Bitte verwechseln Sie sich nicht mit einem Wolf

Mein ehemaliger Bürokollege Andreas Beerlage hat getan, was Journalisten wie wir bisweilen tun, weil wir aufgrund eines Gendefekts nicht anders können: Er hat ein Sachbuch geschrieben.

Warum sollte jemand noch eigenhändig ein ganzes Buch schreiben, wenn man Mark Twains unsterblichen Worten zufolge doch inzwischen „für fünf Dollar an jeder Ecke eins kaufen kann“?

In diesem Fall lautet die Antwort: weil es verdienstvoll ist. Denn ein Buch wie seines über die Rückkehr der Wölfe nach Deutschland gab es noch nicht. Weder für fünf Dollar noch für 19,99 Euro, die Beerlages Buch im Hardcover kostet.

Das heißt, natürlich gibt es auch schon Bücher über die Rückkehr der Wölfe nach Deutschland. So gesehen gibt es ja immer alles schon. Wenn Sie heute einen Roman schreiben würden, in dem ein kranker Mann und ein Sanatorium die Hauptrolle spielten, kämen Sie sich als 22-Jähriger ohne Literatur- oder Geschichtskenntisse vermutlich wahnsinnig innovativ vor. Aber dann käme so ein alter Sack aus dem Feuilleton der FAZ, der noch Germanistik studieren musste, und riefe mit gespieltem polnischem Akzent: „Das hat Thomas Mann schon gemacht, und besser!“

Nicht der Weiße Hai des Waldes

Hier aber kann das keiner rufen, denn erstens hat Thomas Mann zeitlebens kein Sachbuch über Wölfe geschrieben, und zweitens hat sich noch keiner so sehr die Mission auf die Fahne geschrieben wie Beerlage, die gängigen Mythen und Stereotypen über Wölfe zu zerschmettern. Richtig so! Hilft ja nichts, wenn immer alle Erdmännchen komisch, Nacktmulle hässlich, Spinnen eklig und Wölfe – na ja, eben verschlagen, grausam, gefährlich und feige finden. Es ist alles Quatsch. Warum, erklärt Ihnen Andreas Beerlage.

Und er erklärt es gut. Er gräbt sogar den ganzen Mist aus, den man im Mittelalter über Werwölfe verzapft hat, ja, wirklich: Werwölfe. Nicht, dass die heutigen Berichte in Boulevardmedien über richtige Wölfe irgendwie realistischer wären – sie stellen das schöne Tier eher als den Weißen Hai des Waldes dar. Selbst dieses Seemannsgarn hat Beerlage mit der Kneifzange aus den Archive geholt und unterhaltsam ausgewertet.

Das Schöne ist: Er schlägt die Verbreiter von reißerischen Fake News mit ihren eigenen Waffen: mit einem locker-flockig lesbarem Stil und vielen szenischen Eindrücken. Beerlage schreibt nicht, wie Heinz Sielmann in den Siebzigern gefilmt hat, betulich und faktenhuberisch. Sondern er lässt Sie miterleben, als wären Sie und der Wolf schon in gegenseitiger Riechweite. Was verdammt nah dran ist – also Ihre Riechweite als Leser, nicht die des Wolfes, der Sie schon auf 500 Meter gewittert hat.

Der Autor schreibt aber auch angenehm subjektiv. Das ist ja etwas, das man in Deutschland heute sonst gar nicht mehr darf, wenn man von einem seriösen Sachbuchverlag (Gütersloher Verlagshaus = Random House) gedruckt werden will. Zitat zum Beleg? „Ich glaube nicht an LKW-Ladungen von Wölfen, die herangekarrt werden, um später reihenweise Menschen anzufallen. Aber auch nicht, dass ich einen Wolf in mir trage.“

Auch schlimm: das umgekehrte Extrem

Das nämlich ist im Deutschland der Grimm-Brothers immer die entgegengesetzte Gefahr, dass da so Wald-und-Wiesen-Esoteriker vor Freude weinen: Oha, die Wölfe kehren zurück, das muss ein Zeichen sein, sie wollen meine Freunde sein, genau wie die Bäume! Da channele ich jetzt mal kräftig meinen inneren Wolf und heule nachts mit dem nächsten Rudel, dann sind wir alle eine glückliche Familie! (Ein schwerer Fehler, den so ähnlich schon die Hauptfigur in Werner Herzogs extrem emfehlenswertem Dokumentarfilm Grizzly Man gemacht hat.)

Nicht mit Beerlage. Am Ende des Buches werden Sie wissen, was Sie vom Wolf persönlich erwarten dürfen und was nicht, wenn Sie zwischen Autobahn und Gewerbegebiet mal einem begegnen sollten. Und das, was Sie nicht erwarten dürfen, wird wahrscheinlich deutlich überwiegen. Aber dafür verstehen Sie dann auch auf einen Rutsch mehr von Zoologie, als sie in diversen Schuljahren aufgeschnappt haben, wenn überhaupt.

Eine kleine Klage muss ich aber doch führen. Sie betrifft die Aufmachung des Bandes (dem nebenbei ein paar Bilder von den Rückkehrern auch gutgetan hätten). Nur durch das Einschießen von extrem viel Luft zwischen die richtig, richtig groß gedruckten Zeilen sind da rund 240 Seiten rausgekommen, sodass es für ein Hardcoverbuch mit Schutzumschlag gereicht hat. Irgendwann wird so eine Buchseite deutscher Verlage noch durchschnittlich 25 Wörter in 26-Punkt-Schrift umfassen. Natürlich wegen der älter werden Bevölkerung und ihren Gleitsichtbrillen. In Wahrheit aber, weil man den Kleinen Hobbit dann als 48-Bände-Box im Schmuckschuber für 298 Euro raushauen kann im Weihnachtsgeschäft.

Apropos Weihnachtsgeschäft: Schenken Sie doch mal was ganz anderes: ein gutes Buch! Zum Beispiel „Wolfsfährten – alles über die Rückkehr der grauen Jäger“ von Andreas Beerlage, Gütersloher Verlagshaus, ca. 240 Seiten, 19,99 € (als E-Book: 15,99 €), ISBN: 978-3579086835.

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