Nächste Chance für „Wir sind mehr“

Für Samstag, also übermorgen, planen in Hamburg Anhänger der Furkan-Gemeinschaft einen Aufmarsch. Sie wollen für die Freilassung von Alparslan Kuytul demonstrieren, ihrem organisatorischen und geistlichen Führer. Er sitzt derzeit in der Türkei in Haft.

Die Furkan-Bewegung ist eine extremistische islamistische Organisation. Laut Verfassungsschutz ist ihr Ziel die Errichtung einer sogenannten Islamischen Zivilisation, nämlich eines weltweiten Kalifats, in dem die Scharia gelten soll. Demokatische Werte wie Aufklärung, Trennung von Religion und Staat, Meinungsfreiheit, Frauen- oder beispielsweise Schwulenrechte sind dabei nur im Wege. Juden natürlich ganz besonders. In der Hansestadt haben die religions-faschistoiden Extremisten derzeit angeblich rund 150 Anhänger, vor allem rund um einen Verein mit dem unverdächtigen Namen „Jugend, Bildung und Soziales e.V.“.

Man sollte meinen: ein klassischer Fall für #wirsindmehr, #unteilbar, Rot-Grün, die Linke, Gewerkschaften, christliche Kirchen und insbesondere die Antifa. Neulich erst konnten sie gemeinsam zwischen Jungfernstieg und Gänsemarkt über 10.000 gut gelaunte Menschen gegen etwa 150 Merkel-GegnerInnen mobilisieren. Bei denen – da waren sich alle einig – habe es sich um gefährliche Radikale gehandelt, die unsere Demokratie zerstören wollen. Die Einigung des „breiten Bündnisses“ dürfte also diesmal nicht schwerer fallen. Zumal jetzt noch der Aspekt einer fundamentalistischen, fortschrittsfeindlichen Glaubensideologie hinzukommt, den liberale und linke Demokraten zweifellos erst recht verabscheuen.

Wo die kampferprobten Verbündeten nun schon einmal mit derart vielen DemokratiefeindInnen fertiggeworden sind, bietet sich hier also die nächste Chance. Ein deutliches Signal wären diesmal mindestens 20.000 GegendemonstrantInnen, denn auch auf der anderen Seite ist laut Verfassungsschutz mit wesentlich mehr als den angemeldeten 80 Teilnehmern zu rechnen.

Die Wettervorhersage ist wieder freundlich. Es wird sicher wieder getanzt, gerapt und sonstwie musiziert werden, auch die Transparente vom letzten Mal („Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen“) sind wiederverwendbar. Und auch dieses Mal wieder dürften die zahllosen GegendemonstrantInnen aus der Mitte der Gesellschaft in ausgesucht bunter Kleidung erscheinen, um ein Zeichen gegen Dunkeldeutschland zu setzen.

Wie? Das hat doch mit Deutschland nichts zu tun? Meines Wissens liegt Hamburg in Deutschland. Und das hier geschieht mitten in eurer Stadt, mitten unter euch. Gegen eure Rechte, gegen eure Privilegien, gegen euren Lebensstil, wie zum Hohn auf eurer tolerantes Weltbild. Samstag, 15.45 Uhr, Kurt-Schumacher-Allee. Das geht jeden und jede von euch aufgeklärten, engagierten Demokratie-BewahrerInnen ganz direkt etwas an.

Ihr werdet doch bestimmt nicht wegsehen?

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Nachtrag, 21.10.:

Mehr als 200 Islam-Faschisten waren da. Aber wo wart ihr, links-liberale DemokratieschützerInnen, „wir sind mehr“ und Antifa? Das läuft bei euch unter Religions- und Meinungsfreiheit, gell?

Dafür liefen, ebenfalls am Samstag, etwa zeitgleich rund 100 Schwarzgekleidete mit schwarzen Regenschirmen und schwarz verklebten Mündern im Gänsemarsch durch die City: „March for Freedom“ gegen die weltweite Sklaverei.

Wie gut, dass die „Freedom“ bei uns nicht bedroht ist.

