In your face, Steuerzahlerbund!

Meine Damen und Herren, liebe Kinder, sehr geehrte Hamburger Pfeffersäcke! So sieht Verschwendung von Steuergeldern aus:

Fand zumindest der Bund der Steuerzahler bei der Vorlage seines neuen „Schwarzbuchs“ kürzlich in Berlin. „Kunstfreiheit hin oder her – es ist ein eklatanter Fall von Verschwendung, wenn aus Steuergeldern finanziertes Blattgold an eine Hauswand geklebt wird“, konstatierte der Verein. Es geht um die Vergoldung dieses Sozialwohnungsblocks auf der Veddel, einem der ärmsten Hamburger Stadtteile mit einem Migrantenanteil von vielleicht 80 Prozent.

Satte 85.000 Euro seien hier verschwendet worden, denn profitiert hätte davon vor allem der Künstler Boran Burchhardt, nicht aber die Anwohner. So der Steuerzahlerbund.

Ach ja? Woher weiß das denn der Steuerzahlerbund? Mal gesprochen mit den „Anwohnern“? Natürlich nicht. In welcher Sprache denn auch. Er spricht weder Albanisch noch Russisch noch Arabisch noch Türkisch. Aber er weiß: Die Anwohner profitieren nicht. Klar, denn Blattgold kann man nicht von der Fassade kratzen und in die Suppe tun.

Blattgold kann man nicht in die Suppe tun.

Und doch stehen sie plötzlich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Ihr Haus wird fotografiert. Nicht nur von mir, sondern zeitgleich (!) auch von anderen, gut bürgerlich aussehenden Sonntagstouristen aus den besseren Stadtteilen, die es sonst nie, niemals auf die Veddel verschlagen hätte. Da wird diskutiert, da werden kleine Details beachtet, da wird wahrgenommen. Erstmals wahrgenommen, was sonst immer im Schatten verborgen geblieben wäre.

Sehen Sie, da ist sie wieder: unsere Geteilte und Hansestadt Hamburg. Auf der einen Seite weiße Villen und grüne Gärten, auf der anderen Seite monotone Rotklinkerblocks, so weit das Auge reicht. So gehört das, so geht die Hamburger Apartheid. Und niemand hat daran was zu ändern.

Als ich vor vielen Jahren nach Hamburg zog, da war eine der ersten Lebensweisheiten, die man mir hier mitgab: „In den roten Häusern wird das Geld gemacht, und in den weißen Häusern wird das Geld gezeigt.“ Das ist die Grundordnung des Hamburger Universums. Kratzt jemand daran (oder am Blattgold), dann droht die Sonne sich nicht mehr um die Erde zu drehen. Dann ist Revolution oder Schlimmeres.

In den roten Häusern wird das Geld gemacht, und in den weißen Häusern wird das Geld gezeigt.

Bei den anderen vier Hamburger Steuerverschwendungsprojekten, die es ins bundesweite Schwarzbuch geschafft haben, ging es zwar um teils sehr viel höhere Beträge. Aber da war zumindest das Bürgertum unter sich, um sich die Pfründe von Konto X zu Firma Y gegenseitig zuzuschanzen, wie es sich für eine ordentliche Steuergeldverschwendung gehört.

Aber jetzt? Jetzt wohnen die Daniuns und die Vardars und die Barakats und die Duczeks dieser Welt plötzlich in einem goldenen Haus! Und haben doch gar keine Verdienste um unsere schöne Freie und Hansestadt erworben. Und sind in keinem Senatsarbeitskreis, in keinem Ausschuss der Bürgerschaft, in keiner Patriotischer Vereinigung und in keinem Anglo-German Club je gesehen worden. Am Ende zahlen die nicht mal Steuern!

Ja, Herr Geheimrat, darf denn das sein? Nein, Frau Konsul, das geht gar nicht! Das Pack, es könnte aufmüpfig werden bei so viel Glanz vor Augen. Ich sage immer: Krieg den Hütten, Frieden den Palästen!

Aber wissen Sie was? Der Pöbel, er wird ganz schnell ersticken an seinem vermeintlichen Reichtum, der nicht mal den Immobilienwert steigert. Das gemeine Volk kann doch damit gar nicht umgehen.

Sehen Sie, Herr Landgerichtsassessor, ich sage das nicht gern, aber da hat schon jemand das böse F-Wort in das Blattgold geritzt. Und ein Graffito (die einfachen, ungebildeten Menschen sagen ja gerne fälschlich „Graffiti“ im Singular!) verunziert auch schon die hauchdünne Oberschicht. Verstehen Sie: Oberschicht, als scherzhafter Begriff für das von unseren Steuergeldern aufgetragene Blattgold. Am Sozialwohnungsblock. Köstlich, nicht?

