Ausstieg in Fahrtrichtung links

Sten Nadolny, Autor des Weltbestsellers „Die Entdeckung der Langsamkeit“, über die unaufhaltsame Verwandlung des Landes und des Lebens. Ein Interview in vollen Zügen, während 37 Jahre am Abteilfenster vorbeiziehen.

Zwei Jahre vor seiner „Entdeckung der Langsamkeit“ debütierte Sten Nadolny 1981 mit dem Roman „Netzkarte“. Darin erkundet der Lehramtsanwärter Ole Reuter mit der Bundesbahn die alte Bundesrepublik ­– eine kleine Nation, die noch ganz bei sich ist.

Wiedervereinigung, Internet, Neoliberalismus und Migrationskrise haben das Land seither radikal verändert. Was würde Ole Reuter heute, fast vier Jahrzehnte später, beim Blick aus dem Zugfenster auffallen? Für die Literarische Welt bin ich mit dem „Netzkarte“-Autor noch einmal Bahn gefahren: im ICE von Berlin Richtung München.

Foto (C): O. Driesen

Herr Nadolny, „Netzkarte“ spielt überwiegend im Jahr 1976. Ole Reuter trifft überall auf Schülerinnen, Studentinnen und anderen Reisebekanntschaften, mit denen er überraschend umstandslos im Bett landet. Wäre die heutige Netzkarte, die BahnCard 100, immer noch ein Geheimtipp für schnellen Sex?

Nadolny: Das glaube ich nicht. Ich muss Ihnen leider gestehen, dass das schon damals gelogen war. Ich wäre zwar mit allerlei Frauen gerne im Bett gewesen, war es indes nicht, habe es aber dann sehr gerne so geschrieben. Es gibt einen Ausdruck dafür, wenn einer derart übertreibt mit seinen Eroberungen: Rodomontaden. Heldentaten, die nur in der Phantasie stattfinden.

Sehen Sie heute auf Ihren Bahnfahrten noch all diese Petitessen, die Reuter damals durchs Zugfenster entdeckte? Die Schilder mit grotesken Hinweisen, die landsmannschaftlichen Eigenarten, die Merkwürdigkeiten in Vorgärten? Hören Sie noch die unfreiwillig komischen Gesprächsfetzen anderer Bahnreisenden?

Nadolny: Zum Älterwerden gehört, dass ich schwerhörig bin und schon deswegen – auch mit Hörhilfen – weniger mitbekomme. Und vermöge meiner vielen Lebensjahre kommen mir auch einige Merkwürdigkeiten nicht mehr so merkwürdig vor. Ich war ja damals sozusagen ein junger Hund, obwohl auch schon über 30, aber ich hatte wohl noch nicht genügend mitbekommen. Jedenfalls war ich auf alles neugierig, hatte einen großen Menschenhunger, stellte die Ohren auf und blickte mich um – natürlich auch unter den Töchtern des Landes. Was heute ebenfalls nicht mehr so vordringlich ist.

Wir erreichen Bitterfeld. Nadolny fällt Gereimtes ein: „Und seh’n wir uns nicht auf dieser Welt, dann seh’n wir uns in Bitterfeld.“ Auf dem Bahnsteig küsst sich ein junges Paar zum Abschied.

Für Reuter ist es mühsam, unterwegs Kontakt zu seiner neuen Flamme Judith zu halten, die er unterwegs kennengelernt hat. Telefonzeiten müssen vorab vereinbart werden, oder man schreibt sich „postlagernd“ Briefe. Einmal erwischt er einen Intercity mit dem schönen Namen „Hölderlin“ und einem besonderen Luxus: „Hölderlin hat Telefon.“ Tut es Beziehungen gut, dass wir heute immer erreichbar und überall mitteilungsfähig sind?

Nadolny: Es ist eigentlich ganz gut, in Verbindung zu bleiben. Ich glaube nicht an den Segen der Nicht-Kommunikation. Ich bin auch kein Doktrinär des Briefeschreibens, sondern finde es ganz praktisch, dass man den anderen anrufen kann: Wo bist du gerade?

Sie lassen Ole Reuter im Jahr 1980 ganz arglos eine „Negerin“ im selben Abteil beobachten („zierliches Kraushaar, breites Näschen“). Der auf erotische Abenteuer erpichte Reuter plant spontan, sich mit ihr anzufreunden, doch schon am nächsten Halt steigt sie aus. Ist Ihnen die Stelle heute peinlich?

Nadolny: Nein, überhaupt nicht. Weil sie in einer Zeit geschrieben wurde, in der man Leute aus Afrika noch ohne weiteres „Neger“ nannte. Das war damals in keiner Weise abfällig. Aber die Political Correctness sucht sich ihre Gegenstände. Man will Zeichen setzen: Wir haben keine Vorurteile gegen Schwarze und wollen sie auch nicht mehr so nennen wie zu Zeiten des Kolonialismus. Heute würde ich deshalb ganz sicher nicht mehr „Negerin“ sagen. Ich halte jedoch wenig davon, eine solche Stelle für eine Neuauflage zu „bereinigen“: Ein Buch aus dem Jahr 1981 ist ein Dokument seiner Zeit. Umschreiben würde es ahistorisch werden lassen.

Eine unserer besten Eigenschaften ist es, uns nicht – mehr oder weniger künstlich – unwohl zu fühlen, wenn wir Menschen begegnen, die anders sind, als wir es bisher gewohnt waren.

In Vorortzügen herrscht seit der Migrationskrise ein babylonisches Sprachengewirr. Es gibt Deutsche, die dabei Fremdheit im eigenen Land empfinden. Würden Sie Ole Reuter dieses Gefühl thematisieren lassen, wenn Sie die „Netzkarte“ heute schrieben?

Nadolny: Dem Thema würde ich wahrscheinlich nicht entgehen. Aber da würde sehr stark mein Standpunkt einfließen: Man hat das gefälligst auszuhalten! Schon der Begriff „im eigenen Land“ ist diskussionswürdig. Ich finde, eine unserer besten Eigenschaften ist es, uns auf Situationen und Notwendigkeiten einstellen zu können und keine Ressentiments zu pflegen. Uns nicht – mehr oder weniger künstlich – unwohl zu fühlen, wenn wir Menschen begegnen, die anders sind, als wir es bisher gewohnt waren. Wenn in einer Bahn um mich herum Gespräche in anderen Sprachen stattfinden, habe ich damit auch kein Problem, denn ich bin kein Lauscher. Solange derjenige nicht direkt mit mir spricht, muss ich ja gar nicht verstehen, was er sagt.

