Die besten Blogger sterben zu früh (aber manche Blogs leben weiter)

Da war eine Stimme, die man heute dringend bräuchte; ein freier Geist, den man gerne noch befragen würde. Doch Reinhard Haneld, der Philosoph und begnadet komische Chronist des Alltags-Wahnsinns, ist heute vor drei Jahren verstummt. Zum Glück hat sein digitaler Nachlass überlebt.

Merkwürdig, im jederzeit „Hier! Ich!“ brüllenden Internet einen brillanten Blogger erst dann kennenzulernen, wenn er schon drei Jahre still unter der Erde liegt. Andererseits: Seine Blogs haben ihn wundersamerweise bis heute überlebt. Und die Besten sterben ja immer zu früh. Das war mit Wolfgang Herrndorf so, den ich nicht als Autor der Erfolgsromane „Tschick“ und „Sand“ in Erinnerung behalten habe, sondern als grandiosen Literaten des eigenen Sterbens. Jetzt ist es mit Reinhard Haneld so, nur war der halt schon verschieden – in doppelter Bedeutung.

Auf Haneld bin ich posthum und passenderweise durch den Pestarzt gestoßen worden, seinerseits Haneld-Freund schon zu Lebzeiten. Doch auch der Berliner Geistheiler war bei Haneld letztlich zu spät gekommen: etwas zu lang nicht reingeschaut in dessen Blog, zack, Todesnachricht gefunden.

Mir hat der Pestarzt als Kenner des digitalen Schattenreichs mal erklärt, was von einem Blogger am Ende übrigbleibt: nichts, sobald die Hinterbliebenen die Rechnung nicht mehr bezahlen und der Provider die Festplatte putzt. Nun, im Fall Haneld scheint auch drei Jahre danach noch jemand das Geld aufzubringen. Und das sehr zu Recht.

Der gebürtige Schleswiger und Wahl-Duisburger Reinhard Haneld führte ein literarisches Doppelleben. Einerseits war er der seriöse, bürgernahe, dennoch bildungsmächtige und rhetorisch geschliffene Dozent für Philosophie an der städtischen Volkshochschule. Als solcher schrieb er wissenschaftliche Aufsätze und führte außerdem Blog Nummer eins: denkfixer. Da gab es sozusagen das Dienstliche, und schon das war erste Wahl.

Wenn Sie mal einen großartigen Abriss über die Wechselwirkung zwischen Sucht – von deren Wesen Haneld einiges verstand – und Philosophie lesen wollen, dann tun Sie das bitte hier. Oder wenn Sie wissen wollen, warum das öffentlich geäußerte Wort ein immer gefährlicherer Drahtseilakt zwischen Mitteilungsdrang und Gesinnungsterror wird, dann lesen Sie hier. Ich bin nicht sicher, ob der VHS Duisburg wirklich je klar gewesen ist, was für ein Kaliber sie an Haneld verloren hat. Heute vor drei Jahren, am 14. Dezember 2016, starb der freiberufliche Dozent im Alter von 64 Jahren.

Mut zum Berühren des Unberührbaren

Noch kurz vor Hanelds Tod kündigte das Vorlesungsprogramm der Duisburger VHS den denkbar spannendsten und unerschrockensten Debattenbeitrag zur damals gerade erst voll entbrannten Massenmigration nach Europa an: Haneld hatte sich Martin Lichtmesz‘ Neuübersetzung von Jean Raspails „Le Camp des Saints“ vorgenommen, zu deutsch Das Heerlager der Heiligen.

Der Roman aus dem Jahr 1973 ist eine apokalyptische, beängstigende, skandalöse und in großen Teilen prophetische Dystopie: Eine Flotte schrottreifer Schiffe mit fast einer Million Wirtschafts- und Elendsflüchtlingen läuft vor der französischen Küste auf Grund. Das Abendland, in Dekadenz versunken, hat keine Kraft und keinen Willen mehr, das Eigene zu verteidigen und geht folgerichtig unter.

