Hamburgs Straßen (2): Ausblick aufs Ende der Welt

Jeder kennt sie: Große Freiheit und Reeperbahn, Mönckebergstraße und Jungfernstieg. Doch es sind die wenig glamourösen unter Hamburgs 7846 Straßen, die wirklich überraschende Einblicke bieten. In dieser Serie flanieren wir abseits der Reiseführerrouten mit der Kamera über den Asphalt der Hansestadt.

Angeblich – so hat es C. irgendwo gelesen – ist die Hamburger Billstraße in ganz Afrika ein Begriff. Ich kann das nicht unabhängig bestätigen, vor allem nicht unter den neuen Verhältnissen der Corona-Reisebeschränkungen, aber ich glaube ihr mal.

Denn die mit buckligen Kopfsteinen gepflasterte Billstraße verläuft im Hafenstadtteil Rothenburgsort (da, wo der Hafen alles andere als Postkarten-Hamburg-Romantik ausstrahlt), und sie ist ganz einem einzigen Zweck gewidmet: „Im- und Export“. Zumindest steht das, meist als einziges deutsches Fragment in einem plakativen Sprachsalat, an fast jedem der entweder heruntergekommenen oder extrem heruntergekommmenen Betriebe, die sich hier aneinanderreihen.

Tatsächlich landet vieles von dem Plastik-Ramsch, den Restposten, dem Elektroschrott, den Altautos (von anderer Qualität als in der Süderstraße) und den Dingen aus undefinierten Quellen, die hier umgeschlagen werden, in Übersee. Oder das Zeug stammt von dort. In der Praxis sieht diese florierende Branche etwa so aus:

Das Foto ist wie alle anderen in dieser Serie an einem Sonntag entstanden, wenn in der Billstraße relative Ruhe herrscht. An jedem anderen Tag empfiehlt es sich nicht, ein sichtbares Kameraobjektiv mit sich herumzutragen. Es sei denn, man möchte im Zentrum einer sehr schnell anwachsenden Aufmerksamkeit kräftiger junger Männer stehen.

Man muss sich diese etwa einen Kilometer lange, postindustrielle Szenerie dann stark bevölkert mit Menschen aus allen Nationen Afrikas sowie der arabischen Welt, aus Russland, Fernost und vom Balkan vorstellen. Dazwischen sind Anachronismen alter Hafenbetriebe mit Namen wie „Stahlhandel Schmidt KG“ oder „Petersen Schiffsausrüstungs GmbH“ (so von mir erfunden, aber ähnlich tatsächlich vor Ort) verteilt, die man ob ihrer exotischen Fremdartigkeit fast bemitleiden möchte.

Nach meinen Beobachtungen sind in der Billstraße die Schwarzen die im Rang niedrigsten und, wobei die Scheine in die Hand gezählt werden, zumeist bei Arabern oder Südosteuropäern beschäftigt. Diese Arbeitgeber nehmen ihre Position erhöht auf den Laderampen der baufälligen Rotklinkerschuppen ein und überwachen von dort aus mit verschränkten Armen Arbeit und Verkehr.

Die Schwarzen müssen Säcke oder Waschmaschinen schleppen, alte Busse auswaiden, Trucks be- und entladen, Müll entsorgen. Wobei unter „Müll“ hier im Unterschied zum Schrott der allerkleinste Nenner dessen zu verstehen ist, was sich wirklich, wirklich unter keinen denkbaren Umständen mehr zu Geld machen lässt. Und unter „entsorgen“, nun ja: auf Haufen werfen.

Weil hier sehr viele Arbeitskräfte beschäftigt werden, deren Aufenthaltsstatus man als „instabil“ oder gar „dynamisch“ bezeichnen könnte, blüht auch das Geschäft der Zimmervermieter. So wie in der „Afghan Plaza“, die bei weitem nicht das baulich fragwürdigste Domizil dieser Art ist. Die Zweitbeschriftung in russischer Sprache weist auf einen lokalen Zielgruppen-Schwerpunkt hin, der in der Nachbarherberge schon wieder anders aussehen kann.

Interessant ist die Zusammenballung gleichartiger Waren und Güter in immer neuen Materialhaufen, je nach Adresse. Hier sind es Altrasenmäher und Altküchengeräte. Anderswo Gebrauchtfahrräder (wenn man es wertneutral formulieren möchte), Rollstühle, Campingmobile oder Kinderwagen.

