Der Literaturpreis, die Zweifel und ich

Ende vergangener Woche habe ich den Förderpreis des Literaturpreises Ruhr 2018 erhalten. Der Rausch war kurz, die Fragen melden sich zurück: Wäre ein trostloser Wettbewerbstext nicht manchmal wichtiger – und damit preiswürdiger?
Wir Preisgekrönten und Krönenden 2018 (Foto: Literaturbüro Ruhr)

Vier Tage Zeit. Vier Tage, um meinen ersten Literaturpreis zu verdauen und wieder nüchtern zu werden an der rauen Wirklichkeit.

Da standen wir also auf der Bühne in Bochum und feierten. Wir, die Vertreterinnen und Vertreter der Literatur, der Kultur, der Zivilisiation. Ein schönes Gefühl. Alle finden warme Worte für alle, alle danken allen, alle ergötzen sich an Live-Musik, Häppchen und Socialising. Der Plural von Laudatio lautet Laudationes, lernte ich.

Und doch bleibt vier Tage später ein Schluckauf, ein Sodbrennen, das nicht vom Verschlingen der Preis-Pralinen kommt. Sondern von meinem eigenen Text.

Ich habe der Jury – und mir selbst – eine Wohlfühl-Geschichte geschrieben. Man könnte sie einfach unter „Unterhaltung“ verbuchen, wenn der Text nicht noch eine andere, verführerische Dimension hätte: eine utopische Wunscherfüllung zur Weihnachtszeit. Alles wird gut, wir schaffen das, das mit der Migration als neuer Normalität.

Vorweihnachts-Phantasie und Wirklichkeit

Meine Vorweihnachts-Phantasie vom irakischen Flüchtling und dem polnischen Opa im deutschen Traditionsverein ist in Herne so ideal verortet, dass sie fast wahr sein könnte: War nicht das Ruhrgebiet immer der „Schmelztiegel der Nation“? Hart arbeitende Menschen in einer egalitären Welt unter Tage, die Solidarität und Miteinander am Fließband produzierte? Ungeachtet der Herkunft, der Religion, der mitgebrachten Werte und Sitten?

Richtig ist: Die türkischen Bergleute wurden unter Tage „integriert“, wie vor ihnen bereits andere Landsmannschaften. In tausend Metern Tiefe ging es nicht anders als vorbehaltlos Hand in Hand. Doch in wenigen Tagen schließen die letzten deutschen Zechen. Dann ist der Bergbau im Ruhrgebiet, der einmal 600.000 Menschen Lohn und Arbeit gegeben hat, nur noch Geschichte.

Wer von nun an als Migrant ins Ruhrgebiet kommt, vielfach ohne formale Bildung, oft ohne Lese- und Schreibfähigkeit und ohne jede Kenntnis der deutschen Sprache, dafür mit dem Wertegerüst einer anderen Kultur, wird diese Integrationsmaschine nicht mehr nutzen können. Und auch die Fälle, in denen er plötzlich ins Rampenlicht des großen Fußballgeschäfts gerät wie in „Borowiaks Suppe“, werden selten sein. Meiner Wohlfühl-Geschichte zum Trotz.

Wer jetzt als Migrant ins Ruhrgebiet kommt, wird die alte Integrationsmaschine Bergbau nicht mehr nutzen können.

Es gibt Initiativen und Projekte, die diesem definitiven Schlussstrich des Arbeitsmarktes neue Erwerbschancen für „Förderungsbedürftige“ entgegensetzen wollen. Doch in einem weitgehend automatisierten und ansonsten wissensbasierten Hightech-Deutschland, in das nun Hunderttausende ohne ökonomische Perspektive einreisen, sind sie das Pfeifen im Walde.

Währenddessen steigt der Druck. Die sozialen und kulturellen Spannungen zwischen Einheimischen und Zugewanderten, selbst zwischen Immigranten früherer und aktueller Einwanderungswellen, spitzen sich zwangsläufig zu, wo die Räder der Produktion stillstehen. Gerade dort, wo es nichts mehr zu erwirtschaften und zu verteilen gibt, die Zahl der Verteilungsbedüftigen aber immer weiter steigt. Das ist Makroökonomie für Anfänger, und sie ergibt den Stoff für eine andere Art von Geschichten.

Was wäre, frage ich mich, wenn ich solch eine Migrations-Geschichte einreichen würde? Eine von Überforderung, von persönlicher Überwältigung. Eine vom gewalttätigen Scheitern des Teilhabe-Traums, wie sie nie den Weg in die Tagesschau findet, weil ihr als „lokalem Ereignis“ kein bundesweiter Nachrichtenwert beigemessen wird. Und die doch überall dort, wo sie sich von Flensburg bis Freiburg lokal ereignet, ein schwarzes Loch öffnet, das Leben und Illusionen verschlingt.

