Es tut so gut

Das Leben als Autor eines Kleinverlags ist nur so mittel glamourös. Genau genommen perlt es etwa so sehr wie der Winter 2019/20 in Norddeutschland. Aber manchmal kommt alles zusammen: Sturm und Regen, eine Lesung, miese Aussichten und die „friesische Karibik“.

All diese grauen Sturmtief-Tage. Man kann sie nicht mehr auseinanderhalten, die Namen der sich umarmenden, einander unterhakenden, schließlich mit den Händen auf den Schultern des Vordermanns Polonaise tanzenden Winterstürme. Schwer befrachtet mit hoffnungslosem Dauerregen und einer unnatürlichen Wärme, oder zumindest Nicht-Kälte, die gruseln lässt.

Und ausgerechnet jetzt soll man auf die Insel fahren. Es hilft auch nicht, dass sie sich selbst neckisch die „friesische Karibik“ nennt. Föhr im Februar, das ist keine anheimelnde Alliteration. Besonders nicht, wenn man Romanautor ist und der Kulturprogrammleiter der Föhr Touristik einem noch zu Beginn der Woche am Telefon mitteilt: „Lassen Sie mich mal gerade im Computer schauen, wie viele Karten wir für Ihre Lesung schon verkauft haben … oh.“

Nämlich genau null. Aber, so der feinfühlige Funktionär: „Wir haben hier noch eine andere Veranstaltung, die Autorin ist seit Jahren gut etabliert, immer volles Haus, und auch da ist diesmal noch keine Karte verkauft.“ Na, da bin ich aber froh. Bin ich also nicht die einzige Null.

Und dabei hatten wir gedacht, alles ganz clever eingefädelt zu haben. Denn die Lesung wurde eigens auf den Samstag nach dem Freitag gelegt. Nach dem Biikebrennen-Freitag. Wo die gesamte Küstenbevölkerung an den Stränden ihre heidnischen Feuer zur Vertreibung der Wintergeister entfacht, und so auch Wyk, das Hauptstädtchen von Föhr. Wo ich am Abend darauf einfach nur die -zigtausend Biike-Touristen vom Festland abgreifen und in den Kurgartensaal schanghaien muss. Die wissen am Tag nach dem großen Brand sonst eh nichts mehr mit sich anzufangen. Und können, von Wasser umzingelt, vor der reservierten Rückfahrt am Sonntag auch nicht weglaufen.

Tja, aber dann kündigt sich gerade noch rechtzeitig Sturmtief Schießmichtot an, um die Party zu verhageln. Wie heißt dieses jetzt wieder: Orkan Verena? Tornado Vanessa? Hurrikan Vladimir? Wer sich so was wohl immer ausdenkt. Und wann wird in unserer diskriminierungsfreien Inklusionsgesellschaft endlich mal einer dieser Jahrhundert-Orkane Mohammed getauft? Oder wenn nicht Mohammed, dann wenigstens Orhan. „Orkan Orhan“ wäre doch erfrischend politically correct.

Zack, wird das Biikebrennen in Wyk abgesagt. Heutzutage sagt man ja immer alles schon präventiv ab. Es könnte ja. Vielleicht passiert ja. Womöglich würde ja. Und wer zahlt dann? Und wer verantwortet dann? Alles klar. Aber ein Trost bleibt: Weniger als null zahlende Zuhörer können es einfach nicht werden. Ätschibätsch, ich bin schon nackt, ihr könnt mir nicht mehr in die Tasche greifen.

Dann ist auch schon Freitag, Abfahrt am Hauptbahnhof. Dass sich die Bahn überhaupt noch auf die Schiene traut! Es könnten doch Bäume auf die Gleise fallen! Womöglich fährt ja der Blitz ins Getriebe! Und wer zahlt dann? Und wer verantwortet dann? Jedoch, alle Wetter: die Bahn kommt. Und auch die Fähre: fährt. Es sind dicke Pötte in flachen Fahrrinnen. Die laufen eher auf Grund, als dass sie im Sturm kentern. Aber ehrlich gesagt: von Sturm keine Spur. Jedenfalls noch nicht.

Plötzlich aber ist es Nacht auf Föhr. Und Weltuntergang:

Habemus papam? Baggerfahrer Willibald at work

Die apokalyptische Szenerie vor meinen Augen ist kein Vulkanausbruch, kein Asteroideneinschlag, auch kein klimawandel-induziertes Buschfeuer im Outback von Deutschland. Bloß die Biike von Wrixum. Im Angesicht von Supersturm Mohammed und Sintflut haben sie in der etwas küstenferneren Gemeinde ihren Scheiterhaufen nämlich einfach trotzdem entzündet, wie seit Tausenden von Jahren in dieser Nacht. Wäre ja noch schöner, sich von den verweichlichten Großstädtern aus Wyk (4218 Einwohner) anstecken zu lassen!

