Ohren haben keine Lider

Schon Tucholsky beklagte, dass man zwar seine Augen schließen könne, die Ohren aber hätten leider keine Lider. Das zwingt uns bisweilen dazu, auch in schönen Cafés traurige Gespräche mit anzuhören. Zwei Männer in den Jahren vor der Pensionsgrenze unterhalten sich:

„Hab mein Auto verkauft.“

„Warum, jetzt im Winter?“

„Für das Austauschjahr von meinem älteren Sohn, der geht nach Kanada.“

„Zahlt sowas nicht die Schule?“

„Nee, überhaupt nicht. Muss ich selber für sorgen. Na ja, ich brauch die Karre nicht unbedingt.“

„Und sonst?“

„Suche ne andere Wohnung. Nach dem Tod meiner Frau war ich so was von blank, hatte nen Haufen Schulden. Hab dann das Haus verkauft, konnte dadurch alles zurückzahlen. Lebten dann lange zu dritt in einer Dreizimmerwohnung, aber jetzt, na ja, der eine Sohn geht ja weg. Zwei Zimmer tun’s auch. Ist teuer, Kanada.“

Wirtschaftswunderland Deutschland, Anfang 2011. Aufschwung auf allen Kanälen, vermeintlich. Aber wir leben zunehmend in einer Gesellschaft, in denen die Eltern ihre Kinder von der Substanz finanzieren, die nächste Generation Praktikum, bis zum Gehtnichtmehr. Und diese Kinder können ihrerseits nichts mehr für die Alten tun, die irgendwann auf der Straße sitzen. Es ist eine Teufelsspirale nach unten. Der fromme Wunsch der Nachkriegsjahrzehnte hieß: „Unsere Kinder sollen es einmal besser haben als wir.“ Väter wie er konnten plötzlich studieren. Zwei Jahrzehnte nach Willy Brandt ist das Wunder der Chancengleichheit von neuen Realitäten zermahlen.

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