Short Stories (2): Hochwohlgeboren

Aschi und Potze sind Pfandflaschensammler – dummerweise im selben Revier. Da trägt es nicht zur Entspannung  bei, dass Aschi behauptet, aus besseren Kreisen zu stammen. Was als komischer Klassenkampf begann, wird bald zum brutalen Wettstreit.

Da war er wieder, der gefürchtete Aufkleber: „Pfand gehört daneben!“ Er prangte am orangefarbenen Mülleimer der Berliner Stadtreinigung, und, na klar: Daneben stand keine einzige Pfandflasche. Das Leergut hatte bestimmt schon so eine Mutti mitgenommen, eine dieser zugezogenen Schwäbinnen aus den Altbau-Eigentumswohnungen in Prenzlauer Berg. Sie trugen ihre Beute mit spitzen Fingern zum EDEKA schräg gegenüber und strichen mit schwäbischer Freude die paar Cent retour ein.

„Pfand gehört daneben!“ Das hatten sie sich so schön ausgedacht, die Weltverbesserer von irgendeiner Werbeagentur. Aber ohne Aufkleber wäre hier gestern Nacht kein Trinker dazu verleitet worden, seine Flaschen in bester Absicht hübsch griffbereit „daneben“ zu platzieren. Im schmutzigen Eimer nach den Flaschen zu wühlen, hätte die Berliner Schwäbin sich nie die Blöße gegeben.

Und dann hätte Aschi den Lohn eingesackt, der ihm zustand.

Düsterer Stimmung versenkte Aschi, der Flaschensammler, den Arm versuchsweise im ovalen Loch des Mülleimers. Er nämlich, das durften die Muttis ruhig sehen, war sich nicht zu schade! Er ging auch dahin, wo das Licht nicht hin schien. Und als Profi trug er einen dicken Gummihandschuh, der bis zum Ellbogen reichte.

Nichts. Kein Pfandglas, überhaupt kein Glas. Morgen würde er auf seiner Tour früher hier vorbeikommen müssen, vor Ladenöffnung. Vor den Muttis.

 „Schwäbische Elstern! Kommen hierher und nehmen uns die Arbeit weg!“

Was? Wer quatschte da? Wer nahm ihm die Worte aus dem Mund? Aschi zog den Arm aus dem Eimer und hob den Blick. Aus dem Nichts war noch jemand mit Arbeitshandschuh und IKEA-XXL-Tragetasche aufgetaucht. Nicht gut. Definitiv kein guter Morgenheute.

„Tach auch!“, entbot ihm der Konkurrent. „Hab dich hier um die Häuser ziehen sehn. Du bist Aschi, oder? Hat mir der Penner auf der Bank am Späti verraten. Machen uns fertig, die Elstern, wa? Allet bloß wegen die Werbeheinis mit ihrer Aktion da, Pfand daneben. Halbierte Umsätze seitdem, würd ick sagen. Übrigens: Potze heiß ick.“

Der Störenfried streckte ihm die behandschuhte Rechte entgegen. Für einen Sekundenbruchteil hatte Aschi das Gefühl, in einenSpiegel zu schauen. Der andere hatte dichtes, mit grauen Strähnen durchsetztes Haar wie er selbst. Eine sonnengegerbte, aber nicht von Alkohol aufgedunsene Gesichtshaut, gleich ihm. Einen kurz getrimmten Vollbart (er hingegen trug Kinnbart, jedoch ebenfalls kurz). Ungefähr dieselbe Figur, vielleicht eine Spur stämmiger. Und wie er selbst hielt der Eindringling mit seiner regenfesten, aber nicht abgerissenen Kleidung auf Distanz zu den obdachlosen Trinkern.

Andererseits: Potze? Potze war ganz klar ein Pennername.

Aschi machte eine kleine Staatsaktion daraus, wortlos seinen Gummihandschuh abzustreifen. Er hatte das Gefühl, sich hier deutlich abgrenzen zu müssen. Dannerst schlug er ein, die nackte Hand demonstrativ in den fleckigen Handschuh des anderen schiebend.

„Wolfgang Freiherr von Aschersleben. Von minderen Zeitgenossen ohne mein Einverständnis Aschi gerufen. Sehr erfreut!“

Sein Gegenüber brauchte eine Sekunde, um das zu verarbeiten. Dann brach er in ein geierndes Gelächter aus.