Dechiffrierung des Alltags (2)

Aufdröseln, was sonst verschwurbelt bliebe. Diesmal mit Blut-Krieger Bastian und den Saubermännern: Spiel nicht mit den Schmuddelkindern!

Das ist der Bastian. Bastian ist unser „Blut-Krieger“ (BILD). Damals, als wir noch Fußball konnten, wurde er von den bösen Argentiniern im Endspiel gefällt wie eine deutsche Eiche, wieder und wieder und wieder. Jedes Mal stand er wieder auf, jedes Mal hatte er eine blutende Schramme mehr im Gesicht. Nie trat und schlug er zurück, denn tief drin war er ein friedlicher Junge vom Lande. Aber am Ende dann Weltmeister. Näher sind wir dem alten deutschen Ideal „zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl, sauber wie die Spielautomatenwirtschaft“ nach dem Krieg selten gekommen, und seit dem Sommer 2014 schon gar nicht.

Blut-Krieger Bastian Schweinsteiger jedenfalls weiß, wie weh unsauberes Spiel tut. Deshalb weiß er auch, wie wichtig ein sauberes ist, logisch. Deshalb wiederum hat ihn die deutsche Spielautomatenwirtschaft jetzt auserkoren, ihr neuer Sympathieträger und Vorzeige-Saubermann zu sein.

Schweini können alle rückhaltlos gut finden. Ihn auf dem Foto erkennen, sich erinnern, schwelgen. Und seine Botschaft verinnerlichen. Denn die gilt ja nicht nur für den Fußballplatz, sondern in Schweinis Worten „egal wo und was du spielst.“ Zum Beispiel an der Börse. Im Kindergarten. In der Politik. Oder eben, wenn du deine letzten Münzen in einer Automatenspielhalle verplemperst. Einsam, perspektivlos und von Hartz IV gezeichnet, in der unbegründeten Hoffnung, den Privatkonkurs doch noch abwenden zu können.

Das sagt uns der Basti: Die wollen nur Sauberkeit. Ach, das ist ja mal schön. Rechtschaffene Leute, die Spielautomatenbranchenleute.

Aber selbst diese Bastian Bastion des Idealismus hat heutzutage schwer zu kämpfen:

 

Sie kämpft den guten, den sauberen Kampf. Steht immer wieder auf. Trotz Fouls. Trotz Blutgrätsche. Für ein legales Spiel. Das ist es ja im Grunde nur, ein Spiel. Hey, bloß Spiel! Nicht existenzvernichtend krankhaftes Unglücks-Gedaddel und Ausbeutung eines industriell induzierten Gierreflexes, sondern fröhliche, entspannende Unterhaltung im zwanglosen Austausch mit einem ausgeklügelten mathematischen Profitabilitätsmodell.

Es ist nichts Geringeres als la légalité, für die sie kämpfen. Legalität – statt illegaler Internet-Spielhöllen, wo unlizensierte und nicht TÜV-geprüfte Casino-Webseiten den arglosen Spielern Stromschläge über die Tastatur verpassen. Wo neben dem Laptop die Flasche lauert. Wo versteckte Trojaner pausenlos ihre Manipulationen an den heimischen Rechner funken: „Überweis mir mehr Geld! Mehr! MEHR! Und jetzt noch das Häuschen, das dir Erbtante Annemarie auf dem Totenbett überschrieben hat!“

Nicht mit der deutschen Automatenwirtschaft! Sie hat die fünf goldenen Regeln, die so etwas verhindern. Also zumindest, dass jemand wirkliche Regeln aufstellt. Verpflichtende Regeln. Gesetzliche Regeln. Strafbewehrte Regeln. Solche, die das Ausbeuten des Spiel- und Gewinntriebs tatsächlich untersagen oder zumindest stark einschränken würden. Regeln zum Schutz der Angreifbaren vor den Angreifern.

Da! Ein Eichhörnchen!

Derartige Regeln würden vielleicht stattdessen heißen: Kein Zutritt ohne Nachweis finanzieller Eigenverantwortung und ausreichender Spielsucht-Resistenz. Keine Geschäfte mit der Sucht. Keine Ausschüttungsquote, die den Spieler gegenüber dem Spielautomatenbetreiber strukturell benachteiligt, dass es die Sau graust. Übernahme der Therapiekosten für Suchtopfer und Ausgleich der ihnen entstandenen materiellen Schäden.