Ich weiß nicht, ob es noch zu dem Vortrag kam und was Haneld aus Raspails „Giftschrank-Buch“ (VHS-Ankündigung) herausgelesen hat. Aber unabhängig von der Bewertung des Inhalts: Würde sich heute noch irgendwo in Deutschland ein prekär beschäftigter Honorardozent – oder gar ein Starphilosoph, wenn wir denn noch welche hätten – an dieses Werk und Thema heranwagen? What a difference three years make.

Wer jetzt, nur weil ein Beinahe-schon-Rentner den Mut zum Berühren des Unberührbaren hatte, einen reaktionären „alten weißen Mann“ in Haneld vermutet, der hat keine Ahnung. Haneld stand diesem tumben Klischee – wie allen Klischees – frontal entgegen. Der unerschrocken Fragen stellende, dennoch augenzwinkernd humorvolle Kämpfer für philosophische Befassungsfreiheit war indes nur die eine Seite der Medaille.

Es gab nämlich auch noch Bruno Kraska. Hanelds Alter Ego. Und da beginnen die wahren Freuden der Bloggerei: Wahrte Haneld auf den vermutlich gummibaumgesäumten Fluren seiner VHS noch mühsam den Anschein unerschütterlicher Seriosität und Contenance, ließ er unter seinem Pseudonym in Kraskas Staunmeldungen endgültig die komische Sau raus. Und damit meine ich „sau-komisch“. Aber eben beileibe nicht nur. Das anarchistische Urvieh, das dem Autor hier bisweilen im gestreckten Galopp durchzugehen drohte, hatte etwas unberechnbar Sprunghaftes, mühelos Tiefschürfendes, liebevoll Menschliches und gelegentlich Tieftrauriges zugleich.

Als Bruno Kraska berichtete Haneld unter anderem in zahllosen Episoden von seinem Leben im Geddo. Tatsächlich hauste er jahrelang in einer Mietskaserne von Duisburg-Hochfeld, dem hinter Marxloh (ebenfalls Duisburg) und Berlin-Neukölln wahrscheinlich drittübelst beleumundeten Kiez Deutschlands. Ehemaliger Arbeiterstadtteil, heute Brennpunkt mit einer alle Skalen sprengenden Arbeitslosigkeit. Migrationsvielfalt pur, Ureinwohner als aussterbende Art. Hartz IV olé in Ewigkeit. Müll, der aus den Fenstern im vierten Stock auf die Straße fliegt, Drogenparks, Clanstrukturen, alles außer Hochdeutsch. Der Philosoph muss dahin gehen, wo es wehtut.

Das tat Kraska. Er lebte hier. Und hier war er literarisch am allerstärksten.

Als Zeilensturm-Leser dürften Sie den von mir immer wieder gefeierten Glumm kennen, der uns das Treiben der „einfachen Leute“ in seiner Heimatstadt Solingen so prall und plastisch miterleben lässt. Kraska/Hanold ist bzw. war der Glumm des ganz normalen Duisburger Großstadt-Irrenhausbetriebs. Allerdings eben oft auch noch zum Schreien komisch, als Chronist des laufenden Schwachsinns geschult an Autoren wie Eckhard Henscheid oder Eugen Egner, so scheint mir.

Allein die Figuren, die da auftreten! Und alle echt! Wie unfassbar fröhlich inkorrekt es da überall zugeht, aus purer Notwehr und Wurschtigkeit! Fast möchte man gleich dorthin ziehen, und dann aber lieber doch nicht, denn dieses Kreuz hat ja gottseidank schon Kraska für uns geschultert. Hier, lesen Sie mal rein in eine solche Hausgemeinschaftsversammlung:

Özgür steht im Schlafanzug in meiner Studierstube, rollt wild mit den Augen, sträubt den Schnauzbart und ringt die Hände. Mein Vorwurf, seine wahrscheinlich „scheiße verschweißten Rohre“ hätten meine Bude geflutet, kränkt ihn zutiefst in seiner anatolischen Ehre. „Ağabey“ (sprich: „Aaahbii!“) sagt er, die Hand auf dem schmerzenden Herzen, „vallah, isch schwör, das nich mein Wasser!“ Stimmt. Muss ihn rehabilitieren! Schuld war eine kaputte Heizung. Ich bescheinige hiermit anatolischen Schwarzarbeitern, die gewissenhaftesten Rohrverschweißer Europas zu sein, die ich nur wärmstens empfehlen kann.

