In Lübeck

Wie er fehlt.
Vierschrötig zärtlicher,
unbeugsam knorriger Pfeifenkopf.

Von den denkfaulsten,
billigsten seiner Feinde mit posthumem Mütchen
als „Arschloch“, „SS-Günni“ selbst- und moraltrunken denunziert
– was von links kommt, natürlich von links,
also dort, wo er selbst stand.
Als ob sie ihm ins Wort fallen dürften.
Vom Reichen des Wassers gar nicht zu reden.

Wie er selbst sich erforschte, geduldig,
mit beinah chirurgischer Neugier auf das,
was die Zwiebel beim Häuten als nächstes
ans Licht bringen würde,
ungeachtet der Tränen, die beißender Saft ja
zwangsläufig und wie nebenbei produziert.

Wie er dann aber wieder allen ins Stammbuch schrieb.
Und wie die Beschriebenen zuckten, sich wanden.
Oh so verletzlich! Nur im Austeilen stark.
So viel dünner besaitet als er.

Der das Deutsche mit seinen Ranken umkränzte
wie einen stämmigen Baum, und zuletzt noch den Grimms
ihr unter Brüdern lang überfälliges Denkmal schnitzte
(wenn auch nur – biografisch bedingt –
für die Buchstaben A bis F).

Der mit Farben, mit Pinseln,
Federkiel, Kreiden, Tonerde, Bronze
– von woher die Zeit ihm bloß zuwuchs? –
auch noch Werke von wortloser Gültigkeit formte,
anrührte, durchwalkte, abschliff und freilegte.

Ja, in erster Linie legte er frei, was ohnehin lauerte.
Welch eine Kunst das ist: eine der schwersten.

Wie er fehlt.
Wie einer von seinem Schlag heute nottäte,
um all das Blech zu zertrommeln,
all die Gläser zerspringen zu lassen,
den Betrieb aufzumischen. Diesen bräsigen, eitlen,
sich selbst nicht und sonst auch nichts mehr hinterfragenden,
mutlos Kassensturz nicht, aber Kasse doch machenden,
ständig in Angst vor dem Shitstorm verflachten Betrieb.

Wie einer fehlt, der noch Halt gibt im Sumpf.
An dessen Borke wir alle uns reiben könnten,
im Wissen: Dieser Baum fällt davon nicht.
Der Willy-Erfinder, Wortspender für das letzte Hurra
der sozialen Demokratie. Wie sein Traum verdorrte.

Wie einer fehlt, der das ganze Gekröse
samt Sehnen und Knochen, Kaldaunen und Schwarte
uns prall gewürzt auftischt.

Doch Ilsebill salzt nicht mehr nach.

© Oliver Driesen. Dieses Gedicht wurde in die Shortlist beim Polly 2019 aufgenommen.

33 Schuljahre später

Im Herbst zurück an der alten Bildungsstätte: Kalender- und Ahornblätter fallen „wie von weit“, das Spiegelbild wirkt seltsam erwachsen. War ich damals schon als Erziehungsberechtigter eingeschult worden? Eine Elegie.

Alles ist anders. Anders als ich, vor meinem Bild in der Glastür, machen Graffiti vor nichts Halt, verschonen die hintersten Winkel nicht. Bei uns, da-da-damals, gab es in meiner Erinnerung einen: „UK Subs“, diesen Tusch auf die grindigen Londoner Punker. Und den auch nur in beinah respektvollem Abstand: an der Mühlenturm-Mauer.

Ach nein, halt, noch einen zweiten, tatsächlich frech an die Schulwand gepinselt: „Great, Günter! Sherlock“. Über Nacht dort erschienen, als mein Deutschlehrer über den Schirm der Nation sich versendet hatte, bei Wim Thoelkes „Der Große Preis“: Fachgebiet Sherlock Holmes.

Die Zuschauer aber schrieben Protestbriefe an ihren Sender, weil er langhaarig und im Norweger-Pulli auftrat: „Haben die Schüler nicht Angst wegen Läusen?“

Die Jahrgänge unter uns trieben zum Abi denselben Unfug wie wir: sich ein Denkmal errichten, monumentum aere perennius, bleibender Nachweis der sauer verdienten Unsterblichkeit. Ich aber stehe nun vor ihren Werken, und sie alle verblassen, verwittern. Wie ich. Irgendwer hat auf eines davon einen Penis gepinselt, der an Ausdauer alle anderen Bildnisse übertrifft.

Nein, ihr wart nicht unsterblich. Das konntet ihr damals nicht wissen. Heute dürftet ihr, so wie ich, klüger sein, aber immer noch jünger. Was man euch auch nicht sagte: dass die Zeit in beide Richtungen fließt. Dass sie umkehrt für Wiedergänger wie mich, die zu spät, immer wieder zu spät, all das Herbstlaub zurück in die Zweige zu hängen versuchen. Es zerfällt in den Fingern.

Wer hier heute – unsterblich! – vorandrängt, dem winken schon Zaunpfähle mit einem Fächer von Zielen. Sie geben den Anschein von Orientierung, das kannte ich nicht. Für mich gab es nur: von hier aus ins Ungefähre. Alle Wegweiser zeigten in einen Nebel, der die Verheißung des Nicht-so-Seins barg. Das genügte. Es würde sich finden. Ihr aber, heute, habt Pläne. Sie bestehen aus Normen und Listen, die abzuarbeiten sind.

Ich habe zwei Kinder. Sie sind heute, was ich war, nur anders. Ihre Schule steht da, wo ich hinging, als habe sie dort schon gewartet. Denn es gibt kein Entkommen. Noch wenige Jahre, und man wird ihnen Zeugnisse ausstellen: „Herzlichen Glückwunsch, Sie wurden unsterblich.“ Fürs Erste.

Hätte nicht herkommen sollen. Und muss doch, muss es immer mal wieder. Muss um die Häuser ziehn, schnüffeln, beäugen, eine Witterung aufnehmen, die sich verlor. Was mal strahlend war, sind nun Schatten. Was verblasst war, das wurde saniert. Bloß ich finde mich nicht mehr zurecht.

Bis ich, hinter der nächsten Fassade, auf gleichbleibend Gültiges stoße. Doch selbst dieser Bewacher der Burg wird seinen Posten verlassen. Wird vergangen, wird sterblich gewesen sein, später.