igs 2013: Vom Elend des Event-Gartenbaus

Ich fange jetzt gar nicht noch mal an mit den besucher- und insbesondere familienfeindlichen Eintrittspreisen der Internationalen Gartenschau (igs) Hamburg 2013. Das wurde an berufeneren Stellen schon ausführlich verhandelt, und natürlich ist diese Preisgestaltung der Hauptgrund dafür, dass der igs pro Tag (!) rund 5000 einkalkulierte Besucher fehlen. Ich kann da auch nicht mitreden, denn ich war mit einer kostenlosen Pressekarte da – allein, ohne Familie. Diese mir spendierte Freikarte hat sich für das Management der igs vermutlich nicht ausgezahlt, denn dieser Artikel wird keine Besuchsempfehlung, sondern eher der Bericht von einer Geisterbahnfahrt. Aber das ist Berufsrisiko.

Der Eindruck, der sich auf der Schau herauskristallisiert, ist dieser: Wie die ganze Kulturstadt Hamburg leidet sie unter einer Krankheit namens Eventitis. Es muss pro 500 Quadratmeter mindestens ein Event geben, eine Besonderheit, eine Attraktion – vor allem aber ein Thema. Die ganze igs ist „themed“, wie der Amerikaner sagt. Man weiß nicht immer, welches Thema das gerade ist, denn es wechselt alle paar Meter: Mal sind es die fünf Kontinente, mal die Weltreligionen, mal die Wasserverschwendung und mal die allgemeine Open-Air-Pädagogik.

Dabei hätte doch, wenn man schon Themen braucht, durchaus das Motto „In 80 Gärten um die Welt“ gereicht. 80 schöne, einfallsreiche Gärten aus aller Herren Länder, bepflanzt mit exotischen Bäumen, Blumen und Gestrüpp, dazwischen von mir aus diverse Wasserspiele wegen der Sommerhitze – ist es nicht das, was man auf einer Internationalen Gartenschau sehen will?

Nein, sagten sich die Veranstalter, Themen müssen her (neben der allgegenwärtigen Klein- und Großgastronomie). Gut, nichts gegen ein oder zwei Showbühnen des NDR für allerhand Live-Konzerte inmitten duftender Blütenpracht. Aber das reicht eben heute bei weitem nicht mehr. Man braucht Entdeckungen, Erkenntnisse, jede Menge Botschaften. Lebenslanges Lernen, gerade auch im Garten. Auch eine Prise Esoterik kann da nicht schaden.

Und so hat ein Kopenhagener Landschaftsarchtitekt einen „Landeplatz für Engel“ gegärtnert, während anderswo eine künstliche und völlig unbepflanzte „Fata Morgana“ aus hässlichen blauen Glasscherben funkelt, gespickt mit silbernen Konservendosen. Oder da: ein riesiges Monopolyfeld, bedruckt mit „amerikanischen Werten“, denn es werden die USA repräsentiert. Das alles wirkt zumeist sehr billig, sehr wenig ästhetisch, zufällig verteilt und beinahe nie wie eine gartenbauliche Meisterleistung.

Schon gar nicht die zehn Meter hoch gestapelten industriellen Wassertanks, die als Labyrinth in ihrer Mitten einen VW auf platten Reifen bergen. Die erschlagende Botschaft hier: 450.000 Liter werden für die Produktion eines einzigen Volkswagens verschwendet. Ein angenehm nagendes schlechtes Gewissen scheint heute zum Gegenwert eines teuren Tickets zu gehören.

Wie gewollt und nicht gelungen das meiste davon ist, lässt sich an fünf der „80 Gärten“ nacherzählen. Dieses Fünferpaket nennt sich verlockend „Naturwelten“ und besteht aus fünf blickdicht eingezäunten Abteilungen, die man nacheinander entlang eines Knüppeldamms durchläuft. Das ambitionierte Unterfangen, statt einfach nur Naturwelten zu zeigen: Hier gibt es „mit einem Augenzwinkern visionäre Bilder der Natur“. Humor als Naturphänomen? Wäre mir neu, aber gehen wir mal los. Abteilung 1: „Fliegende Erbeeren“.

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Bitte fragen Sie nicht, warum, wo oder wohin hier Erdbeeren fliegen. Ich habe nur schwimmende gesehen, in wassergefüllten Plexiglaskolben. Ähnlich appetitlich wie auf dem Bild wirkten sie auch in echt. Ansonsten war das Abteil weit gehend leer, bis auf zahlreiche am Boden wachsende Erbeeren. Ja nun, ein Erdbeergarten. Hübsch. Bzw. eben nicht hübsch, sondern wie das industrielle Freilandlabor eines bösen Gentechnikkonzerns. Schnell weiter.

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Das hier ist das zweite Abteil, „Der rettende Strohhalm. Zwischen Dürre und drohender Flut.“ Oh. Aha: Klimakatstrophe, ja? Wir müssen alle umdenken, uns neu erfinden? Aber was sind das für merkwürdige Wogen da im Hintergrund? Ach ja, die Flut. Und diese ausgerechnet türkis eingefärbte Bodenstreu – ist dann die drohende Dürre? Offenbar, denn Pflanzen gibt es in diesem Gartenschau-Garten gar nicht. Dafür am anderen Ende eine Gummi-Rettungsinsel. Gegen die Flut. Hmpf. In den Strohhalmen sind übrigens kleine Sichtfensterchen, in denen irgendwelche symbolhaften Gegenstände bamseln. Manche kann man erkennen (kleine Windräder, die uns wahrscheinlich retten werden). Manche bamseln völlig unergründlich vor sich hin, so wie das kleine Spachtelchen, das leider überhaupt keinen Sinn ergab. Merke: Nirgends, nirgends gibt es sachdienliche Hinweise in Form von Erklärngen. Bitte weitergehen.