„Freiherr? Freiherr von? Nee, wa? Ein Blaublütiger! Dukatenkacker! Ick werd nicht mehr! Da scheiß doch rein! Da muss man erst mal drauf kommen! Tach auch, Durchlaucht!“

Dabei entwand sich der, der sich Potze nannte, mit Schwung seinem Griff, riss sich dabei selbst den Arbeitshandschuh von den Fingern, wedelte damit herum und versuchte unbeholfen, das ganze in einen übertrieben beflissenen Diener münden zu lassen: „Und ick bin Graf Potz zu Blitz!“

Lachtränen kullerten ihm über die Wange.

„Wobei Sie als Graf, mithin als der höher Geborene, einem Freiherrn gegenüber nicht zu dienern hätten“, korrigierte ihn Aschi, mit keineswegs amüsiertem Blick und einer sorgfältig dosierten Prise Tadel in der Stimme.

Der Pfandflaschen-Graf war so verdattert, dass der Tränenfluss schlagartig versiegte. Nur der Mund mitden nikotingelben Zähnen blieb noch in Lachstellung eingefroren.

„Zudem“, legte sein Peiniger nach, „ist die Anrede Durchlaucht in Preußen, wie Sie zweifellos wissen, bereits durch das Gesetz über die Aufhebung der Standesvorrechte des Adels aus dem Jahr 1920 obsolet geworden.“

Das verschlug Potze vollends die Sprache. Sekundenlang konnte er Aschi nur entgeistert anstarren. Schließlich murmelte er: „Aber … der Typ auf der Bank … Aschi … so heißt du doch, ohne Scheiß jetzt?“

„Mein lieber Graf Potz, es würde hier und jetzt sicher zu weit führen, Ihnen die Geschichte meines Namens und meines Hauses zu unterbreiten. Einigen wir uns doch für den Moment auf die vergleichsweise unkomplizierte Anrede ‚Herr Aschersleben’. Und mit wem – Spaß beiseite – habe ich das Vergnügen?“

Jetzt war es aber mal gut mit dem Brimborium, fand Potze, der endlich sein Gleichgewicht wiedergefunden hatte. Spaß beiseite? Kannst du haben, Wichtigtuer.

„Ey, Alter, ganz kurz mal, ja? War witzig, deine Nummer. Aber so wie ich das sehe, bist du Aschi. Und icke, ick bin Potze. Und Aschi und Potze, die sammeln beide Flaschen. Wir sind aus einem Holz geschnitzt, da beißt die Maus kein’ Faden ab! Eilmeldung für dich: Freiherren und so Dukatenkacker haben das nicht nötig. Du schon, du stinkst nämlich genauso aus dem Maul wie ich. Und noch eine Eilmeldung: Das hier ist von jetzt an mein Revier. Also verfatzda! Mit sofortiger Wirkung, Durchlaucht!“

Mittlerweile war Potze sehr nah an Aschi herangerückt. Ihre Gesichter trennten kaum noch zehn Zentimeter.

„Die Anrede für einen Freiherrn lautet Hochwohlgeboren!“ zischte Aschi, mühsam die Fassung bewahrend. „So viel Etikette muss sein, wenn Sie unbedingt auf meinem Titel insistieren wollen, Herr Graf!“

„Alter, pass uff: Ick schmeiß dir in’n Container!“ Der rote Nebel des Jähzorns ließ Potze immer mehr ins Berlinerische abgleiten.

„Gut, ich habe verstanden: Sie wählen im Zweifel den Weg der rohen Gewalt statt der Aussprache unter Ehrenmännern – oder wenigstens einer ehrenhaften Satisfaktion. Für heute ziehe ich mich zurück. Aber ich warne Sie, Herr Graf: Ich werde deswegen nicht meine morgendlichen Gepflogenheiten ändern und auch weiterhin hier meine Runden drehen! Wir werden ja sehen, wessen Kinderstube sich letztlich durchsetzen wird!“

Allerdings, wenn er ehrlich war: Das Tempo, mit dem Aschi die Beine in die Hand nahm, passte nicht recht zu seinen wohlgesetzten Worten, von denen Potze die letzten nur noch von weitem hörte.

