Up & Down. Das ultimativ unfaire Architektur-Duell (1)

Diesmal:

Deutsche-Post-Gebäude, City Nord, Hamburg,

gegen

ehemaliges Autobahnbauministerium, Tiflis, Georgien


Up: Vollendete Formensprache des Dienstleistungs-Sadismus

Dies ist ein Ort der käuflichen Liebe. Die Filiale Hamburg 60 der Deutsche Post AG im Büro-Stadtteil City Nord bietet hinter steifer Fassade Praktiken, die selbst abgekochten Dienstleistungs-Fetischisten den unvergesslichen Kick garantieren: „In der Filiale wollen wir Ihnen unsere ganze Aufmerksamkeit schenken“, verspricht der Eintrag ins Online-Branchenbuch. Und zwar so: „Das Finanzcenter in 22297 Hamburg Überseering 17 ermöglicht Ihnen den Erwerb von Produkten zum Postversand und der Telekommunikation. Ebenfalls können Sie eine ausgiebige, individuelle Beratung in Anspruch nehmen.“ Hardcore! Rein postalisch gehört dieses Gebäude übrigens zum feinen Stadtteil Winterhude. Seine scharfkantige Fressleiste aus ansonsten funktionslosen Lamellen hat etwas Archaisches – nicht umsonst nennt man die City Nord den Jurassic Park des Konzernkapitalismus. Unter den hier versammelten Hauptverwaltungen von EDEKA, Signal Iduna, ExxonMobil oder Tchibo stellt dieses Gebäude immer noch den Tyrannosaurus Rex dar. Fazit: Ein klares „Up.


Down: depressive Abbruchkanten, negatives Feng-Shui

Im Jahr 1975 wurde das Ministerium für Autobahnbau der damaligen Sowjetrepublik Georgien in Tiflis vollendet. Der Architekt ließ sich beim Grundriss vom Auftrag des Hauses inspirieren. Bereits während der Planungszeit kam es allerdings zu heftigem internen Streit darüber, in welche Richtungen diese Autobahnen eigentlich führen sollten. Es wurden dann letztlich überhaupt keine gebaut, da Sowjet-Boss Leonid Breschnew ohnehin nicht vorhatte, jemals nach Georgien zu fahren. Symbolhaft ist dies durch zahlreiche Abbruchkanten in die Architektur des Ministeriums eingeflossen. Der große freie Raum in der Mitte des brutalistischen Ensembles war früher die Dienstwohnung des stellvertretenden Autobahnbauministers, eines Frischluftfanatikers. Sie sorgte aber für negative Feng-Shui-Effekte, die bis heute anhalten. Nach Auflösung der Sowjetunion stand das Gebäude lange leer. Heute müssen in Ungnade gefallene Mitarbeiter der Bank von Georgien hier Büroräume beziehen, bis sie Schuldeingeständnisse unterschreiben. Gesamteindruck: Down!

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