Halle an der Saale. Wie alle Bahnhöfe seit Berlin war dieser hier noch vor weniger als 30 Jahren für westdeutsche Bahnreisende ein weißer Fleck auf der Landkarte: terra incognita.

Ole Reuter fuhr auf Transitstrecken von Westberlin durch die damalige DDR nach Westdeutschland. Er passierte dabei eine massiv gesicherte deutsche Grenze, die sich niemand zurückwünscht. Weniger als 40 Jahre später gilt schon die bloße Idee von Grenzsicherung vielen als inakzeptabel – Ihnen auch?

Nadolny: Das offizielle Weltbild der DDR, sich gegen „aggressive Invasoren“ aus dem Westen abgrenzen und schützen zu müssen, war Teil ihrer Lebenslüge. In Wahrheit richtete sich das gegen die Menschen, die raus wollten. Aber das war ein Sonderfall. Ich finde, Grenzen sollten so offen wie irgend möglich sein, und innerhalb Europas sowieso. Es fördert das Kennenlernen der Menschen, den Austausch der Wirtschaft. Es ist wunderbar, wenn Grenzen eben nicht bewaffnet und gesichert sind. Allerdings muss man in bestimmten Situationen eben doch filtern, prüfen und steuern. Es gehört zur Navigation eines Staates, der für seine Bürger sorgt, dass er da Lösungen findet. Und je klüger und sachlicher und humaner diese Lösungen sind, desto besser.

Foto (C): O. Driesen

Wenn er keine physische Grenze mehr hat – durch was für einen Raum fahren wir hier dann gerade? Ein Niemandsland? Eine Region Europas? Einen Wirtschaftsstandort?

Nadolny: Ich kann nur sagen, dass mir die Vorstellung ziemlich fremd ist, das da draußen sei nun nicht mehr Deutschland oder sei irgendwie „entgrenzt“. Identitätsprobleme – bloß durch die Tatsache, dass jetzt mehr Menschen aus anderen Ländern hier sind? Die Welt ändert sich, die Zeiten ändern sich. Wir können nicht immer nur daran hängen bleiben, wie wir früher einmal unser Land, unsere Identität meinten definieren zu sollen. Man kann sich der Globalisierung oder etwa auch der Aufnahme von Flüchtlingen nicht einfach nur aggressiv entgegenstellen. Sondern man muss sich auch fragen: Was kann ich an den negativen Folgen dieser Situation ändern, ohne ein Verbrecher zu werden? Es gibt Leute, die etwas ändern wollen, indem sie anfangen, an den Grenzen zu schießen, statt Fluchtgründe zu prüfen. Und das kommt überhaupt nicht in Frage! Oder sie hoffen den alten Zustand zu bewahren, indem sie Flüchtlinge erschrecken und vergraulen. Wenn wir als Europäer solche Schäbigkeiten bis hin zu Verbrechen begingen, würden wir die Folgen in uns selber lange spüren, nicht unähnlich der Schande, die wir Deutsche uns mit den Nazis eingebrockt haben.

In „Netzkarte“ gab es noch Raucherabteile in der Bahn. Hat die Gesellschaft eine Chance zur Integration all ihrer zerstrittenen Lager vertan, indem sie auch gegen das Rauchen noch strikte Verbote aufstellte?

Nadolny: Ob das Rauchen zwingend zur Demokratie gehört, da habe ich meine Zweifel. Menschen können auch ohne zu rauchen zueinander kommen. Ich sehe im Rauchverbot in der Bahn keinen großen Verlust. Selber rauche ich fast gar nicht mehr, vielleicht haben die Bahn und viele andere mich mit den Verboten auch sanft umerzogen. Die Demokratie kommt dadurch nicht zu Schaden!

Bamberg: „Der Ausstieg ist in Fahrtrichtung links“. Dazu stehen die Menschen schon zehn Minuten vorher Schlange im Gang. In Deutschland nimmt man das Aussteigen sehr ernst.

Was lieben Sie an der modernen Welt des Bahnreisens, das Ole Reuter noch nicht kennen konnte?

Nadolny: Ich habe es sehr gerne, wenn ich in einem Zug wie diesem mein Notebook aufklappen, ins Internet gehen und die E-Mails checken kann. Darüber hinaus weiß ich es im vorgerückten Alter sehr zu schätzen, wenn Bahnsteig und Einstieg in die Bahn auf einer Ebene liegen. Das hat sich hie und da verbessert in den letzten Jahren. Und dass man von Berlin nach München nicht mehr ganz so lange braucht, das kommt mir auch sehr gelegen. Ich bin froh, wenn ich früher am Ziel bin und noch was erledigen kann.

Für eine Fahrt mit Netzkarte muss man jung genug sein. Später im Leben wird es leicht zum Rückblick auf gescheiterte Hoffnungen.

Sie haben Ole Reuter 18 Jahre später, 1999, im Roman „Er oder Ich“ wieder auferstehen lassen. Noch einmal reist er mit Netzkarte durchs Land, um sein früheres Lebensgefühl wiederzufinden …

Nadolny: … ja, das war die Idee. Aber da ist er nun inzwischen ein mittelalter Mann mit Familie, der vieles im Leben falsch gemacht hat. Er ist ein depressiver, mit sich selbst hadernder Mensch und hofft verzweifelt darauf, dass die Netzkarte ihm noch einmal zur Lebenshilfe wird. Nur funktioniert das nicht mehr. Für eine Fahrt mit Netzkarte muss man jung genug sein, dann ist das Planlose, das Ungebundene sehr belebend. Später im Leben wird es leicht zum Rückblick auf gescheiterte Hoffnungen. Die Zukunft steht Reuter nicht mehr offen. Und er hasst seinen hohlen Job als eine Art PR-Berater. Als Konsequenz versucht er, sich umzubringen – ein ziemlich schwarzes Buch, und nicht mein bestes.

Vor Erlangen fährt unser ICE aus unklaren Gründen nur noch Schritttempo. Eine Lärmschutzwand scheint kein Ende zu nehmen. Erschreckend, vor was sie Schutz bietet: vor uns.

