“Gut 1500 Meter Höhe sind am besten”

Written By: Oliver Driesen - Aug• 14•13

flattr this!

Nur ein paar schrecklich friedliche Bilder – und die Frage, was der Drohnenkrieg mit Ihnen in Bad Münstereifel zu tun hat

Ein kleiner Junge fährt auf einem BMX-Rad über eine staubige Wüstenpiste. Wir schauen ihm dabei von oben auf den Kopf, aus einer gefühlten Höhe von vielleicht 20 Metern. Auf den hoch auflösenden Filmbildern erkennen wir deutlich seine Haarfarbe, seine Kleidung. Es wirkt fast wie eine Fernsehübertragung von einer Querfeldein-Meisterschaft. Der Junge bekommt davon nichts mit, fühlt sich offensichtlich unbeobachtet. Denn in Wahrheit zieht die Kamera viel, viel höher über ihm ihre langsame Bahn. “Gut 1500 Meter Höhe sind am besten”, erklärt nachher ein Experte mit einem aus gutem Grund unkenntlich gemachtem Gesicht. “Aus dieser Höhe kann er (am Boden) weder etwas hören noch sehen.”

Die Kamera zieht auf, immer mehr Umfeld wird sichtbar, und als der Junge mit dem Rad plötzlich eine Wohnsiedlung mit akkurat geschnittenen Vorgartenrasen und sauber asphaltierten Autostraßen erreicht, wird klar: Dies ist kein Wüstenstaat im Armutsgürtel der Welt, sondern eine friedliche amerikanische Vorort-Idylle, das perfekte Suburbia, mitten im US-Wüstenstaat Nevada.

Der Schauplatz ist kein Zufall, denn von Nevada aus steuern Spezialisten des US-Militärs per Intranet die unbemannten Drohnen, mit deren Bordraketen sie in Pakistan oder Afghanistan “feindliche Kombattanten” ermorden, ohne dass es dazu auch nur den Hauch einer juristischen bzw. völkerrechtlichen Legitimation gäbe. Es sei denn natürlich, man betrachtet als solche die Tatsache, dass kein Geringerer als US-Präsident und Friedensnobelpreisträger Barack Obama in seinen berühmten “Dienstagsrunden” die Freigabe zum Abschuss der jeweils neuesten Shortlist von Namen erteilt.

In diesem Fall aber hat der Drohnen-Fernlenker sein Gerät nur einen kleinen Demonstrationsflug machen lassen, um vorzuführen, was die Navigation und die bordeigene Videotechnik kann. Zum Beispiel bei Dunkelheit auch Live-Wärmebilder lebender Körper übertragen, die als weiße Flecken selbst dort für einige Sekunden zurückbleiben, wo ein Mensch gerade noch auf einem nächtlich-kühlen Bordstein gesessen hat. Oder als “gewaltige Fackeln” auflodern, wo sich jemand eine Zigarette anzündet.

Temporäre Lebensversicherung

Dass er in Nevada zuhause ist, darf man derzeit als Lebensversicherung für den kleinen Jungen ansehen, denn wäre er mit seinem BMX-Rad am Stadtrand von Islamabad unterwegs gewesen, hätte ihn möglicherweise vor den Augen der Zuschauer eine Hellfire-Rakete pulverisiert. Zum Beispiel in dem Fall, dass zufällig vor oder hinter ihm ein SUV mit möglicherweise hochrangigen al-Qaida-Funktionären gefahren wäre, dem die vom anderen Ende der Welt aus gezündete Rakete gegolten hätte.

Da kommt es in zahlreichen Fällen zu “Kollateralschäden”. Dem Council on Foreign Relations zufolge hat der US-Senator Lindsay Graham im Februar die bisherige Strecke dieser Menschenjagd so beziffert: “Wir haben 4.700 getötet. Manchmal trifft es Unschuldige, und ich hasse das, aber wir sind im Krieg und wir haben einige sehr hochrangige al-Qaida-Mitglieder kaltgemacht.” (Er sagte wörtlich “we have taken out”. Wohlwollend kann man das auch mit “wir haben ausgeschaltet” übersetzen. Aber ich bin nicht wohlwollend.)

