Zettel’s Albtraum

Wie ich einmal etwas im Internet kaufte, das nicht ganz meinen Erwartungen entsprach. Und was alles schiefgehen kann, wenn man bedrucktes Altpapier bestellt.

Dies hätte ein Text werden können, der von den Segnungen des Online-Handels … ähm … handelt. Davon, wie es doch auch geht: Kunde bestellt, Anbieter liefert. Schnell, auf den Punkt, zur äußersten Zufriedenheit. Nicht immer diese Gezicke, Gezanke, Gemache und Getue. Einfach mal: gute Arbeit und damit Schluss.

Oder von folgender Variante, etwas realistischer: Kunde bestellt, Anbieter liefert etwas Falsches. Kunde reklamiert, Anbieter schickt neu, äußerste Zufriedenheit.

Oder noch realistischer: Kunde bestellt, Anbieter liefert etwas Falsches. Kunde reklamiert, Anbieter erbittet Rücksendung und verspricht Neulieferung, Kunde sendet zurück, Anbieter erstattet umgehend Rücksendekosten, Anbieter schickt neu, äußerste Erschöpfung Zufriedenheit.

Etwa so hätte es kommen können.

Dann aber schlug das Leben zu. Das Leben, das dem Online-Händler Dodax AG aus Zug in der Schweiz eine knifflige Aufgabe gestellt hatte: Lieferung eines Abreißkalenders zum Stückpreis von 3,82 Euro. Das klingt nicht schwierig? Ja-haaaaaaaa! Bedenket: Der Abreißkalender sollte nicht für dieses, nicht für nächstes, sondern für voriges Jahr gelten.

„Ja wie?“, fragen jetzt alle supersmarten Superchecker, die noch nie irgendwelche komplizierten Sonderwege eingeschlagen haben aus Angst davor, dass das in ihrem Lebenslauf nicht gut aussehen könnte. „Wieso das denn jetzt?“ – „Was soll der Quatsch denn?“ Ja, ist doch klar: weil 2016 ein Schaltjahr war. Da gab es ein Kalenderblatt vom 29. Februar im Abreißkalender. Und so was braucht man doch manchmal. Also jedenfalls, wenn man zu den (ehemaligen) Kindern gehört, die auch Schlemihl aus der Sesamstraße ein gebrauchtes „O“ abgekauft hätten.

Genau genommen war ich glücklich, beim mir bis dahin unbekannten Online-Händler Dodax überhaupt fündig geworden zu sein. Denn als einziger im ganzen Internet bot er genau das gebrauchte „O“ Gesuchte: einen Abreißkalender für 2016. Im September 2017. Versuchen Sie das mal in einem richtigen Laden. Quietsch, Ladentür auf, Sie wünschen, ja also ich suche einen Abreißkalender vom letzten … Ja guter Mann, seh ich aus wie’n Altpapierhändler? Quietsch, baduff, Ladentür (nachdrücklich) zu.

Your order – we care

Aber nicht bei Dodax. „Your order – we care“, steht da in vertrauenserweckend fettgedrucktem Schweizerenglisch auf meiner Bestellbestätigung:

Lässt das Internet implodieren: Schalttagsbombe 2016 (Gelbe Markierung)

Tatsächlich lieferte Dodax dann bald darauf. Einen Abreißkalender, wie schön! Doch was ist das: ein Abreißkalender für 2017! Kein Schaltjahr. Zur Sicherheit schnell durchgeblättert: kein Schalttag, kein 29. Februar.

Aber auch kein Nichts an der Stelle. Und das ist ja nun blitzgescheit von der Firma Zettler (toller Name für einen Abreißkalenderhersteller): Der Zettelblock soll jedes Jahr genau gleich dick sein, wegen der maschinellen Grundeinstellungen bei der Abreißkalenderpapierstapelverarbeitung. Aber alle vier Jahre müssten Abreißkalender eben einen Abreißzettel mehr haben. Und deshalb – gibt’s von Zettler jedes Jahr 366 Zettel. Wenn man beim Abreißen an der Stelle angekommen ist, wo nun der 29. Februar sein könnte, aber in drei von vier Jahren eben nicht ist, dann ist da dann trotzdem ein Abreißzettel. Nämlich der hier:

Hier hätte eine 29 stehen sollen. (Disclaimer: Dies ist nicht das retournierte Exemplar.)