Ihr Debütroman erschien, während Sie bereits an der „Entdeckung der Langsamkeit“ arbeiteten. Darin wird der historische John Franklin erst durch seine – von Ihnen erdichtete – motorische Trägheit zum großen Entdecker. Sind uns die Tugenden der Langsamkeit heute, im Zeitalter von ICE und Turbokapitalismus, vollends abhanden gekommen?

Nadolny: Wir brauchen Langsamkeit für alles, was gründlich bedacht werden muss und nicht übereilt werden darf. Gerechtigkeit etwa hängt sehr stark mit sorgfältigem Abwägen zusammen. Dennoch wurde Langsamkeit schon immer geringer geschätzt als der Rausch erhöhter Geschwindigkeit. Das ist nicht erst seit ICE und Internet so, das ist einfach menschlich. Aber auch heute sind wir klug genug zu wissen, dass wir ohne Langsamkeit nichts von Dauer schaffen können. Deshalb wird der Berliner Flughafen auch zweifellos der beste der Welt (lacht)!

In Ihrem jüngsten Roman „Das Glück des Zauberers“ von 2017 blickt der Titelheld auf ein mehr als hundertjähriges Leben in Deutschland zurück. Keine Bahnfahrt, aber eine Lebensreise. Muss man Zauberer sein, um am Ende mehr Licht als Schatten zu sehen?

Nadolny: Ich verrate Ihnen etwas: Zauberer gibt es gar nicht! Meiner steht in der Wirklichkeit für einen Menschen, der einen eigenen Kopf hat und besondere Fähigkeiten wie Neugier und Erfindergeist. Solch ein „Zauberer“ ist gerade autoritären Regimen immer suspekt, weil sie ihn nicht unter Kontrolle haben. Die Freiheit meines Helden ist also oft bedroht, ihm stößt im Leben viel Tragisches zu, aber seine Menschlichkeit weist ihm letztlich Wege. Sie hält ihn wach für die Möglichkeiten des Glücklichseins und der tätigen Hilfe.

Ausstieg in Nürnberg. Im Hauptbahnhof kauft eine junge afrikanische Mutter, von Kopf bis Fuß im Leopardenlook, am Brezen-Stand eine „Weltmeister-Breze“.

Interview: Oliver Driesen

Foto (C): O. Driesen

In your face, Steuerzahlerbund!

Meine Damen und Herren, liebe Kinder, sehr geehrte Hamburger Pfeffersäcke! So sieht Verschwendung von Steuergeldern aus:

Fand zumindest der Bund der Steuerzahler bei der Vorlage seines neuen „Schwarzbuchs“ kürzlich in Berlin. „Kunstfreiheit hin oder her – es ist ein eklatanter Fall von Verschwendung, wenn aus Steuergeldern finanziertes Blattgold an eine Hauswand geklebt wird“, konstatierte der Verein. Es geht um die Vergoldung dieses Sozialwohnungsblocks auf der Veddel, einem der ärmsten Hamburger Stadtteile mit einem Migrantenanteil von vielleicht 80 Prozent.

Satte 85.000 Euro seien hier verschwendet worden, denn profitiert hätte davon vor allem der Künstler Boran Burchhardt, nicht aber die Anwohner. So der Steuerzahlerbund.

Ach ja? Woher weiß das denn der Steuerzahlerbund? Mal gesprochen mit den „Anwohnern“? Natürlich nicht. In welcher Sprache denn auch. Er spricht weder Albanisch noch Russisch noch Arabisch noch Türkisch. Aber er weiß: Die Anwohner profitieren nicht. Klar, denn Blattgold kann man nicht von der Fassade kratzen und in die Suppe tun.

Blattgold kann man nicht in die Suppe tun.

Und doch stehen sie plötzlich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Ihr Haus wird fotografiert. Nicht nur von mir, sondern zeitgleich (!) auch von anderen, gut bürgerlich aussehenden Sonntagstouristen aus den besseren Stadtteilen, die es sonst nie, niemals auf die Veddel verschlagen hätte. Da wird diskutiert, da werden kleine Details beachtet, da wird wahrgenommen. Erstmals wahrgenommen, was sonst immer im Schatten verborgen geblieben wäre.

Sehen Sie, da ist sie wieder: unsere Geteilte und Hansestadt Hamburg. Auf der einen Seite weiße Villen und grüne Gärten, auf der anderen Seite monotone Rotklinkerblocks, so weit das Auge reicht. So gehört das, so geht die Hamburger Apartheid. Und niemand hat daran was zu ändern.

Als ich vor vielen Jahren nach Hamburg zog, da war eine der ersten Lebensweisheiten, die man mir hier mitgab: „In den roten Häusern wird das Geld gemacht, und in den weißen Häusern wird das Geld gezeigt.“ Das ist die Grundordnung des Hamburger Universums. Kratzt jemand daran (oder am Blattgold), dann droht die Sonne sich nicht mehr um die Erde zu drehen. Dann ist Revolution oder Schlimmeres.

In den roten Häusern wird das Geld gemacht, und in den weißen Häusern wird das Geld gezeigt.

Bei den anderen vier Hamburger Steuerverschwendungsprojekten, die es ins bundesweite Schwarzbuch geschafft haben, ging es zwar um teils sehr viel höhere Beträge. Aber da war zumindest das Bürgertum unter sich, um sich die Pfründe von Konto X zu Firma Y gegenseitig zuzuschanzen, wie es sich für eine ordentliche Steuergeldverschwendung gehört.

Aber jetzt? Jetzt wohnen die Daniuns und die Vardars und die Barakats und die Duczeks dieser Welt plötzlich in einem goldenen Haus! Und haben doch gar keine Verdienste um unsere schöne Freie und Hansestadt erworben. Und sind in keinem Senatsarbeitskreis, in keinem Ausschuss der Bürgerschaft, in keiner Patriotischer Vereinigung und in keinem Anglo-German Club je gesehen worden. Am Ende zahlen die nicht mal Steuern!

Ja, Herr Geheimrat, darf denn das sein? Nein, Frau Konsul, das geht gar nicht! Das Pack, es könnte aufmüpfig werden bei so viel Glanz vor Augen. Ich sage immer: Krieg den Hütten, Frieden den Palästen!

Aber wissen Sie was? Der Pöbel, er wird ganz schnell ersticken an seinem vermeintlichen Reichtum, der nicht mal den Immobilienwert steigert. Das gemeine Volk kann doch damit gar nicht umgehen.