Aber es gibt ja zum Glück schon strenge Normen („geprüfte Qualität“), weshalb sich der Gesetzgeber nicht mehr zu kümmern braucht. Die Arbeit hat ihm die Industrie abgenommen. Er kann beruhigt woanders hinschauen – da, ein Eichhörnchen!

Die deutsche Spielautomatenwirtschaft ist nämlich eigentlich eine Art Social Enterprise, eine Nichtregierungsorganisation mit Verantwortung für, ähm, Verantwortung. Und nicht einfach nur eine weitere Lobby, die durch eine fadenscheinige „Selbstregulierung“ die wirkliche, unerlässliche, längst überfällige Regulierung ein weiteres Mal abzuwenden sucht.

Ohnehin besser, wenn der Staat wegschaut. Allein in Nordrhein-Westfalen sind allein im Jahr 2014 rund 1,5 Milliarden Euro in den Geldschlitzen der Automaten verschwunden. Davon bekommt jetzt nicht nur Basti, der saubere Blut-Krieger, ein kleines Fotohonorar. Es bleibt auch noch was übrig für die darbenden Kommunen am Tropf der Spielautomatensteuer.

Wenn das nicht fair ist.

Happy 70, Hamburger Abendblatt! 80 wirst du kaum noch werden.

Das Hamburger Abendblatt, die einzige „Qualitäts“-Tageszeitung für die zweitgrößte Stadt Deutschlands, ist jetzt 70 Jahre alt. Auf endlosen Seiten feiert sich das Blatt in seiner Wochenendausgabe dementsprechend erst mal selbst, bevor die eigentliche Zeitung losgeht.

Dabei gibt es – jenseits von Nostalgie – nichts zu feiern. Und es bedarf schon viel Phantasie sich vorzustellen, dass im Jahr 2028 der 80. Geburtstag noch erreicht wird.

Man könnte tausend Gründe nennen, warum das Abendblatt den Niedergang der deutschen Mainstream- und insbesondere der tagesaktuellen Newsmedien auf den Punkt bringt wie kaum eine andere Zeitung.

Man könnte über die Kaputtspar-Mentalität schreiben, die in den späten Neunzigerjahren schon in den Ursprungsverlag Axel Springer Einzug hielt (der es heute allerdings schafft, seine „Welt“ wieder ziemlich flottzumachen). Über die Praktikantisierung und Prekarisierung aller originär journalistischen Aufgaben. Über den immergleichen, bräsigen Stiefel, den das Abendblatt seit Jahrzehnten daherschreibt über die immergleichen Themen, die immer weniger Abonnenten ausschließlich in den wohlhabenden Hamburger Stadtteilen interessieren. Über das Buckeln vor der Macht in Senat, Werbewirtschaft und Hafen. Über die Denk- und Schreibverbote, die bleischwer und unausgesprochen auf der Redaktion lasten.

Man könnte über den 2014 vollzogenen Verkauf an die Funke-Mediengruppe (ehemals WAZ-Gruppe) sprechen, wodurch dem zombiehaften Nachrichtenmedium indes nicht ein Funke neuen Lebens eingehaucht wurde. Sondern im Gegenteil: Das Blatt dümpelte strategielos weiter dahin – bis auf die Strategie, insgeheim noch mehr am Journalismus zu sparen (was eigentlich gar nicht mehr möglich war). Während sich Geschäftsführer und Executives in Essen die Taschen füllten und bis heute füllen.

Man könnte über die Abendblatt-App schreiben, die immer noch wirkt wie ein Produkt von 1998, oder über die 2018 geplante „Online-Offensive“, die nur eines ans Licht bringen wird: dass man bei Funke keinen Schimmer hat, wie „Online“ im fortgeschrittenen 21. Jahrhundert aussieht (keinesfalls so wie die furchtbare WAZ-Homepage). Oder wie man es erfolgreich „monetarisieren“ könnte. Nämlich in Form, Vielfalt und Funkion mindestens ein wenig angelehnt an Zeitungen wie den britischen Guardian oder die New York Times.