Was, wenn ich solch eine Geschichte einer Jury vorlegen würde: literarisch genauso versiert, genauso scharf beobachtet, genauso pointiert wie „Borowiaks Suppe“. Nur, wie im traurigen Teil der Realität, ohne kauzige Charaktere, denen rechtzeitig der rettende Einfall kommt. Wäre das auch preiswürdig?

Literatur müsste auch bei diesen Opfern sein

Um der ganzen Wahrheit willen müssten ausgezeichnete Autorinnen und Autoren auch diese Geschichten erzählen, denn sie sind mindestens ebenso realitätsprägend für diese Gesellschaft geworden wie die Muster-Narrative der Integration. Solch eine Literatur müsste ganz bei den Opfern sein, von denen sie zu erzählen hätte. Sie müsste Stellung beziehen, nach Verantwortung fragen, die Bruchzonen des gewaltigen sozialen Experiments der Entgrenzung ausloten, dem dieses Land seit drei Jahren unterzogen wird.

Und sie müsste bei Wettbewerben Preise gewinnen: als Seismograph der gesellschaftlichen Belastbarkeit, der vor dem Punkt des endgültigen Zerbrechens warnt. Eine Rolle, die Literatur immer auch hatte, die notwendiger wäre denn je. Die aber immer weniger erwünscht scheint. 

Weil es sehr zu Recht Angst macht, solch eine Geschichte schwarz auf weiß zu lesen und keinen patentierten (Er-)Lösungsweg mitgeliefert zu bekommen, wäre ein Preisgewinn damit – vorsichtig formuliert – weit weniger wahrscheinlich als mit „Borowiaks Suppe“.

Aber selbst eine ausgezeichnete Suppe wärmt nur für begrenzte Zeit.

In Lübeck

Wie er fehlt.
Vierschrötig zärtlicher,
unbeugsam knorriger Pfeifenkopf.

Von den denkfaulsten,
billigsten seiner Feinde mit posthumem Mütchen
als „Arschloch“, „SS-Günni“ selbst- und moraltrunken denunziert
– was von links kommt, natürlich von links,
also dort, wo er selbst stand.
Als ob sie ihm ins Wort fallen dürften.
Vom Reichen des Wassers gar nicht zu reden.

Wie er selbst sich erforschte, geduldig,
mit beinah chirurgischer Neugier auf das,
was die Zwiebel beim Häuten als nächstes
ans Licht bringen würde,
ungeachtet der Tränen, die beißender Saft ja
zwangsläufig und wie nebenbei produziert.

Wie er dann aber wieder allen ins Stammbuch schrieb.
Und wie die Beschriebenen zuckten, sich wanden.
Oh so verletzlich! Nur im Austeilen stark.
So viel dünner besaitet als er.

Der das Deutsche mit seinen Ranken umkränzte
wie einen stämmigen Baum, und zuletzt noch den Grimms
ihr unter Brüdern lang überfälliges Denkmal schnitzte
(wenn auch nur – biografisch bedingt –
für die Buchstaben A bis F).

Der mit Farben, mit Pinseln,
Federkiel, Kreiden, Tonerde, Bronze
– von woher die Zeit ihm bloß zuwuchs? –
auch noch Werke von wortloser Gültigkeit formte,
anrührte, durchwalkte, abschliff und freilegte.

Ja, in erster Linie legte er frei, was ohnehin lauerte.
Welch eine Kunst das ist: eine der schwersten.

Wie er fehlt.
Wie einer von seinem Schlag heute nottäte,
um all das Blech zu zertrommeln,
all die Gläser zerspringen zu lassen,
den Betrieb aufzumischen. Diesen bräsigen, eitlen,
sich selbst nicht und sonst auch nichts mehr hinterfragenden,
mutlos Kassensturz nicht, aber Kasse doch machenden,
ständig in Angst vor dem Shitstorm verflachten Betrieb.

Wie einer fehlt, der noch Halt gibt im Sumpf.
An dessen Borke wir alle uns reiben könnten,
im Wissen: Dieser Baum fällt davon nicht.
Der Willy-Erfinder, Wortspender für das letzte Hurra
der sozialen Demokratie. Wie sein Traum verdorrte.

Wie einer fehlt, der das ganze Gekröse
samt Sehnen und Knochen, Kaldaunen und Speck
uns prall gewürzt auftischt.

Doch Ilsebill salzt nicht mehr nach.

Die Ökonomie der Gefühle (6): Glück

Geschätzte Finanzvorstände und Börsengurus! Teure Mitglieder des Geld-Adels! Werte, sehr vermögende Seminarteilnehmer!

Ich freue mich, Sie heute Vormittag wieder alle hier in der Business Academy Poschingen versammelt zu sehen, und begrüße Sie aus gegebenem Anlass mit einem kräftigen „Glückauf“!