Sehen Sie, Herr Landgerichtsassessor, ich sage das nicht gern, aber da hat schon jemand das böse F-Wort in das Blattgold geritzt. Und ein Graffito (die einfachen, ungebildeten Menschen sagen ja gerne fälschlich „Graffiti“ im Singular!) verunziert auch schon die hauchdünne Oberschicht. Verstehen Sie: Oberschicht, als scherzhafter Begriff für das von unseren Steuergeldern aufgetragene Blattgold. Am Sozialwohnungsblock. Köstlich, nicht?

Das vergeht, Frau Konsul, das vergeht.

Im Dorf der absoluten Zeit

Zu Besuch in Garding, wo die Uhren anders gehen und die Schaufenster reine Antimaterie feilbieten – im günstigsten Fall. Schlimmstenfalls hingegen trifft einen hier der Urknall, wenn man zu weit die Enge Straße hinunterwandert.

Regelmäßige Zeilensturm-Leser (und wer wäre das nicht?) wissen, dass es mich immer wieder in bemerkenswerte Ortschaften abseits der ausgetretenen Pfade verschlägt, etwa nach Dillingen, Viersen oder Büchsenschinken.

So kam ich zuletzt auch in das schleswig-holsteinische Dorf Garding (2600 Einwohner). Es nennt sich vermutlich unter Ausnutzung irgendwelcher mittelalterlicher Stadtrechte stolz die „Mommsen-Stadt“, weil hier Theodor Mommsen geboren wurde, der einzige Historiker, der jemals einen Literaturnobelpreis erhielt (1902). Mommsen sah aus wie eine verfrühte Ausgabe des verrückten Zeitreise-Wissenschaftlers Doc Brown aus „Zurück in die Zukunft“, und das muss wohl ein Omen gewesen sein.

Denn ich schwöre, mit Garding stimmt etwas nicht. Ich vermute einen Riss im Raumzeit-Kontinuum, eine durchaus ernste Sache. Der Riss, der normalerweise ein Wurmloch in eine andere Dimension bzw. ein Paralleluniversum öffnet, scheint rund um den zentralen Kirchplatz und weiter entlang der Engen Straße  zu verlaufen. Auf diesen wenigen hundert Metern ballt sich die Merkwürdigkeitendichte derart, dass das zugehörige Antimaterie-Gravitationsfeld vermutlich bereits seinen eigenen Masseschwerpunkt in Dunkle Energie verwandelt hat oder was weiß ich.

Auf jeden Fall gehen in Garding die Uhren anders. Hier bitte, das altansässige Uhrenfachgeschäft Schulz:

Und jetzt gehen wir nur fünf Schritte weiter, das dauert vielleicht acht Sekunden, drehen uns um und blicken wieder hinauf:

Gemerkt? Herr Schulz löst übrigens gerade seinen Laden auf, so scheint es, vielleicht sogar in Antimaterie, womit er den Weg vieler früherer Fachgeschäfte in diesem wirtschaftlich nicht unbedingt prosperierenden Ort geht. Jedenfalls gibt es auf Armbanduhren und Eheringe und Krawattennadeln mit maritimen Motiven und Zinnteller für die Wohnzimmerwand gerade 50 Prozent Rabatt. Herr Schulz ist dem Vernehmen nach schon sehr betagt und DER Experte für das Reaparieren alter Uhren, sodass ihm ein Ruf wie Donnerhall bis ins 12 km entfernte Touristen-Eldorado Sankt Peter-Ording  vorauseilt.

Allerdings, so meine Quelle, lagere er die kaputten alten Uhren auch gerne erst mal ein Jahr lang in seiner Werkstatt, um zu beobachten, was ihnen fehlt. So viel Zeit muss sein. Unterdessen kann man sich ja mal für seine Neuware in der Auslage interessieren. Für Neuware von ca. 1979:

Man beachte aber die Auspreisung in Euro, den es erst seit 2002 gibt! Ein Quanten-Paradoxon erster Güte! Ich sag ja, hier gehen die Uhren anders. Bei Herrn Schulz gilt nicht Einsteins allgemeine Relativitätstheorie, sondern die berüchtigte „absolute Zeit“. Und zwar dank einer Technologie, die meines Wissens erst nach dem Warp-Antrieb entwickelt wurde bzw. entwickelt werden wird:

Von dieser kosmischen Zeit-Verabsolutierungsstation im Singularitäten-Fachgeschäft Schulz aus strahlt das Unwahrscheinlicheitsfeld nun also mitten durch die alte Backsteinkirche hindurch, und dann immer die Enge Straße runter. Gleich an deren Beginn trifft es auf dieses Schaufenster:

Was mag das für ein Laden sein? Ein Klempnereibetrieb? Eine Rohreinigerbedarfshandlung? Das Labyrinth des Dr. Mabuse? Nun, der „Dr.“ ist schon gar nicht so verkehrt. Denn es handelt sich – ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, ich wiederhole: mein Ehrenwort – um eine allgemeinärztliche Praxis. Vielleicht kuriert man hier besonders erfolgreich Darmverschlüsse.

Garding und seine Schaufenster. Ich weiß nicht, was sie hier für einen bizarren Wettbewerb am Laufen haben – „Unser Dorf soll irrer werden“? Kaum zwei Häuser weiter nämlich äußert der Besitzer dieser vollkommen zweckfreien, aber immerhin prilblumengeschmückten Scheibe eine freundliche Bitte:

Diesen Aufkleber gibt es gleich zweimal. Es scheint also ein wirklich lästiges Problem zu sein. Wohlgemerkt: Hinter der Scheibe wird nichts ausgestellt. Irgendwann stößt der Blick an eine Store-Gardine, das war’s. Und die Klebeblumen. Kein Schild, kein Name, kein garnix. Trotzdem gehen hier die Menschen vorbei und klopfen. Ob sie die Blumen für Mimosen halten, die auf Berührung hin ihre Blätter schließen? Aber irgendwann muss es doch auffallen, dass nichts geschieht. In dem Schaufenster, in dem nichts zur Schau steht.