Zurück zum Thema, Schnelldurchlauf: Aufregung, Herzrasen, Betablocker, Email, bitte neu schicken, ja, aber bitte zurückschicken, ja, aber kostet, ja, aber ersetzen wir, ja, aber ich will 2016, ja, schicken wir nochmal, ja, dann ist ja gut. Gut.

Diese Schweizer! Geld können sie.

Dann bat mich Dodax noch vertrauensvoll, ihnen formlos mitzuteilen, was mich denn die Rücksendung des falschen Kalenderleins gekostet habe. Drei Euro, schrieb ich wahrheitsgemäß, inklusive Briefumschlag und Spucke zum Anlecken des Klebestreifens. Zack, am nächsten Tag stehen drei Euro auf meinem PayPal-Account. Diese Schweizer! Geld können sie. In beide Richtungen, wenn’s sein muss.

Aber leider: keine Lieferung von „2016“. Die Tage vergehen. Nix.

Aufregung, Herzrasen, Betablocker, Email, nix bekommen, ja, aber Sie haben ja auch nicht zurückgeschickt, ja, aber hab ich ja wohl, ja, aber fragen Sie mal bei den Nachbarn nach oder bei der Post, ja, aber da ist nix, ja, aber sicher bald oder wir schicken neu, ja, dann ist ja gut. Gut.

Und wirklich, gestern kam ein Päckchen von Dodax. Was sie da wohl geschickt haben? Einen Abreißkalender, wie schön! Nicht für 2017, wie ausgesprochen schön! Aber was ist das: stattdessen für 2018. Kein Schaltjahr. Zur Sicherheit schnell durchgeblättert: kein Schalttag, kein 29. Februar.

Aufregung, Herzrasen, Betablocker, Email, Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit der Schweiz.

Immerhin, heute entdeckte ich bei näherer Untersuchung, dass mein Zettler-Abreißkalender für 2018 nicht nur 366 Vorderseiten hat, sondern auch ebensoviele Rückseiten. Für „Sudoku, Rätsel, Witze, Rezepte und vieles mehr“! Von den Gedichten ganz zu schweigen. Hier, zum Beispiel am Sonntag, 17. Juni:

Mit Lob lässt sich viel erreichen
denn es lässt den Unmut weichen.
Wenn einer etwas nicht gern tut,
dann wirkt es besonders gut.

Und dieses ganze pralle Jahr liegt noch vor mir. Beim Rezept für Kartoffelsalat am 25. Mai ist noch lange nicht Schluss. Denn da kommt noch etwas, hinten, ganz am Ende. Das totale Zen. Auf den letzten 18 Rückseiten: gar nix außer reinem Recycling-Grau. Auf den letzten 18 Vorderseiten dafür: Raum für Notizen.

Ihr wollt Notizen? Ich geb euch Notizen!

Ich behalte den jetzt, den Zettler-Kalender für 2018 von Dodax. Ich will keinen 29. Februar mehr. Ich will 366 Abreißzettel lang an diesen Onlinekauf erinnert werden. Unterdessen werde ich mir Notizen machen, 18 Seiten Notizen.

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Literaturpolizeilicher Hinweis: Der Titel dieses Blogbeitrags ist eine Variation über ein Thema dieses unsterblichen Autors aus Hamburg-Hamm. Inklusive Deppen-Apostroph bei „Zettel’s“ (im Original natürlich infolge Genialität kein Makel!).

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Update, 2.10.: Ich habe für das ganze kommende Jahr Abreißzettel gratis! Dodax hat blitzblank 3,82 Euro Kaufpreis für den Kalender zurückerstattet. Wie gesagt: Geld können sie, die Schweizer.

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Ein Kommentar zu „Zettel’s Albtraum

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