In unserer Seminarreihe „Die Ökonomie der Gefühle“ haben wir bisher schon manches lukrative Geschäftsmodell untersucht. Ich erinnere nur an die äußerst gewinnträchtigen Marktphänomene der Angst, der Liebe, des Zorns, des Geizes und der Dankbarkeit.

Denken Sie etwa daran zurück, wie wir zum Thema „Geiz“ das Modellbeispiel des amerikanischen Multi-Trillionärs Scrooge McDuck behandelten, in Deutschland bekannt als Onkel Dagobert. Nicht wenige von Ihnen haben seither ähnliche Geldspeicher aufbauen können wie er – dank einer konsequent verfolgten Geiz-Strategie.

Oder führen Sie sich noch einmal die „Dankbarkeits-Währung“ vor Augen, die wir in Folge fünf entwickelten: Wir konnten damals exakt berechnen, wie viele Facebook-Likes für eine dort zur Schau gestellte „gute Tat“ fällig werden, um den Dankbarkeits-Saldo auszugleichen. Vielleicht erinnern Sie sich an die Geschichte, wo jemand einem Obdachlosen seine warme Winterjacke „schenkte“: Er kassierte dafür auf Facebook nicht weniger als 478 Likes. Doch sein Gefühlshaushalt war trotzdem nicht im Gleichgewicht: Insgeheim hatte er mindestens 500 Likes erwartet.

Wir halten also noch einmal fest: Emotionen sind nie kostenlos! Gefühlszustände haben immer einen Barwert. Manchmal können wir ihn nur auf Umwegen errechnen, weil gerade die großen Gefühle sich als „selbstlos“ zu tarnen verstehen. Nicht mit uns, meine Damen und Herren, nicht mit uns!

Das möchte ich Ihnen gerade auch an unserem heutigen Leckerbissen demonstrieren. Es handelt sich sozusagen um den Ferrari Testarossa unter den Emotions-Dienstleistungen: das Glück.

Glück sei nicht käuflich, heißt es. Oder umgekehrt: Geld allein mache nicht glücklich. Schwachsinn, meine Damen und Herren! Auch Glück ist selbstverständlich, wie alles, eng mit Geld verbunden – wer wüsste das besser als Sie!

Und natürlich kennen Sie auch alle den alten Bergmannsgruß „Glückauf!“, mit dem ich Sie eingangs empfangen habe. Entstanden ist er schon vor 700 Jahren im Erzbergbau. Aber hätten Sie’s gewusst: Er ist keineswegs so selbstlos, wie er klingt! Denn da wird nicht etwa in kumpelhafter Solidarität das billige Glück beschworen, dass alle aus der finsteren Tiefe wieder heil an die Oberfläche kommen mögen. Nein, das Zauberwort bedeutete ursprünglich ganz materialistisch: „Glück, tu uns die Erzgänge auf!“ Hinzuzufügen wäre der Ehrlichkeit halber: „Sodass wir stinkreich werden!“

Das Glück, das einen zu Schätzen führt, kommt Ihnen das nicht bekannt vor?  Gerade Ihnen, die Sie normalerweise nichts anderes lesen als Scheckbücher und höchstens noch das eine oder andere Comic-Heft? Wo wir gerade schon bei Onkel Dagobert waren: Die gewinnbringende Qualität des Glücks verkörpert niemand treffender als Donalds Vetter Gustav Gans.

Wo er geht und steht, findet Gustav verlorene Ringe, Goldstücke, Schatzpläne, Geldbörsen – er ist ein so unverschämter Glücks-Magnet, dass er den ewig erfolglosen und bankrotten Donald damit zur Weißglut treibt. Was er übrigens mit diebischem Vergnügen tut. Verfolgt Gustav einen Geschäftsplan, der ihm viel Geld einbringen soll, kommt ihm zuverlässig im richtigen Moment das allerunwahrscheinlichste Glück zu Hilfe. Während Donald, der mit derselben Idee demselben Ziel nachgejagt ist, mal wieder in die Röhre schaut. Und wenn der stets flüssige, prahlerische, in feinstem Zwirn gewandete Vetter Gustav mal wieder fast platzt vor Glück, dann würde Donald am liebsten im Erdreich versinken – oder einen Mord begehen. Das, meine Damen und Herren, ist Glück von seiner glänzendsten und ehrlichsten Seite: das Glück, einen armen Schlucker aus dem Rennen geworfen zu haben.

Apropos armer Schlucker – ich sage nur: Hans im Glück. Lediglich auf den ersten Blick ist das ein Seelenverwandter von Gustav Gans. Bei näherem Hinsehen ist er das arme Opfer vieler glücklicher Zwischenhändler. Das Geschäftsmodell von „Hans im Glück“ soll uns im folgenden als abschreckendes Bespiel dienen, denn dieser Narr macht alles, aber auch alles falsch.