Der nächste Tag schien die Neuaufteilung der Flaschensammler-Reviere auf der ganzen Linie zu bestätigen. Von Aschi keine Spur. Potze gratulierte sich dazu, ein gutes Stück Prenzlberg im Handstreich erobert zu haben. „Dein Typ da, dieser Aschi“, berichtete er dem Bank-Penner am Kiosk bei der ersten Wegbier-Pause triumphierend, „der hat nicht alle Latten am Zaun: Macht der jestern kackfrech einen auf ‚Freiherr von Aschersleben’! Na, den ham’wa einjenordet, den feinen Pinkel.“

„Aba der Aschi, der hatte schon sone Aurora“, leierte der Trinker, der bereits einige Flaschen Sternburg geleert und an seinen neuen Pfand-Paten Potze abgeführt hatte. „Sone Aurora von wat Bedeutsames, so jebildet irjntwie. Du dajejnüba hasses ja nich so mit Ho… Ho… Hochdeutsch, da gehsssu nichma alssss Bunnsss-Präsedent durch!“

„Wat?“, fuhr Potze hoch. „Ick, kein Hochdeutsch? Hier, ick jeb’da Hochdeutsch: ‚Ach, Jnädigste, kommen se mir doch morjn ma uff mein Schloss Schreckenstein besuchn, da fiedeln wa’n paar Schampanja wech und machen’s uns jemütlich uff’n Kanapee!“

„Nich schlech!“, musste der Trinker einräumen. „Jeht doch, Exslllenz! Siehsssja irjntwie sojar uss wie Freiherr Aschi. Der neue Freiherr Aschi der Ssswote! Er lebe hochhochhoch!“

Es war der übernächste Morgen, der die Machtprobe brachte. Potze wühlte gerade in einem privaten Wertstoffcontainer, der meist nicht abgeschlossen wurde und immer gut war für ein paar achtlos hineingeworfene PET-Wasserflaschen. Sie waren die Rolls-Royce des Leerguts: federleicht zu tragen, vier Stück ein voller Euro Pfand. Der Container stand im toten Winkel eines Garagenhofs, den meisten Blicken entzogen, solange keine Autos ein- oder ausfuhren. Potze mit seinem Gespür für ergiebige Fanggründe hatte ihn gleich auf seiner ersten Tour im neuen Revier entdeckt.

Da plötzlich bemerkte er Schritte hinter sich.

„Sie werden entschuldigen, Herr Graf, aber so haben wir nicht gewettet!“

Potze wirbelte herum.

Tatsächlich: Der Unterlegene, dieser Scheinriese, traute sich noch hierher! Und was war das da, das er da halb drohend in der Hand hielt? Ein Spazierstock aus Bambus mit Knauf aus Elfenbein? Aber das war ja lächerlich!

„Alter! Wat hab ick dir jesacht? Verfatzda, hab ick dir jesacht! Ick schmeißda in’n Container, hab ick dir jesacht!“

Aber Aschi verfatzte sich nicht. Sein Fehler. Was musste er zu allem Überfluss auch noch mit dem blöden Stöckchen in der Gegend rumfuchteln? Wusch! Um ein Haar hätte die Messingspitze Potzes Ohr rasiert. Jetzt reichte es aber! Mit der Wucht eines Kirmesboxers holte der Angegriffene aus. Die saftige Schelle erwischte Aschi genau an der linken Schläfe. Durch den Schwung des Hiebes krachte sein Körper gegen die Kunststoffwand des Wertstoffbehälters, wobei der Stab mit dem schön geschnitzten Elfenbein-Elefantenknauf durch die Luft wirbelte. Und noch bevor das kleine Kunstwerk auf dem Pflaster landete, schlug dort schon ihr Besitzer auf – mit dem Hinterkopf. Ein hässliches, ploppendes Geräusch.

Während Aschis Gesicht mehr Überraschung als Schmerz ausdrückte, begann sich unter ihm eine dunkle Lache auszubreiten. Dann wurde der Ausdruck seiner Augen stumpf. Aschis Wangen hatten sich aschfahl verfärbt, was seinem Namen ebenso gerecht wurde wie dem Anlass.

„Alter? Ey?“

Da der Mann am Boden keinen Piep mehr machte, verstand Potze, was die Stunde geschlagen hatte: Hier war nichts mehr zu machen. Der angebliche Freiherr, diese Luftnummer! Ein Schlag, und schon machte der schlapp. So ein verdammter Mist! So ein Idiot, keine Reflexe und keine Abroll-Technik, aber andere Leute attackieren wollen!

