ADAC: Von gelben und gefallenen Engeln

Written By: Oliver Driesen - Jan• 20•14

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Vor zehn Jahren habe ich Michael Ramstetter, bis zum Wochenende Kommunikationschef des ADAC, für das Branchenmagazin “Wirtschaftsjournalist” porträtiert. Die Headline, “Grüne Welle fürs Geschäft”, klingt heute noch mehrdeutiger, als sie 2003 gemeint war. Ich nannte seine Tätigkeit damals einen “Drahtseilakt im Umgang mit Politik, Konzernen, Verbraucherschutz”.

Und so handelte das Porträt denn auch von einem, der als Chefredakteur der ADAC motorwelt (Auflage damals: 14,6 Millionen) mit teils kuriosen Geschäfts-Kooperationen immer mehr Reibach für den ADAC machte. Hätte es nicht ein “katholisch, konservativ” gefärbter Präside verhindert, dann hätte Ramstetter auch noch die 200.000 Euro einbringende, doppelseitige Anzeige für das Potenzmittel Viagra ins Heft gehoben. Ebenso gern hätte er ein Beate-Uhse-Inserat in der motorwelt gesehen. Warum auch nicht? Ein Vibrator verfälscht keine Pannenstatistik.

Aber eigentlich ging es in seinem Blatt natürlich schon um Autos. Vielsagend war, dass der ADAC-Kommunikator 1999 die Markt-Einführung des neuen Opel Omega mit einem Massenausflug nach Arizona begleitet hatte, wo 100 handverlesene motorwelt-Leser den Wagen testen durften: “Opel hat alles bezahlt”, freute sich der Chefredakteur, “es war eine wunderschöne Kampagne.”

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Und als ich 2003 im Flur auf meinen Interviewtermin bei Ramstetter wartete, da saß drinnen bei ihm gerade ein Vertreter des Reifenherstellers Pirelli – zur Planung einer Mitmach-Aktion für die motorwelt-Leser. Schon damals wagte eine motorwelt-Mitarbeiterin, mir unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit zu flüstern: “Ich persönlich würde lieber keine Kooperationen machen, denn dann kann man ein Unternehmen hinterher nicht gut in die Pfanne hauen.”

Zu solchen und anderen Vorwürfen der Industrie-Hörigkeit sagte mir Ramstetter damals nur: “Unsere Verbraucherschutzabteilung findet das natürlich alles ganz schrecklich, aber ich habe den Gesamt-ADAC zu vertreten.” Das sollte wohl sagen: Der Zweck heiligt die Mittel. Und gerade so muss es schon seinerzeit das ganze Präsidium des gemeinnützigen Vereins gesehen haben.

So war ich am vergangenen Wochenende nur mäßig überrascht von den erhärteten und von Ramstetter zu verantwortenden Manipulationsvorwürfen beim “Gelben Engel”. Das einzige, was mich nach wie vor ins Grübeln versetzt: Warum wurde denn – so der heutige Wahrheits-Wasserstand – nur den absoluten Teilnehmerzahlen auf die Sprünge geholfen, die kaum jemanden interessieren? Wäre es nicht viel naheliegender gewesen, gegen gutes Geld auch das passgenaue Ranking zu liefern? Auf dass der bessere VW gewinne?

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Nach inzwischen von deutscher Politik und Wirtschaft ad infinitum eingespielter Salamitaktik gilt auch in der ADAC-Affäre vorerst: Morgen ist wieder ein neuer Tag, und die Wahheit von heute ist der getaute Schnee von gestern, der einen ganzen Gletscher an Metaphernsalat freigibt – nein, ich meinte natürlich: einen Abgrund an Publikums-Verrat. Und die VW-Führung weint Krokodilstränen im Takt.

Aber ach, das Publikum, es will ja belogen und betrogen sein. Es muckt und muckt nicht auf. Es boykottiert nicht Google, nicht die Schweinebauern, nicht all die falschen Doktoren, nicht die Banken und selbstverständlich nicht den ADAC, des deutschen Autofahrers seelischen Heimat-Gau. Merkwürdigerweise hat es nur einen, nicht einmal besonders dreisten, Trickser und Täuscher fallen lassen: die katholische Kirche.

Verheerend ist indes der Kollateralschaden, den die übrigen, immer wieder Davongekommenen verursachen: Kaum ein Konzern, kaum ein Verband, kaum eine Partei, die noch Glaubwürdigkeits-Kredit hätten. Sie sind, bis auf Ausnahmen, moralisch bankrott, da können sie reden, was sie wollen. Auch für teures Werbegeld wird da kein ehrlicher Schuh mehr draus, solange unpassenden Wahrheiten im Zweifelsfall nachgeholfen wird.

Michael Ramstetter, der gefallene gelbe Engel, der seinen Hut genommen und einen großen Schaden eingestanden hat, um den ADAC-Granden einen noch größeren zu ersparen, sagte mir übrigens damals beim Abschied in München: “Für den Fall, dass man mich mal nicht mehr lieb hat, richte ich mich so ein, dass ich in 30 Sekunden meine Sachen packen kann.” Ich wusste es zu der Zeit nicht, aber das war ein Satz, der so fast wortgleich von einem großen Verbrecher stammte: von Robert de Niro als Gangsterboss in “Heat”.

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One Comment

  1. […] wenn der Verkehr zum Stehen kommt. Oder wenn es um einen großen deutschen Verein geht – hier bitte unbedingt den letzten Absatz lesen, dieses feine Zitat haben die großen Medien […]

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