Apropos Times: Dort, 5000 Kilometer weit weg, berichtet man informativer über den Hamburger Osten als im Zentrum des hansestädtischen Qualtitätsmedienbetriebs. Der Schritt über die Alster scheint vom Hudson aus nicht ganz so mühsam zu sein.

Aber all das ist oft genug beschrieben worden, teilweise mit bitterem Galgenhumor, nicht zuletzt in diesem Blog.

Daher zum runden Geburtstag des Frühvergreisten stattdessen an dieser Stelle nur noch ein kurzer Blick auf das, was laut Hamburger Abendblatt von heute außer dem Hamburger Abendblatt sonst noch in aller Welt stattgefunden hat.

Auf Seite 48 nämlich, unter „Aus aller Welt“, berichtet die Printausgabe der Zeitung an diesem 13. Oktober 2018 über ein Feuer im ICE auf der Strecke Köln-Frankfurt (die verläuft bekanntlich in aller Welt). Ein vierspaltiger Artikel mit zwei Bildern und einer Grafik.

Und nicht ein Wort über die Brandursache. Nicht nur, dass man sie nicht nennt (das wäre verständlich, weil sie noch nicht endgültig feststand). Nein, man wirft nicht einmal die Frage nach der Ursache auf. Was die Leser dieses Beitrags selbstverständlich tun, noch bevor sie ein Wort gelesen haben. Ein ICE ist ausgebrannt, hey, das kann passieren, aber alle sind wohlauf. Die Journalisten stellen die Warum-Frage im Artikel einfach nicht, das kommt ihnen nicht in den Sinn.

Qualitätsjournalismus Ende 2018: Sie sagen höchstens noch, was ist (respektive im Politikteil, was sein sollte). Warum es ist, wie es ist, wollen sie nicht mehr wissen. Sie recherchieren und analysieren nichts mehr bezüglich irgendwelcher Ursachen. Aber die Gefühle, die das, was ist, bei den davon Betroffenen auslösen, die werden immerhin ausgiebig abgefragt und niedergeschrieben. Denn Gefühle, hat der Praktikant gelernt, erzählen die Geschichte so schön „am Menschen entlang“.

Solch ein Hilfsschuljournalismus genügt Ihnen nicht? Dann schreiben Sie dem Abendblatt doch einen Leserbrief! So mit Briefmarke vorn drauf und ab zum Postamt. Vielleicht wird er dann sogar in einer der nächsten Print-Ausgaben veröffentlicht.

Denn mal eben online kommentieren können Sie beim Abendblatt leider nichts. Keinen Bericht, keine Glosse, keinen Leitartikel. Das würde alle viel zu nervös machen. Es würde die Welterklärer-Weisheit der Redakteure auf den Prüfstand des common sense stellen. Am Ende würden gar Debatten entstehen. Und Ihre unbotmäßige Meinung müsste man dann immer kostenaufwändig durch 450-Euro-Kräfte wegmoderieren lassen. Die letzte bürgerliche Großzeitung der zweitgrößten Stadt Deutschlands bittet daher um Verständnis. Und möchte jetzt nicht mehr beim Feiern gestört werden.


Die Ökonomie der Gefühle (6): Glück

Geschätzte Finanzvorstände und Börsengurus! Teure Mitglieder des Geld-Adels! Werte, sehr vermögende Seminarteilnehmer!

Ich freue mich, Sie heute Vormittag wieder alle hier in der Business Academy Poschingen versammelt zu sehen, und begrüße Sie aus gegebenem Anlass mit einem kräftigen „Glückauf“!

In unserer Seminarreihe „Die Ökonomie der Gefühle“ haben wir bisher schon manches lukrative Geschäftsmodell untersucht. Ich erinnere nur an die äußerst gewinnträchtigen Marktphänomene der Angst, der Liebe, des Zorns, des Geizes und der Dankbarkeit.

Denken Sie etwa daran zurück, wie wir zum Thema „Geiz“ das Modellbeispiel des amerikanischen Multi-Trillionärs Scrooge McDuck behandelten, in Deutschland bekannt als Onkel Dagobert. Nicht wenige von Ihnen haben seither ähnliche Geldspeicher aufbauen können wie er – dank einer konsequent verfolgten Geiz-Strategie.