Sich in alle Richtungen vergewissernd, dass niemand den Vorfall beobachtet hatte, bückte sich Potze und griff in die Jacke des Toten. Etwa vorhandenes Geld brauchte der ja nun nicht mehr. Er zog eine schmale Brieftasche heraus. Außerdem nahm er noch den auffälligen Gehstock an sich und verstaute ihn in seinem Plastiksack. Dann machte er, dass er Land gewann.

Erst in der S-Bahn, die ihn einfach nur schnell weit weg bringen sollte, öffnete Potze das fremde Ledermäppchen. Ein paar kleine Scheine. Etwas Klimpergeld. Verschiedene Ausweispapiere. Und ein Zeitungsartikel, säuberlich zusammengefaltet, aber so abgegriffen, dass er in Potzes groben Händen fast auseinanderfiel. Der „Tagesspiegel“ vom 5. August 1991.

„… ist der Eigentümer des Gutshauses seit drei Tagen spurlos verschwunden. Freiherr von Aschersleben sei immer schon leicht exzentrisch gewesen, sagte ein Bediensteter des Anwesens, der nicht genannt werden wollte. In letzter Zeit habe sein Dienstherr verstärkt seiner Sehnsucht nach dem ‚einfachen Leben’ unter freiem Himmel Ausdruck verliehen und sei mehrmals nächtelang nicht ins Gut zurückgekehrt. Zum Zeitpunkt seines endgültigen Untertauchens trug der Vermisste …“

Das Archivfoto zeigte einen würdevoll gekleideten Enddreißiger mit dunklem Kinnbart, der sich elegant auf einen dünnen Stab mit Elfenbeinknauf lehnte.

Der Trinker auf der Bank neben dem Spätkauf las keine Zeitungen. Sie waren für ihn fliegende Blätter, die der Wind vorbeitrieb. Manchmal taugten dickere Bündel Altpapier als Schlafunterlage, aber meist drifteten die Schlagzeilen nur mit dem restlichen Müll an der Bank vorbei und verschwanden irgendwann wieder aus seinem Sichtfeld.

Aber diese Doppelseite aus dem „Berliner Kurier“ von gestern war etwas anderes. Ein großes Foto rechts oben fiel dem struppigen Trinker ins Auge. Seit fast vier Wochen hatte er seinen kurzzeitigen neuen Pfand-Paten nicht mehr gesehen, die leeren Sternburgs holten wechselnde Unbekannte ab. Aber da war er plötzlich, da in der Zeitung, eindeutig. Grauer Vollbart, brutales, triumphales Grinsen: Potze. Gestützt auf einen eleganten Gehstock, wie ein Adeliger. Mühsam erschloss sich der ungeübte Leser die Überschrift.

„Verschwundener Freiherr will Landgut zurück“

Darunter folgte ein Kurzbericht über den nach Jahrzehnten wieder aufgetauchten Wolfgang von Aschersleben, der nun sein zwangsversteigertes Anwesen vor Gericht zurückverlangte.

„Wussichsdoch!“, prostete der Mann auf der Bank dem Zeitungsfoto zu. „Du bisss Aschi der Sssweite!“ Ehrfürchtig hob er das Sternburg, um vor der eben gelandeten Schar Tauben einen Toast auszubringen.

„Der neue Freiherr Aschi, er lebe hochhochhoch!“


(c) Oliver Driesen 2018, kein Reproduktion ohne schriftliche Genehmigung

Short Stories (1): Die Stunde der Wahrheit

Ein unscheinbarer Angestellter schreibt privat ein brisantes Blog: Unter dem Tarnnamen David Davidoff enthüllt er die menschlichen Abgründe hinter den Hochglanz-Kulissen seines Arbeitgebers. Doch eines Tages wird seine Verachtung für die Chefs und Kollegen auf eine dramatische Probe gestellt.

Für „M.S.“

David Davidoff wusste, was der Buchhalter auf dem Herrenklo tat. Nicht, dass er es wissen wollte, ganz und gar nicht. Solches Wissen lief ihm einfach zu. Es war eine Gabe, oder vielmehr ein Fluch. Immer zur rechten Zeit am falschen Ort, so was in der Art. Davidoff hockte halt zufällig in der Nachbarkabine, zum dritten Mal an diesem Tag. Satte zwölf Minuten Lebenszeit, die er vom Arbeitgeber auf diese unverdächtige Weise zurückeroberte: Tür verriegelt, hingesetzt, Smartphone raus und das Ballerspiel trainiert. Egoshooter. Er war auf Level 8 angekommen, Sniper-Status. Den galt es zu verteidigen, ohne Ton und ohne Triumphgeschrei natürlich. Er war ja nicht blöd. Er kannte die erste Regel des Haifischbeckens: sich nie angreifbar machen, wenn man hier mitschwimmen wollte. Wer sich angreifbar machte, wurde gefressen. Mit einem verbindlichen Lächeln, aber gefressen.

