Die Ökonomie der Gefühle (3): Neid

Eine Serie über die Verwertbarkeit unserer Emotionen – marktwirtschaftlich kühl kalkuliert

„Die aufrichtigste Form der Anerkennung ist der Neid“ – „Mitleid bekommt man geschenkt, Neid muss man sich verdienen.“ Solche Bonmots findet wohlfeil in Presse- und Zitatedatenbanken, wer in Deutschland einem der hässlichsten Gefühle im gesamten Wirtschaftsleben nachforscht. Anderswo ist das anders, aber dazu später. Gerne pflegen in Deutschland Konservative und Reaktionäre das Bild von der „Neid-Gesellschaft“, die dem Besserverdienenden nicht das Schwarze unter dem Fingernagel gönne. Neid gilt ihnen als Grund dafür, dass Reiche in Deutschand ihr Geld verstecken müssten, statt es zur Schau stellen zu dürfen wie, sagen wir, griechische Reeder oder auch römische Imperatoren zur Zeit von Asterix, 50 v. Chr.

In dem Comic-Band „Streit um Asterix“ bringt der römische Agent Tullius Destructivus (!) Neid und Zwietracht ins gallische Dorf, um in Diensten Cäsars die Gemeinschaft der Widerständigen zu zersetzen. Seine Sprechblasen, wenn er hinterhältig den loyalen Krieger Asterix statt des Chefs Majestix zum „mächtigsten Mann im Dorf“ ausruft und so prompt einen halben Bürgerkrieg auslöst, sind giftgrün eingefärbt. Dabei ist der Neid eigentlich ein „gelbes“ Gefühl, wobei die Farbe ebenso für Gier und in der christlichen Symbolik auch für den Verrat des Judas sowie die Ketzerei und die Dekadenz steht. Er ist also rundum in unerfreulicher Gesellschaft, dieser Neid.

Und doch ist er einer der wichtigsten Motoren jeder kapitalistischen Volkswirtschaft. Neid regt den Konsum an: Der Nachbar fährt einen Daimler? Ich brauche einen Porsche! Dieses ungeheuer plump und outdated wirkende Schema greift in Wahrheit immer noch genauso exakt und zuverlässig wie in den fünfziger Jahren. Neid treibt Innovationen: Apple hat Erfolg mit dem iPhone? Wir müssen ein noch besseres, noch schnelleres Smartphone auf den Markt bringen, um ihnen nicht den ganzen Markt zu überlassen! Neid sorgt für sozialen Druckausgleich: Das Proletariat wohnt in Rattenlöchern, während der Herr Unternehmer seine Villa neben der Fabrik hat? Schon entstehen Gewerkschaften, Parteien, Klassenkampfideologien.

Das alles bekommt frei Haus, wer den Selbstbedienungs-Kapitalismus entfesselt. Wer ein wahrer Apologet von „mehr Dynamik“ sein will, der missachte also den Neid nicht, sondern fördere und mehre ihn. Die herrschende Elite scheint sich das zur Prämisse gemacht zu haben, indem sie mit Boni, Yachten, Lobbyismus und Steuerflucht dem Pöbel immer unverholener Grund zum Neidischsein gibt. Damit hat sie aber nur das Wohl des gesellschaftlichen Ganzen im Blick, denn was soll schlecht daran sein, etwas „Wettbewerb“ im lauen Durchschnittsland zu entfachen? Ist nicht unser Land darauf gebaut, auf den Schwingen des Neides entweder zum Staatsfeind, zum Amokläufer oder zum Milliardär zu werden?

Unseres vielleicht ja. Schweden eher nein. Dort gibt es keine Neidgesellschaft. Dort verdient auch ein Ikea-Gründer nicht das 8.000-Fache seines Verkaufspersonals. Jeder Schwede ist zugleich Zahler hoher Steuern und Nutznießer umfassender staatlicher Dienstleistungen. Jeder kann beim Finanzamt anrufen und kurz mal nachfragen, was der Nachbar, der Chef letztes Jahr so versteuert hat. Oder bei einer Privatauskunftei, die ihn über den Schuldenstand dieser Personen informiert. Alles ist transparent, und so gibt es kaum extreme Ausreißer aus dem Sozialgefüge. Denn Neid funktioniert nicht ohne Geheimniskrämerei, Abschottung und Wagenburgmentalität. Der Beneidete will sich eben nicht öffentlich rechtfertigen müssen. Er könnte es ja meist gar nicht. Exzess ist niemals verdient, sondern stets gekapert.

Nächtes Mal geht es um die strohblonde, androgyne Schwester des Neides: die Gier.

Zum Archiv bereits untersuchter Emotionen aus der Ökonomie der Gefühle: hier entlang.

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