Uwe Tellkamp darf nicht lesen

Eigentlich wollte ich die neue Dekade mit einem optimistischen oder wenigstens halb-ironischen Blogbeitrag einläuten. Doch der zunehmende Tugendterror des Kulturbetriebs (wie auch der restlichen „Elite“) macht keine Pause. Nun hat es unter anderem mal wieder Uwe Tellkamp erwischt.

Tellkamp, das muss man vielen westdeutschen Lesern ja leider immer noch erklären, ist mit Romanen wie „Der Turm“ einer der literarischen Stars meiner Generation – nur dass er leider aus Dresden kommt, was im heutigen Klima schon mal kein Vorteil ist. Und tatsächlich wird er in den Schubladen des Feuilletons und des „geistigen“ Deutschlands auch ebenso pauschal wie denkfaul als „rechts“ geführt, das moderne Passepartout für „nicht koscher“.

Dabei ist Uwe Tellkamp als ehemaliger DDR-Bürger bloß gefeit gegen Konformismus und sensibilisiert für jedes Anzeichen von Auflösung der rechtsstaatlichen Ordnung. Als Wertkonservativer, aber nach allen Seiten Neugieriger und zugleich Zweifelnder (Eigenschaften, die dem „linksliberalen“ West-Bürgertum offenbar vollständig abhanden gekommen sind) gilt er spätestens seit seinen jüngeren politischen Einlassungen zur geistigen Verfasstheit der Republik vielen als unberührbar. Auch und erst recht in der Verlagswelt. Unter anderem wegen seiner Ablehnung einer unbegrenzten Zuwanderung distanzierte sich sein Verlag, Suhrkamp, von Tellkamp. Der Antaios-Verlag des ebenso stigmatisierten Götz Kubitschek druckte die Werke des Dresdners gerne nach.

Zu sprechen ist von Feigheit, von dumpfem Konformismus, von der sich durchs Land fressenden Stummschaltung und von purer Terrorangst.

Tellkamp hat übrigens mal eines seiner Bücher in einem Karton zugeschickt bekommen – bis auf die intakte Titelseite war jedes Blatt durch den Reißwolf gedreht worden. Aber diese Behandlung durch einen kritischen Leser hat er als „fast schon liebevoll“ verstanden. Worum es jetzt geht, hat mit aufgewühlter Kontroverse, ja sogar mit Hassliebe, nichts mehr zu tun. Zu sprechen ist von Feigheit, von dumpfem Konformismus, von der sich durchs Land fressenden Stummschaltung und von purer Terrorangst.

Was ist geschehen? Uwe Tellkamp sollte beim sogenannten „Tumult-Forum“ auftreten, einer Veranstaltung des Dresdener Kulturmagazins Tumult, das den programmatischen Untertitel „Vierteljahresschrift für Konsensstörung“ trägt. Konsensstörung? Das geht natürlich gar nicht in Merkeldeutschland. Da könnte ja jeder kommen. Nun, kann er nicht. Die Gegner der Freiheit tun alles, was sich mit Hilfe ihrer Freunde von der sogenannten „Antifa“ tun lässt, um es zu verhindern. Und das ist eine Menge.

Ursprünglich sollte das Forum im Cosel-Palais stattfinden, direkt neben der Dresdner Frauenkirche. Doch anonyme Gewaltdrohungen der „Antifa“ terrorisierten den geplanten Veranstalter derart, dass er kapitulierte und absagte. Daraufhin fanden die Tumult-Leute vermeintlich einen Ersatz: das Dresdner Lingnerschloss. Es schien bereits alles in trockenen Tüchern, auch die Tellkamp-Lesung war für den 9. Januar weithin angekündigt.

Das Lingnerschloss in Dresden. Foto: Christian Gebhardt, CC BY-SA 4.0

Gestern jedoch machte auch der Förderverein Lingnerschloss e.V. einen Rückzieher, sechs Tage vor dem Termin: „Nach unserer Überzeugung und dem Neutralitätsgebot des Fördervereins Lingnerschloss ist Ihre beabsichtigte Vortragsreihe für unsere Einrichtung nicht geeignet“, heißt es lapidar im Ausladungsschreiben, nachdem der für das Programm zuständige Mitarbeiter bereits im Dezember schriftlich zugesagt hatte.

Ebenfalls von der Ausladung betroffen ist der Historiker Egon Flaig, der am 13. Februar aus seinem neuen Buch ‚Was nottut. Plädoyer für einen aufgeklärten Konservatismus‘ hätte lesen sollen.

Halten wir fest: Für Lesungen aus fiktiven Geschichten und für politische Plädoyers gilt also jetzt ein „Neutralitätsgebot“, gegen das hier verstoßen wird. Unter anderem von einem Bachmannpreis-gekrönten Literaten, der aus Vorarbeiten zu seinem neuen Roman über die beiden Nachkriegs-Deutschlands hätte lesen sollen. Doch der Konsens darf nicht gestört werden.

Das ist mehr als gruselig. Das ist hochgradig verstörend. Da der Förderverein sich totstellt und der Träger auf seiner Webseite so tut, als ob es das geplante Programm nie gegeben hätte, kann man nur vermuten, dass erneuter „Antifa“-Terror seine auf Verstummung zielende Wirkung getan hat – wie dieser Tage auch in Berlin gegen einen Kolumnisten der B.Z. Denn im Ernst und aus der Sache heraus begründbar wäre solch ein Schritt niemals gewesen.

Wenn Sie, liebe Kollegen, Leser, Verlagsmitarbeiter, Feuilletonisten,  Medienschaffende und Bildungsbürger nun insgeheim frohlocken, das habe alles schon seine Richtigkeit, da es ja im „Kampf gegen rechts“ geschehe, dann denken Sie neu nach. Oder vielleicht erstmals. Sie müssen Tellkamps Meinungen nicht teilen. Was Sie aber müssen, ist: die Freiheit der Literatur und der Debatte aushalten. Sonst wird sich die von Ihnen befürwortete Unfreiheit als Übernächstes gegen Sie wenden. Sie werden dann überrascht sein, wie schnell der Tugendterror sich ganz neue Opfergruppen sucht, zu denen Sie sich nie gezählt hätten. Was sich hier abspielt, ist die Wiederholung finsterster Geschichte. Und Sie, die Sie nicht dagegen aufbegehren, stehen – schweigend oder feixend – auf der falschen Seite.

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