Der Buchhalter war nach ihm gekommen. Der Mann war fett und verschwitzt, und Davidoff hatte ihn gleich am Körpergeruch erkannt. Oder, vielleicht noch eine Sekunde eher, an den Ächz- und Grunzgeräuschen, die der Mann bei jeder noch so kleinen Bewegung von sich gab. Der Sesselfurzer. Davidoff hasste den Buchhalter. Er hasste jeden und jede hier.

Das Haifischbecken. Ein typischer Berliner Neubau-Bürowürfel Nähe Potsdamer Platz, keimfrei, steril, vollkommen in seiner Verwechselbarkeit mit anderen neu in die Gegend geklotzten Bürowürfeln. Auf diesen Fluren war jeder seines Nächsten Feind. Verlogen das kollegiale Getue, scheißfreundlich die Intrigen, eiskalt die Exekutionen. Hätte ihm damals in den Neunzigern, als Davidoff noch als Punk und Schnorrer in der stinkenden Passage am Nolli gehockt hatte, jemand geweissagt, er würde nur acht Jahre später hier sitzen, in Schlips und Maßanzug, auf dem automatisch mit Patschuliduft bestäubten Haifischbeckenscheißhaus – er hätte ihn nur angeblökt: „Ey Alter, verfatzda! Kapitalistenknecht, icke? Kuck dich ma selbst an, Pleppo!“

Aber genau so war es. Sie hatten ihn eingestellt, weil sie ihn „tough“ fanden und „streetsmart“, beeindruckt von seiner nicht zu übersehenden Intelligenz, seinem analytischem Verstand und seinem bauernschlauen Verhandlungsgeschick. Ihm seinerseits hatte dieses Jobangebot nach seinen wilden Jahren einen Weg eröffnet, nie wieder Dreck fressen zu müssen. Jetzt, wo das Kind heranwuchs, dessen Mutter abhanden gekommen war. Jetzt, wo er Verantwortung für einen kleinen Menschen trug und wider Erwarten sogar Gefallen daran gefunden hatte. Am Kind.

Mit handgenähten ungarischen Schuhen an den Füßen und im Boss-Zweireiher fädelte Davidoff seither Deals ein, während das Kind in der Kita war. Wenn es Probleme mit renommierten Kunden gab, die schnell und souverän gelöst werden mussten, dann war Davidoff der Mann für den Termin. Wer hätte das ahnen können? Der Anarcho und die neoliberale Arschgeigenvereinigung, sie hatten eine Ehe im Himmel geschlossen. Er, der mittellose Bräutigam und sie, die durch und durch korrupte Braut, die eine für Berliner Verhältnisse üppige Mitgift zahlte. Jeden Monat aufs Neue. Nur leider: Er hasste die Braut trotzdem aus tiefstem Herzen.

Weshalb er auch den Buchhalter hasste. Den fetten Sack, der sich jetzt geräuschvoll und dem Vernehmen nach unter nicht geringen Schmerzen nur einen Meter entfernt von Davidoff entleerte. Aah, das Schlimmste schien vorüber. Doch was war das? Diese Geräusche jetzt? Er würde doch nicht … oh nein. Oh doch! Das Schmerzgeächze wurdenvon einem anschwellenden Stöhnen abgelöst, begleitet von einem rhythmischen Geklapper und Geschrabbel, das die Klobrille unter ihrer sich vor und zurückschiebenden Last erzeugte. Der Buchhalter war jetzt enthemmt. Ganz bei sich. Ganzim Elysium.

Wie auch immer er das hinkriegte. Für Koks war der Mann zu blöd. Keine Connections, keine Cojones. Koks war Sache der Performer, der Executives, nicht der fünften Garde. Nein, Davidoff tippte auf YouPorn. Was es auch war, es zerschoss ihm offensichtlich die letzten Hirn-Synapsen. Walross-Onanie zum Mithören für alle! Ohne wenigstens zuvor gecheckt zu haben, dass die Schlösser der übrigen Kabinen „weiß“ statt „rot“ signalisierten. Ein tödlicher Fehler im oh-so-wohlanständigen Haifischbecken. Die Welt würde erfahren, wie es hinter diesen Kulissen wirklich zuging. Die ganze Wahrheit. Einmal mehr.

