Gedanken aus der Röhre

Der moderne Mensch hat Zipperlein. Je oller, je doller. Und wenn er dann noch das Vergnügen hatte, aus hier besser nicht näher genannten Gründen bei voller Fahrt über den Fahrradlenker abzusteigen und auf dem rechten Handballen im Straßenbegleitgrün zu landen, ist er mit Zipperlein für Wochen und Monate versorgt.

Was bekommt der moderne Mensch dann? Er bekommt, nachdem Röntgenbilder auch nach vier Wochen noch keine Hinweise auf die gefühlten inneren Verwüstungen erbracht haben, ein MRT. Bitte, das ist eines dieser Buchstabenkürzel, die heute in entwickelten Industrienationen zum Alltags-Sprachschatz gehören und bei jedem Partyplausch sofort ganze Bildwelten heraufbeschwören. Auch wenn man oft nicht so genau weiß, was sie eigentlich Buchstabe für Buchstabe heißen oder wie sie korrekt zu verwenden wären.

Digger, schreibst du mir SMS.

Alter, setz ich dich CC.

Schwester, gehst du mit mir BDSM. Nein, streichen Sie das, aber Sie verstehen das Prinzip.

Geh ich also MRT. Magnetresonanztomographie. Ein „bildgebendes Verfahren zur Darstellung von Struktur und Funktion von Gewebe und Organen“. Technologisch sehr weit vorn, hardwaremäßig monströs aufwändig, trumpmäßig teuer. Sodass man sich als Kassenpatient beglückwünschen darf, wenn man schon acht Monate nach der unklaren Diagnose einen Termin bekommt (ich bekam ihn innerhalb von zwei Stunden, weil derjenige, der ihn eigentlich vor acht Monaten bestellt hatte, inzwischen verstorben war. „Oh, ich sehe gerade, da ist gleich um 10.30 Uhr was frei geworden. Oder möchten Sie nächstes Jahr im Februar kommen?“ – „Danke, nehm‘ ich!“).

Und dann steht sie da vor einem, die berühmte Röhre, in die man geschoben wird. Aber nicht, ohne vorher auf einer Art Streckbank aufgebahrt und fixiert worden zu sein, in – je nach betroffenem Körperteil – mehr oder weniger entwürdigender Haltung. In meinem Fall so wie Superman, bäuchlings fliegend liegend, den rechten Arm vorgestreckt, das Handgelenk  eingeklemmt zwischen Kissen, Keilen, Klötzen und anderem Verpackungsmaterial. Auf dass man die fraglichen Glieder ums Verrecken keinen Millimeter bewege.

Mit einem mindestens ebenso entwürdigenden, gallenblasenartigen „Panikknopf“ an einem Kabel in der anderen Hand, den man ganz fest drücken soll, falls man das Waterboarding Procedere wegen übertriebenem Dadaismus abbrechen möchte (auf eigene Kosten?).

Und mit einem final demütigenden Micky-Maus-Kopfhörer auf dem Kopf, gegen die absolut unberechenbaren und unerklärlichen Brumm-, Knack- und Klopfkaskaden, mit denen man auch so immer noch überdeutlich bombardiert werden wird, während ansonsten nichts geschieht.

Volle zehn Minuten lang.

Zehn Minuten Röhre. („Haben Sie Metall im Körper? Sind Sie Android von Beruf? Haben Sie Beklemmungen in engen Räumen? Ja. Nein. Vielleicht.“)

Für zehn Minuten durch ein Wurmloch im Alltag in eine andere Dimension reisen, unter bläulichem Licht eine Erkundung des blanken Nichts vornehmen, eine Spanne der existenziellen Einsamkeit durchmessen. Innere Einkehr, Läuterung, andere würden sagen: Fegefeuer – schön eigentlich, solch eine Chance mal wieder geboten zu bekommen. Ich habe das schon früher mitgemacht und war also diesmal vorbereitet auf die Begegnung mit mir selbst. Diesmal würde ich sie mir merken und baldmöglichst aufschreiben: die Gedanken in der Röhre. Diese besonderen Perlen des puren Seins.