Vielleicht sollte man mal an einer der benachbarten Türen klingeln, wenn man schon nicht ans Fenster klopfen darf? Am Klingelschild wird doch sicher ein Name stehen, und dann könnte man Herrn oder Frau Schmidt mit den inzwischen aufgelaufenen Fragen über Garding bestürmen. Aber nein, natürlich nicht:

„Jo, bidde?“

„Driesen mein Name, Entschuldigen Sie bitte die Störung, Herr Klingeltaster ohne Beleuchtung, aber was stimmt mit Ihrem Dorf nicht, wenn ich fragen darf?“

„Moment mol! Wie ham’se mech denn geefundn, ohne Beleuchtung? Do stimmtoch wat nech! Sie sinn sicha een vun deese Trickbetrügers, die rechtschoffene Menschn überfolln!“

„Nein, nein, ich möchte nur mit Ihnen über Antimaterie und Unwahrscheinlichkeitsfelder sprechen, bzw. über Gott, wenn Ihnen das lieber ist.“

„Wat? Achsoo, nee, da müssen Sie schon wartn, bisdat mine Fruu weer tohuus is. Die is bij uns für dat Karitative zustännig!“

„Dafür habe ich absolut keine Zeit bzw. keine absolute Zeit! Können Sie mir wenigestens sagen, ob man der Gastronomie bei Ihnen im Ort noch trauen kann?“

„Ich sech goarnix mehr. Außer: Gehn Sie man vor zur Gaststätte, do wer’n Sie Ihr blaues Wunner erlehm!“

Gesagt, getan. Und natürlich: Das Zeichen des Teufels. Gleich unterhalb der beiden jungen Birken, die aus dem Speise- und Schankbetrieb herauswachsen.

Dann doch lieber auf die andere Seite der Engen Straße, wo der örtliche Migrationshintergrundbetrieb seine Köstlichkeiten auf einer witterungs- und UV-beständigen Hartfaserplatte an der Fassade bewirbt. Denn mittlerweile habe ich schrecklichen Hunger.

Nein, doch nicht.

Ich bin am Ende. Es gibt hier nichts für mich, und schon gar keine Antworten. Nur Schaufenster und Werbeflächen ohne erkennbaren Bezug zur Wirklichkeit. Vor dem letzten dieser Vexierbilder in der Engen Straße stehe ich und starre stumpf durch eine weitere Scheibe. Ein ausgestopfter Vogel mit einem für eine Spottdrossel zu langen Schnabel starrt teilnahmslos an mir vorbei statt zurück. Aber er verspottet mich trotzdem. Ganz zu schweigen von der hässlichsten Hexenfigur, die ich außerhalb des Harzer Mittelgebirges jemals zu Gesicht bekommen habe.

Was, Garding, stimmt nicht mit dir?

Wir

Sommerfrische in Sankt Peter-Ording. Und plötzlich ist Deutschland noch einmal ganz bei sich. Warum sortiert sich das im Urlaub so, entgegen allen Völkerwanderungsströmen?

Keine Kopftücher. Keine „Burkinis“, keine die weibliche Körperform verdeckenden Gewänder. Keine Gruppen arabischer junger Männer. Keine Türken, keine Kurden, keine rumänischen oder bulgarischen Tagelöhner. Keine Bettler vom Balkan. Keine dunkle Hautfarbe – außer tiefengebräunten schwäbischen Rentnern, die nach Zweitwohnsitz auf Mallorca aussehen.

Das Nordseebad Sankt Peter-Ording im Juli 2017. Überall Deutsche – am Strand, in den Restaurants, in den Geschäften. Selbst das Personal, das die Tourismusmaschine am Laufen hält, ist fast ausschließlich „indigen“: dem Anschein nach ohne Migrationshintergrund über Landes- und Kulturgrenzen hinweg, jedenfalls während der zurückliegenden Jahrzehnte.

Das fällt ins Auge, wenn man aus Hamburg kommt. Und ich berichte es ohne Wertung, nur mit Erstaunen, wie sehr es ins Auge fällt. Wie sehr ich mich schon daran gewöhnt hatte, dass Deutschland heute eigentlich anders aussieht. Sich anders anhört, anders anfühlt.

Schlechtes Wetter, gute Luft: St. Peter-Ording

Aber hier ist Nordseestrand, Urlaubsland. Das temporäre Paradies, das Refugium, das wir Deutschen uns schaffen für jene Wochen im Jahr, in denen alles „perfekt“ zu sein hat. Wir Deutschen, die wir Statistiken zufolge aus Angst vor der zunehmend gewalttätigen Außenwelt oder aus Abscheu vor radikaler Ideologisierung unseren Urlaub wieder deutlich öfter im „eigenen Land“ verbringen. USA und Türkei sind out, Sankt Peter-Ording ist in.

Hier sind wir also, jedenfalls eine repräsentative Anzahl von uns. Zeit für Beobachtungen. Und für den Abgleich mit der Erinnerung daran, wie das mal war: wir Deutschen, weitgehend unter uns.

Wir Männer tragen, einem deutschen Naturgesetz folgend, bei jedem Wetter und unter allen Umständen Shorts.

Wir sind immer noch ganz schön viele. Wir sind überall. Die nervig-lauten Nachbarn im Ferienapartment: Rheinländer. Die Sandburgnachbarn: sonnenverbrannte Schwaben, siehe oben. Die Kitesurfer in den aufgepeitschten Wellen: Hessen. Die Radwanderer hinterm Deich: aus Thüringen.

Dialekte aus „allen deutschen Gauen“, hätte man früher gesagt, als das noch ein argloses Statement war. Und unsere teutonischen Eigenarten, sie sind auch noch alle da. Siebzehn Jahr‘, blondes Haar, trallala.

Wir Männer tragen am Urlaubsort, einem deutschen Naturgesetz folgend, bei jedem Wetter und in jedem Alter Shorts, denn wir haben Freizeit und sind lässig-sportiv.

Regnet es länger als fünf Stunden am Stück, laufen wir deutsche Urlauber mit Gesichtern herum, die stumm nach fähigen Rechtsantwälten schreien, obwohl wir genau dieses Küstenwetter vom letzten Mal kennen. Und vom Mal davor.

Regnet es länger als sieben Stunden, kann uns nur noch die Shoppingmeile Trost spenden, in die sich jede Nordesee-Kleinstadt-Hauptstraße verwandelt hat. Dann werden wir Bonusmeilensammler zu Schnäppchenjägern, die im 21. Jahrhundert immerhin das Fremdwort „Sale“ gelernt haben.

Natürlich zanken wir auch, sofern wir als Paare/Familien auftreten. Einer heult immer. Und mindestens ein anderer schmollt.