Oder führen Sie sich noch einmal die „Dankbarkeits-Währung“ vor Augen, die wir in Folge fünf entwickelten: Wir konnten damals exakt berechnen, wie viele Facebook-Likes für eine dort zur Schau gestellte „gute Tat“ fällig werden, um den Dankbarkeits-Saldo auszugleichen. Vielleicht erinnern Sie sich an die Geschichte, wo jemand einem Obdachlosen seine warme Winterjacke „schenkte“: Er kassierte dafür auf Facebook nicht weniger als 478 Likes. Doch sein Gefühlshaushalt war trotzdem nicht im Gleichgewicht: Insgeheim hatte er mindestens 500 Likes erwartet.

Wir halten also noch einmal fest: Emotionen sind nie kostenlos! Gefühlszustände haben immer einen Barwert. Manchmal können wir ihn nur auf Umwegen errechnen, weil gerade die großen Gefühle sich als „selbstlos“ zu tarnen verstehen. Nicht mit uns, meine Damen und Herren, nicht mit uns!

Das möchte ich Ihnen gerade auch an unserem heutigen Leckerbissen demonstrieren. Es handelt sich sozusagen um den Ferrari Testarossa unter den Emotions-Dienstleistungen: das Glück.

Glück sei nicht käuflich, heißt es. Oder umgekehrt: Geld allein mache nicht glücklich. Schwachsinn, meine Damen und Herren! Auch Glück ist selbstverständlich, wie alles, eng mit Geld verbunden – wer wüsste das besser als Sie!

Und natürlich kennen Sie auch alle den alten Bergmannsgruß „Glückauf!“, mit dem ich Sie eingangs empfangen habe. Entstanden ist er schon vor 700 Jahren im Erzbergbau. Aber hätten Sie’s gewusst: Er ist keineswegs so selbstlos, wie er klingt! Denn da wird nicht etwa in kumpelhafter Solidarität das billige Glück beschworen, dass alle aus der finsteren Tiefe wieder heil an die Oberfläche kommen mögen. Nein, das Zauberwort bedeutete ursprünglich ganz materialistisch: „Glück, tu uns die Erzgänge auf!“ Hinzuzufügen wäre der Ehrlichkeit halber: „Sodass wir stinkreich werden!“

Das Glück, das einen zu Schätzen führt, kommt Ihnen das nicht bekannt vor?  Gerade Ihnen, die Sie normalerweise nichts anderes lesen als Scheckbücher und höchstens noch das eine oder andere Comic-Heft? Wo wir gerade schon bei Onkel Dagobert waren: Die gewinnbringende Qualität des Glücks verkörpert niemand treffender als Donalds Vetter Gustav Gans.

Wo er geht und steht, findet Gustav verlorene Ringe, Goldstücke, Schatzpläne, Geldbörsen – er ist ein so unverschämter Glücks-Magnet, dass er den ewig erfolglosen und bankrotten Donald damit zur Weißglut treibt. Was er übrigens mit diebischem Vergnügen tut. Verfolgt Gustav einen Geschäftsplan, der ihm viel Geld einbringen soll, kommt ihm zuverlässig im richtigen Moment das allerunwahrscheinlichste Glück zu Hilfe. Während Donald, der mit derselben Idee demselben Ziel nachgejagt ist, mal wieder in die Röhre schaut. Und wenn der stets flüssige, prahlerische, in feinstem Zwirn gewandete Vetter Gustav mal wieder fast platzt vor Glück, dann würde Donald am liebsten im Erdreich versinken – oder einen Mord begehen. Das, meine Damen und Herren, ist Glück von seiner glänzendsten und ehrlichsten Seite: das Glück, einen armen Schlucker aus dem Rennen geworfen zu haben.

Apropos armer Schlucker – ich sage nur: Hans im Glück. Lediglich auf den ersten Blick ist das ein Seelenverwandter von Gustav Gans. Bei näherem Hinsehen ist er das arme Opfer vieler glücklicher Zwischenhändler. Das Geschäftsmodell von „Hans im Glück“ soll uns im folgenden als abschreckendes Bespiel dienen, denn dieser Narr macht alles, aber auch alles falsch.