Das vergeht, Frau Konsul, das vergeht.

Im Dorf der absoluten Zeit

Zu Besuch in Garding, wo die Uhren anders gehen und die Schaufenster reine Antimaterie feilbieten – im günstigsten Fall. Schlimmstenfalls hingegen trifft einen hier der Urknall, wenn man zu weit die Enge Straße hinunterwandert.

Regelmäßige Zeilensturm-Leser (und wer wäre das nicht?) wissen, dass es mich immer wieder in bemerkenswerte Ortschaften abseits der ausgetretenen Pfade verschlägt, etwa nach Dillingen, Viersen oder Büchsenschinken.

So kam ich zuletzt auch in das schleswig-holsteinische Dorf Garding (2600 Einwohner). Es nennt sich vermutlich unter Ausnutzung irgendwelcher mittelalterlicher Stadtrechte stolz die „Mommsen-Stadt“, weil hier Theodor Mommsen geboren wurde, der einzige Historiker, der jemals einen Literaturnobelpreis erhielt (1902). Mommsen sah aus wie eine verfrühte Ausgabe des verrückten Zeitreise-Wissenschaftlers Doc Brown aus „Zurück in die Zukunft“, und das muss wohl ein Omen gewesen sein.

Denn ich schwöre, mit Garding stimmt etwas nicht. Ich vermute einen Riss im Raumzeit-Kontinuum, eine durchaus ernste Sache. Der Riss, der normalerweise ein Wurmloch in eine andere Dimension bzw. ein Paralleluniversum öffnet, scheint rund um den zentralen Kirchplatz und weiter entlang der Engen Straße  zu verlaufen. Auf diesen wenigen hundert Metern ballt sich die Merkwürdigkeitendichte derart, dass das zugehörige Antimaterie-Gravitationsfeld vermutlich bereits seinen eigenen Masseschwerpunkt in Dunkle Energie verwandelt hat oder was weiß ich.

Auf jeden Fall gehen in Garding die Uhren anders. Hier bitte, das altansässige Uhrenfachgeschäft Schulz:

Und jetzt gehen wir nur fünf Schritte weiter, das dauert vielleicht acht Sekunden, drehen uns um und blicken wieder hinauf:

Gemerkt? Herr Schulz löst übrigens gerade seinen Laden auf, so scheint es, vielleicht sogar in Antimaterie, womit er den Weg vieler früherer Fachgeschäfte in diesem wirtschaftlich nicht unbedingt prosperierenden Ort geht. Jedenfalls gibt es auf Armbanduhren und Eheringe und Krawattennadeln mit maritimen Motiven und Zinnteller für die Wohnzimmerwand gerade 50 Prozent Rabatt. Herr Schulz ist dem Vernehmen nach schon sehr betagt und DER Experte für das Reaparieren alter Uhren, sodass ihm ein Ruf wie Donnerhall bis ins 12 km entfernte Touristen-Eldorado Sankt Peter-Ording  vorauseilt.

Allerdings, so meine Quelle, lagere er die kaputten alten Uhren auch gerne erst mal ein Jahr lang in seiner Werkstatt, um zu beobachten, was ihnen fehlt. So viel Zeit muss sein. Unterdessen kann man sich ja mal für seine Neuware in der Auslage interessieren. Für Neuware von ca. 1979:

Man beachte aber die Auspreisung in Euro, den es erst seit 2002 gibt! Ein Quanten-Paradoxon erster Güte! Ich sag ja, hier gehen die Uhren anders. Bei Herrn Schulz gilt nicht Einsteins allgemeine Relativitätstheorie, sondern die berüchtigte „absolute Zeit“. Und zwar dank einer Technologie, die meines Wissens erst nach dem Warp-Antrieb entwickelt wurde bzw. entwickelt werden wird:

Von dieser kosmischen Zeit-Verabsolutierungsstation im Singularitäten-Fachgeschäft Schulz aus strahlt das Unwahrscheinlicheitsfeld nun also mitten durch die alte Backsteinkirche hindurch, und dann immer die Enge Straße runter. Gleich an deren Beginn trifft es auf dieses Schaufenster:

Was mag das für ein Laden sein? Ein Klempnereibetrieb? Eine Rohreinigerbedarfshandlung? Das Labyrinth des Dr. Mabuse? Nun, der „Dr.“ ist schon gar nicht so verkehrt. Denn es handelt sich – ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, ich wiederhole: mein Ehrenwort – um eine allgemeinärztliche Praxis. Vielleicht kuriert man hier besonders erfolgreich Darmverschlüsse.

Garding und seine Schaufenster. Ich weiß nicht, was sie hier für einen bizarren Wettbewerb am Laufen haben – „Unser Dorf soll irrer werden“? Kaum zwei Häuser weiter nämlich äußert der Besitzer dieser vollkommen zweckfreien, aber immerhin prilblumengeschmückten Scheibe eine freundliche Bitte:

Diesen Aufkleber gibt es gleich zweimal. Es scheint also ein wirklich lästiges Problem zu sein. Wohlgemerkt: Hinter der Scheibe wird nichts ausgestellt. Irgendwann stößt der Blick an eine Store-Gardine, das war’s. Und die Klebeblumen. Kein Schild, kein Name, kein garnix. Trotzdem gehen hier die Menschen vorbei und klopfen. Ob sie die Blumen für Mimosen halten, die auf Berührung hin ihre Blätter schließen? Aber irgendwann muss es doch auffallen, dass nichts geschieht. In dem Schaufenster, in dem nichts zur Schau steht.

Vielleicht sollte man mal an einer der benachbarten Türen klingeln, wenn man schon nicht ans Fenster klopfen darf? Am Klingelschild wird doch sicher ein Name stehen, und dann könnte man Herrn oder Frau Schmidt mit den inzwischen aufgelaufenen Fragen über Garding bestürmen. Aber nein, natürlich nicht:

„Jo, bidde?“

„Driesen mein Name, Entschuldigen Sie bitte die Störung, Herr Klingeltaster ohne Beleuchtung, aber was stimmt mit Ihrem Dorf nicht, wenn ich fragen darf?“

„Moment mol! Wie ham’se mech denn geefundn, ohne Beleuchtung? Do stimmtoch wat nech! Sie sinn sicha een vun deese Trickbetrügers, die rechtschoffene Menschn überfolln!“

„Nein, nein, ich möchte nur mit Ihnen über Antimaterie und Unwahrscheinlichkeitsfelder sprechen, bzw. über Gott, wenn Ihnen das lieber ist.“

„Wat? Achsoo, nee, da müssen Sie schon wartn, bisdat mine Fruu weer tohuus is. Die is bij uns für dat Karitative zustännig!“

„Dafür habe ich absolut keine Zeit bzw. keine absolute Zeit! Können Sie mir wenigestens sagen, ob man der Gastronomie bei Ihnen im Ort noch trauen kann?“

„Ich sech goarnix mehr. Außer: Gehn Sie man vor zur Gaststätte, do wer’n Sie Ihr blaues Wunner erlehm!“

Gesagt, getan. Und natürlich: Das Zeichen des Teufels. Gleich unterhalb der beiden jungen Birken, die aus dem Speise- und Schankbetrieb herauswachsen.

Dann doch lieber auf die andere Seite der Engen Straße, wo der örtliche Migrationshintergrundbetrieb seine Köstlichkeiten auf einer witterungs- und UV-beständigen Hartfaserplatte an der Fassade bewirbt. Denn mittlerweile habe ich schrecklichen Hunger.

Nein, doch nicht.

Ich bin am Ende. Es gibt hier nichts für mich, und schon gar keine Antworten. Nur Schaufenster und Werbeflächen ohne erkennbaren Bezug zur Wirklichkeit. Vor dem letzten dieser Vexierbilder in der Engen Straße stehe ich und starre stumpf durch eine weitere Scheibe. Ein ausgestopfter Vogel mit einem für eine Spottdrossel zu langen Schnabel starrt teilnahmslos an mir vorbei statt zurück. Aber er verspottet mich trotzdem. Ganz zu schweigen von der hässlichsten Hexenfigur, die ich außerhalb des Harzer Mittelgebirges jemals zu Gesicht bekommen habe.

Was, Garding, stimmt nicht mit dir?

Wir

Sommerfrische in Sankt Peter-Ording. Und plötzlich ist Deutschland noch einmal ganz bei sich. Warum sortiert sich das im Urlaub so, entgegen allen Völkerwanderungsströmen?

Keine Kopftücher. Keine „Burkinis“, keine die weibliche Körperform verdeckenden Gewänder. Keine Gruppen arabischer junger Männer. Keine Türken, keine Kurden, keine rumänischen oder bulgarischen Tagelöhner. Keine Bettler vom Balkan. Keine dunkle Hautfarbe – außer tiefengebräunten schwäbischen Rentnern, die nach Zweitwohnsitz auf Mallorca aussehen.