Wir bauen immer noch unsere altbewährten Sandburgen, wir Hamburger, Duisburger, Freiburger. Wir schaffen uns „Privatsphäre“ am Strand und bewachen sie mit Zähnen und Klauen. Die Deutschen schützen ihre Grenzen nicht? Wir sind immer noch das Volk, das die alarmroten „Reseviert“-Badetücher erfunden hat!

Überhaupt: Reservierungen. Darin bleiben wir unangefochtene Weltmeister. Planen wir im Urlaub einen Gang in den Biergarten, reservieren wir schon im Reisebüro die entsprechenden Bänke, und zwar für 16.45 Uhr. Und wenn es dazu eine All-inclusive-Option gibt, buchen wir die mit.

Natürlich zanken wir auch wie in meinen Kindertagen, sofern wir als Paare/Familien auftreten. Einer heult immer. Und mindestens ein anderer schmollt. Bis wir uns wieder vertragen, im milden Licht eines nordfriesischen Sonnenuntergangs, bei einer schlechten Flasche Wein. Denn wir können nicht anders, wir deutschen Romantiker.

Wir versuchen sogar tapfer, im Urlaub nicht zu rasen oder zu drängeln – als Ausweis einer gelassen-souveränen Lebensart, wie sie uns deutsche Menschen von Welt heutzutage auszeichnet. Es sei denn natürlich, jemand will uns unsere Reservierung oder unser Schnäppchen wegschnappen, und währenddessen regnet es gerade. Dafür haben wir nicht bezahlt bzw. ich war aber zuerst da bzw. Unverschämtheit bzw. du mich auch!

Radfahrer werden hier auf die Rechtslage aufmerksam gemacht

Aber meistens sind wir ganz nett, wir Urlaubsdeutschen. Wir Strandpiraten-Volksgemeinschaft. Manchmal kommen wir sogar ins Gespräch miteinander, so von Stuttgarter zu Kölnerin. Wir schauen ja alle Tatort, darüber kann man trefflich tratschen. Wir lesen aber auch immer noch so viel im Strandkorb, wenn auch kaum noch die BILD in Papierform.

Wir sind begeisterte Hundehalter oder Extremspotler oder Fettleibige oder Nacktbader, auf jeden Fall begeistert. Bier bleibt unser Nationalgetränk, und die Diskussionen über die einzig richtige Marke sind seit 1975 einem amtlichen Endergebnis noch kein Stück nähergekommen.

Apropos 1975. Wir waren ja in meiner Kinderzeit in den Sommerferien vom Allgäu bis zu den Nordseeinseln als Deutsche nicht deswegen weitgehend unter uns, weil wir keine Ausländer unter uns gewollt hätten. Sondern weil die Ausländer gar nicht auf die absurde Idee kamen, uns zu besuchen.

Sie hatten doch im Zweifel daheim alles viel schöner: das Wetter, den Strand, das Essen, den Wein, die Berge, die Luft. Wozu ins kalte, regnerische und im Winter nicht einmal schneesichere Deutschland reisen, wo man zudem eine Sprache pflegte, die schon allein als Ausschlusskriterium für fremde Ohren und Zungen hinreichte?

Sie hatten ja im Zweifel daheim alles viel schöner: das Wetter, den Strand, das Essen, den Wein.

Wohnwagen-Holländer, Dänen und ein paar versprengte Schweizer, wenige Engländer, später auch mal der ein oder andere Spanier – das waren die Exoten in unseren Breiten, als ich noch Schulferien hatte. Die anderen kamen auch gar nicht wie die ewig romantischen Deutschen auf die Idee, im Nieselregen zwanghaft drittklassige Berge im Harz zu bewandern, um im Mythos von den Brockenhexen zu schwelgen.

Nie wären sie auf den Spuren Fontanes ergriffen durch den Streusand der Mark Brandenburg geschlurft. Oder hätten sich im Nebel der Lüneburger Heide an windschiefen Schafställen begeistert, die vielleicht von Caspar David Friedrich hätten gemalt worden sein können.

Diese merkwürdigen Deutschen, die meisten von ihnen Ungläubige vor dem Herrn, dennoch dauerhaft unter dem Bann stehend, barocke bayerische Dorfkirchlein mit Zwiebeltürmen besichtigen zu müssen und den Dom zu Worms sowieso.

Nach diesen Vorlieben im einen oder Abneigungen im anderen Lager sortiert sich das multikulturelle Deutschand von heute immer noch wie zu Adenauers Zeiten. In den Ferien teilt sich der Mahlstrom der großen Völkerwanderung, der dieses Land ergriffen hat, wie von Zauberhand in separate Ströme und Tümpel.

Keine Araber bei meiner letzten Brockenwanderung. Keine Kosovo-Albaner mit eigener Sandburg am Strand. Kein rumänisches Beachvolleyballteam auf Sylt. Deutschtürken besuchen in den Sommerferien lieber die Verwandtschaft in Anatolien. Syrern im Asylverfahren fehlen Mittel, Rechte und vermutlich Interesse. Franzosen fehlt der Glaube an unsere Kochkünste, Italienern die Geduld für unsere Sprache. Und alle schreckt unser Wetter.

In den Ferien teilt sich der Mahlstrom der großen Völkerwanderung wie von Zauberhand in separate Ströme und Tümpel.

So bleiben wir unter uns als Urlauber an Deutschlands Küste, für ein paar außergewöhnliche Wochen der historisch-kulturellen Kongruenz, der Übereinstimmung von Erinnerung und Erleben. Bis wir dann unsere Koffer packen in Sankt Peter-Ording, in Wyk auf Föhr, in Boltenhagen und Binz. Bis wir unsere Audis und Tourans und BMWs beladen.

Und heimkehren nach Alltagsland.

Wir können auch sportlich.

Big Grandma Is Watching Me

Wer hat behauptet, der Mobilfunksektor sei eine Servicewüste? Stimmt nicht: Es kommt zu unverhofften menschlichen Begegnungen. In Echtzeit, O-Ton und Bewegtbild.

Big Grandma taucht auf, als ich gerade dabei bin, in der Servicewüste zu verdursten: auf der ausgedorrten Marathonstrecke eines Tarifwechsels von Anbieter A zu Anbieter B. Haben Sie mal versucht, Ihre Telefonnummer von A nach B mitzunehmen? Es möge an dieser Stelle genügen, dass ich für etwa eine Woche weder A noch B nutzen kann.