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Drittens: „Gärtnern auf dem Mars“. Denn wir sind so frei, uns jetzt einfach mal auf einen anderen Planenten zu hallzuinieren. Ehrlich gesagt: Hier wachen ein paar sehr irdische Blümchen am Wegesrand, und dann sind da noch diese drei Stachelkugeln, das sind „Samenkapselwerfer“. Der koreanische (!) Planer Joon-ho Shin teilt uns per Schild immerhin mit: „Im Verlauf des Pfades mildert sich das Klima und die Samenkapseln beginnen zu keimen, eine junge Wiese erblüht auf kargem Grund.“ Nein, tut sie nicht. Ich war da. Ich war auf dem Mars, und die Samenkapseln … ach, was soll’s. „Guck mal, Gärtnern auf dem Mars!“, versucht ein Vater seinen sechsjährigem Sohn mit gespielter Begeisterung zu, äh, begeistern. „Ist doch egal“, antwortet der Sohn und drängt weiter.

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Man muss dazu sagen, diese fünf Gartenvisionshumorgefängnisse sind mitten in eine wogende Landschaft aus Schilfgras gesetzt worden. Aber auch diese Schilfgraswiese war da nicht immer, sondern ehemals – vor der igs – gab es hier Kleingärten mit Gartenzwergen und Gartenlauben. Also Gärten. Richtige Gärten. Man stelle sich die früheren Pächter vor, vor die heutige Alternative gestellt.

Von der nächsten „Naturwelt“ gibt es wegen unzureichender Lichtverhältnisse keine Bilder, aber dafür ist sie eine besondere Frechheit. Der „erfundene Garten“ ist in Wahrheit ein düsterer Baucontainer, durch den man sich beinahe tasten muss und dabei möglichst nicht an die zahlreichen von der Decke hängenden Periskoprohre stößt. Schaut man hinein in die Röhren, sieht man 360-Grad-Aufnahmen wirklich schöner Gärten, die nur eben leider gar nicht da sind. Die Auflösung dieses Rätsels gibt es am Ausgang, wo Prospekte der „Region Niederösterreich“ verraten, dass man diese Gärten in ihr findet und am besten schon mal den entsprechenden Urlaub bucht. An der Stelle angekommen, ist man aber schon wirklich ungehalten und nicht in Ferienlaune. Mit anderen Worten: reif für Naturwelt Nr. 5.

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Solche Röhren kennen wir doch schon? Richtig, von der Erdbeerbowle am Anfang. Nun aber sind sie hochgradig aktive, brodelnde Reagenzgefäße. Noch wissen wir nicht, wofür oder wogegen. Auf dem Eingangsschild stand orakelhaft: „Alveolus – Quallenschnitzel und Algensalat.“ Und auch die Tonbandstimme der Reiseleiterin in der Einschienenbahn, die immer rund um die Gartenschau kurvt, hatte an dieser Stelle von hoch oben herab versprochen: „Hier werden Ihnen Quallenschnitzel und Algensalat gereicht.“

Es geht also irgendwie um die Ernährungsindustrie der Zukunft, die nicht nur fliegende Erbeeren produzieren wird. Tatsächlich gibt es in diesem Abteil sogar mehrere Hinweisschilder mit Auskünften darüber, was in den Röhrchen und Bottichen da so alles heranreift: Algen jeder Art und Farbe, die weltweit angeblich ökonomisch immer wichtiger und zu allerhand nützlichen Ess- und Pflegeprodukten verarbeitet werden.

Okay, Algen. ABER WO SIND DIE VERDAMMTEN QUALLENSCHNITZEL? HÄ?? ICH WILL SOFORT MEIN QUALLENSCHNITZEL!! KEINE SPUR VON EUCH! ICH HABE DAFÜR TEUER GELD BEZAHLT – ach nein, habe ich ja gar nicht, aber ich hätte, wenn ich gehabt hätte, nur hätte ich eben nicht, denn für so was zahle ich nicht, DIESEN QUATSCH BEZAHLE ICH NICHT! DU HÄSSLICHE, BILLIGE MISSGEBURT VON EINEM ALGENMONSTER, DU!!!

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Gemächlich brodelnd schaut die Alge mich mit tausend tastenden Tentakeln an und zeigt weiter keine Regung. Ratlos verlasse ich die Naturwelten. Ich habe mich schon artgerechter ge- und unterhalten gefühlt als auf der igs Hamburg 2013.

Die Alge sich wahrscheinlich auch.

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6 thoughts on “igs 2013: Vom Elend des Event-Gartenbaus

  1. Nachdem ich den Artikel gelesen und die Bilder gesehen habe, hatte ich fast den Eindruck die IGS bestehe hauptsächlich aus diesen Pseudo-Kunst-Installationen. Heute war ich dann aber doch selbst da (die 5 Natur-Welten habe ich einfach ausgelassen :)) und siehe da es gibt auch durchaus schönes zu sehen. Die Blumenhalle war schön, die Hochbeete, Eisessen bei Hitze im Schatten. Die Wasserwelten hingehen enttäuschen dann schon. Ein zweites Mal werde ich bei den Preisen nicht hingehen, aber einmal kann man das schon machen.

  2. doch sehr witziger Kommentar zum Eventrausch. Aber hingehen und mir so manches anschauen werde ich trotzdem.
    In Hamm lohnt sich dafür ein Besuch im Stadtteilgarten – übrigens ohne Eintritt – man kann sogar am 1.u.3. Freitag ab 17:00 mitfuttern, was der Garten hergibt.
    claudia

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