Herr Ezme, vormaliger Kunstmaler aus Antalya, jetzt Multitasking-Hausmeister in Deutschland und praktizierender Alltagsphilosoph, schweigt weise, beäugt still den Wasserschaden, kratzt sich wie ein perfekter Bergmann am Kopf und sagt schließlich begütigend zu Özgür: „Na, weißt, Ağabey, bei DEIN Hottentottenhaus kann man ja auch nie wissen…“

Im Park ist Ahmed unterwegs und will mir für 10 Euro einen iPod verticken. Sein Verkaufsargument: „Hab isch selbz geklaut“ zieht bei mir ja nun gar nicht. Ich hab nämlich schon einen iPod. „Aber, Bruder, Alder“, spricht Ahmed mit Emphase und legt die Hand aufs Herz, „wir sind hier im GEDDO! Für dich 5 Euro, Brrruder!“ Mein Herz bleibt kalt. „Mann, Alder“, flucht Ahmed, „ich brauch aber fünf Euro für Ganja!“, was mir dann einleuchtet.

„Hömma!“ brüllt Anatol, der 50-jährige Altpunk, durch den Hausflur. Ich erstarre, weil Sätze, die mit „Hömma!“ anfangen, dauern bei Anatol Stunden und enden in endlosen Jeremiaden darüber, dass man von Hartz4 nicht leben kann. Wovon ich leben muss, verschweige ich, ganz verarmter Adel mit Stock im Arsch, aufs Vornehmste. Wäre ja obszön irgendwie.

Soweit erst mal Kraska. Alle, alle kriegen hier ihr Fett ab, weil nur so das Leben Tür an Tür mit Hunderten anderen vom Leben Gezeichneten möglich ist. Selbst für jemanden wie Kraska/Haneld, der außer einen Magistertitel auch noch einen Kampfsport-Gürtel und solide Türkischkenntnisse besaß. Aber glauben Sie nun bitte nicht, dass die wenigen Ur-Deutschen in Kraskas Kiez besser wegkommen als der Rest:

Drüben gegenüber, im Hinterhof, tagt im grün-blau-goldenen Herbst-Delir wieder das Garagenkollegium, bei Bier, harten Eiern und sauren Gürkchen. Als halbes Vollmitglied werde ich einigermaßen enthusiastisch begrüßt und bekomme umstandslos ein Diebels sowie ein Klappstühlchen ausgehändigt. Das Wort führt gerade Sportrentner Horst, der mit den Erscheinungen hiesigen Ausländertums auf fundamentalem Kriegsfuß steht. Ginge man nur von seinen Tiraden aus, würde er bei der NPD als Rechtsabweichler verstoßen. Er ist aber nur gegen Ausländer, sofern sie im Allgemeinen existieren; im konkreten Fall hilft er, wo er kann. So hat er den kleinen Zoltan zur Einschulung begleitet, weil die armen Serbeneltern verhindert waren. In der Schule trieb man irgendwann die Kinder auf den Hof und holte die Eltern zusammen, die dann namentlich aufgerufen wurden, wodurch es dann auf jenes faszinierende Ereignis auskam und hinauslief, dass Horst, der eigentlich Schmitz heißt und Deutscher „aus Überzeugung“ ist, beim Aufruf „Milan Amir Kustranovic“ die Hand heben und laut „hier!“ schreien musste. – „So weit is datt schon“, klagte der Sportrentner nun, „dasse dich nichma mehr unter dein eichnen deutschen Namen melden darfs…!“

Die Erkenntnis ist für den Leser ebenso unerwartet wie erfrischend: Das Zusammen- oder besser Nebeneinanderleben auf der Multikulti-Resterampe funktioniert nur deshalb einigermaßen reibungslos, weil sich wirklich alle Gruppierungen gegenseitig gleichermaßen hassen. Das schafft geregelte Räume und Zeitkorridore, in denen sie sich (meistens) geflissentlich aus dem Weg gehen. Und ebenso frappierend: Von Einzelmensch zu Einzelmensch ist da, ethnien-übergreifend, trotzdem erstaunlich viel Herzlichkeit und Miteinander.