Bleibt nur C: eine Prepaid-Karte zur Überbrückung. Rein in die Aldi-Filiale, „Starter-Set“ mit Karte von Aldi Talk gekauft und gleich mal festgestellt, dass die versprochene Sonderaktion mit Mini-Flatrate entgegen der Onlinewerbung nicht im Paketumfang enthalten war. Aber egal. Ist ja alles nur für eine Woche. Hauptsache erreichbar.

Gleichfalls egal, dass jetzt schon Juli ist. Und seit Juli kann man Prepaid-Karten nur noch nach Durchlaufen eines ausgefeilten „optischen Identifizierungsverfahrens“ aktivieren. Das muss von der BaFin autorisiert sein, der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht. Denn Prepaid heißt: Man lädt seine Karte mit amtlichen Zahlungsmitteln auf, und dazu muss in Deutschland erst mal die Übereinstimmung zwischen Personalausweisdaten und Gesicht zertifiziert werden.

Um jetzt nicht in der kafkaesken Postfiliale Schlange stehen zu müssen, wo sie einem die eigene Existenz am Ende wahrscheinlich auch per „PostIdent“ bestätigen würden, kann man die Kontrolle jetzt zuhause durchlaufen – am eigenen PC, bei eingeschalteter Webcam.

Ich hab’s ausprobiert. Es war großartig.

Gerechnet hatte ich mit einer Art virtuellem Bodyscanner, vollautomatisch natürlich, oder einem digitalen Avatar, der mich programmgesteuert durch schreckliche Eingabe- und Selfieprozesse führen würde.

Weit gefehlt.

In Deutschland muss erst mal die Übereinstimmung zwischen Personalausweisdaten und Gesicht zertifiziert werden

Ein Fenster tat sich auf meinem Bildschirm auf. Eine Botschaft erschien: „Ihr Video-Agent wird sich in Kürze melden“. Und dann meldete sich mein Video-Agent.

Whoa!

Groß im Bild: ich selbst im Esszimmer, innerlich vollkommen unvorbereitet. Klein im Extrabild in der der unteren rechten Ecke: der Video-Agent. Eine sächselnde Oma mit Kurzhaarschnitt vor neutralem Hintergrund. Dass sie nicht simultan mit Stricknadeln klapperte, war alles. „Nu, Hörr Dries’n, gudn Doog, wollnse vleisch mol ihrn Persenolausweis vorde Gammera holn?“

Der Staat schaut dich an. Genau so muss das aussehen. Big Grandma sieht alles, durchschaut alles, durchleuchtet alle meine Daten und vermutlich auch noch meinen Mageninhalt. Ähm, ja. So recht?

„Ö bissl möhr rächds, vleisch. So’ß gudd.“

Dass ich jetzt umgehend das rechte Ohr frei machen müsse, wie damals zu DDR-Zeiten am Grenzübergang Friedrichstraße, befahl sie nicht.

„Sch überdrog dannemol grod Ihre Persenolausweisdodn“, machte sich die Agentin ans Werk und hieb die Dodn sogleich in eine unsichtbare Dosdeduhr Tastatur.

„Ist ja nett, dass man hier noch von richtigen Menschen behandelt wird“, entfuhr es mir, aufrichtig erfreut. Um ein Haar hätte ich, allein zu Hause, gedankenlos halbnackt vor meiner Webcam gesessen.

„Dös’s goröggd, Hörr Dries’n“, bestätigte die Agentin ihre Original-Menschlichkeit. Ich meinte den Anflug eines Lächelns zu erkennen. Nach zwei Minuten des zittrigen Perso-vor-die-Kamera-Haltens waren die Formalitäten beendet.

„Gönnse wieda rundonähm“, wies mich meine BaFin-kompatible Gesprächspartnerin jovial an.

„Sch überdrog dannemol grod Ihre Persenolausweisdodn“, machte sich die Agentin ans Werk

Ich tat, immer noch verblüfft, wie mir geheißen – um mich im nächsten Moment für meinen unkritischen Gehorsam gegenüber einem Videobild zu verwünschen. Was, wenn es sich doch nur um eine virtuelle „Agentin“ gehandelt hatte? Können die das nicht heute schon in der Computergrafikabteilung? Es soll ja bereits Spielfilme geben, in denen digitale Schauspieler nicht mehr von echten zu unterscheiden sind. Vielleicht eine Parodie, mit der das Bundesamt Selbstironie dokumentieren und Sympathiepunkte heischen wollte?

„Nö schöne Uhr hommse do ond’r Wond höng‘, Hörr Dries’n!“

Oh mein Gott. Hinter mir an der Esszimmerwand war auf dem Bildausschnitt, den ich sah und den sie sehen konnte, deutlich meine aus alten Vinylscheiben gebastelte Pendeluhr zu erkennen, sachte pendelnd.

Und dieses Wesen konnte das sehen. Es musste real sein. Es musste tatsächlich irgendwo in Sachsen eine  Oma soeben meine Personalausweisdaten mit meinem Gesicht abgeglichen haben. Ich fühlte mich zu sehr ertappt, um sie zu ihrem zeitgemäßen Einrichtungsgeschmack zu beglückwünschen.

„Ihr Videostream wurde beendet.“

Drei Stunden später war meine Handykarte freigeschaltet. Ich weiß, es klingt unangemessen sentimental und spottet allen Privatsphärenschutzinstikten, aber das BaFin und das allgemeine Mobilfunkwesen haben heute bei mir gepunktet.

Mann mit schöner Uhr, offiziell bestätigt (nicht im Bild: Grandma)

Stiller Tag in Büchsenschinken

Die Vermessung des Nirgendwo (Teil I und Schluss): Interessantes über ein Provinznest, dessen Name leider nirgends schlüssig erklärt wird und das auf meinen Fotos aus gutem Grund nur aus Schildern zu bestehen scheint.

Sich treiben lassen. Die Seele baumeln lassen. Den Tag pflücken. Den Horizont erweitern.

Wenn Sie derlei Impulsen nachgeben, die uns eine heimtückische Werbeindustrie häufig als Ausweis genussaktiven Lebenszeitkonsums suggeriert, könnten Sie als in Büchsenschinken enden. So wie ich gestern.

Ich musste dringend mal raus aus unserer Innenstadtwohnung, zweiter Stock Genossenschaftssiedlung, um mir von unseren geschätzten Nachbarn wenigstens für kurze Zeit nicht länger auf meinen Nerven herumtrampeln zu lassen. Ah, Sonne! Ah, lauer Wind! Ah, Frühlingserwachen! Ah, eine Fahrradtour! Einfach losradeln, auf das nächstbeste Ziel zu. Nur mein stummer Drahtesel und ich, herrlich!

