Die Ökonomie der Gefühle (1): Angst

Eine Serie über die Verwertbarkeit unserer Emotionen – marktwirtschaftlich kühl kalkuliert

Angst spielt in der Wirtschaft eine entscheidende Rolle. Man kann sagen: Sie ist immer da. Mal versteckt und latent, wie in „Angst vor sozialem Abstieg trotz ständigen sozialen Aufstiegs“ oder „Angst, später keine Rente mehr zu erhalten“. Mal offen und akut, wie in: „Angst vor Arbeitslosigkeit nach der Firmenpleite“ oder „Angst vor dem Gerichtsvollzieher“. Angst wird aber auch, das gehört zum brummenden Turbo-Kapitalismus, stets und ständig instrumentalisiert. Sie mag nämlich vielleicht ein schlechter Ratgeber sein, aber ein guter Verkäufer ist sie allemal. Ein brillianter sogar.

Hinsichtlich der Instrumentalisierung ist es fast weniger spannend zu fragen: „wie?“ oder auch „zu welchem Zweck?“ als vielmehr „von wem?“. Und die überraschende Antwort lautet: von denen, die noch mehr Angst haben. Der Chef eines Wirtschaftsverbandes hat eine schlafzerrüttende Angst, seine private Aufstiegs-Idylle samt teurer Eliteinternatserziehung seiner Kinder könne dadurch zerstört werden, dass er aus der Gnadensonne der ihn alimentierenden Großunternehmen fällt. Er wird unter anderem versuchen, durch besonders apokalyptische Rhetorik gegen Lohnerhöhungen in seiner Branche („würde Tausende von Arbeitsplätzen kosten“) seinerseits die Angst an der Basis auf einem ausreichenden Nenner zu halten, um den Gedanken an mehr Geld im Keim zu ersticken. So sammelt der Verbandschef – jedenfalls vermeintlich – Punkte bei denen, die ihm selbst auf ungleich subtilere Weise Angst machen.

Dass die Angst indes kein guter Ratgeber ist, beweisen beispielhaft der Gold- und der Immobilienmarkt. Gold gilt als „Fluchtwährung“, wenn Furcht vor galoppierender Geldentwertung herrscht. Im Jahr 2005 lag der Goldpreis erstmals seit 1987 oberhalb von 500 Dollar pro Feinunze, im März 2008 dann schon über 1000 Dollar. Dann kam die Weltwirtschaftskrise, und besonders die USA begannen hemmungslos Geld zu drucken, um die Konjunktur anzufeuern und ihre gigantische Staatsschuld per Taschenspielertrick „begleichen“ zu können. Zuletzt geriet auch der Euro aufgrund von Überschuldung unter Druck. Die Folge: Der Goldpreis liegt heute bei mehr als 1430 Dollar – aus blanker Angst.

Einer steckt den anderen damit an: Du musst Gold kaufen, du musst Immobilien kaufen, bevor dein Geld nichts mehr wert ist! Was sie in ihrer Panik nicht mehr bedenken: Sie kaufen höchst wahrscheinlich kurz vor dem Platzen einer Blase – und nicht wenige verschulden sich hoch dafür. 1980, nach dem Einmarsch der Russen in Afghanistan, legten sich ebenfalls viele Pessimisten Goldbarren in den Safe. Heute, 30 Jahre später, liegen in diesem Safe: immer noch dieselben Goldbarren. Nichts ist dazugekommen, denn die Dinger vermehren sich da im Dunkeln ja nicht von selbst. Nur der Goldpreis sank Mitte der Achtziger erst mal wieder drastisch. Drei Jahrzehnte totes Kapital, das, hätten sie es an der Börse oder sonstwo arbeiten lassen, ein Vielfaches an Rendite gebracht hätte. Der Goldpreis hingegen müsste heute bei 2500 bis 3000 Dollar liegen, damit die Käufer von damals ihre Barren nun auch nur verlustfrei verkaufen könnten.

Ernüchternden Überlegungen aber sind angstgetriebene Käufer nicht mehr zugänglich: Wenn sie dereinst – nach dem Zusammenbruch des Euro – mit ihren Goldklumpen in der Bäckerei versuchen werden, Brot zu kaufen, kann ihnen der Bäcker leider nicht passend herausgeben, denn kleinere Goldkrümel führt er nicht in seiner Kasse. Und dann heizen sie die Inflation erst recht an, indem sie einen Batzen Gold für ein Brot und wertloses Wechselgeld hinlegen – der Hunger und die Angst machen es möglich.