Ja, manchmal trifft es Unschuldige. Bis zu 40 Prozent der illegalen Drohnenopfer sind Unbeteiligte, Passanten, Familienmitglieder, ganze Hochzeitsgesellschaften, kleine Kinder. Wobei wie gesagt selbst die “Schuldigen”, die “Richtigen” unter den Opfern ohne Gerichtsverfahren, Beweisaufnahme, Verteidigung oder irgendeine rechtliche Legitimation zielgerichtet getötet, d.h. ermordet werden. Im Falle eines Kindes ist es lediglich besonders augenfällig, dass hier etwas Ungeheuerliches geschieht. Bloß für den Drohnen-Piloten nicht, der sich ohnehin wie in einem “seit Jahren immer wiederholten Videospiel” fühlt. Auch dies ist ein Originalzitat aus dem beängstigenden Film “What the drone saw” des Dokumentar-Künstlers Omer Fast, der einige dieser anonymen Akteure interviewen konnte.

Der Drohnen-Massenmord, auf den die demokratische Supermacht USA in ihrem inzwischen zum Selbstzweck und Teil der nationalen Folklore gewordenen “War on Terror” so stolz ist, hat also mittlerweile die Dimensionen des größten Terroranschlags der jüngeren Geschichte vom 11. September 2001 (mehr als 3000 Tote) deutlich überschritten. Man hat in Sachen Rechtlosigkeit und Verrohung längst mit dem Gegner gleichgezogen und ist sozusagen mehr als quitt. Aber das heißt nicht, dass das Tele-Morden nicht fortgesetzt, weiter institutionalisiert und perfektioniert würde. Dazu ist es viel zu verführerisch – finanziell, geopolitisch, propagandistisch.

Ein Gedankenspiel

Deshalb ist es ein äußerst nützliches, erhellendes Gedankenspiel, sich folgendes vorzustellen: In einigen Jahren, vielleicht zehn, vielleicht fünfzig, sind die USA zu einer perfekten Hightech-Diktatur herangereift. Bitte, das klingt heute noch für viele unerhört, da wir doch hier über unsere “Freunde” sprechen, wie wir es jahrzehntelang gelernt haben. Aber hätten wir uns vor zehn Jahren vorstellen können, was mit Überwachungs- und Drohnentechnik heute schon an Grundrechtsveletzungen auf elementarster Ebene und in industriellen Dimensionen Alltag geworden ist? Hätten wir uns vorstellen können, dass die Demokratie dermaßen implodiert?

Also, Zeitreise: Da ist nun diese Hightech-Diktatur mit einer perfekten Überwachungs- und “Sicherheits”-Infrastruktur, finanziert, gekauft und ferngesteuert von vollkommen entgrenzt agierenden Konzernen. Nicht wie damals bei Adolf, viel anonymer, viel smarter. Die “befreundeten” Staaten dieses Regimes haben ähnlich autokratische und der globalen Führungselite absolut hörige Strukturen. Es ist in diesem Dystopia nicht mehr notwendig, Staatsterror auf Weltregionen ohne Schutz und Lobby zu beschränken. Nein, jetzt ist auch Deutschland als Schlachtfeld freigegeben, schließlich geht es um maximale “Sicherheit” für friedliebende Bürger. Und da kommen Sie ins Spiel.

Ja, Sie da mit dem zehnjährigen Sohn in Bad Münstereifel oder Norderstedt! Es ist nämlich leider so: Während Ihr Sohn durch das friedliche Wohngebiet radelt, überholt ihn ein unscheinbarer SUV. Hinter den getönten Scheiben sitzt ein böser Mensch. Ein Mensch, dessen E-Mail- und Telefonverkehr zuvor – wie Ihrer auch – gründlich ausgewertet wurde und der seither auf einer schwarzen Liste steht. Die Abarbeitung dieser Liste wurde offiziell in einer Dienstagsrunde freigegeben. Und während Ihr Sohn nur noch 200 Meter von Ihrem hübschen Einamilienhaus entfernt ist, drückt in Nevada jemand auf einen Knopf. Den Rest malen Sie sich jetzt bitte in möglichst realistischen Farben aus.

Und wenn Sie damit fertig sind, sagen Sie bitte laut den Satz: “Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten.”

You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: