Das Ende ist nah: Eine stille Tragödie in zehn Bildern

Eines Mittags, kurz vor Jahresende, bin ich nur kurz über die Kreuzung beim EDEKA- Markt Ünüvar (vormals Spar-Markt Ünüvar, vormals Konsumgenossenschaft „Produktion“) und finde im Regal keinen Dosenmais mehr. Da klafft eine kleine Lücke, die da nicht hingehört. Ich frage den Verkäufer, warum da kein Mais ist, und er sagt mir beiläufig, man kaufe jetzt keine Neuware mehr ein.

Warum nicht, frage ich, alarmiert von der mitschwingenden Differenz zwischen Beiläufigkeit und Fakt. Weil wir in drei Wochen sowieso schließen, sagt er. Wie, schließen, frage ich, in der Hoffnung auf Betriebsferien als Antwort, die es aber hier in den zwölf Jahren Ünüvar noch nie gab, so weit ich mich erinnere.

Na ja, sagt er, wir machen zu, Ende, aus. In einem Jahr wird das ganze Haus hier sowieso abgerissen, der Laden läuft nicht mehr so gut mit Lidl und Penny in der Nähe, der Chef ist auch krank, also machen wir zu. Das könnt ihr doch nicht machen, will ich sagen, wo soll ich denn dann so bequem mal eben Milch fürs Frühstück holen, aber ich besinne mich und sage, und das stimmt natürlich umso mehr: Ja, aber was ist denn dann mit den Alten, die hier wohnen, sollen die denn all die Treppen runter bis nach Untenhamm, um beim Lidl einzukaufen?

Er zuckt mit den Schultern. Viele seien ja in letzter Zeit weggestorben, sagt er, auch deshalb laufe das Geschäft nicht mehr, die Alten hätten den Laden getragen, die Jungen schauten auf den Cent und kauften beim Discounter, da könne man nicht mithalten preislich. Und das Haus aus den frühen Sechzigern sei durch und durch marode, da mache der Eigentümer nichts mehr dran, die Elektrik sei noch original, das sehe man ja selbst.

Und was macht ihr dann, frage ich, kriegt ihr denn alle in eurem zweiten Laden in der Süderstraße Arbeit? Nein, nur einer hat da einen Vertrag gekriegt, sagt er, der Laden da ist doch nur halb so groß, wir anderen bewerben uns halt, wird sich schon was finden. Aber ist nicht dasselbe wie im Familiengeschäft, sage ich. Nee, nicht dasselbe, sagt er und beendet die Zigarettepause.

Die Renovierung hätte 35 000 Euro gekostet, also aus eigener Tasche, das hätte sich nicht finazieren lassen, erfahre ich noch, wo doch der Eigentümer hier sowieso in einem Jahr den Abrissbagger holt. Wird das Ding also leer stehen, so irre ist ja keiner, dass er das für ein Jahr mietet. Keiner weiß, was danach stattdessen hier gebaut werden soll, teure Wohnungen vermutlich, ein Lebensmittelladen jedenfalls sicher nicht mehr.

In der Zwischenzeit hat sich das Gehörte in meinem Kopf zu einem überraschend starken Gefühl von Verlust verdichtet. Nicht nur, weil damit ein Stück lokale Handelsgeschichte endet. Sie hatte lange vor meiner Zeit hier mit einem Lokal der stolzen Konsumgenossenschaft „Produktion“ begonnen, dieser ur-hamburgischen Errungenschaft der kleinen, aber stolzen Leute aus Vorkriegszeiten. Nein, dieser Laden gehörte zu unserem „Umfeld“, unserer engsten Nachbarschaft, hier haben wir viele hundert Mal eingekauft in neun Jahren, es ist beinahe ein Eingriff in die Privatsphäre. Ein zerstörender Eingriff.

 

Es ist auch die Architektur dieses Flachbaus, die mir immer schon gefallen hat. Schlicht, klar, luftig, mit einer optimistisch bemessenen Dach-Veranda und diesem elegant schwebenden Wendeltreppenhaus, das hoch zur Wohnung oder zur Arztpraxis führt, ich war da in all den Jahren nie drin. Aber jetzt ist da dieses Verlustgefühl. Dass das alles ab Neujahr nur noch leere, verrottende Hülle sein soll, schwer zu glauben.

Ich weiß auch nicht, wo dann der alte Herr Meier hin soll, der vorn gleich hinterm Eingang bei den Einkaufswagen häufig als einer der letzten Kunden des Abends herumhängt und das Personal mit den immergleichen, immer zu lauten Wortschwällen über die Welt und die Weiber nervt oder amüsiert, je nach Tagesform. Sie hatten Übung darin, souverän über alle seine Ausfälligkeiten hinweg zu hören, und ihm verschaffte es Erleichterung. So kam jeder zurecht.

Die Alten, die gar nicht mehr laufen könnten, sagt der Verkäufer noch, die werde man weiterhin auf Bestellung beliefern, auch von der Süderstraße aus. Das sei geregelt. Ich komm vorher noch mal und mach ein paar Bilder, wenn’s recht ist, sage ich. Und wenn dann Silvester ist und Neujahr, wird es ein anderes Jahr sein und ein klein wenig anderes Stadtbild und ein klein wenig anderes Leben, ein kälteres, anonymeres, uniformeres. Ich werde die Treppe nach Untenhamm nehmen und ganz tief zum Lidl hinabsteigen und die Milch holen, die gottverdammte Litertüte Milch.

Des holden Weibes schöner Schein oder: Lied von der Eigenwerbung

Ein Riss zog sich durch dieses Haus.
Es sah halb hübsch, halb hässlich aus
geteilt grad in der Mitten.

Die linke Hälfte war ergraut.
Sie war in Gütersloh erbaut
und roch nach alten Fritten.

Die rechte Hälft‘ fand mich verzückt.
Sie schien gen Süden mir entrückt
bis weit nach Cinque Terre.

Wie Engelslob klang mir ein Lied
ganz klar von rechts. Oh Unterschied!
Von links kam nur Geplärre.

Die Hausfrau, die sich linksseits trollt,
in trübem Müßiggang, die wollt
ich gar nicht kennen lernen.

Doch’s holde Wesen rechts im Haus,
das sucht‘ ich heiß. Dann fand ich’s raus:

Gleich wollt ich mich entfernen.

 

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Im Linoleum-Paradies

Man sucht eine Jacke. Eine für den Frühling, der jetzt hoffentlich kommt, weil man das olle dicke Winterzeug endgültig nicht mehr ertragen kann. Man durchstreift erst fasziniert die büronahe Hamburger Karolinenstraße, obwohl man da zielgruppenmäßig als fast 45-jähriger Familienvater mit Bauchansatz echt nichts mehr zu suchen hat (aber eine wirklich tolle Jacke beinahe, beinahe gekauft hätte, wenn sie denn nur …).

Dann folgt man der vermeintlichen Stimme der Vernunft und ergibt sich dem Mainstream: Karstadt an der Mö, dann Wormland in der noch sterileren Europa-Passage. Bei Karstadt dominiert Rentner-Beige. Bei Wormland wummert ein Mainstream-Elektroverschnitt aus den Boxen, der einen aber nicht in die gewünschte Konsum-Trance versetzt, sondern in Richtung Ausgang treibt, nachdem man außerdem die Preisschilder von Boss-Lederjacken zur Kenntnis genommen hat und die Einheitsjugendlichen mit Mainstreamtechnowummerjeans, in denen das Gemächt in Kniehöhe und der Hintern in den zugehörigen Kehlen zu baumeln scheint.

Und dann, schon fast verzweifelt, folgt man der Empfehlung eines Herrn Buddenbohm. Und geht zu Policke. Hinterm Bahnhof. Gegründet 1931. Anzüge, Hosen, Jacken. Insgesamt schlappe 30.000 Teile. Nur für Herren, also wirklich: Herren, nicht Jüngelchen. Ein Universum für sich.

Da wird man im Parterre von einem von drei Dutzend zur Auswahl stehenden Verkaufshanseaten mit oder ohne Bauchansatz forsch mit „Moin“ statt dem grenzdebilen Standard-„Hallo“ empfangen. Keine Musik. Keine. Null. Das hält schon mal alle Menschen unter 25 zuverlässig aus dem Laden, fein. Dann erklimmt man zunehmend atemlos das aberwitzig steile, graue Sechziger-Jahre-Linoleum-Treppenhaus. Ganz nach oben sind es 176 Stufen, aber die Jacken gibt es im 2. Stock. In Gängen, die an die Universitätsbücherei von Marburg 1967 erinnern, vor Ausbruch der Studentenunruhen, nur eben ohne Bücher, erschlägt einen der Anblick der endlosen, bis zur Altbaudecke reichenden Reihen von Kleiderbügeln. Jackets, Anzügen, Hosen – vorzugsweise in Hanseatendunkelblau, wie es zunächst scheint. Aber Policke kann auch anders. Oh ja, sie haben auch Rot im Programm und wahrscheinlich, wenn einer der Verkaufshanseaten einen in den drittletzten Winkel von hinten links führen würde, auch Gold oder wenigstens Mauve mit großen Karos.

Aber wir sind ja vernünftig. Also … ähm … irgendwas mit braun.

Da hat der Verkaufshanseatenkollege aus dem zweiten Stock, der einen mit genau mit der richtigen Mischung aus Kennerschaft, Fürsorge, Dezenz und Mutterwitz unter seine Fittiche genommen hat, aber immer noch gefühlte 218 verschiedene Modelle in der genau passenden Größe zur Auswahl. Wobei er manchmal auf diese abenteuerliche Roll-Leiter steigt, um von der Kleiderstangenreihe acht oder zehn direkt unter der Decke eine Jacke herunter zu fischen. Und dabei schiebt er mal hier, mal da, einen Hanseatenschnack ein („Nehmen Sie doch einfach beide, wir haben große Tüten!“), korrigiert Ärmellängen, kommentiert Verarbeitungsdetails, benutzt Hamburger Dialektwendungen, die man nie gehört hat und die einem dennoch allein durch ihren Klang davon in Kenntnis setzen, dass diese eine Jacke doch nicht so 100-prozentig passt, und unweigerlich gerät man nun, da alles schon so weit gediehen ist, in selige Kaufbereitschaft – und kauft die andere, die von vorhin („Das ist doch’n Wort!“). Und die ist ja auch gar nicht mal zu teuer, und dann gibt es einen Händedruck, und dabei springt ein elektrostatischer Funke über, und er kommentiert das mit „Sie sind geladen – ich hoffe, das liegt nicht an meinem Verkaufsgespräch“. Und man verneint aus tiefstem Herzen und hat eine neue Jacke.

Und der Frühling ist da.