„Walross-Onanie zum Mithören für alle“, tippte Davidoff als Headline. Der PC-Monitor tauchte ihn in sein bläuliches Licht. Maisonettewohnung in begehrter Lage, Prenzlauer Berg. Nebenan schlief das Kind, es war nach Mitternacht. Die Stunde der Wahrheit, seit vielen Monaten. Doch die Wahrheit war eine sensible Pflanze. Sie bedurfte des schützenden Schattens der Anonymität. David Davidoffs Blog, in dem das „Haifischbecken“ die populärste Rubrik war, schrieb ein Niemand. Im realen Haifischbecken gab es keinen David Davidoff, dort mochte er Koslowski heißen oder Kramer oder ganz anders. Nur im Netz gab es ihn. Jedoch kein Impressum, keine Anschrift, nichts als eine anonyme Mail-Adresse bei GMX. In den Texten keine verwertbaren Hinweise auf seine Identität oder die seines Arbeitgebers. Letzteres schon gar nicht. Nicht mal Näheres über das Feld, in dem seine Organisation ihren beträchtlichen Einfluss ausübte.

Da draußen warteten hunderte, tausende Leser online auf die neuesten Indiskretionen von der Arbeitsfront. In der Bloggerszene hatte sich Davidoff längst einen Namen gemacht: der Mann, der dem Kapitalismus die Maske vom Gesicht riss. Er tat es stellvertretend für sie, für all die Misshandelten, die Unterdrückten in den Konzernen und den Verwaltungen, die davon träumten, aufmüpfig zu werden. Die es aber niemals wagen würden.

Mit tödlichem Witz, treffsicheren Pointen, akribischen Analysen all der Schwächen, der Dumpfheit, der Abgründe hinter Bürotüren nahm Davidoff Rache, Nacht für Nacht. Rache dafür, dass die Haifische im Becken ihn, den Punk, zu einem der ihren gemacht hatten. Einen, der funktionierte, sich anpasste, all den Müll schluckte, all die leeren Rituale mitmachte, sich für den Profit anderer verbog und seine Würde jeden Morgen beim Pförtner abgab. Dafür aber auch ein fettes Schmerzensgeld kassierte, Monat für Monat. Und sich erst spätabends brav nach Hause trollte.

Keine Gnade! Kein Pardon! Er filetierte mit scharfem Schwert die eitlen Entscheider, die Psychopathen und die Streberinnen, die Dummschwätzer und die Blender. Doch dazu musste er ebenso namenlos bleiben wie sie. Jeder Hinweis auf den Schauplatz oder die handelnden Personen hätte sofort mehr als hinreichende Gründefür eine fristlose Kündigung geliefert. Verleumdung. Untreue. Vertragsbruch. Und Schlimmeres. Es war ein dünnes Eis, auf dem sich Davidoff bewegte. Genau das, was er konnte.

„Der Buchhalter“, tippte er ins bläuliche Licht, „das ist der Typ, mit dem schon als Kind keiner spielen wollte. Der sich später immer allein an der Wand herumdrückte, wenn die anderen in der Raucherecke zusammenstanden. Der Buchhalter ist der, der dir mit seinen Bewilligungsrichtlinien und Excel-Tabellen den letzten Rest Leben aus den Adern saugt, um deinem toten Körper dann die Haut abzuziehen und zu Durchschlagpapier zu verarbeiten.“

Dann aber folgte die Schilderung der gestrigen Vorgänge in der Nachbarkabine, und plötzlich schwang beinahe so etwas wie Anerkennung für das fleischgewordene Elend mit. Denn die Stunde der Wahrheit machte den Buchhalter fast schon menschlich. Im Rahmen der Möglichkeiten des Haifischbeckens.

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Der Buchhalter-Beitrag brachte David Davidoff 26 Likes und 13 hämisch amüsierte Kommentare ein. Ein durchschnittlicher Wert. Das Stück neulich über die neue Auszubildende, die ihre Möpse als Gegengewicht zur umfassenden Ahnungslosigkeit ihrer Generation einzusetzen suchte, hatte die doppelte Ausbeute erbracht. Und der Spitzenreiter der Charts für dieses Jahr war immer noch Davidoffs Report darüber, wie sich sein zweithöchster Vorgesetzter beim Teambuilding-Event in einer sauteuren, aber unerträglich geschmacklosen Mitte-Bar hatte gehen lassen.

