Geschäftsmodelle, die wir im 21. Jahrhundert nicht mehr auf der Rechnung hatten (2): Bonschenladen

Der Laden hat kein Schild. Braucht er auch nicht. Die Kinder des Hamburger Stadtteils Wilhelmsburg kommen seit 40 Jahren zu Pfeifer: Sie wissen, wo sie ihn finden. Pfeifer war der erste Ladenmieter in dem heute heruntergekommenen Hochhaus der Wohnungsbaugesellschaft SAGA. Im Jahr 1970 legte Erwin Pfeifer los, „da war hier ringsum nur Sandwüste“. Und heute, mit 87, ist er der letzte Ladeninhaber, der noch immer hier ist. Jedenfalls zweimal die Woche, eine Couch für das Mittagsschläfchen im Laden steht parat. Ansonsten ist mittlerweile Sohn Manfred (61) hier der Chef.

Süßwaren Pfeifer, das ist eine Institution. Eltern kommen heute, die schon kamen, als sie selbst noch klein waren. Sie kommen in ein 66 Quadratmeter großes Wunderland: 170 blaue Plastikdosen, aus denen die Kids ihre Bonschen – so sagt man in Hamburg – mit der Zange oder in unbeobachteten Momenten mit kleinen Grabbelfingern einzeln auf Pappteller legen und dann zur Kasse bringen. Wenn Pfeifer Glück hat. Denn immer mal wieder versuchen Kinder, die noch nicht hier waren, in dem verwinkelten Laden zu klauen. „Die kriegen dann Hausverbot“, sagt Pfeifer junior. Die Polizei holt er nicht, das wäre ja geschäftsschädigend. „Aber nach einer Woche kommen die Kinder und entschuldigen sich bei mir, denn sonst müssen sie die Bonschen viel teurer anderswo kaufen, und das wäre die Höchststrafe.“

Inzwischen sind die meisten seiner kleinen Kunden muslimisch. Deshalb hat Pfeifer eine Ecke, wo in den blauen Boxen nur Süßigkeiten ohne Gelatine sind – Gelatine wird ja aus Teilen vom Schwein gemacht. Als Pfeifer senior hier anfing, hatte er schon fast drei Jahrzehnte lang einen Laden in St.Pauli gehabt: „Pfeifers Buchantiquariat“. Noch heute steht sein Geschäft so im Telefonbuch eingetragen. Das Geschäftsmodell: Aus Kisten und Kartons heraus verkaufte er Groschenromane, die gelesenen brachten die Kunden zurück und tauschen sie zu einem Aufpreis gegen neue um. So geht das bis heute. Ein ganzer Raum des Ladenlokals in Wilhelmsburg ist voll mit den Heftchen. „Und wir haben nochmal die fünffache Menge zuhause“, sagt Manfred Pfeifer. Kein Wunder, bei diesem Recyclingsystem fällt wenig aus dem Kreislauf heraus.

Doch bald schon riet ein Vertreter dem alten Pfeifer, doch Spielwaren dazuzunehmen – und Süßigkeiten. So wurde der Grundstein zur Legende gelegt. Die Spielwaren sind billiger Plastikkram aus Fernost, die wird der Junior nun nicht mehr los. Ringsum in den Ramschwarenketten wird auch so ein Kram verscherbelt. Dafür brummt das Geschäft mit Batterien für Armbanduhren, seit der einzige Juwelier der Gegend dichtmachte. Pfeifer setzt den Kunden die Batterien auch gleich in ihre Uhren ein – macht dann insgesamt 3,50 Euro. Billiger gibt es das nirgendwo. Und die Rentner, die sich deshalb die Klinke seiner Ladentür in die Hand geben, bekommen kostenlos noch einen Schnack mit auf den Weg, bevor sie in die Einsamkeit ihrer vier Wände zurückkehren müssen.

Im Spätsommer muss Pfeifer raus. Dann wird die SAGA hier alles renovieren, den ganzen Block. Ist auch nötig, der Schimmel schlägt schon große Blasen an der Decke. Aber alle waren sich einig: „Der Pfeifer muss weitermachen“. Also darf er danach zurückkehren, aber dann nur noch in eine 18-Quadratmeter-Ecke seines heutigen, eh schon winzigen Ladens. Das ist jetzt die Abteilung, wo die Groschenromane lagern. Mehr Miete könnte er nach der Sanierung gar nicht aufbringen. Pfeifer macht sich nichts draus: „Ohne die Spielsachen brauch ich viel weniger Platz. Wir sind genügsam. Es hat immer zum Leben gereicht.“ Und es wird immer noch reichen, um in Wilhelmburg ein paar Menschen glücklich zu machen.

4 Kommentare zu „Geschäftsmodelle, die wir im 21. Jahrhundert nicht mehr auf der Rechnung hatten (2): Bonschenladen

  1. Ich kaufe bei Pfeiffer schon seit 1972, da sind wir nach Kirchdorf gezogen. Stangeneis für’n Groschen war der Renner. Auch meine Tochter war hin und weg als sie den Laden das erste Mal betrat. Ich hoffe Pfeiffer bleibt uns noch lange erhalten.

  2. Wie Klasse ist denn das. Ich wohne in Leipzig, bin vor 10 Jahren aus Wilhelmsburg weggezogen. Pfeifer war DER Laden schlecht hin. Und selbst wenn ich heute auf „Heimatbesuch“ bin ist ein Abstecher mit meinen Töchtern IMMER Pflicht. Bonscheladen der die Zeit überstanden hat. Schade, dass der Sohn (Enkel) wohl keine Lust mehr darauf hat.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.