Das Nordseebad Sankt Peter-Ording im Juli 2017. Überall Deutsche – am Strand, in den Restaurants, in den Geschäften. Selbst das Personal, das die Tourismusmaschine am Laufen hält, ist fast ausschließlich „indigen“: dem Anschein nach ohne Migrationshintergrund über Landes- und Kulturgrenzen hinweg, jedenfalls während der zurückliegenden Jahrzehnte.

Das fällt ins Auge, wenn man aus Hamburg kommt. Und ich berichte es ohne Wertung, nur mit Erstaunen, wie sehr es ins Auge fällt. Wie sehr ich mich schon daran gewöhnt hatte, dass Deutschland heute eigentlich anders aussieht. Sich anders anhört, anders anfühlt.

Schlechtes Wetter, gute Luft: St. Peter-Ording

Aber hier ist Nordseestrand, Urlaubsland. Das temporäre Paradies, das Refugium, das wir Deutschen uns schaffen für jene Wochen im Jahr, in denen alles „perfekt“ zu sein hat. Wir Deutschen, die wir Statistiken zufolge aus Angst vor der zunehmend gewalttätigen Außenwelt oder aus Abscheu vor radikaler Ideologisierung unseren Urlaub wieder deutlich öfter im „eigenen Land“ verbringen. USA und Türkei sind out, Sankt Peter-Ording ist in.

Hier sind wir also, jedenfalls eine repräsentative Anzahl von uns. Zeit für Beobachtungen. Und für den Abgleich mit der Erinnerung daran, wie das mal war: wir Deutschen, weitgehend unter uns.

Wir Männer tragen, einem deutschen Naturgesetz folgend, bei jedem Wetter und unter allen Umständen Shorts.

Wir sind immer noch ganz schön viele. Wir sind überall. Die nervig-lauten Nachbarn im Ferienapartment: Rheinländer. Die Sandburgnachbarn: sonnenverbrannte Schwaben, siehe oben. Die Kitesurfer in den aufgepeitschten Wellen: Hessen. Die Radwanderer hinterm Deich: aus Thüringen.

Dialekte aus „allen deutschen Gauen“, hätte man früher gesagt, als das noch ein argloses Statement war. Und unsere teutonischen Eigenarten, sie sind auch noch alle da. Siebzehn Jahr‘, blondes Haar, trallala.

Wir Männer tragen am Urlaubsort, einem deutschen Naturgesetz folgend, bei jedem Wetter und in jedem Alter Shorts, denn wir haben Freizeit und sind lässig-sportiv.

Regnet es länger als fünf Stunden am Stück, laufen wir deutsche Urlauber mit Gesichtern herum, die stumm nach fähigen Rechtsantwälten schreien, obwohl wir genau dieses Küstenwetter vom letzten Mal kennen. Und vom Mal davor.

Regnet es länger als sieben Stunden, kann uns nur noch die Shoppingmeile Trost spenden, in die sich jede Nordesee-Kleinstadt-Hauptstraße verwandelt hat. Dann werden wir Bonusmeilensammler zu Schnäppchenjägern, die im 21. Jahrhundert immerhin das Fremdwort „Sale“ gelernt haben.

Natürlich zanken wir auch, sofern wir als Paare/Familien auftreten. Einer heult immer. Und mindestens ein anderer schmollt.

Wir bauen immer noch unsere altbewährten Sandburgen, wir Hamburger, Duisburger, Freiburger. Wir schaffen uns „Privatsphäre“ am Strand und bewachen sie mit Zähnen und Klauen. Die Deutschen schützen ihre Grenzen nicht? Wir sind immer noch das Volk, das die alarmroten „Reseviert“-Badetücher erfunden hat!

Überhaupt: Reservierungen. Darin bleiben wir unangefochtene Weltmeister. Planen wir im Urlaub einen Gang in den Biergarten, reservieren wir schon im Reisebüro die entsprechenden Bänke, und zwar für 16.45 Uhr. Und wenn es dazu eine All-inclusive-Option gibt, buchen wir die mit.

Natürlich zanken wir auch wie in meinen Kindertagen, sofern wir als Paare/Familien auftreten. Einer heult immer. Und mindestens ein anderer schmollt. Bis wir uns wieder vertragen, im milden Licht eines nordfriesischen Sonnenuntergangs, bei einer schlechten Flasche Wein. Denn wir können nicht anders, wir deutschen Romantiker.

