A No got shot on the spot

Written By: Oliver Driesen - Jan• 03•13

flattr this!

Die derzeitige Langzeitkampagne von Marlboro “Don’t be a Maybe” ist eine besonders perfide, hintertückische Art der Zigarettenwerbung.

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Bevor ich das begründe, ist also zunächst einmal allerhöchstes Lob an die Kreativen der Agentur fällig: Perfekte Arbeit! Sehr gut gemacht! Völlig pervers und gewissenlos natürlich, aber dafür seid ihr ja Werber. Ihr würdet auch den Syrern Teppichbomben verkaufen, und ihr würdet es verteufelt gut machen, schon klar.

Warum ist also “Don’t be a Maybe” auf so destruktive Art genial bzw. auf so geniale Art destruktiv? Zunächst einmal, weil die Kampagne gar nicht fürs Rauchen wirbt. Auf keinem der verschiedenen Motive sieht man einen glücklichen Menschen mit Rauchfahne, das wäre meines Wissens auch gar nicht mehr erlaubt in der Werbung. Da ist lediglich am Rand eine relativ kleine Zigarettenpackung abgebildet, aber die hätte man zur Not auch noch weglassen und diesen Teil auf den bloßen Schriftzug Marlboro reduzieren können.

Die Kampagne setzt stattdessen auf Luther. “Deine Sprache sei ein Ja oder Nein, alles dazwischen ist von Übel”, hat er sinngemäß gesagt und sich damit gegen die Schwafler und Laumänner, die Unverbindlichen und Opportunisten gewandt. Es geht hier vermeintlich um eine Haltung – zu allem, zum Leben. Ja oder Nein. Sie kennen unsere Sehnsüchte, die Werber: Die Welt muss wieder einfacher werden. Blockbildung ist angesagt. Gut gegen Böse, und dann auf der richtigen Seite stehen. Klare Sache, und damit hopp. Sympathisch, eigentlich. Sexy, auch. In diesen Zeiten der Schwafler und Laumänner, der Unverbindlichen und Opportunisten, fast 500 Jahre nach Luther. Bis hierhin alles gut, sogar irgendwie progressiv, auf eine konservative Weise. Also schon wieder reaktionär. Ach, egal, darum geht es nicht.

Es geht um eine Pseudo-Alternative, die den Anbieter des Suchtmittels reinwäscht. Jedem Kritiker dieser Kampagne kann der Tabakkonzern blauäugig entgegnen: Wieso? Wir werben doch nur für eine Lebenseinstellung, nämlich nicht lau und unverbindlich zu sein. Und dabei lassen wir sogar die Wahl, Ja oder Nein zu sagen, also eben auch Nein! Total demokratisch, total individuell, total frei. Diese Werbung ist längst über die plumpe Botschaft “Rauchen macht frei” aus dem faschistoid-paradiesischen Marlboro Country hinweg. Sie macht nicht den Fehler, den Claim “Sei kein Frosch!” oder “Bissu Mann oder Maus, Alder?” zu bringen. Sie ermöglicht ein Nein, um es dadurch erst recht zu ächten.

Denn der genial böse Schachzug ist dieser: Die plakatierten Typen mit den Ecken und Kanten, die Geschichte geschrieben haben, diese Pioniere, die Unerschrockenen, die Revolutionen angezettelt oder Popsongs komponiert haben – diese Typen, die wir, je jünger und unerfahrener und orientierungssuchender wir sind, selber sein wollen, die haben eben nicht Nein gesagt. Sondern Ja. Denen klang ein Nein sogar noch viel laumannmäßiger als ein Vielleicht. Wenn du nicht für uns bist, bist du gegen uns, ist das Motto aller Revolutionäre. Nur ein Ja ist ein Ja. Ein klares Nein gehört erschossen.

A maybe never made history (but a no got shot on the spot). Schon irre, was alles da steht, ohne da zu stehen.

Es nützt realistisch betrachtet nichts, etwa von Jugendlichen in einer Gruppe und in dieser Zwangslage ein klares lutherisches Nein zu erwarten. Das einzige Gegengift gegen diese Nikotinverabreichungsstrategie, ohne das Gesicht zu verlieren: Sag Vielleicht. Sei ein Laumann. Winde dich raus, gewinne Zeit – und lass die Erpresser weiterziehen.

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