Davidoff gab nichts auf die Kommentare seiner Fan-Schlümpfe. Von irgendwelchen Idioten, nur weil sie ihm Honig ums Maul schmierten, ließ er sich nicht kaufen. Viel wichtiger war ihm gewesen, ihnen im Blog den gesellschaftspolitischen Kontext vor Augen zu führen: Typen wie sein Chef und Organisationen wie sein Arbeitgeber hatten in ihrem hirntoten Geld- und Machtstreben dafür gesorgt, dass ein Berliner Kiez nach dem anderen „gentrifiziert“ wurde. Alte, Punks und Mittellose raus; Neubauwohnungen, Bioläden und Schnickschnack-Galerien für Besserverdienende rein. Das Schweinesystem verbreitete seine Metastasen wie ein Krebsgeschwür.

Wenn er zwischen zwei Haifisch-Terminen die Zeit fand, reihte sich Davidoff in alter Verbundenheit sogar bei den Protestierern ein, die gegen die grassierende Epidemie auf die Straße gingen. Nur im Haifischbecken gehörte er mit Leib und Seele dem Kapital. Hier aber, unter freiem Himmel, wollte er Position beziehen. Haltung zeigen. Dass er es umständehalber in Bürouniform tat, ging selbst bei den härtesten Hasskappen-Hoodies aus dem schwarzen Block als Ironie durch: Lief da eben ein Pinguin mit. Die Sturmmaske mit dem Augenschlitz machte ihn ja trotzdem zu einem der ihren. Er warf allerdings nur Farbbeutel, nie Steine. Das machte einen Unterschied, fand Davidoff.

Doch ob Stein oder Farbe: Das System gewann immer. Es holte ihn von der Straße und aus dem Internet zurück, sog ihn auf, schluckte und verdaute ihn an jedem verdammtem Arbeitstag. Das Haifischbecken saß am längeren Hebel. Er war nicht länger wirklich jung und brauchte doch das Geld. Für sich selbst, aber auch für das Kind. Und an diesem Montagmorgen musste das Kind mit ins Becken. Der Horror. Der Super-GAU. Kita bestreikt, alle potenziellen Babysitter unabkömmlich. Berlin von seiner sozial kältesten Seite: mit Kind ins Büro. Das dafür so geeignet war wie die Hölle zur Aufbewahrung von Limetten-Parfaits. Das auf seinen Fluren leibhaftige Kinder höchstens im Oh-wie-ist-das-süß-Alter unter einem Jahr tolerierte.

Diese Schmach! Die Aussicht, an den Assistentinnen und Teamleiterinnen vorbei zumüssen, ihr Mitgefühl simulierendes Eiszapfenlächeln, ihre Tuschelkommentare einzusammeln: Schaut mal, ein Vater mit Kleinkind im Schlepp, was ist da wohl schiefgegangen? Was treibt denn die Kindsmutter bloß? Davidoff warf ein paar sorgfältig kombinierte Pillen ein, bevor er das Kind in seinem Autositz auf der Rückbank festzurrte.

Der Gipfel der Demütigung war, den Nachwuchs bei der Fledermaus abstellen zu müssen. Die Fledermaus war im Haifischbecken die Frauenbeauftragte. Ihr Tiername stammte – über die ähnliche Physiognomie hinaus – daher, dass sie eine selbst für die Haie unangreifbare Flughöhe oberhalb des Wasserspiegels behauptete. Sie zwang Davidoff, seine Texte, Reports und Memos zu gendern. Sie hatte den wöchentlichen „Gleichstellungs-Jour-Fixe“ eingeführt, mit Teilnahmepflicht. Sie war der Fluchtpunkt für seine Praktikantinnen, sobald sie sich durch geringfügigste Kompetenzanforderungen diskriminiert fühlten. Zum Dank hatte die Fledermaus seit Jahren eine Hauptrolle in David Davidoffs Blogs. Aber hier musste er die Faust in der Tasche ballen. Haifischbecken-Skills! Während er, Kind an der Hand, locker-flockig an die Tür zur Gleichstellungshölle klopfte, setzte Davidoff sein Killerlächeln auf.