Um so etwas erfahren und in seiner ganzen Pracht aufschreiben zu können, muss man sich erst mal von allen Resten ideologischer Frühfixierung freimachen. Diesen Teufel hatte sich Kraska alias Haneld selbst ausgetrieben. Er war nämlich in jungen Jahren, als frisch gelernter Drucker, mal strammer Maoist und nichts Geringeres als Vorsitzender der Jugendorganisation „Rote Garde“ gewesen. Im Splitterparteiorgan der KPD/ML war eine Rede des Genossen Haneld sogar in voller epischer Breite abgedruckt worden: gruselig wie der Vortrag eines dieser untoten Delegierten auf dem XX. Parteitag der SED.

Doch Haneld schaffte den Auto-Exorzismus: „Ende der 70er allmähliche Wiedererlangung geistiger Zurechnungsfähigkeit. Trennung von der KPD/ML. Fortexistenz als Renegat und Klassenfeind.“ Glauben Sie mir, wer das durchsteht, ist hinterher ein besserer Autor.

Gut vier Jahre vor dem Ende zog er dann aber doch weg aus dem Geddo. Nase voll, Nerven zerrüttet, Schlafbedürfnis übergroß. Man wird ja nicht jünger. Haneld landete nur ein paar Straßen weiter, dort zur Abwechslung in gemeinsamer Wohnung mit seiner Frau, einer ZDF-Journalistin, und doch in einer komplett anderen Welt: der bürgerlichen. Er wäre nicht Kraska gewesen, wenn er nicht neue Geschichten aus dem neuen Kiez angekündigt hätte: „Spannende Berichte über Rollatoren-Rocker, Kirchentags-Punks und die allsonntägliche Morgenmahls-Prozession der Methadon-Marginalen. Geddo, Leute, ist im Grunde nämlich überall.“

„Kraska kann leider nicht mehr antworten“

Unglücklicherweise aber endeten Kraskas Blog-Einträge schon bald danach. Gesundheitlich wurde sein Autor offenbar immer labiler; der Witz kam ihm abhanden, zumindest an der Tastatur. In immer längeren Abständen erkundigte sich im Kommentarbereich des letzten Artikels der eine oder andere Stammleser nach seinem Wohlbefinden. Hanelds Antworten fielen einsilbig und zunehmend resigniert aus. Zuletzt schrieb jemand in seinem Namen auf Anfrage: „Kraska kann leider nicht mehr antworten.“ So still geht ein Philosoph.

Dieses Sterben war von anderer Art als das des Wolfgang Herrndorf. Doch ein Ende war es auch, selbst wenn das Blog bis heute existiert. Es ist ein Vermächtnis, das nur aus Einsen und Nullen besteht. Klemmt jemand den Strom ab, steht da nur noch die schwarze Null. Und so scheint es heute der Blogger-Szene in toto zu gehen (bis auf die hirntoten „Influencer“-Spacken, die gut gepolstert auf dem Produktestrich der Industrie unterwegs sind). Eines nach dem anderen reiten die intelligenteren Web-Tagebücher in den digitalen Sonnenuntergang.

Es ist wohl nicht mehr die Zeit für das freigiebig ausgeteilte Wort. Zwei Drittel der Bundesbürger hüten sich einer neueren Umfrage zufolge inzwischen davor, öffentlich ihre Meinung zu sagen oder gar zu schreiben. Die unbefangenen Diskurse, in die sich Haneld/Kraska noch mit Lust hineinstürzte, weichen jetzt der Angst vor Uploadfiltern, DSGVO und dem Pranger der Eiferer, die sich überall breitmachen. Das Schweigen hier liegt ebenso im Trend wie das Brüllen dort.

Wahrlich: „Es droht Kurzarbeit in den Denkfabriken“ – so der Untertitel der „Staunmeldungen“. Die beiden letzten offiziellen Kraska-Sätze im Blog lauten: „Man muss nach vorne schauen. Auch wenn es graust.“

Alle Bilder und Textauszüge: Reinhard Haneld

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