Wir versuchen sogar tapfer, im Urlaub nicht zu rasen oder zu drängeln – als Ausweis einer gelassen-souveränen Lebensart, wie sie uns deutsche Menschen von Welt heutzutage auszeichnet. Es sei denn natürlich, jemand will uns unsere Reservierung oder unser Schnäppchen wegschnappen, und währenddessen regnet es gerade. Dafür haben wir nicht bezahlt bzw. ich war aber zuerst da bzw. Unverschämtheit bzw. du mich auch!

Radfahrer werden hier auf die Rechtslage aufmerksam gemacht

Aber meistens sind wir ganz nett, wir Urlaubsdeutschen. Wir Strandpiraten-Volksgemeinschaft. Manchmal kommen wir sogar ins Gespräch miteinander, so von Stuttgarter zu Kölnerin. Wir schauen ja alle Tatort, darüber kann man trefflich tratschen. Wir lesen aber auch immer noch so viel im Strandkorb, wenn auch kaum noch die BILD in Papierform.

Wir sind begeisterte Hundehalter oder Extremspotler oder Fettleibige oder Nacktbader, auf jeden Fall begeistert. Bier bleibt unser Nationalgetränk, und die Diskussionen über die einzig richtige Marke sind seit 1975 einem amtlichen Endergebnis noch kein Stück nähergekommen.

Apropos 1975. Wir waren ja in meiner Kinderzeit in den Sommerferien vom Allgäu bis zu den Nordseeinseln als Deutsche nicht deswegen weitgehend unter uns, weil wir keine Ausländer unter uns gewollt hätten. Sondern weil die Ausländer gar nicht auf die absurde Idee kamen, uns zu besuchen.

Sie hatten doch im Zweifel daheim alles viel schöner: das Wetter, den Strand, das Essen, den Wein, die Berge, die Luft. Wozu ins kalte, regnerische und im Winter nicht einmal schneesichere Deutschland reisen, wo man zudem eine Sprache pflegte, die schon allein als Ausschlusskriterium für fremde Ohren und Zungen hinreichte?

Sie hatten ja im Zweifel daheim alles viel schöner: das Wetter, den Strand, das Essen, den Wein.

Wohnwagen-Holländer, Dänen und ein paar versprengte Schweizer, wenige Engländer, später auch mal der ein oder andere Spanier – das waren die Exoten in unseren Breiten, als ich noch Schulferien hatte. Die anderen kamen auch gar nicht wie die ewig romantischen Deutschen auf die Idee, im Nieselregen zwanghaft drittklassige Berge im Harz zu bewandern, um im Mythos von den Brockenhexen zu schwelgen.

Nie wären sie auf den Spuren Fontanes ergriffen durch den Streusand der Mark Brandenburg geschlurft. Oder hätten sich im Nebel der Lüneburger Heide an windschiefen Schafställen begeistert, die vielleicht von Caspar David Friedrich hätten gemalt worden sein können.

Diese merkwürdigen Deutschen, die meisten von ihnen Ungläubige vor dem Herrn, dennoch dauerhaft unter dem Bann stehend, barocke bayerische Dorfkirchlein mit Zwiebeltürmen besichtigen zu müssen und den Dom zu Worms sowieso.

Nach diesen Vorlieben im einen oder Abneigungen im anderen Lager sortiert sich das multikulturelle Deutschand von heute immer noch wie zu Adenauers Zeiten. In den Ferien teilt sich der Mahlstrom der großen Völkerwanderung, der dieses Land ergriffen hat, wie von Zauberhand in separate Ströme und Tümpel.

Keine Araber bei meiner letzten Brockenwanderung. Keine Kosovo-Albaner mit eigener Sandburg am Strand. Kein rumänisches Beachvolleyballteam auf Sylt. Deutschtürken besuchen in den Sommerferien lieber die Verwandtschaft in Anatolien. Syrern im Asylverfahren fehlen Mittel, Rechte und vermutlich Interesse. Franzosen fehlt der Glaube an unsere Kochkünste, Italienern die Geduld für unsere Sprache. Und alle schreckt unser Wetter.

In den Ferien teilt sich der Mahlstrom der großen Völkerwanderung wie von Zauberhand in separate Ströme und Tümpel.

So bleiben wir unter uns als Urlauber an Deutschlands Küste, für ein paar außergewöhnliche Wochen der historisch-kulturellen Kongruenz, der Übereinstimmung von Erinnerung und Erleben. Bis wir dann unsere Koffer packen in Sankt Peter-Ording, in Wyk auf Föhr, in Boltenhagen und Binz. Bis wir unsere Audis und Tourans und BMWs beladen.

Und heimkehren nach Alltagsland.