Ich komme erst am Brandherd an, nachdem ich mit meinen neuen Schuhen, ohne die Hand vor Augen zu sehen, einen vom Dauerregen vollkommen aufgeweichten Waldweg entlang gepatscht bin. Da ist das Feuer schon fast niedergebrannt. Gerade noch bekomme ich mit, wie Baggerfahrer Willibald die versammelte Dorfjugend mit seinen Greifer-Künsten entertaint. Er bugsiert Fuhre um Fuhre nasses Grünzeug ins Feuer, damit es auch ordnungsgemäß qualmt und stinkt. Der weiße Rauch wäre einer fünffachen Papstwahl würdig. Großes Theater! Gaukelt mir zumindest der Apfelpunsch mit Schuss vor, den die Freiwillige Feuerwehr im mobilen Ausschank hat.

Am nächsten Morgen – ich durfte im kommunalen „Künstlerappartement“ übernachten und währenddessen durch die zugigen Fenster dem Heulen und Rappeln des Sturms lauschen – ist aber wieder eindeutig mehr Wasser als Feuer zu vermelden.

Sorry, die Arche Noah hat bereits abgelegt

Es ist der Morgen. Der Null-Karten-Morgen. Gerade jetzt könnte man sich günstig ertränken. Bis 19 Uhr muss das erledigt sein, dann ist Showtime. Beziehungsweise eben No-Show-Time. Vielleicht vorher noch ein letzter Strandspaziergang im Sturm. Am Horizont, da fährt die Fähre, so als ob rein garnichts wäre. Und ich finde es immer wieder irritierend, dass ihr Betreiber so heißt wie der Sender, der Oma gern als Klimasau beleidigt: W.D.R. Doch hier steht es für Wyker Dampfschiffs-Reederei.

Wanderdünen beim Wandern

Schließlich lässt es sich nicht länger hinauszögern. Schon wieder Dunkelheit, Nacht ist auf uns arme Seelen herniedergefahren, und ich habe alle Hoffnung fahrengelassen. 18.50 Uhr. Ich werde da also jetzt zur Tür reingehen beim Kurgartensaal, die pikierten Blicke des Hausmeisters entgegennehmen und den einzigen ver(w)irrten Gast, Abendkassenzahlerin Irene Winterscheid aus Quadrath-Ichendorf (76), mit aufs Zimmer nehmen, um ihr privat ein wenig vorzulesen. Das ist im ganzen weniger peinlich als ein leeres Kaminzimmer, in das immerhin 30 Leute passen würden.

Aber etwas stimmt nicht. Am Empfangstresen sitzt die freundliche Frau F. von der Föhr Touristik, lächelt und nickt in Richtung der offenstehenden Doppeltür: „Schauen Sie mal da rein!“ Ich fasse mich, schaue – und fasse es nicht länger. Da sitzen gut 30 Leute. Und Herr S. von der Föhr Touristik stellt gerade noch eine weitere Reihe Stapelstühle auf, für die, die noch keinen Platz haben. What the…?

Komm’se rein, könn’se reinhören!

Es ist dann eine sehr schöne Lesung geworden. An einer Stelle durfte ich das bemerkenswerte Gefühl genießen, wie es ist, wenn einen 35 Augenpaare beim Trinken eines Schluckes Mineralwasser beobachten und man dabei einen Kronkorken fallen hören könnte. Um ein Haar hätte ich ihnen, wie früher Harald Schmidt in seiner Show, mit vollem Pathos zugeprostet: „Ich sage Ja zu deutschem Wasser!“

Auffällig, dass im Publikum etwa so viele Männer wie Frauen saßen, jüngere und ältere. Sollten Männer doch noch Bücher lesen? Das wäre ja fast … einer Kulturnation würdig. Wir diskutierten am Ende noch so dies und das, über Literatur, über Medien, über Literatur in den Medien. Viele neugierige Fragen, viele nette Kommentare.

Natürlich blieb auch die Standardfrage nicht aus: „Arbeiten Sie schon an einem neuen Buch?“ Und ich fasste mir ein Herz, die Wahrheit zu sagen: Wer heute kein Prominenter ist und keine Mainstreamware zur Bedienung angeblicher Marktbedürftnisse liefern will, kann das Schreiben eigentlich nur noch als Hobby ansehen. Ich weiß nicht, ob ich noch mal so viel Selbstdisziplin aufbringe, das trotzdem durchzuhalten. Ich glaube eher: nein.

Aber dann, ganz am Schluss, reichten meine mitgebrachten Buchexemplare nicht für alle Kaufwilligen. Ist mir noch nie passiert. Es sind Momente wie diese, wenn den Autor eines Kleinverlags das Gefühl beschleicht, das alles könnte vielleicht doch einen Sinn haben. Das Leben. Bücherschreiben. Das Universum. Und diese unerwarteten Momente tun gut. So gut.

Danke, Föhr!

4 Kommentare zu „Es tut so gut

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