Er erhält von seinem Herrn als Arbeitslohn einen Klumpen Gold, so groß wie sein Kopf. Man sollte meinen: Was für ein Glück! Aber so groß kann der Kopf und damit auch der Klumpen nicht gewesen sein, denn was tut Hans auf seinem Weg nach Hause als erstes? Er lässt sich im Tausch für das Edelmetall ein Pferd andrehen, ein absolut wertloses, das ihn auch sogleich abwirft! Und damit nicht genug: Das Pferd tauscht er gegen eine stinkende Kuh, bloß weil er gerade Appetit auf frische Milch hat, und hält das auch noch für einen „glücklichen Handel“.

Und weil eine Dummheit selten allein kommt, tauscht er daraufhin die Kuh gegen ein Schwein, das Schwein gegen eine Gans, die Gans aber gegen einen Wetzstein – der auch noch schadhaft ist – und einen plumpen Feldstein. Die beiden Brocken fallen ihm dann zu allem Überfluss aus Versehen in einen Brunnen, als er sich zum Trinken bückt. Seine Bilanz sieht also folgendermaßen aus: Losgezogen mit einem Goldklumpen, den er kaum tragen konnte, steht dieser Mann am Ende mit leeren Händen da. Was aber denkt Hans, der Idiot, weil er nun keinen Ballast mehr mitschleppen muss: „So glücklich, wie ich es bin, gibt es keinen Menschen unter der Sonne!“

Schwer zu ertragen, so viel Torheit, ich weiß, meine Damen und Herren! Diese groteske Selbsttäuschung, angeblich „mit leichtem Herzen und frei von aller Last“ bei der Mutter daheim anzukommen. Wenn ich die Mutter gewesen wäre, hätte ich ihn 500 Mal ausrechnen lassen, wie viele Wetzsteine er mir für den schönen Klumpen Gold hätte kaufen können. Oder wie viele Goldmünzen bei einer geiz-orientierten Anlagestrategie à la Dagobert Duck aus dem Klumpen geworden wären. Wie viel Dankbarkeit man sich dafür hätte erkaufen können. Es treibt einem die Tränen in die Augen!

Dabei wartet das Glück – und ich meine selbstverständlich das Glück, das sich in Euro oder Dollar beziffern lässt – ja nur darauf, zu uns zu kommen. Wie sonst wäre es zu erklären, dass in Israel am 16. Oktober 2010 exakt dieselben Lottozahlen gezogen wurden wie im Monat zuvor? Ein Statistikprofessor rechnete damals aus, die Wahrscheinlichkeit einer solchen Wiederholung innerhalb weniger Wochen betrage etwa eins zu vier Billionen. Aber das kann nicht sein, meine Damen und Herren! Sonst hätten wohl nicht 95 Lottospieler, die sich einfach unbeeindruckt auf ihr Glück verlassen hatten, mit den erst im Vormonat gezogenen Zahlen goldrichtig gelegen.

Diese Glücklichen wussten: Man kann das Glück auch zwingen! Lassen Sie sich das Wort „Zwangsbeglückung“ nur einmal auf der Zunge zergehen, liebe Seminarteilnehmer. Auf den ersten Blick scheint es einen Zustand zu bezeichnen, der unfreiwillig und unerwünscht ist. Etwas, das jemandem gegen seinen Willen von anderen Menschen aufgedrängt wird. Doch unter uns Finanzexperten bedeutet Zwangsbeglückung: sein Glück erzwingen – durch Sturheit, Verhandlungsgeschick, Skrupellosigkeit, überlegene Strategie und Taktik.

Ich fasse also zusammen: Glück ist die Königsdisziplin unter den Gefühlszuständen. Es begünstigt die Geschäftstüchtigen, aber nur die Cleversten, Raffiniertesten und Durchtriebensten können diesen Zustand erzwingen. Das Glück und damit auch das Glücklichsein hängt in seiner Intensität unumkehrbar mit dem jeweils in Frage stehenden Geldbetrag zusammen, den es daher immer exakt zu ermitteln gilt.