Das läuft alles unter „Export“. Unter „Import“ fallen Warengruppen wie Shisha-Pfeifen, billige Plastikkoffer, afrikanische Lebensmittel, Tee-Service aus Messingblech, chinesische Winkekatzen und manches, was nicht in die Auslagen gestellt wird. Ob die schrill blinkenden LED-Displays mit Schriftzügen wie „Coffee to go“ oder „Yes, we’re open!“ Import oder Export sind, blieb im Unklaren.

Alles übrigens, Im- wie Exportware, kann man hier auch als Privatkunde kaufen („Groß- und Einzelhandel“) – vorausgesetzt, man wagt sich an den armverschränkten Arabern vorbei in die unergründlichen Tiefen ihrer Lagerhallen hinein. Gut, dass Sonntag war. So blieb mir die Mutprobe erspart. Ob sie da drin auch Klopapier verkaufen? Das hätte ich schon gern herausgefunden.

Metallzäune, Stacheldraht und Videotechnik spielen eine feste Rolle in diesem Ambiente, das offenbar gewisse Begehrlichkeiten weckt. Zusätzliche Warnsymbole werden zur Abschreckung aber auch gerne angebracht.

Ein besonderes Profil hat die Gastronomie in der Billstraße. Nämlich mit Abstand das abgerissenste und abschreckendste, das ich je in Deutschland gesehen habe. Hier der eine meiner beiden Favoriten, aus Respekt vor dem Standort und seiner Kultur schwarz-rot-gold gestrichen und mit deutscher Beschriftung. Es arbeiten aber Asiaten darin. Ab 6 Uhr gibt es Frühstück, täglich Mittagstisch.

Mein zweiter Favorit diente bis vor kurzem unter der Woche auch als Presseclub. Er bot jedenfalls die Hamburger Morgenpost an. Derzeit ist er geschlossen, kurzfristig oder für immer, wer weiß das schon – wie gesagt, es war Sonntag. Jedenfalls hat(te) er „Lebens ittel“ im Sortiment und dürfte somit als Verkaufsstelle der Grundversorgung auch in der Corona-Ära potentiell systemrelevant bleiben.

Man gewöhnt sich erstaunlich schnell an diese Anblicke, je weiter man die Billstraße hinunterfährt. Ein Slum, mitten in Hamburg, nun ja, so ist das eben heute. Globalisierung olé, darüber wird nach Corona vielleicht neu zu verhandeln sein.

Es sind dann gewisse unscheinbare Details, die einem in diesem Milieu der vollkommenen normalen Verwahrlosung dann doch wieder kurz die Haare zu Berge stehen lassen.

Was diese Straße ausstrahlt, ist die perfekte Dystopie. Ein Endzeit-Land aus einer Zeit nach dem Turbokapitalismus, in dem sich so viel Elend eingenistet hat, dass sich deutsche Behörden hierher nur äußerst selten verirren. Man bleibt sich weitgehend selbst überlassen. Im Arbeiten und im Wohnen.

Das heißt, heute war es anders. Ganz anders. Junge Deutsche vom Kiez, die sonst vermutlich in St. Pauli gefeiert hätten und dort wohl coronabedingt weggescheucht wurden, hatten sich vor der Staatsaufsicht ans andere Ende der Stadt in die Billstraße geflüchtet. Unter dem neuen Fahndungsdruck gegen jugendliche Lebensfreude hatten sie sich hier, weit in Hamburgs östlichem Niemandsland, vor einem der Araber-Läden auf der Rampe in der Frühlingssonne niedergelassen und einen leistungsfähigen Verstärker in Form eines surrealistischen Grammophons in Betrieb genommen.

Aber nicht lange, denn dann stand schon ein Streifenwagen vor dem Haus. Vermutlich alarmiert von einigen der bürgerlichen Spaziergänger, die es mangels geöffneter Ausflugsziele heute bizarrerweise auch erstmals in die Billstraße verschlagen hatte. Es entspann sich eine kleine Diskussion mit der Staatsgewalt („Wir wohnen alle im selben Haus, da würden wir auch zusammensitzen“), die aber erwartbar nicht zugunsten der Feiernden ausging. Die Zeiten sind neuerdings nicht danach.

Ab morgen gehört die Billstraße dann wieder den Endzeit-Arbeitern. Ich würde keine Wetten darauf abschließen, dass sie das heute von der Kanzlerin verkündete „Kontaktverbot von mehr als zwei Personen“ einhalten werden. Das kann sich hier niemand leisten.

Aber einige, immerhin, tragen inzwischen schon Schutzmasken.

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