Die Ökonomie der Gefühle (5): Dankbarkeit

Manchmal muss man sich Makroökonomen vorstellen wie die Psychologen der Volkswirtschaft. Sie arbeiten sich nicht nur daran ab, die voraussichtliche Veränderung des realwirtschaftlichen  Bruttosozialprodukts möglichst korrekt vorherzusagen. Nein, sie kalkulieren sogar die Wertschwankungen im Gefühlshaushalt der Nation. Und da sieht es in der aktuellen Völkerwanderungs-Krise gar nicht gut aus.

Denn,  so leid es mir tut: Alles ist in Euro und Cent darstellbar. Selbst die vermeintlich edelsten Motive aus dem Bereich der Hilfsbereitschaft haben immer – wenn man wie der Androide Data aus „Star Trek“ seinen Emotions-Chip kurz deaktiviert und mal ganz sachlich draufschaut – einen Gegenwert. Noch besser gesagt: einen Tauschwert. Der Mensch ist andauernd viel zu sehr in emotionale Händel mit anderen Menschen verstrickt, um diesen Tauschwert ignorieren zu können.

Es ist ihm allerdings im Laufe seiner Kulturgeschichte gelungen, diesen an sich beschämenden Umstand erstaunlich gut zu tarnen. Und da ist es dann wieder an den Ökonomen, diesen Illusions- und Spaßbremsen, die Tarnung ab und zu niederzureißen. Es sei denn zum Beispiel, ein Politiker kommt ihnen zuvor und enttarnt sich gleich selbst.

„Bis zum Sommer waren die Flüchtlinge dankbar, bei uns zu sein“, so Bundesinnenminister Thomas de Maizière im heute-journal. „Jetzt gibt es schon viele Flüchtlinge, die glauben, sie können sich selbst irgendwohin zuweisen. (…) Sie gehen aus Einrichtungen raus, sie bestellen sich ein Taxi, haben erstaunlicherweise das Geld, um Hunderte von Kilometern durch Deutschland zu fahren.“

Sehen Sie, sehen Sie? So schnell kommen beim Thema Dankbarkeit Euro und Cent ins Spiel! Es ist eben nicht die selbstlose Liebe einer Mutter Theresa, die den Minister antreibt. Dankbarkeit ist offensichtlich eine Währung, in welcher in ausreichendem Maße zurückgezahlt werden muss, wo zunächst ausdrücklich „kostenlose“ bzw. „unentgeltliche“ Hilfe gewährt wurde.

Die Gleichung im Minister-Statement sieht ungefähr so aus: Sei der Wert eines (emotionalen) Hilfspakets = x, dann muss die Brutto-Dankbarkeit (z + y) mindestens x entsprechen, wobei y als Wert in diesem Fall beispielsweise einer Taxifahrt von Hamburg nach München (ca. 790 Euro) anzusehen ist. Der Dankbarkeits-Saldo ist mithin nur ausgeglichen, wenn er neben dem Wert x auch die 790 Euro saldiert, die im unentgeltlichen Hilfsbereitschaftsangebot nicht enthalten waren.

Beachtenswert ist bei diesem Beispiel von Gefühlsmathematik, dass im Unterschied zum rein materiellen Tauschhandel bei jeder anderen Art von Warengeschäften der Betrag von 790 Euro gar nicht vom Rechnungssteller ausgelegt wurde. Es ist ja nicht der Minister, der die Taxifahrt des Flüchtlings bezahlt hat, sondern der Flüchtling selbst. Doch dem hätte dieses Vermögen in den Augen des Rechnungsstellers gar nicht zugestanden; gerade deshalb wurde ja von ihm Dankbarkeit als Deckungsbeitrag erwartet. Umkehrschluss: Nur wer selbst Geld hat, braucht nicht mit Dankbarkeit zu zahlen.

Und es wird noch faszinierender: Die geschuldete Dankbarkeit muss nicht einmal von demjenigen geleistet werden, der Empfänger der ursprünglichen Hilfsbereitschaft war. Sie kann auch „fremdfinanziert“ werden, etwa in Form von Anerkennung durch Facebook-Likes. Das Schema: Mensch hilft Flüchtlingen, schreibt darüber auf Facebook, erhält 15 „Gut gemacht!“-Kommentare von Dritten – und der Saldo ist ausgeglichen. Bei nur zwei Likes allerdings bliebe eine gewisse Anerkennungs-Deckungslücke in den (Gesichts-)Büchern.

Sie glauben nicht, dass Sie so berechnend sind? Machen Sie einen Test in einem anderen Zusammenhang:  Schenken Sie Ihrem Patenkind bei jedem Besuch eine Tafel Schokolade. Registrieren Sie leuchtende Kinderaugen und andere mehr oder weniger subtile Dankbarkeitsbezeugungen.  Wenn Sie aber nur Gleichgültigkeit oder blanke Gier feststellen – wie lange dauert es, bis Sie nichts mehr mitbringen? Das ist dann der Moment, wo Ihnen jemand x mal 0,99 € Dankbarkeit schuldet.

