Ökonomie der Gefühle (7): Hass

Eine Serie über die Verwertbarkeit unserer Emotionen – marktwirtschaftlich kühl kalkuliert

Coca-Cola sei Dank: Der vielleicht amerikanischste Konzern der Welt hat bei dem Versuch, sich einer besonders konsumfreudigen Zielgruppe anzubiedern, eine interessante philosophische Frage aufgeworfen.

Natürlich nicht in Form einer Frage; offene Fragen ohne konsumierbare/monetarisierbare Antwort sind in der Welt des Vulgärkapitalismus streng verboten. Nein, Coca-Cola wählte die Form der vermeintlich selbstverständlichen Binsenweisheit:

Man muss wissen: Diese Reklame war eigens auf die diesjährigen Christopher Street Days in aller Welt zugeschnitten, wie das kleine Stückchen Regenbogen im „o“ von „love“ andeutet – und natürlich das „diversity“ hinter dem Slash der URL. Und damit es auch der Letzte merkt: Hashtag „pride“.

Wir sehen hier also nicht etwa ein knallrotes Reklameplakat bzw. ein rotes Tuch für Gegner des Globalkapitals. Wir sehen ein revolutionsrotes Banner des solidarischen Empowerments: Liebt euch schwul! Nieder mit dem Schwulenhass-Establishment! (Indes: Wo steckt es nur? In Deutschland hatte diesmal jeder Politiker, jeder Wirtschaftsboss und jeder Medienmacher, der etwas auf sich hält, artig zum Feiertag die Regenbogenflagge gehisst.)

Aber gut, bleiben wir versuchsweise bei dieser Guerilla-Idylle: Liebe versetzt Berge, auch Berge von Vorurteilen, und die braune Brause Coca-Cola hilft euch dabei, den braunen, dumpfen Hass zu besiegen. Am Ende der langen Nacht dämmert schon das Morgenlicht, etc. pp.

Nun aber endlich zur Frage. Kann Hass wirklich keine Feste feiern? Mit anderen Worten bzw. tiefer gebohrt: Ist Hass tatsächlich „dumpf“?

Denn wir leben ja in einer Medien- und Meinungsmacherwelt, in der uns diese Bedeutungsgleichheit täglich eingebläut und als unheilige Dreifaltigkeit vorgebetet wird: Hass = rechts = dumpf. „Rechte“ sind verhärmte oder aber verfettete Gestalten, die in ihren Hinterzimmern Hassmails oder gleich Terror-Manifeste an alle Welt schreiben, gespickt mit Rechtschreibfehlern natürlich, und mit wutverzerrten Gesichtern „aufmarschieren“. Rechte „versammeln“ sich auch nicht wie fortschrittlich gesinnte Aktivisten, sie „rotten sich zusammen“. Voller Hass, versteht sich.

Nur: Jeder Psychologe wird Ihnen bestätigen, dass Hass ebenso strahlend funkelt wie die Liebe. Wer von glühender Liebe bis zum brennenden Hass die ganze emotionale Klaviatur durchlebt, der ist eigentlich zu beglückwünschen, denn er lebt ein intensives, bis in die Extreme ausgereiztes Leben. Und das wollt ihr doch immer, liebe Konsumverführer: emotionale Menschen, die mal ganz aus sich herausgehen, ihren Impulsen Raum geben, nicht immer stumm alles runterschlucken, sich ganz dem Gefühl des Augenblicks hingeben. Nun ja, also bitte: Hass kann das alles auch.

Menschen, die zu intensiver Liebe fähig sind, tragen fast automatisch auch ein großes Hass-Potenzial in sich: die Sprengkraft enttäuschter Liebe. Stellen Sie sich einen Menschen vor, dessen Fähigkeit zu lieben schon einmal voll auf die Fresse bekommen hat. Und dann noch einmal. Und noch einmal. (Stellen Sie sich vielleicht sich selber vor.)

Könnte es sein, dass diese „hasserfüllten Gestalten“, die man uns täglich als abscheuliches Exempel vorsetzt, den Liebenden überraschend ähnlich sind? Dass sie nur von irgendetwas wieder und wieder bitter enttäuscht wurden? Vom Scheitern großer Lieben, Ideale oder Gewissheiten, von unwiederbringlichen Verlusten, die ihnen „das Herz herausgerissen“ haben?

Neben zerbrochenen Herzensbeziehungen und zerschnittenen familiären Tischtüchern zählt dazu noch vieles andere Verlorene: Ersparnisse. Heimat. Sicherheit. Werte. Arbeit. Demokratie. Eckkneipe. Nachbarschaft. Kultureller Boden. Plötzlich oder schleichend stellst du fest: kaputt, entzogen, einkassiert. Und jedes einzelne Mal wurdest du nicht gefragt, ob dir das auch passt – aber bitte, bleib doch sachlich! Keine unerlaubten Emotionen!

Dabei bedeutet jeder dieser Verluste auch ein Stück Verlust des Selbst. Und der fühlt sich für Menschen mit emotionaler Intelligenz jedes Mal an wie ein kleiner Tod. Diejenigen, die zu einem großen Gefühl wie dem Hass fähig (oder aus Hilflosigkeit verurteilt) sind, solche Menschen sind alles andere als dumpf.

Sie sind es weder emotional noch sozial noch intellektuell, im Gegenteil. Sie sind für Dinge wie Gerechtigkeit oder Wahrhaftigkeit oft sogar sehr viel sensibler – und damit im Kern auch meschlicher – als zum Beispiel der klassische Psychopath, der ungerührt und regungslos lügt, betrügt, Existenzen ruiniert und im kapitalistischen System reibungslos in höchste Positionen aufsteigt. Der Psychopath ist es, der „dumpf“ ist.

Und deswegen, Coca-Cola, liegst du falsch: Menschen, die hassen können oder müssen, könnten auch rauschende Partys feiern. Wenn es für sie nur etwas zu feiern gäbe.

Zum Archiv bereits untersuchter Emotionen aus der Ökonomie der Gefühle: hier entlang.

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