Ich also das Navi im Smartphone gecheckt, „nächstbestes Ziel“ eingegeben, taucht da zufällig das Wort „Büchsenschinken“ auf. Auf einer Straßenkarte! Als Örtlichkeit! Jo, da musst du hin. Das ist dein Tagesziel, an einem Sonntag wie diesem. Büchsenschinken. Nur 15 Kilometer weit weg, und trotzdem noch nie davon gehört? Das werden wir änden!

If you can make it in Büchsenschinken, you can make it anywhere!

Gut, niemand hätte gewettet, dass es sich bei Büchsenschinken um eine vollwertige Ortschaft mit Dorfschulzen und Gendarm handelt. Vielmehr gehört Büchsenschinken zu einem von Literatur befallenen Städtchen, das einen Brummbär namens Harry Rowohlt beherbergt hat. Fast erwartet man, ihn hier gleich um die Ecke brummen zu hören. Allerdings gibt es keine Ecken. Büchsenschinken besteht aus einem Stück schnurgerader Straße, etwa einen Kilometer lang.

Was also, wenn nicht Harry, mag es hier für Attraktionen geben?

Von hier aus geht es weg hier, weg hier oder weg hier.

Oh, eine Bushaltestelle! Hätte ich also auch ohne Anstrengung herkommen können. Lustigerweise sogar noch mit meiner HVV-Monatskarte: „Einmal Büchsenschinken, bitte!“ – „Junger Mann, seh ich vielleicht aus wie ’ne Metzgerei auf Rädern? Das iss’n Bus hier!“ (Bäng, Tür zugeknallt, vor der Nase weggefahren.) Vielleicht doch besser, das mit dem Fahrrad.

Aber was gibt’s denn hier nun Schönes? Gibt’s denn hier Schönes?

Wohltuende Wirkung auf Reiter und Pferd: Hof Büchsenschinken

Natürlich gibt es das! Überall gibt es Schönes! Den Hof Büchsenschinken zum Beispiel. Den Reiterhof Büchsenschinken, um genau zu sein. In Reiterkreisen ein Begriff! (Hab ich dann gegoogelt.) Und das Tolle ist: „Der Hof hat durch seine besondere Lage und sein gepflegtes Erscheinungsbild eine wohltuende Wirkung auf Reiter und Pferd.“ So steht es auf der Website. Jetzt aber weiter die Straße entlang.

Kacken selbst für vierbeinige Freunde von Miniaturwindmühlen verboten!

Oh, was ist das? Eine Miniaturwindmühle! Und ein Schild, das Hunde zu Disziplin und Höflichkeit auffordert! Das ist interessant, weil: Von schräg gegenüber kläfft mich die ganze Zeit ein hochnervöser Büchsenschinkener Hofhund an. Zum Glück hinter einem Gittertor. So lange, bis Frauchen rauskommt und misstrauisch nach dem Rechten sieht.

Überhaupt haben die Büchsenschinkener nicht unbedingt viel Herzlichkeit und Liebe für Fremde wie mich übrig, die dumm rumstehen und Büchsenschinken fotografieren. Vorhin auch schon, die Pferdetrainerinnen vom Hof Büchsenschinken. Ich so: Klick, klick! Die so: Sparsam kuck! Ich so: Pfeifend weiterfahr’…

Wir sind halt auf dem Land, in Schleswig-Holstein, da ist sich jeder selbst der Nächste. Geschossen wird erst, gefragt später. Klar, auf die Polizei könnte man ja ewig warten.

Ach, kuck mal an.

Bullenstark: Transportbeton Nord. Mit einer Einfahrt wie die Southfork Ranch von J.R. Ewing.

Es ist nämlich möglicherweise so, dass in Büchsenschinken die Emmelheinz Natursteinwerk GmbH (keine Abbildung) gar nicht der größte Arbeitgeber am Platz ist, wie ich dachte. Als ich da vorbeigekommen bin. Emmelheinz hat ein imposantes Firmenschild aus poliertem Naturstein (keine Abbildung, es standen Nachbarinnen beim Nachbarschaftsschwatz zusammen) und wirkt schon relativ potent, so von der vermuteten Wirtschaftsleistung her gesehen.

Nun aber dies hier: die Transportbeton Nord! Riesengelände, endloses Entrée! Außerdem: Beton und Naturstein fast Tür an Tür? Da wird ja ein Muster erkennbar! Eine ganze Branchenwelt tut sich da auf in Büchsenschinken: die Welt der massiven Baumaterialien! Jo ho ho, und ’ne Buddel Asphalt!

„… möchte ich mich auf Ihre Ausschreibung als stellvertretender Betonwart bei der Transportbeton Nord bewerben; derzeit übe ich eine sozialversicherungspflichtige Vollzeitanstellung als Oberflächenpolier beim Emmelheinz Natursteinwerk aus.“ Wie viele Fachkräfte man sich in Büchsenschinken wohl schon auf diese und ähnliche Weise gegenseitig abgeworben hat?

Mich dies und jenes fragend, neue Eindrücke im Herzen tragend, schwinge ich mich froh in den Sattel. Zuhause mag der Terror weitergehen, aber bevor ich sterbe, habe ich dies gesehen. Büchsenschinken, mon amour!

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Nachtrag, 2. Mai:

Wie mir ein gewöhnlich gut informierter Busfahrer soeben mitteilt, gibt es sogar noch ein zweites Büchsenschinken in der Gegend: In Lauenburg an der Elbe, kaum 40 Autokilometer von Reinbek-Büchsenschinken entfernt, heißt eine Stichstraße so. Und die zugehörige Bushaltestelle auch. Ja, es sieht sogar nach einer Buswendestelle aus, was Büchsenschinken da sackgassenmäßig zu bieten hat:

Eigenheime, dicht an dicht wie Schinken in der Büchse

Jetzt schlägt’s 13! Schleswig-Holsteiner, was ist los mit euch? Zwei Örtlichkeiten unabhängig voneinander Büchsenschinken nennen und keine Erklärung dazu liefern? Es womöglich selbst nicht verstehen, wie ihr das tun konntet? Und jetzt hoffen, niemand findet das raus und keiner stellt Fragen? Falsch gehofft, Schleswig-Holsteiner!