Ein lokal begrenztes Ereignis

Wie geht man mit einem theoretischen Schrecken um, der in nächster Nähe erst vor zwei Monaten Wirklichkeit wurde? Wie paranoid darf man sein gegenüber der Natur? Oder muss man es vielmehr sogar? Fragen, mit denen ich mich in den Ferien eigentlich nicht herumschlagen wollte.

Das ist mein idyllischer italienischer Urlaubsort, Casamicciola Terme auf Ischia.

Ein malerisches altes Städtchen, hingegossen zwischen steile Hänge vulkanischen Ursprungs. Es gibt überall Thermalwasser, weshalb hier schon Henrik Ibsen ähnlich wie ich in irgendeiner warmen Quelle hockte und Teile von Peer Gynt schrieb (anders als ich, zugegeben). Der Vesuv ist in Spuckweite, gleich gegenüber in der Bucht von Neapel. Und das ist das Problem.

Denn vor gerade mal zwei Monaten – da hatten wir längst gebucht – zeigten die Fernsehnachrichten auch in Hamburg Szenen der Verwüstung nach einem Erdbeben, das „die Urlaubsinsel Ischia“ am 21.8.2017 kurz vor neun Uhr Abends mitten in der Hochsaison heimgesucht hatte: Häuser eingestürzt, zwei Frauen tot, Dutzende Verletzte, drei Brüder unter dramatischen Umständen lebend aus den Trümmern gezogen, einer davon ein Säugling.

Das Beben, stellte sich heraus, war selbst für die Verhältnisse der recht winzigen Insel noch lokal begrenzt gewesen. Nämlich genau auf unseren Urlaubsort. Auf ein vielleicht einen Quadratkilometer großes, dicht mit alten Häusern bebautes Gebiet, vielleicht einen Kilometer schräg oberhalb unseres Hotels gelegen.

„Nur geringe Schäden“ am eigenen Hotel. Wie beruhigend.

Will man an solch einen Ort in Urlaub fahren? Eigentlich natürlich nicht. Schon gar nicht ich, der kaum etwas so fürchtet, wie dass ihm der Himmel die Decke auf den Kopf fällt.

Aber will man solch einen Ort ein zweites Mal strafen, indem man ihm auch noch die dringend benötigte Touristenknete entzieht? So wie Tausende, die gleich nach dem Beben abgereist sind oder storniert haben (so dass unser Hotel bemerkenswert viel Platz am Pool bietet)?

Oder war vielleicht alles nur „von den Medien aufgebauscht“, wie unsere Hotelchefin nicht müde wurde zu versichern? Da hätten Fernsehreporter sich eigens vor uralte, verfallene Ruinen gestellt, die es im Ort nach jahrzehntelanger Vernachlässigung auch gibt und aus denen schon Bäume wachsen – nur um möglichst drastische Bildhintergründe für ihre Aufsager zu erhalten. Andere hätte Archivbilder früherer Beben in MIttelitalien mit viel massiveren Schäden oder gar Aufnahmen von Vulkanausbrüchen in ihre Beiträge montiert. Dagegen sei hier auf Ischia ein ZDF-Reporter, eigens aus Deutschland ausgesandt, ohne Aufnahmen wieder abgereist, da es ja gar keine Trümmer zu sehen gäbe. Das eine der beiden Todesopfer sei erst im Nachhinein einem Herzinfarkt erlegen. Und insbesondere an diesem Hotel hier habe es „nur geringe Schäden zu reparieren“ gegeben. Wie beruhigend.

Gefühl sagt: Nein, nicht aufgebauscht!

Ich sitze, während ich dies schreibe, im ersten Stock des schmucken, dreistöckigen Hauses aus den Siebzigerjahren und habe das deutliche Gefühl: Nein, nicht aufgebauscht. Mir reicht, was ich damals im (seriösen) TV und heute bei einem Erkundungsgang gesehen habe. Denn die Spuren sind, mitten in der Herbstferienidylle, natürlich gegenwärtig. Wenn man die Nebenstraßen durchwandert – bis dorthin, wo bis heute die Sperrzone der größten Zerstörung beginnt und man am Maschendrahtzaun umkehren muss.

Ich schlafe nicht sehr gut in meinem an sich ruhigen und geschmackvollen Hotelzimmer. Ich bin nicht nur Familienvater, dessen beide Kinder in einem der Nachbarzimmer einquartiert sind. Ich bin auch Autor und Schriftsteller. Das heißt, meine Phantasie zerrt mich des Nachts am Nasenring durch die Arena. Es nützt nichts, mir potenzielle Fluchtwege einzuprägen. Das Beben vom August hat angeblich ganze fünf Sekunden gedauert.

Es nützt auch die Bauernregel nichts, dass ein Blitz nie zweimal an derselben Stelle einschlägt. Die zweite Stelle könnte ja ein paar Hundert Meter von der ersten entfernt liegen. Es tröstet erst recht nicht, dass bei einem Beben in Casamicciola im Jahr 1883 schon einmal sage und schreibe rund 1800 Menschen umgekommen sind. Nein, ich liege wach und meine, bisweilen ein leichtes Vibrieren durchs Haus laufen zu spüren. Was natürlich nur meine blanken Nerven und deren elektrische Kurzschlüsse sind.

Bemerkenswert, wie die übrige Familie sich ausschließlich um das Tagesprogramm und die Wettervorhersage zu sorgen scheint. Wie machen die das?

Das Leben geht weiter. Außer für zwei Menschen.

Ich weiß, es ist die Gleichzeitigkeit von verblassenden Spuren des Schreckens und aktueller, allumfassender Idylle: Die Sonne scheint, die Eiscafés haben geöffnet, die Vespas knattern durch die steilen Gassen, die Blüten duften und die Glocken läuten. Was soll man da Ängste spazieren führen, in den „schönsten Wochen des Jahres“? Das Leben geht weiter. Außer für zwei Menschen, die längst beerdigt sind. Aus dem Leben gerissen, von einer Sekunde auf die andere …

Ja, schon gut. Spielen wir also weiter Lotto mit dem Sensenmann. Genießen wir das Leben, solange noch das Lämpchen glüht, palim, palim.

Nur ich werde auch kommende Nacht wieder dieses Vibrieren spüren, dieses kaum wahrnehmbare Zittern aller menschlichen Existenz.

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