Wir können auch sportlich.

Big Grandma Is Watching Me

Wer hat behauptet, der Mobilfunksektor sei eine Servicewüste? Stimmt nicht: Es kommt zu unverhofften menschlichen Begegnungen. In Echtzeit, O-Ton und Bewegtbild.

Big Grandma taucht auf, als ich gerade dabei bin, in der Servicewüste zu verdursten: auf der ausgedorrten Marathonstrecke eines Tarifwechsels von Anbieter A zu Anbieter B. Haben Sie mal versucht, Ihre Telefonnummer von A nach B mitzunehmen? Es möge an dieser Stelle genügen, dass ich für etwa eine Woche weder A noch B nutzen kann.

Bleibt nur C: eine Prepaid-Karte zur Überbrückung. Rein in die Aldi-Filiale, „Starter-Set“ mit Karte von Aldi Talk gekauft und gleich mal festgestellt, dass die versprochene Sonderaktion mit Mini-Flatrate entgegen der Onlinewerbung nicht im Paketumfang enthalten war. Aber egal. Ist ja alles nur für eine Woche. Hauptsache erreichbar.

Gleichfalls egal, dass jetzt schon Juli ist. Und seit Juli kann man Prepaid-Karten nur noch nach Durchlaufen eines ausgefeilten „optischen Identifizierungsverfahrens“ aktivieren. Das muss von der BaFin autorisiert sein, der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht. Denn Prepaid heißt: Man lädt seine Karte mit amtlichen Zahlungsmitteln auf, und dazu muss in Deutschland erst mal die Übereinstimmung zwischen Personalausweisdaten und Gesicht zertifiziert werden.

Um jetzt nicht in der kafkaesken Postfiliale Schlange stehen zu müssen, wo sie einem die eigene Existenz am Ende wahrscheinlich auch per „PostIdent“ bestätigen würden, kann man die Kontrolle jetzt zuhause durchlaufen – am eigenen PC, bei eingeschalteter Webcam.

Ich hab’s ausprobiert. Es war großartig.

Gerechnet hatte ich mit einer Art virtuellem Bodyscanner, vollautomatisch natürlich, oder einem digitalen Avatar, der mich programmgesteuert durch schreckliche Eingabe- und Selfieprozesse führen würde.

Weit gefehlt.

In Deutschland muss erst mal die Übereinstimmung zwischen Personalausweisdaten und Gesicht zertifiziert werden

Ein Fenster tat sich auf meinem Bildschirm auf. Eine Botschaft erschien: „Ihr Video-Agent wird sich in Kürze melden“. Und dann meldete sich mein Video-Agent.

Whoa!

Groß im Bild: ich selbst im Esszimmer, innerlich vollkommen unvorbereitet. Klein im Extrabild in der der unteren rechten Ecke: der Video-Agent. Eine sächselnde Oma mit Kurzhaarschnitt vor neutralem Hintergrund. Dass sie nicht simultan mit Stricknadeln klapperte, war alles. „Nu, Hörr Dries’n, gudn Doog, wollnse vleisch mol ihrn Persenolausweis vorde Gammera holn?“

Der Staat schaut dich an. Genau so muss das aussehen. Big Grandma sieht alles, durchschaut alles, durchleuchtet alle meine Daten und vermutlich auch noch meinen Mageninhalt. Ähm, ja. So recht?

„Ö bissl möhr rächds, vleisch. So’ß gudd.“

Dass ich jetzt umgehend das rechte Ohr frei machen müsse, wie damals zu DDR-Zeiten am Grenzübergang Friedrichstraße, befahl sie nicht.

„Sch überdrog dannemol grod Ihre Persenolausweisdodn“, machte sich die Agentin ans Werk und hieb die Dodn sogleich in eine unsichtbare Dosdeduhr Tastatur.

„Ist ja nett, dass man hier noch von richtigen Menschen behandelt wird“, entfuhr es mir, aufrichtig erfreut. Um ein Haar hätte ich, allein zu Hause, gedankenlos halbnackt vor meiner Webcam gesessen.

„Dös’s goröggd, Hörr Dries’n“, bestätigte die Agentin ihre Original-Menschlichkeit. Ich meinte den Anflug eines Lächelns zu erkennen. Nach zwei Minuten des zittrigen Perso-vor-die-Kamera-Haltens waren die Formalitäten beendet.

„Gönnse wieda rundonähm“, wies mich meine BaFin-kompatible Gesprächspartnerin jovial an.