Dass das Glück seinen Preis hat, wusste schon Tolstoi, als er in seinen Tagebüchern schrieb, es sei „mit Müdigkeit und Muskelkater billig erkauft“. In der Regel allerdings ist es heutzutage sehr viel teurer – zum Glück, meine Damen und Herren, denn sonst, seien wir ehrlich, könnten es sich ja auch Hinz und Kunz leisten. Ich sehe Sie dann nächste Woche wieder hier in der Business Academy Poschingen, wenn wir in unserer Seminarreihe „Die Ökonomie der Gefühle“ den einzigen kostenlosen Gemütszustand behandeln: den Neid.

Zum Archiv bereits untersuchter Emotionen aus der Ökonomie der Gefühle: hier entlang.

Im Zustand der Migration

Meine unmittelbare Nachbarschaft in diesen Tagen. Kleinbürgerliche Wohngegend, Genossenschaftssiedlungen, Rotklinkerblocks. Szenen und Brennpunkte jeder Art sind anderswo.

Zelt auf dem Bürgersteig, darin ein Schlafsack, auf dem Schlafsack ein Schreiben mit dem Logo der Stadt Hamburg. Seit Tagen ist dort niemand anwesend – aber seit Tagen baut auch niemand das Zelt wieder ab.
Zwei Zelte auf dem Friedhof der Dreifaltigkeitskirche, am Fuß des Mausoleums von Karl Sieveking (Hamburger Politiker, Mäzen und Philantrop, 1787-1847). Nach zwei Tagen sind die Zelte verschwunden.

In unserem Viertel, sagte C. einmal zur Migrationsdebatte, habe sich doch gar nichts geändert. Das allerdings ist schon länger her.

Als Großstädter lernt man, das „Andere“ nach Möglichkeit zu ignorieren, um selbst das Privileg zu behaupten, nach Möglichkeit ignoriert zu werden. Dies hier aber bleibt mir vor Augen. Hat die Kirche Asyl gewährt? Die Zeltenden dort sind ebenso abwesend wie der an der Straße, hundert Meter weiter. Der Pfarrer, um Auskunft gebeten, weiß von nichts.

Ich versuche, mich in die Welt von Menschen zu versetzen, die – auf der Durchreise? als Einwandernde? – solche Lagerplätze wählen. Es gelingt mir nur zum Teil. Und selbst dieser Teil wirft neue Fragen auf, die nicht rhetorischer Natur sind.

Was sagen diese Zelte mir?

Was sagen sie über das Funktionieren des Systems Stadt?
Was über Staat und Gesellschaft?
Was über die Bewohner der Zelte?
Was über Eigenverantwortung und Scheitern?
Was über öffentliche und private Räume?
Was über Eigentum und Bürgertum?
Was über Gebräuche und Gewohnheit?
Was über Heimat und Zuhause?
Was über meine Toleranzgrenze?
Was über Hilfebedürfnis und Hilfsbereitschaft?
Was über meine Ängste?
Was über Träume und Albträume?
Was über Recht und Unrecht und das Empfinden dafür?
Was über Kapitalismus und Profit?
Was über Voyeurismus?
Was über unsere Zukunft als Land?

Und warum verstören mich diese zeitgleichen Anblicke so?

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Update 1: Nach etwa fünf Tagen ist inzwischen auch das Zelt auf dem Bürgersteig abgebaut worden.

Update 2: Ein Leser hat angemerkt, die Zelter könnten auch einheimische Obdachlose gewesen sein. Stimmt. Wobei die Migrationskrise die Lebensbedingungen für diese Gruppe stark erschwert: Sie bindet z.B. erhebliche Kapazitäten von Tafeln und Notunterkünften und zwingt die Betroffenen damit verstärkt zurück auf die Straße. Sie produziert zudem neue Obdachlose, indem sie die Konkurrenz um den letzten bezahlbaren Wohnraum zusätzlich verschärft. Insgesamt nimmt das wohnsitzlose Umherziehen (Migrieren) damit weiter zu, wie sich jetzt eben auch in meiner Nachbarschaft zeigt.