darauf herunterstolpert, als ob das Gespenst von Canterbury persönlich der Kurator wäre. In diesem Interieur, in dem jeder Besucher sofort die Orientierung verliert, um ihn am Verlassen des Gebäudes zu hindern, irren heute noch Besuchergruppen von 1998 durch die verfrorenen Flure. Jede Leihgabe wirkt hier doppelt so alt wie in Wirklichkeit, weshalb die große Tut-Anch-Amun-Ausstellung nur hier in Hamburg den Rekord von 600.000 Besuchern aufstellen konnte. Dazu platzt immer mal wieder scharfkantiger Stuck von den rissigen Decken und löscht wahllos Bildungsbürger aus, was im ständigen Halbdunkel stets erst nach Wochen bemerkt wird – am zusätzlich strengen Geruch. Nur an diesem Ort im Abendland herrscht, wie zur Eröffnung, dank eines Bruchs im Raum-Zeit-Kontinuum noch das Jahr 1877; allerdings soll demnächst elektrisches Licht angeschafft werden. Bis dahin: „Down“.

Up & Down. Das ultimativ unfaire Architektur-Duell (2)

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Vier City-Hochhäuser, Hamburg,

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Rathaus von Gütersloh, Nordrhein-Westfalen

Down: Der Blockwart ist als Berufsbild abgeschafft

Wer graue, Krebs erregende Eternit-Platten liebt, blüht hier auf. Allerdings sind das nur ein paar Dackel-Nazis, die gerne Blockwart wären und identische Häuser gern mit Buchstaben durchkatalogisieren, wie es sich für Wehrmachts-Baracken geziemte. Auch mit diesem erregenden Feature kann das Ensemble aufwarten: Die vier City-Hochhäuser von 1960 heißen „A“ (das dem Hauptbahnhof nächste) bis „D“ und gehen auf das Konto eines einheimischen Architekten mit dem sprechenden Namen Rudolf Klophaus. Heute muss hier noch die Bezirksverwaltung Hamburg-Mitte ausharren, die aus Rache 42 Prozent der unter Siebenjährigen im Bezirk regelmäßig zum Appell antanzen lässt – sonst gibt es kein Hartz IV für sie. Laut „Bild“ soll die vierfach verkorkste Agenda-Kaserne am Klosterwall bis 2013 „weggesprengt“ werden, sobald die 1600 Mitarbeiter ihre Blocks gen Hafen-City verlassen haben. Es handle sich nämlich um ein „Sahnegrundstück“ in „Top-Gewerbelage“. Shopping Mall oder Eros-Center als Nachfolger? In jedem Fall: eindeutig „Down“.


Up: Klare Linien, Uhrzeit für alle, Glockenspiel

Das Rathaus von Gütersloh stammt aus den späten sechziger Jahren und kleidet sich entsprechend in ein mildes Honecker-Beige. Das schmeichelt dem Auge gerade im matschigen westfälischen Winter, wenn kein Laubdach der umstehenden Bäume die Netzhaut schützt. Man stelle sich vor, dieses Rathaus wäre neongrün oder kobaltblau gestrichen, dann weiß man die tatsächliche Farbgebung zu schätzen. Mit klarer Linienführung (senkrecht / waagerecht) schmiegt sich der öffentliche Bau derart organisch an die Umgebung, als sei er ein Kunstwerk aus kostbarstem U-Boot-Bunker-Beton. Ein schönes Detail an der Südwestfassade ist das Glockenspiel unterhalb der großen Weltuntergangs-Uhr: Mittags Schlag zwölf intonieren die 34 in schrägen Reihen montierten Bronzeglöcklein den Song „Hells Bells“ von AC/DC. Im Innern des Rathauses befindet sich direkt neben dem Standesamt die Abteilung für Asylanträge. Gibt man bei Google „Gütersloher Rathaus“ und „hässlich“ ein, erhält man keinen Treffer. Ein entschiedenes „Up“.

Up & Down. Das ultimativ unfaire Architektur-Duell (1)

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Diesmal:

Deutsche-Post-Gebäude, City Nord, Hamburg,

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ehemaliges Autobahnbauministerium, Tiflis, Georgien


Up: Vollendete Formensprache des Dienstleistungs-Sadismus

Dies ist ein Ort der käuflichen Liebe. Die Filiale Hamburg 60 der Deutsche Post AG im Büro-Stadtteil City Nord bietet hinter steifer Fassade Praktiken, die selbst abgekochten Dienstleistungs-Fetischisten den unvergesslichen Kick garantieren: „In der Filiale wollen wir Ihnen unsere ganze Aufmerksamkeit schenken“, verspricht der Eintrag ins Online-Branchenbuch. Und zwar so: „Das Finanzcenter in 22297 Hamburg Überseering 17 ermöglicht Ihnen den Erwerb von Produkten zum Postversand und der Telekommunikation. Ebenfalls können Sie eine ausgiebige, individuelle Beratung in Anspruch nehmen.“ Hardcore! Rein postalisch gehört dieses Gebäude übrigens zum feinen Stadtteil Winterhude. Seine scharfkantige Fressleiste aus ansonsten funktionslosen Lamellen hat etwas Archaisches – nicht umsonst nennt man die City Nord den Jurassic Park des Konzernkapitalismus. Unter den hier versammelten Hauptverwaltungen von EDEKA, Signal Iduna, ExxonMobil oder Tchibo stellt dieses Gebäude immer noch den Tyrannosaurus Rex dar. Fazit: Ein klares „Up.


Down: depressive Abbruchkanten, negatives Feng-Shui

Im Jahr 1975 wurde das Ministerium für Autobahnbau der damaligen Sowjetrepublik Georgien in Tiflis vollendet. Der Architekt ließ sich beim Grundriss vom Auftrag des Hauses inspirieren. Bereits während der Planungszeit kam es allerdings zu heftigem internen Streit darüber, in welche Richtungen diese Autobahnen eigentlich führen sollten. Es wurden dann letztlich überhaupt keine gebaut, da Sowjet-Boss Leonid Breschnew ohnehin nicht vorhatte, jemals nach Georgien zu fahren. Symbolhaft ist dies durch zahlreiche Abbruchkanten in die Architektur des Ministeriums eingeflossen. Der große freie Raum in der Mitte des brutalistischen Ensembles war früher die Dienstwohnung des stellvertretenden Autobahnbauministers, eines Frischluftfanatikers. Sie sorgte aber für negative Feng-Shui-Effekte, die bis heute anhalten. Nach Auflösung der Sowjetunion stand das Gebäude lange leer. Heute müssen in Ungnade gefallene Mitarbeiter der Bank von Georgien hier Büroräume beziehen, bis sie Schuldeingeständnisse unterschreiben. Gesamteindruck: Down!