Wegwerf-Warenkunde (4): „Einkauf aktuell“

Hallo, Deutsche Post,

rate mal, was das ist: Es ist eine ästhetische und inhaltliche Beleidigung, ein Monument der Arbeits- und Ressourcenvergeudung, eine Zumutung für Deine Postboten und eine ökologische Katastrophe. Aber für die allermeisten (Gesunden) von uns ist es einfach nur das, was wir aus lauter Trägheit als eine der biblischen Plagen hinnehmen, um es im wöchenlichem Ritus direkt aus dem Briefkasten ins Altpapier entsorgen:

Für Dich, Deutsche Post, ist es etwas anderes: ein Geschäftsmodell. Man schweiße ein halbes Dutzend oder mehr Reklameprospekte für Ramsch und Nippes zusammen, die sonst von Asylbewerbern einzeln durch die Briefschlitze der städtischen Ballungsräume geschoben würden. Man suche sodann einen Vorwand, warum das irgendjemand auch nur sehenden Auges in die Hand nehmen wollen könnte, finde ihn in einem „Trägermedium“ und man erhält: Einkauf aktuell.

Was ein „Trägermedium“ ist? Der Köder. Das Zückerchen, das uns zugreifen lässt, weil es „nützliche Informationen“ bzw. „gute Unterhaltung“ bietet (alle Zitate von Dir, Deutsche Post). Und zwar ausgerechnet ein TV-Programmblättchen, das gespickt ist mit noch mehr Reklame und journalistischen Glanzstücken wie „Will Smith – ein Prinz und Spaßvogel strebt nach Glück“.

Ich frage mich seit langem, wer unter deutschen Dächern endverzweifelt genug ist, am Wochenende mit zittrigen Fingern die Zelophanhülle dieses Bündels brutaler Banalität aufzureißen, ihm die fliegenden Blätter zu entnehmen und sich in Smiths Schicksal zu vertiefen: „Sein frecher Charme (und seine Millionen) retteten ihn auch vor einem Prozess wegen Steuerhinterziehung und aus der Sekten-Klammer der Scientologen.“ Könnten vielleicht Sozialrentner so desparat sein, dass sie zu dieser Zielgruppe gehören? Oder doch die Scientologen? Nicht einmal das scheint mir vorstellbar.

Indes: Die „gebündelte Haushaltwerbung, die doppelt gut ankommt“, überschwemmt wöchentlich flächendeckend 20 Metropolregionen Deutschlands, das bedeutet die schon sagenhaft irrationale Menge von bis zu 18 Millionen Medienmüll-Bündeln. Das sind ein paar Millionen mehr als die Auflage der ADAC Motorwelt. Und in Multimillionen Haushalten bleiben es, siehe oben, eben auch Müllpakete – ungeöffnet. Das heißt: Jede Woche werden in Deutschland bis zu 18 Millionen bunte Papierbündel bedruckt, in Folie verpackt und über Autobahnen transportiert (Logistiker: Wie viele LKW-Fahrten, Liter Diesel, CO2-Tonnen und Staukilometer macht das?), um am Zielort umstandslos und unbeachtet entsorgt zu werden. Und das alles völlig kostenlos für den Nicht-Verbraucher! Na ja, jedenfalls auf den ersten Blick – abgesehen von den üblichen „negativen externen Effekten“, aber das ist Makroökonomie und interessiert keine Sau.

Du, Post, hast aber kein schlechtes Gewissen. Denn Dein „Trägermedium“ besteht „jetzt zu 100% aus Recyclingpapier“ mit dem blauen Umwelt-Engel. Recycelt aus früheren ungelesenen Lieferungen von Einkauf aktuell, nehme ich an. Und das ist doch mal eine gute Nachricht. Die noch bessere versteckst Du im ganz, ganz Kleingedruckten: den Ausweg aus dem ganzen Wahnsinn.

Da heißt es nämlich, von der Zustellung seien „Werbeverweigerer ausgenommen“.

6 Kommentare zu „Wegwerf-Warenkunde (4): „Einkauf aktuell“

  1. Sehr gut formuliert, gefällt mir absolut und findet meine volle Zustimmung. Neben unserer kleinen Briefkastenwand (8 Parteien) steht ein kleiner Mülleimer. In diesem findet man mindestens 7 von 8 unaufgerissene Beutel – regelmäßig. Auf die Woche gerechnet kommt dort noch einiges an unsinnigem Werbemüll hinzu. Lang lebe die Müllvermeidung!

  2. Du sprichtst mir aus der Seele. Gestern war ich mit meinen Nerven am Ende. Ich war kurz davor meine Tour abzubrechen. Jeden Sa so eine Plackerei. Die machen uns noch kaputt.
    lg
    hexe

  3. ja, es ist der Wahnsinn. Alles was in diesem menschen- und naturzerstörenden Wirtschaftssystem Geld bringt, ist erlaubt.
    Wieso verbietet man das nicht ?
    Bis dahin: Werft der Post ihren Dreck in die gelben Briefkästen zurück.

    Ulrike

  4. Die Mehrarbeit des getrennten Entsorgens lasse ich mir nicht fremd aufzwängen. Die Post bringt es, die Post entsorgt es! Bei mir geht Einkauf Aktuell ungeöffnet zurück in den gelben Briefkasten. So geht das Problem zurück an den Verursacher.

  5. :-) Ich bin überglücklich!
    Ich dachte, ich sei die Einzige, die über diesen Mist verzweifelt ist!
    DANKE an alle Zurücksender! So mache ich es schon seit Monaten. Die sollen ihren Dreck alleine entsorgen.
    Ich habe dort hingeschrieben und mit jemandem telefoniert. Alles erfolglos.
    Ich habe darauf hingewiesen, dass ich mich in die Robinsonliste eingetragen habe und überall wo möglich habe austragen lassen.
    Da könne er nichts machen, sagte der Mann.
    Es sei eher so, dass Menschen sich beklagen, dass sie die Werbung nicht bekommen.
    WER GLAUBT DAS DENN???

    Und das Einschweißen in Plastikfolie ist noch der Oberknaller. Hätte die Post nicht die Aufgabe, mit gutem Beispiel im Umweltschutz voranzugehen???

    Verzweifelte Müllgrüße

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