Posterboy

Wie ich einmal auf die dunkle Seite der Wortkunst wechselte: als Reklametexter. Aber in segensreicher Mission: für schönere Verkehrsschneisen.

Wer hier öfter mitliest, weiß, dass ich mit schlimmer Reklame im öffentlichen Raum auf Kriegsfuß stehe. Kaum bin ich gezwungen, einen dummdreisten Slogan oder gar eine komplett unterirdische Plakatserie zur Kenntnis zu nehmen, ist mir der Tag versaut. Meine brechreizbedingte Boykottliste von Produkten und Dienstleistungen wird täglich länger. Werbung und ich, das passt einfach nicht.

So war es nur folgerichtig, dass ich letzten Endes selbst zum Werber wurde. Und eines Tages wie der Posterboy aus der Palmin-Backfett-Reklame neben meiner eigenen Textkreation stand. Wenn schon Verkäufer, dann auch angemessen servil und infantil in der Gestik:

Und tatsächlich, mich beglückt das. Es ist nämlich so: Diese wenigen gelben Wörter, die sind von mir. Es gibt sieben Varianten davon, und derzeit hängen sie überall in Hamburg herum.

Wer aber hat das Unmögliche fertiggebracht, mich Reklamehasser in die Werbeindustrie zu assimilieren? Und was soll das überhaupt sein, für das ich da meine kostbaren Gehirngedanken zu hochgradig manipulativen Textlein veredelt habe? Kann man das auf die Haut auftragen? Muss man das abonnieren?

Nein, das kann man nicht im Netto kaufen. Seh‘ ich aus wie so ein Waschmittelwerber? Oh.

Wer meinen biologischen Kreativitätsreaktor mietet, der will doch keinen schnöden Profit. Der will nichts weniger als die Welt voranbringen, statt den Menschen dumme und überflüssige Dinge wie Kriegswaffen oder Zimmerspringbrunnen anzudrehen.

Make workshops, not war

Die Welt bringt man zum Beispiel voran, indem man als Oberbaudirektor von Hamburg Experten aus halb Europa zu einem Workshop zusammentrommelt, um die hässlichen, verlärmten und total verbauten „Magistralen“ (Hauptverkehrsschneisen) der Stadt in einer Art Planspiel zu überdenken. Aus städtebaulichen Zumutungen von heute sollen dabei einladende Prachtstraßen und Flaniermeilen der Zukunft werden. Man wird ja noch träumen dürfen.

Die Plakat-Slogans, so die Idee, sollten diese Vision wortspielerisch untermalen. Auch sollten sie versteckt unter Steinen lebende, bislang nicht in Erscheinung getretene Stadtplanungs-Aficionados neugierig machen: „Oh, da geh ich doch auch zu dem Workshop und schau einfach mal zu beim Straßenzügeplanen!“ Mit solchem Aktionismus kann ich mich identifizieren. Ich finde das sinnvoll. Make workshops, not war. Make the world a better place.

In unserer unübersichtlichen, arbeitsteiligen Marktwirtschaft lief es dann so, dass die Hamburger Fachbehörde als Ausrichter des Internationalen Bauforums 2019 zunächst einmal das geniale Stadtplanungs- und Kommunikationsbüro urbanista mit allerhand Konzeptionellem und Organisatorischem beauftragte. Unter anderem auch mit den Plakaten.

Bei urbanista aber sitze ausgerechnet ich als bunt schillernder Untermieter jeden Tag an meinem mit Aluminium-Stellwänden strahlensicher abgeschirmten Dichtertischlein. Und weil durch die Wände zwar keine Kontrollstrahlen, wohl aber Schallwellen dringen, sodass man mir Aufträge einfach rüberbrüllen kann, lagerte urbanista die Entwicklung der Plakattexte kurzerhand zu mir aus. Weil sie wohl gedacht haben, dass ein Dichter dichten können sollte.

Der Dichter machte sich sodann ans Werk.

Und was soll ich sagen: Schönes Ding, die eigenen Kopfgeburten für eine Weile in freier Wildbahn beobachten zu können, an jeder zweiten Ecke im ganzen Stadtgebiet verteilt. Und natürlich aufs Schönste und Plakativste gestaltet von urbanista. Selbst an der Fassade der ehrwürdigen Hamburger Deichtorhallen, wo das Bauforum von heute an eine Woche lang über die Bühne geht, hängen nun diese Gesamtkunstwerke.

Fazit meines Einstiegs in die wunderbare Welt der Werbung: Doch, ja, hat was. Die ultrakurze Form wirft einen langen Schatten der kreativen Möglichkeiten. Vielleicht ganz gut, dass ich meine journalistische Laufbahn damals beim Kölner „Express“ begonnen habe und mich ausführlich an Boulevard-Schlagzeilen versuchen durfte („Opa schlug Oma Hammer auf den Kopf und fiel tot um“).

Wenn Sie demnächst jemanden suchen, der Reklamesprüche für eine bemannte Mission zum Mars klopft oder sonst einen großen Sprung für die Menschheit in unwiderstehliche Worte gießt: I’m your man! Nur mit Backfett kommen Sie mir bitte nicht.

*****

Nachtrag, 21.8.: Hui, die sprichwörtlich dynamische Werbebranche! Schon kommt per Mailbot das Angebot für den nächsten Job als „Copy Writer“ für das „Content Marketing“ und den „Ausbau der Social Media Präsenz“. Und trotz meiner Absage habe ich es jetzt schriftlich, dass ich ein Qualitätsmensch bin:

3 Kommentare zu „Posterboy

  1. Von Ahh nach ohh ist ja fast biblisch. Und man könnte fast ergänzen: Eitel, eitel, alles ist eitel (auch im Sinne von vergänglich) Prediger 1,1–2,26.

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