Die ruhelosen Wälder: vom Glanz und Elend meines Landes

Paul Gerhardts jahrhundertealtes Lied-Gedicht „Nun ruhen alle Wälder“ scheint der Inbegriff frommer Harmlosigkeit. Doch es steckt ein Widerhaken darin, der die Inhaber der Deutungshoheit immer wieder wundgescheuert hat. Dieser Stachel macht es zu einem sehr deutschen Lied.

Stellen Sie sich vor, Sie sind Dichter. Im unbändigen Verlangen, Ihre Liebe, Ihre Trauer und Ihre Gottesfurcht auszudrücken, finden Sie die in all ihrer Schlichtheit schönsten Worte, die sich nur denken lassen.

Stellen Sie sich vor, dass Ihre Zeilen schon zum Volkslied geworden sind, bevor ein Jahrhundertgenie der Komposition sie aufgreift und in eine himmlische Musik einfließen lässt: einen vierstimmigen Chor, so betörend, dass seine mathematische Perfektion Ihren Text noch um mehrere Stufen erhöht. Wodurch das Gesamtkunstwerk über reformierte Kirchengesangbücher hinaus geradewegs in die Hallen der unvergänglichen Lieddichtung Eingang findet.

Stellen Sie sich vor, dass, als nach 134 Jahren ein neues Kirchengesangbuch ohne das Lied mit Ihrem Text erscheinen soll, ganze Gemeinden auf die Barrikaden gehen – mit Erfolg.

Stellen Sie sich vor, dass Ihr Lied noch mehr als 370 Jahre später Herzen aus Stein erweicht und erwachsenen Männern Tränen der Ergriffenheit übers Gesicht laufen lässt.

Und dann – wir sind in Deutschland – stellen Sie sich bitte vor, dass selbst Strophen von solch simpler Größe über die Jahrhunderte hinweg zur Zielscheibe ideologischer Borniertheit geworden sind, wobei keine Geringeren als Friedrich II. oder Thomas Mann sich daran gerieben haben.

So ist es Paul Gerhardts „Nun ruhen alle Wälder“ aus dem Jahr 1647 mit dem Choralsatz Johann Sebastian Bachs von 1734 ergangen. Das Lied hat durch die Anfeindungen nichts verloren, sondern wurde über seine schlichten Botschaften hinaus noch um eine historische Erkenntnis angereichert: was es alles mit sich bringt, von deutscher Denkungsart zu sein.

Aber vielleicht mögen Sie es sich an dieser Stelle erst einmal anhören. Ich empfehle die späten Abendstunden, nach einem langen Spaziergang.

Dies ist ein Lied vom großen Ausatmen am Abend, von Mächten, die uns Grenzen setzen, und von der Angst vor der Dunkelheit.

Es wurde geschrieben von einem Mann, der die Zeiten der Pest und des Dreißigjährigen Krieges durchlitt, der als Diakon wegen seines lutheranischen Glaubens politisch drangsaliert wurde und der vier seiner fünf Kinder beerdigen musste.

Wie in seiner Epoche üblich, suchte Gerhardt Trost in einer an Selbstaufgabe grenzenden, gottergebenen Frömmigkeit, deren Ausdruck er für Jahrhunderte prägen würde. Wenn die Nacht kam, ebenso wie bei der Wiederkehr des Tageslichts, griff er zur Feder. Er hinterließ uns mehr als 150 Lieder und Gedichte, die aufgrund ihrer Popularität alle Zeiten überdauert haben. Kapellen und Schulen, Straßen und Wege, Chöre und Auszeichnungen sind nach ihm benannt, Briefmarken zeigen sein Porträt.

Aber dies ist Deutschland. Wir können auch anders. Wenn es politisch in den Kram passt, können wir auch die klarsten Gedanken und volkstümlichsten Weisheiten diffamieren, zu denen dieses Land fähig ist. Und das ganz besonders gern im Namen der Aufklärung. Es war jedenfalls der emanzipatorische Zeitgeist des 18. und 19. Jahrhunderts, der an den folgenden Zeilen aus „Nun ruhen alle Wälder“ Anstoß nahm und sie mit Hohn und Spott übergoss:

Nun ruhen alle Wälder
Vieh, Menschen, Städt‘ und Felder
es schläft die ganze Welt.

Warum so etwas Harmloses plötzlich anstößig sein soll, fragen Sie? Nun, weil eine schlafende Welt für die progressive Elite natürlich ein rotes Tuch ist: verschnarcht, rückständig und hinterwäldlerisch. Steckt ja schon im Wort hinterwäldlerisch drin, der schlafende Wald, der verdammte deutsche. Hinfort mit der verfluchten Romantik! Sprengt die Ketten der Vergangenheit! Vorwärts zum … (nach Belieben auszufüllen)!