Oder das Beispiel des weißglühenden Hamburger Immobilienmarkts: Nehmen wir an, nun ist Hyperinflation und Sie haben gerade noch für 500.000 Euro die letzte Zwei-Zimmer-Wohnung erwischt – Eigenkapitalanteil: mit Hängen und Würgen 100.000 Euro. Alles richtig gemacht, sagt die Angst. Glückwunsch. Aber acht Wochen später sind Sie Ihren Job los, weil ja auch der Arbeitsmarkt zusammenbricht, und müssen die Wohnung (und was sich noch zu Geld machen lässt) trotzdem wieder abgeben, weil Sie die Raten nicht mehr zahlen können. Oder sie behalten Ihren Job, aber die Zinsen auf Ihre Wahnsinnsverschuldung explodieren ja auch analog zur Inflation und Sie stehen schon wieder ohne Wohnung da. Oder Sie können sie gerade noch bezahlen und stellen am Ende von 20 Jahren – alles hat sich längst wieder beruhigt – verdutzt fest, dass Sie alle Ressourcen Ihrer nominell besten Jahre für den Erhalt dieser eigentlich ziemlich schäbigen Zwei-Zimmer-Wohung geopfert haben.

Ein Verhalten, vor dem Sie sich ganz früher, als Sie noch jung und Ihre Angstinstinkte noch nicht auf Besitz programmiert waren, einmal sehr zu Recht gegruselt hatten. Fazit: In EINEM Fall ist Angst (oder besser Alarmiertheit) ein guter Ratgeber – wenn sie dazu führt, eine Spirale wachsender Irrationalität zu vermeiden.

In der nächsten Folge geht es um die Ökonomie der Liebe. Warnung: Nur bedingt romantischer.

Zum Archiv bereits untersuchter Emotionen aus der Ökonomie der Gefühle: hier entlang.

3 Kommentare zu „Die Ökonomie der Gefühle (1): Angst

  1. Interessanter Aritkel, vielen Dank dafür.
    Mir scheint es auch so, dass heute die Regierungen, Medien und Institutionen bewusst mit der Angst der Menschen spielen.

    Nicht zu vergessen auch Beispiele wie sars, schweinegrippe usw.

  2. Das sind schön gewählte Worte, die nicht dem Markt folgen – und daher nur begrenzt Relevanz entwickeln können. Die Leute, die Gold oder auch Silber kaufen, sichern in der Regel nur kleine Teile eines vorhandenen Vermögens ab. Und an dieser Stelle ist Wachheit und laufende Kursbeobachtung genau so Prinzip wie bei jeder anderen Investition. Der letzte Preisrutsch bei Silber wurde, soweit ich weiß, durch die Verkäufe von Soros ausgelöst und wir haben den Peak aus dieser Zeit noch nicht wieder erreicht, obwohl ein Rückgang des Preises bei einem solchen „Industriemetall“ für viele Wirtschaftszweige wünschenswert wäre. Wer dagegen „rechtzeitig“ in Edelmetallen investiert war, konnte durch die Unruhe in den Währungen recht gute Gewinne machen. Soweit ist Edelmetall ein Spekulationsobjekt wie Aktien, wenn man die Dividende außer Acht lässt.

    Die Vermögens-Sicherungsfunktion sehe ich auch deshalb als kritisch an, weil immer mehr Leute immer höhere Kurse versprechen. Gerade kürzlich wieder sind einige Prominente zu Kursaussagen gekommen, die ich als reine Spekulation ansehe. Hier hilft es wie immer und auch von Dir angedeutet, sich zu fragen: Qui bono?

    Verschulden ist sowieso immer schlecht und ich hoffe wirklich, dass sich niemand für Edelmetalle verschuldet… Allerdings kann ich noch keinen Nachteil daran entdecken, statt in Aktien nun auch einen Teil vorhandenen Geldes in Edelmetalle zu investieren. Im Gegenteil: Edelmetalle sind zwar Spielball vielfältiger Interessen, man kann sie aber physisch kaufen. Sie entwickeln dann eine echte Beruhigung der gequälten Anleger-Seele, zumindest bei weiter steigenden Kursen ;-) . Das grundsätzliche Problem ist vielmehr, dass Milliarden und Billionen an flüssigem, schlüpfrigem Geld um diesen Globus fliegen – und keinen sicheren Ankerplatz finden.

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