„Sch überdrog dannemol grod Ihre Persenolausweisdodn“, machte sich die Agentin ans Werk

Ich tat, immer noch verblüfft, wie mir geheißen – um mich im nächsten Moment für meinen unkritischen Gehorsam gegenüber einem Videobild zu verwünschen. Was, wenn es sich doch nur um eine virtuelle „Agentin“ gehandelt hatte? Können die das nicht heute schon in der Computergrafikabteilung? Es soll ja bereits Spielfilme geben, in denen digitale Schauspieler nicht mehr von echten zu unterscheiden sind. Vielleicht eine Parodie, mit der das Bundesamt Selbstironie dokumentieren und Sympathiepunkte heischen wollte?

„Nö schöne Uhr hommse do ond’r Wond höng‘, Hörr Dries’n!“

Oh mein Gott. Hinter mir an der Esszimmerwand war auf dem Bildausschnitt, den ich sah und den sie sehen konnte, deutlich meine aus alten Vinylscheiben gebastelte Pendeluhr zu erkennen, sachte pendelnd.

Und dieses Wesen konnte das sehen. Es musste real sein. Es musste tatsächlich irgendwo in Sachsen eine  Oma soeben meine Personalausweisdaten mit meinem Gesicht abgeglichen haben. Ich fühlte mich zu sehr ertappt, um sie zu ihrem zeitgemäßen Einrichtungsgeschmack zu beglückwünschen.

„Ihr Videostream wurde beendet.“

Drei Stunden später war meine Handykarte freigeschaltet. Ich weiß, es klingt unangemessen sentimental und spottet allen Privatsphärenschutzinstikten, aber das BaFin und das allgemeine Mobilfunkwesen haben heute bei mir gepunktet.

Mann mit schöner Uhr, offiziell bestätigt (nicht im Bild: Grandma)

Stiller Tag in Büchsenschinken

Die Vermessung des Nirgendwo (Teil I und Schluss): Interessantes über ein Provinznest, dessen Name leider nirgends schlüssig erklärt wird und das auf meinen Fotos aus gutem Grund nur aus Schildern zu bestehen scheint.

Sich treiben lassen. Die Seele baumeln lassen. Den Tag pflücken. Den Horizont erweitern.

Wenn Sie derlei Impulsen nachgeben, die uns eine heimtückische Werbeindustrie häufig als Ausweis genussaktiven Lebenszeitkonsums suggeriert, könnten Sie als in Büchsenschinken enden. So wie ich gestern.

Ich musste dringend mal raus aus unserer Innenstadtwohnung, zweiter Stock Genossenschaftssiedlung, um mir von unseren geschätzten Nachbarn wenigstens für kurze Zeit nicht länger auf meinen Nerven herumtrampeln zu lassen. Ah, Sonne! Ah, lauer Wind! Ah, Frühlingserwachen! Ah, eine Fahrradtour! Einfach losradeln, auf das nächstbeste Ziel zu. Nur mein stummer Drahtesel und ich, herrlich!

Ich also das Navi im Smartphone gecheckt, „nächstbestes Ziel“ eingegeben, taucht da zufällig das Wort „Büchsenschinken“ auf. Auf einer Straßenkarte! Als Örtlichkeit! Jo, da musst du hin. Das ist dein Tagesziel, an einem Sonntag wie diesem. Büchsenschinken. Nur 15 Kilometer weit weg, und trotzdem noch nie davon gehört? Das werden wir änden!

If you can make it in Büchsenschinken, you can make it anywhere!

Gut, niemand hätte gewettet, dass es sich bei Büchsenschinken um eine vollwertige Ortschaft mit Dorfschulzen und Gendarm handelt. Vielmehr gehört Büchsenschinken zu einem von Literatur befallenen Städtchen, das einen Brummbär namens Harry Rowohlt beherbergt hat. Fast erwartet man, ihn hier gleich um die Ecke brummen zu hören. Allerdings gibt es keine Ecken. Büchsenschinken besteht aus einem Stück schnurgerader Straße, etwa einen Kilometer lang.

Was also, wenn nicht Harry, mag es hier für Attraktionen geben?

Von hier aus geht es weg hier, weg hier oder weg hier.

Oh, eine Bushaltestelle! Hätte ich also auch ohne Anstrengung herkommen können. Lustigerweise sogar noch mit meiner HVV-Monatskarte: „Einmal Büchsenschinken, bitte!“ – „Junger Mann, seh ich vielleicht aus wie ’ne Metzgerei auf Rädern? Das iss’n Bus hier!“ (Bäng, Tür zugeknallt, vor der Nase weggefahren.) Vielleicht doch besser, das mit dem Fahrrad.