Er erhält von seinem Herrn als Arbeitslohn einen Klumpen Gold, so groß wie sein Kopf. Man sollte meinen: Was für ein Glück! Aber so groß kann der Kopf und damit auch der Klumpen nicht gewesen sein, denn was tut Hans auf seinem Weg nach Hause als erstes? Er lässt sich im Tausch für das Edelmetall ein Pferd andrehen, ein absolut wertloses, das ihn auch sogleich abwirft! Und damit nicht genug: Das Pferd tauscht er gegen eine stinkende Kuh, bloß weil er gerade Appetit auf frische Milch hat, und hält das auch noch für einen „glücklichen Handel“.

Und weil eine Dummheit selten allein kommt, tauscht er daraufhin die Kuh gegen ein Schwein, das Schwein gegen eine Gans, die Gans aber gegen einen Wetzstein – der auch noch schadhaft ist – und einen plumpen Feldstein. Die beiden Brocken fallen ihm dann zu allem Überfluss aus Versehen in einen Brunnen, als er sich zum Trinken bückt. Seine Bilanz sieht also folgendermaßen aus: Losgezogen mit einem Goldklumpen, den er kaum tragen konnte, steht dieser Mann am Ende mit leeren Händen da. Was aber denkt Hans, der Idiot, weil er nun keinen Ballast mehr mitschleppen muss: „So glücklich, wie ich es bin, gibt es keinen Menschen unter der Sonne!“

Schwer zu ertragen, so viel Torheit, ich weiß, meine Damen und Herren! Diese groteske Selbsttäuschung, angeblich „mit leichtem Herzen und frei von aller Last“ bei der Mutter daheim anzukommen. Wenn ich die Mutter gewesen wäre, hätte ich ihn 500 Mal ausrechnen lassen, wie viele Wetzsteine er mir für den schönen Klumpen Gold hätte kaufen können. Oder wie viele Goldmünzen bei einer geiz-orientierten Anlagestrategie à la Dagobert Duck aus dem Klumpen geworden wären. Wie viel Dankbarkeit man sich dafür hätte erkaufen können. Es treibt einem die Tränen in die Augen!

Dabei wartet das Glück – und ich meine selbstverständlich das Glück, das sich in Euro oder Dollar beziffern lässt – ja nur darauf, zu uns zu kommen. Wie sonst wäre es zu erklären, dass in Israel am 16. Oktober 2010 exakt dieselben Lottozahlen gezogen wurden wie im Monat zuvor? Ein Statistikprofessor rechnete damals aus, die Wahrscheinlichkeit einer solchen Wiederholung innerhalb weniger Wochen betrage etwa eins zu vier Billionen. Aber das kann nicht sein, meine Damen und Herren! Sonst hätten wohl nicht 95 Lottospieler, die sich einfach unbeeindruckt auf ihr Glück verlassen hatten, mit den erst im Vormonat gezogenen Zahlen goldrichtig gelegen.

Diese Glücklichen wussten: Man kann das Glück auch zwingen! Lassen Sie sich das Wort „Zwangsbeglückung“ nur einmal auf der Zunge zergehen, liebe Seminarteilnehmer. Auf den ersten Blick scheint es einen Zustand zu bezeichnen, der unfreiwillig und unerwünscht ist. Etwas, das jemandem gegen seinen Willen von anderen Menschen aufgedrängt wird. Doch unter uns Finanzexperten bedeutet Zwangsbeglückung: sein Glück erzwingen – durch Sturheit, Verhandlungsgeschick, Skrupellosigkeit, überlegene Strategie und Taktik.

Ich fasse also zusammen: Glück ist die Königsdisziplin unter den Gefühlszuständen. Es begünstigt die Geschäftstüchtigen, aber nur die Cleversten, Raffiniertesten und Durchtriebensten können diesen Zustand erzwingen. Das Glück und damit auch das Glücklichsein hängt in seiner Intensität unumkehrbar mit dem jeweils in Frage stehenden Geldbetrag zusammen, den es daher immer exakt zu ermitteln gilt.

Dass das Glück seinen Preis hat, wusste schon Tolstoi, als er in seinen Tagebüchern schrieb, es sei „mit Müdigkeit und Muskelkater billig erkauft“. In der Regel allerdings ist es heutzutage sehr viel teurer – zum Glück, meine Damen und Herren, denn sonst, seien wir ehrlich, könnten es sich ja auch Hinz und Kunz leisten. Ich sehe Sie dann nächste Woche wieder hier in der Business Academy Poschingen, wenn wir in unserer Seminarreihe „Die Ökonomie der Gefühle“ den einzigen kostenlosen Gemütszustand behandeln: den Neid.

Zum Archiv bereits untersuchter Emotionen aus der Ökonomie der Gefühle: hier entlang.