Kann losgehen. Beamen Sie mich rein, Schwester!

Gut, es war jetzt nicht soooo dolle.

Es war etwa so:

Mann, Mann, Mann. Scheiße, das drückt! Was jetzt, hat das schon angefangen? Ah, da, es knackt! Eins, zwei, drei. Vier. Wieso Pause? Häh? Da ist kein Rhythmus. Das ist kein Rock’n Roll! La-laaaa, la, la-laaaa. Knattern. Fucking Maschinengewehr, oder was? Knack, Fuck, knack, Fuck. Diese MRT-Schwester wär ja auch… ach, egal. Boah, das drückt echt! Drückt mir voll den Puls ab. Ich mein, ist das jetzt nicht so wichtig hier,  dass da auch Puls ist? Holla die Waldfee! Gibt die mir da dieses Minikissen. Ich wollte noch eins, dass  wenigstens der Kopf nicht tödlich abgeklemmt wird. Aber da gab’s nur noch so einen Schaumstoffkeil. Dabei fragt die noch, ob alles gut ist. Ja klar, Schwester, wann darf ich wieder atmen? Ratattatatatatattt! Fucking Maschinengewehr! Es drückt, ey, Wahnsinn! Da ist doch kein Puls mehr! Hirntumor. Ich hab bestimmt einen Hirntumor, aber sie finden ihn nicht, weil mein Kopf nicht in der Röhre ist. Oder ist er doch? Ist er doch, oder? Aber die sehen den nicht auf ihrem Dingsda. Handtumor. Noch nie von gehört, gottseidank. Ich brauch sowas jetzt echt nicht, ich muss doch noch… wieso eigentlich Blaulicht? Ich mein, versuch ich hier meine Vene zu finden oder was? Wie so ein Junkie. MRT-Junkie. Blaues Licht in engen Röhren. Wär ein Buchtitel. Blaues Licht. Die wollen mich einschläfern. Okay, meine Socken hätte ich mal wechseln können. Es drückt zum Wahnsinnigwerden! Wie lange wohl schon? Drei Minuten? Luft anhalten. Ich muss nicht die Luft anhalten. Ich bin nicht unter Wasser. Ich krieg keine Panik. Ich krieg wirklich keine Panik. Take that, blöder Panik-Gummiball am Kabel. Fühlt sich an wie Sexspielzeug, nur ohne Sex. Ich will jetzt einen Avatar steuern, so einen blauen Vier-Meter-Schlumpf. „Ich sehe dich!“ Einmal Ikran fliegen, geil! Meine Hirnströme… ich hab bestimmt einen Hirntumor. Hier und heute wär die letzte Chance, den zu finden. Und die untersuchen meine Hand. Verdammte Kassenmedizin! Bittere Pillen.  Wie lange denn noch? Ferne Explosionen, doch die Front rückt näher. Badumm! Badumm! Pock-pock-pock-pock! Ratatatatatatatatat! Flieger auf elf Uhr! Wieso ist mein Daumen so komisch verdreht? Der liegt doch so unter den anderen Fingern, wie soll man da was auf den Bildern… die Schwester ist schuld, die hat den so verkeilt. Jaja, nicht bewegen. Nicht bewegen! NICHT BEWEGEN! Wie so’n Papagei, die Alte. Aber wenn ich den Ellbogen wenigstens etwas… so… und jetzt den Kopf… ah, besser. Ein bisschen besser. Eigentlich kaum besser. The Fuck, das drückt! Magnetstrahlen. Bin ich jetzt blöd, oder spür ich die in der Hand? Ganz deutlich, oder? So ein kleines Zucken jedesmal. Da! So ein Puckern. Wieder! Die verstrahlen mich. Überdosis. Aluhut. Die Regierung. Aliens. Sie kontrollieren uns alle. Zu viele Filme gekuckt. Das schreib ich alles auf. Ich schreib das alles auf!

„Oh, hallo! Sind wir schon auf Pandora? Vergessen Sie’s, Schwester. Kleiner Scherz, nichts für ungut.“

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