TEDx Hamburg: in 18 Minuten die Welt retten (mit Rhetorik-Tipps)

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Gestern TEDx Hamburg, mehr als ein Dutzend „ideas worth spreading“ auf der Bühne der Laiesz-Halle. Ein langer Tag, 10 bis 18 Uhr, wenn auch mit großzügigen Pausen. Mehr als ein Dutzend Mal ging es darum, mit Hilfe von Technologie, Entertainment und Design (daher TED) und in maximal 18 Minuten Redezeit die Welt zu retten. Oder doch zumindest die Mega-Cites der Welt ein Stück lebenswerter zu machen. Zum Beispiel mit aus „Müll“, in Wahrheit weggeworfenem Rohstoff, designter Kleidung. Oder mit viel mehr Rampen über Treppenstufen, damit Rollstuhlfahrer am Stadtleben teilhaben können. Und viele dieser Ideen oder Projekte, deren Träger von den Organisatoren im Vorfeld handverlesen worden waren, haben wirklich Wert. Vielleicht sogar alle, wenn da nicht … aber dazu gleich.

Mein Favorit war Reinier de Graf vom berühmten Architekturbüro OMA (Rem Koolhaas), dessen Think Tank die Aussagekraft von Zukunftsprognosen aus allen möglichen Lagern und Zeiten empirisch untersucht hat. Eine erwartbare, aber nun statistisch bestätigte Kernaussage: Ökonomen haben ziemlich oft danebengelegen, und nur eine Bevölkerungsgruppe schafft es, so gut wie immer falsch zu visionieren: Politiker. Da waren sogar die Glaubensfanatiker besser, wenn auch nicht mit den alle zwei Jahre auftauchenden Weltuntergangsterminen. Fazit: Eine Prophezeiung ist im Guten wie im Schlechten meist eher ein Kommentar gegenwärtiger Verhältnisse. Und je weniger der Prophet beruflich mit seinem Thema zu tun hatte, desto richtiger liegt er tendenziell mit der Prophezeiung. Da mal weiter drüber nachdenken.

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Hübsch auch diese Rand-Notiz im wörtlichen Sinne: Jedes Chart ist das handgezeichnete Protokoll eines ganzen Vortrags – während er gehalten wird. Das ist das Geschäftsmodell von Mathias Weitbrecht, seines Zeichens „Visual Facilitator“ bzw. „Graphic Recorder“. Ihn buchen auch Firmen für ihre Schulungsseminare, weil ja bekanntlich niemand jemals einen Blick in nachträglich verschickte Sitzungsprotokolle wirft – wohl aber auf eine gut gemachte Infografik mit allen Kerninhalten. Ein Bild sagt eben auch hier mehr als tausend sehr langweilige Zeilen.

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Dann war da noch, als Vertreterin des „E“ in „TED“, die Hamburger Sängerin Cäthe, die mit ihrer Band demnächst ihr erstes Album rausbringt, konsequent auf Deutsch. Denn „das ist die Sprache, in der ich liebe“ – und das ist ja nun ein schlagendes Argument. Ist sicher alles Geschmacksache, aber mir haben die drei Stücke vom Tage gut gefallen.

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Mittags suchte die Crowd dann die oberen Etagen der ehrwürdigen Halle heim, zwecks Nahungs- und Kontaktaufnahme. Es hilft, wenn gute Ideen nicht immer nur in schäbigem Mensa-Ambiente ventiliert werden müssen, sondern auch mal im Spigelsaal von Versailles.

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Das hier ist Boris Blank, die eine Hälfte des einflussreichen Schweizer Elektronic-Music-and-Art-Duos Yello. Er stellte die App „Yellofier“ vor, mit deren Hilfe jeder aus Alltagsgeräuschen musikalische Loops und ganze Stücke zusammenklöppeln kann. Rettet nicht die Welt, aber manchmal sicher den Tag.

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Repräsentant „meines“ Büros auf der Bühne: Julian Petrin von Nexthamburg, der über Erfahrungen mit Bürgerbeteiligung und Crowdsourcing in der Stadtplanung berichtete. Im Prinzip natürlich auch ein Brüller, wenngleich Julian das Pech hatte, als letzter von über einem Dutzend Speakern auf die Bühne zu müssen.

Und damit bin ich bei den Problemen des Aufmerksamkeitsmanagements, die sich im Laufe eines solchen Tages herauskristallisieren. Mit jeder Minute herausfordernder wurde zum einen die stickige, schwülfeuchte Luft im Theater. Irgendwann hätte auch Martin Luther King im Duett mit Mahatma Ghandi einen Schuhplattler auf die Bühne legen können – bei akutem Sauerstoffmangel wäre es kein Welterfolg geworden. Und es war nicht einmal ein heißer Sommertag.

Unabhängig vom Mikroklima aber gibt es für jeden Speaker (und auch Sie könnten ja demnächst einmal in die Verlegenheit kommen!) ein paar Tabus, die man besser nicht bricht, wenn man sein Publikum wirklich fesseln will. Das allerschlimmste, die nicht enden wollende Rede, war hier ja schon durch die 18-Minuten-Regel ausgeschlossen. Darüber hinaus offenbarten sich im Lauf des Tages folgende:

– Nie über die eigenen Pointen lachen, schon gar nicht als einziger.

– Aber bitte trotzdem welche einbauen. Die Leute finden sie schon, keine Angst.

– Bitte keine kleinteilig beschrifteten x/y-Achsendiagramme in die Präsentation hineinfrickeln, die ab Reihe zwei niemand lesen kann und ohnehin auch nicht will.

– Bitte gerne ein guter Mensch sein, aber möglichst nicht bis hinein in den Tonfall alle Klischees desselben erfüllen.

– Sich bitte nicht in den technischen Details von WLAN-Netzen verlieren, wenn Menschen 119 Euro Eintritt bezahlt haben und es sich um keine Jahrestagung von Elektroingenieuren handelt.

– Wenn alle auf Englisch präsentieren, man sich aber in Deutschland befindet, ist ein penetrant zur Schau gestellter Akzent von wo auch immer eher kontraproduktiv. Das gilt vor allem für Native Speaker. Hey, lupenreines Schulenglisch hat echt Vorzüge!

– Und bitte nicht 23 verschiedene Projektbeispiele in 18 Minuten unterbringen. Man möchte sich doch mal kurz irgendwo auf dieser verrückten Welt zuhause fühlen.

Nichts schlimmer, als wenn am Ende der Moderator mit getragener Stimme in die Stille hinein sagt: Well, thank you for this inspiring idea …

Aber ich habe natürlich gut „reden“, aus der sicheren Blog-Perspektive. Vor mehr als 300 zahlenden Gästen die Bühne zu rocken, ist für niemanden eine Kleinigkeit. Und alles in allem rockte es gestern durchaus.

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