Geschafft! Friedlich auf dem Touchscreen eines Tablets malend, saß das Kind am Tisch gegenüber der Fledermaus, die garantiert nur darauf gewartet hatte, einen ganzen Tag lang ihr überlegenes Bespaßungstalent demonstrieren zu können. Aber auch sie war nicht blöd: Zur Tarnung hatte sie was von „Aufgaben, die dadurch liegenbleiben“ und vom „Thematisieren beim nächsten Jour Fixe“ gezetert. Davidoff indes, zwei Büros und doch Welten entfernt, hatte heute seinen Schreibtisch für sich, abgeschirmt durch das dazwischenliegende Reich und die fettige Körpermasse des Buchhalters. Seit fast zwei Stunden schon hatte er sich ungestört dem Pressespiegel und dem einen oder anderen Tinder-Kontakt auf seinem Handy widmen können.

Da tat es nebenan einen dumpfen Schlag.

Etwas Schweres war umgestürzt. Gefolgt von einem Aufschrei. Gefolgt von Poltern und weiterem Geschrei. Nebenan – das Buchhalter-Büro! Ein unbestimmt böse Ahnung ließ Davidoff das Blut in den Adern gefrieren. Drei Sekunden später war er an der Tür des Fettmolchs und riss sie auf.

Der durchgesessene Drehstuhl mit den klobigen Armstützen lag auf der Seite. Eine zersprungene Kaffeetasse daneben. Ihr verspritzter Inhalt sickerte in den Nadelfilzboden. Mit einer Gesichtsfarbe, die Davidoff selbst an diesem menschlichen Wrack noch nie gesehen hatte, hing der Buchhalter halb auf der Fensterbank, halb aus dem weit offen stehenden Fensterflügel. Achter Stock, unverbaubarer Blick über Reichstag und Spreebogen. Es war einer der wenigen Vorzüge der Unmenschen-Architektur des Haifischbeckens. Am fleischigen Arm des Buchhalters, der nach draußen baumelte, hing offenbar etwas. Etwas, das er mit verkrampften Fettfingern umklammerte. Davidoff sah nur einen Schuh. Einen Kinderschuh. Seine Knie gaben nach.

„Rein!… Ziehn!“, keuchte der Buchhalter nur. Davidoff sprang vor und hängte sich mit all seinem Gewicht an die erstbeste Körperfettwulst, die er zu fassen bekam. Zugleich stemmte er seinen Fuß auf Heizungshöhe gegen die Wand. Der Buchhalter stöhnte, nutzte aber den so verlängerten Hebel, um seinen Oberkörper samt Arm ins Zimmer zu wuchten. Den Arm und das, was daran hing. Schuh, Strumpf, Hosenbein. Kind. Schreiendes Kind.

„Bist du wahnsinnig! Wahnsinn … du kleines … dummes … hab ich dich … halt ich dich … halt dich ganz fest“, stammelte der Dicke, halb auf dem Nadelfilz zusammengesackt, halb an die Fensterbank gelehnt. Er blutete aus einer Fleischwunde am Unterarm. Erst jetzt ließ er los, und das Kind sprang Davidoff auf den Arm.

„Das muss, das muss durch die, die Verbindungstür von nebenan gekommen sein“, brabbelteder Buchhalter ins Leere. „Ich sitz da auf dem Stuhl, zur Wand gedreht, weil ich was im Wandschrank such. Kuck ich zum Fenster, weil es plötzlich zieht – sitzt da das Kind auf der Fensterbank! Und ich seh, wie’s ein Bein nach draußenschwingt …“ Dann brach er in Tränen aus.

Es war nach Mitternacht. In der Maisonettewohnung in Prenzlauer Berg leuchtete der Computerbildschirm bläulich. Nebenan schlief das Kind. Die Stunde der Wahrheit. Der Cursor stand im leeren Feld für die Headline; Davidoff starrte lange auf das rhythmische Blinken. Dann begannen seine Finger, die Tastatur zu bearbeiten.

Als sie wenig später David Davidoffs Blog anklickten, um einmal mehr die ganze Wahrheitüber das spätkapitalistische Schweinesystem zu erfahren, fanden seine Fans den neuen Beitrag vor: „Berliner Verkehr – von suizidalen Radfahrern, Irren am Steuer und Hundescheiße auf dem Bürgersteig.“

Berichte aus dem Bürgerkrieg auf den Hauptstadtstraßen waren die zweitpopulärste Rubrik in Davidoffs Blog. Das Kind, fand er, ging niemanden etwas an.


(c) Oliver Driesen 2018, kein Reproduktion ohne schriftliche Genehmigung