Aber was gibt’s denn hier nun Schönes? Gibt’s denn hier Schönes?

Wohltuende Wirkung auf Reiter und Pferd: Hof Büchsenschinken

Natürlich gibt es das! Überall gibt es Schönes! Den Hof Büchsenschinken zum Beispiel. Den Reiterhof Büchsenschinken, um genau zu sein. In Reiterkreisen ein Begriff! (Hab ich dann gegoogelt.) Und das Tolle ist: „Der Hof hat durch seine besondere Lage und sein gepflegtes Erscheinungsbild eine wohltuende Wirkung auf Reiter und Pferd.“ So steht es auf der Website. Jetzt aber weiter die Straße entlang.

Kacken selbst für vierbeinige Freunde von Miniaturwindmühlen verboten!

Oh, was ist das? Eine Miniaturwindmühle! Und ein Schild, das Hunde zu Disziplin und Höflichkeit auffordert! Das ist interessant, weil: Von schräg gegenüber kläfft mich die ganze Zeit ein hochnervöser Büchsenschinkener Hofhund an. Zum Glück hinter einem Gittertor. So lange, bis Frauchen rauskommt und misstrauisch nach dem Rechten sieht.

Überhaupt haben die Büchsenschinkener nicht unbedingt viel Herzlichkeit und Liebe für Fremde wie mich übrig, die dumm rumstehen und Büchsenschinken fotografieren. Vorhin auch schon, die Pferdetrainerinnen vom Hof Büchsenschinken. Ich so: Klick, klick! Die so: Sparsam kuck! Ich so: Pfeifend weiterfahr’…

Wir sind halt auf dem Land, in Schleswig-Holstein, da ist sich jeder selbst der Nächste. Geschossen wird erst, gefragt später. Klar, auf die Polizei könnte man ja ewig warten.

Ach, kuck mal an.

Bullenstark: Transportbeton Nord. Mit einer Einfahrt wie die Southfork Ranch von J.R. Ewing.

Es ist nämlich möglicherweise so, dass in Büchsenschinken die Emmelheinz Natursteinwerk GmbH (keine Abbildung) gar nicht der größte Arbeitgeber am Platz ist, wie ich dachte. Als ich da vorbeigekommen bin. Emmelheinz hat ein imposantes Firmenschild aus poliertem Naturstein (keine Abbildung, es standen Nachbarinnen beim Nachbarschaftsschwatz zusammen) und wirkt schon relativ potent, so von der vermuteten Wirtschaftsleistung her gesehen.

Nun aber dies hier: die Transportbeton Nord! Riesengelände, endloses Entrée! Außerdem: Beton und Naturstein fast Tür an Tür? Da wird ja ein Muster erkennbar! Eine ganze Branchenwelt tut sich da auf in Büchsenschinken: die Welt der massiven Baumaterialien! Jo ho ho, und ’ne Buddel Asphalt!

„… möchte ich mich auf Ihre Ausschreibung als stellvertretender Betonwart bei der Transportbeton Nord bewerben; derzeit übe ich eine sozialversicherungspflichtige Vollzeitanstellung als Oberflächenpolier beim Emmelheinz Natursteinwerk aus.“ Wie viele Fachkräfte man sich in Büchsenschinken wohl schon auf diese und ähnliche Weise gegenseitig abgeworben hat?

Mich dies und jenes fragend, neue Eindrücke im Herzen tragend, schwinge ich mich froh in den Sattel. Zuhause mag der Terror weitergehen, aber bevor ich sterbe, habe ich dies gesehen. Büchsenschinken, mon amour!

***

Nachtrag, 2. Mai:

Wie mir ein gewöhnlich gut informierter Busfahrer soeben mitteilt, gibt es sogar noch ein zweites Büchsenschinken in der Gegend: In Lauenburg an der Elbe, kaum 40 Autokilometer von Reinbek-Büchsenschinken entfernt, heißt eine Stichstraße so. Und die zugehörige Bushaltestelle auch. Ja, es sieht sogar nach einer Buswendestelle aus, was Büchsenschinken da sackgassenmäßig zu bieten hat:

Eigenheime, dicht an dicht wie Schinken in der Büchse

Jetzt schlägt’s 13! Schleswig-Holsteiner, was ist los mit euch? Zwei Örtlichkeiten unabhängig voneinander Büchsenschinken nennen und keine Erklärung dazu liefern? Es womöglich selbst nicht verstehen, wie ihr das tun konntet? Und jetzt hoffen, niemand findet das raus und keiner stellt Fragen? Falsch gehofft, Schleswig-Holsteiner!