In diesem Geist wollten auch die sich für fortschrittlich haltenden Vordenker der lutherischen Kirche von Berlin-Brandenburg 1781 ein neues Gesangbuch einführen. Viele Lieder Gerhardts sollten daraus getilgt werden. Überrascht waren die Erneuerer, als das zu großem Aufruhr im gemeinen Kirchenvolk führte.

Schließlich warf sich niemand anderes als Preußenkönig Friedrich II., die zeitgenössische Toleranz-Ikone, mit großer Geste für diese ignoranten Dunkeldeutschen in die Bresche. Er verfügte, jedermann habe die Freiheit, im Gottesdienst die Lieder zu singen, die ihm heilig seien. Doch er tat das von einem verdammt hohen königlichen Ross herab, nämlich mit den Worten:

Was die Gesangbücher angeht, so stehet einem jedem frey zu singen: Nun ruhen alle Wälder, oder dergleichen dummes und thörichtes Zeug mehr.

Den vermeintlich kein Wässerchen trübenden Zeilen Paul Gerhardts musste wohl ein ganz besonders potentes Gift innewohnen. Denn selbst in Thomas Manns Großroman „Buddenbrooks“ (1901, da lag die Aufklärung schon auf dem Totenbett) wurde der Dichter und sein Kinderglaube noch mal durch den Kakao gezogen. Dafür schien dem Literaten Mann eine Stelle besonders geeignet. In Gerhardts „Wäldern“ heißt es in der achten Strophe:

Will Satan mich verschlingen,
so lass die Englein singen:
„Dies Kind soll unverletzet sein.“

Ein weiterer Einblick in die Quelle, aus der Paul Gerhardt zwischen Tod und Teufeln seine Hoffnung schöpfte. Er, der so viel frühzeitiges und hilfloses Sterben ertragen musste, unterstellte sich und die Seinen gegen jede Vernunft immer wieder neu dem Schutz höherer Wesen.

Nun aber tauchte in den „Buddenbrooks“ als Neben- und Witzfigur eine schwerhörige, frömmelnde alte Jungfer namens Lea Gerhardt auf, die von sich behauptet, eine Nachfahrin des dichtenden Theologen aus Gräfenhainichen zu sein. Auf einem Gesellschaftsabend lässt Mann sie aus den „Wäldern“ vortragen, und zwar „mit fürchterlicher Stimme, die klang, wie wenn sich der Wind im Ofenrohre verfängt“.

Als sie bei der oben zitierten Passage anlangt, fragt sich Tony Buddenbrook im Roman mit wohligem, selbstgerechtem Schauer: „Welcher Satan möchte die wohl verschlingen?“ Die unappetitliche alte Schachtel, so Manns Botschaft, ist aus der Zeit gefallen und nicht länger ernstzunehmendes Mitglied der vorwärts drängenden bürgerlichen Gesellschaft. Sozusagen die alte, weiße Frau des fin de siècle.

Da haben wir nun in diesem alten Liedtext vieles von dem, was Deutschlands Glanz und Elend ausmacht. Einerseits das Großartige. So viel vollendete Kunst in Vers und Partitur. Die feinen Antennen für etwas, das größer ist als Menschenwerk. Die Fähigkeit und der Mut zum großen, puren Gefühl. Die Verehrung des Tröstenden und Heilenden in der universellen Natur – mit dem Wald als vielleicht deutschestem aller Symbole, tief verwurzelt in unserer kollektiven Seele.

Andererseits die unerträgliche Bigotterie. Der Wille der „Fortschrittlichen“ zum Denunzieren und rücksichtslosen Niedertrampeln dessen, was anderen heilig ist. Die jakobinische Anmaßung, die eigenen Dogmen über das primitive Gestammel des Pöbels zu erheben. Eine Propaganda, die Worte bösartig aus ihrem Kontext reißt, um ihre zur Unkenntlichkeit verzerrten Urheber der Lächerlichkeit preisgeben und zum Abschuss freigeben zu können. Volkstümlichkeiten, geopfert auf dem Altar der superioren Gesinnung.

Mein Deutschland. Der große, bescheidene Paul Gerhardt hat es ohne sein Wissen und absichtslos herausgefordert. Die Wälder, die über Jahrhunderte wuchsen, werden hierzulande von selbsternannten Deutungs-Hoheiten stets mit Eifer gerodet. Sie schlagen Schneisen, die nie wieder zusammenwachsen. Das ist in Deutschland Brauch – bis heute.

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