Duden hilft, korrekt zu denken

Vom Sprachwächter zum Gesinnungs-Korrektorat: Der Duden-Verlag erweitert seine Autoritätszone – und bleibt dabei seinem Markenkern treu. Denn wenn die Sprache das Denken bestimmt, ist auch das Denken regulierbar. Mit Propaganda hat das natürlich nichts zu tun.

In den unschuldigen Zeiten, als dieses Land noch nicht der Hysterie verfallen war, schlug ich den Duden auf, wenn ich die Rechtschreibung eines Wortes oder Satzes überprüfen wollte. Hatte ich daraufhin den Fehler korrigiert, klappte ich das gelbe Buch wieder zu und stellte es zurück ins Regal. Unterdessen „denkelte“ (Tucholsky) ich so vor mich hin, mal ans Wetter, mal an die Steuererklärung, was gerade so anstand.

Seit einigen Jahren gibt es den Duden auch online. Darüber freute ich mich bislang arglos, weil es ja praktisch ist, sich den Gang zum Buchregal und das viele Blättern zu ersparen. Im Netz geht das alles viel schneller, bequem im Sitzen und noch dazu stets auf dem neuesten Stand der Rechtschreibregeln. Mehr Zeit zum freien Denkeln also.

Heute kam mal wieder so eine Frage dazwischen: Heißt es korrekt „der“ oder „das“ Blog? Beides möglich, belehrt mich der Bildschirm-Duden innerhalb von Sekunden. Doch was ist das?

Eine Banderole zieht sich durchs Bild. Darauf alle paar Sekunden wechselnde Werbung für Bücher aus dem Duden-Verlag. Was ja eigentlich nur Fachbücher über Grammatik, Stil oder sinnverwandte Wörter sein können, wenn man der altehrwürdigen Kernkompetenz des Duden vertrauen darf.

Doch im Deutschland des Jahres 2019 wurde diese Kernkompetenz ausgeweitet:

Jetzt wird man hier ein wenig umfassender erzogen. Und zwar zum Staatsbürger mit Duden-zertifizierter Richtigmeinung, etwa zu Einbürgerungsfragen.

„Was bedeutet es, deutsch zu sein?“, fragt ergebnisoffen der Duden-Verlag und gibt die Frage gleich an seinen Autoren weiter: „Die Zeit für eine Neudefinition ist reif, meint Ali Can, dessen Twitterkampagne #MeTwo im Sommer 2018 ein enormes Echo auslöste. Zehntausende Menschen mit Migrationshintergrund berichten seither unter dem Hashtag von ihren alltäglichen Erfahrungen mit Rassismus.“

Gefühlt jeder dritte Beitrag unter dem genannten Twitter-Hashtag stammt derzeit entweder von Ali Can, der sein Buch bewirbt, oder von irgendwem, der Ali Cans Buch bewirbt. Was aber all diese „Zehntausende“ von Diskriminierungsopfern gemeinsam haben, weiß wiederum der Duden-Verlag, ohne die Täter benennen oder deren Taten belegen zu müssen: „Ständig wird ihnen vermittelt, sie seien nicht wirklich Deutsche und gehörten somit nicht dazu. Dabei betrachten sie Deutschland als ihre Heimat – und das so selbstverständlich, wie sie sich oft noch einer anderen Sprache und Kultur verbunden fühlen.“

Kaum habe ich den Schreck verarbeitet, dass aus dem Sprachwächter Duden über Nacht zusätzlich ein Gesinnungs-Korrektorat geworden ist, da wechselt die Werbung auf dem Bildschirm. Der nächste Band „Marke Duden“ rückt ins Bild:

„In Europa und auch in Deutschland tobt längst eine ideologische Propagandaschlacht,“ stößt der Propagandatext des Duden-Verlags dazu ins Horn. Ja, tatsächlich, davon habe ich auch schon gelesen. Und zwar auf wirklich allen Kanälen, nur gottseidank noch nicht auf Duden online. Bis heute.

Denn mit der Enthaltsamkeit der Wortwächter ist es vorbei, sie sind mit großer Selbstverständlichkeit zu Moralmahnern mutiert, und auch das Folgende bedarf offenbar keines weiteren Belegs: „Die Gefährdung unserer Demokratie durch Desinformation und Fake News ist größer als je zuvor, zielen sie doch darauf ab, die Gräben in einer polarisierten und fragmentierten Gesellschaft zu vertiefen, Glaubwürdigkeit zu zerstören und Konflikte anzuheizen.“

Statt die Glaubwürdigkeit gefälligst nicht anzuzweifeln und die Konflikte schön unter den Teppich zu kehren, wie es ein vernünftiger Mensch täte. Autor von „Fakten gegen Fake News“ ist Patrick Gensing, über dessen Kompetenz die Duden-Redaktion berichtet: „Seit 2017 leitet Patrick Gensing das Projekt ARD-faktenfinder und kennt somit die Welt der Fake News wie kaum ein anderer.“ Wird nicht „faktenfinder“ großgeschrieben? Nein, der Duden hat dies abgesegnet.

Was aber steht nun drin in Gensings Werk? „In seinem Buch erklärt er das Phänomen in all seinen Facetten: Was Fake News sind, warum es keine Option ist, vor dem Problem einfach die Augen zu verschließen, und was man gegen sie tun kann.“ (Die antiautoritäre Rechtschreibung in diesem Zitat habe ich mitzitiert.)

Mit Verlaub: Ich weiß die richtigen Antworten auf alle drei Punkte der Inhalts-Aufzählung auch so schon, dank unermüdlicher Repetition des Lehrstoffs aus 1001 anderen seriösen Quellen.

  • 1.) Fake News sind bösartige Lügen von rechts, nicht hingegen von der Bertelsmann-Stiftung.
  • 2.) Nachrichten von nicht zertifizierten Urhebern zuzulassen ist keine Option, weil dann die Koalition aus CDU/SPD und ARD/ZDF womöglich nicht bis in alle Ewigkeit regieren kann.
  • 3.) Man muss die Sozialen Medien umfassend kontrollieren, sich regierungs- und dudenseitig alle Zugangsdaten dazu aushändigen lassen und wie in China „social scores“ für staatsbürgerliches Wohlverhalten jedes Einzelnen vergeben, von denen dann die Gewährung gewisser Privilegien abhängt.

Darüber hinaus kann man natürlich den ARD-faktenfinder alarmieren, wann immer einem eine Tagesschau-Meldung verdächtig vorkommt. Denn die falschen Fakten sind, so die aktuelle Ausgabe des Neusprech-Lexikons, doppelplusungut. Sie sind daher zunächst aus dem Internet, dann aus den Diskursen, zuletzt aus dem Denken zu tilgen. Im Wahrheitsministerium arbeiten die Sprachregulierer bereits daran.

Einstweilen klären sie uns darüber auf, was aktuell „deutsch“ ist oder was populistische Hetze statt Qualitätsjournalismus darstellt. Sie lehren uns die Definitionen einer neuen Zeit – unter dem Banner mit dem Leitbild des Duden-Verlags: „Sprache bereichert unser Leben, sie ist unser Schlüssel zum Verständnis der Welt.“

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