Zum Archiv bereits untersuchter Emotionen aus der Ökonomie der Gefühle: hier entlang.

Die Ökonomie der Gefühle (4): Geiz

Neulich auf dem S-Bahnsteig: Ein älterer Mann berichtet seiner gleichaltrigen Gesprächspartnerin von seinem überaus klugen Schachzug im Supermarkt. Er habe nämlich von den Bananen vor dem Abwiegen die Strünke abgebrochen. „Ich bezahl ja für Bananen und nicht für die Reste!“

Mal abgesehen davon, dass er konsequenter Weise auch noch die Schalen hätte entfernen können, verkörpert dieser Mann auf den ersten Blick den Homo Oeconomicus: das bestens informierte, mit allen Wassern gewaschene, vollkommen egoistische, unablässig berechnende, ständig auf Schnäppchen bedachte, darin aber auch hochgradig rationale und effiziente Muster-Wirtschaftssubjekt. Das, was Wirtschaftsliberale des angelächsischen Zuschnitts bzw. der FDP-Programmkommission aus uns allen machen wollen.

So hat es ja auch schon der schottische Nationalökonom Adam Smith, einer der Urväter der modernen Volkswirtschaftslehre, 1776 in seinem Hauptwerk „Wealth of Nations“ vorgebetet: Eine „unsichtbare Hand“ sorge dafür, dass, indem jeder beim Produzieren und Handeln ständig nach seinem eigenen noch so kleinen Vorteil trachte, konsequent der Wohlstand aller sich vermehre. Schließlich würden ja alle in freier Übereinkunft das jeweilige Optimum aus diesen Tauschvorgängen herausholen.

Schöne, alte Welt. Smith wusste noch nichts davon, dass Bananen heute von Discountern als Lockangebote für 89 Cent das Kilo verramscht werden, wodurch den costa-ricanischen Plantagenarbeitern für dieses Kilo noch etwa ein Cent Lohn bleiben dürfte. Er kannte auch noch keine Einkaufsvorstände moderner Großkonzerne oder Einzelhandelsketten, die durch das Entfernen von metaphorischen Bananenstrünken im Großmaßstab den Mittelstand zugrunde richten: Du bist mein Zulieferer oder Dienstleister? Du hast kein Recht auf eigenen Profit! Das ist alles meins und bleibt es auch! Geiz als Gleitmittel der Ökonomie, wenn das so einfach wäre.

Indem er den Gefühlshaushalt aller Betroffenen zur Hölle macht, ist Geiz offensichtlich dem hier schon diskutierten Neid verwandt – als Haltung, aber ist er auch selbst ein Gefühl? Durchaus, genauer betrachtet allerdings eine Gefühlsmelange: Geiz fühlt sich erbärmlich an, klein, gemein, niedrig, damit auch bedürftig, ja hoffnungslos. Und es gibt einen dramatischen Unterschied zu bloßem Eigennutz, der auch immateriellen Nutzen schätzt: Geiz ist, wenn ich von allen möglich Nutzen meines Handelns oder Unterlassens nur meinen materiellen Vorteil kalkuliere, nicht aber den mir zukommenden „Umwegnutzen“ von Wertschätzung, Altruismus, Dankbarkeit, Gelassenheit, Lebensfreude oder gutem Gewissen.

Aber auch das ist noch nicht sein eigentliches Charakteristikum, das zeichnet auch Gier oder Egoismus aus. Geiz als einziger hat auch mit geradezu sexueller Befriedigung durch spartanische Enthaltsamkeit im Reichtum zu tun, mag dieser nun relativ sein wie der des Bananenstrunkentferners gegenüber dem Plantagenarbeiter oder aber absolut unermesslich. Uncle Scrooge, Onkel Geizkragen, im Deutschen besser bekannt als Onkel Dagobert aus dem Donald-Duck-Universum, badet täglich in seinem Geldspeicher, in dem sich mehrere „Fantastillionen“ Taler in Form von Münzen befinden. Er taucht in die Münz-Fluten, wirft sie in die Luft und genießt auf eine geradezu sinnliche Art seinen obszönen Schatz.

Doch den Neffen Tick, Trick und Track einen Taler zu schenken käme Uncle Scrooge nicht in den Sinn. Die Euphorie im Geldbad macht ihn nicht zu einem sympathischen Wesen, und gerade daraus bezieht er sein Selbstbewusstsein: „Ich bin anders“, ruft Dagobert mit erschreckend verzerrter Miene in einer seiner allerersten Sprechblasen (Christmas on Bear Mountain, 1952): „Alle hassen mich, und ich hasse alle!“ Am meisten, sobald er dem Geldbad entsteigen muss, wohl sich selbst.

Geiz lehrt uns, dass wir der perfekten Marktwirtschaft einfach nicht gewachsen sind: Dem roboterhaften Homo Oeconomicus kommt immer wieder der triebgesteuerte, dabei zutiefst unerlöste Neandertaler in die Quere. Was machen Sie jetzt daraus, Adam Smith?

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