Geschäftsmodelle, die wir im 21. Jahrhundert nicht mehr auf der Rechnung hatten (5): Bahnhofshallen-spielzeugeisenbahnanlage

Hannover Hauptbahnhof, kurz vor Weihnachten: Erst jetzt, wo sie wieder ihre Kreise zieht, wird mir der ansonsten allerorten herrschende Verlust deutlich. Die Bahnhofs-Spielzeugeisenbahnanlage, die früher selbst in C-Bahnhöfen wie Krefeld zum Standardinventar gehörte, sie ist so gut wie ausgestorben. Diese Miniaturwelten, die man dort bewundern konnte, hatten eine Schleuse zur Wirklichkeit: den Trafo. Bzw. die Trafos. Es gab meiner Erinnerung nach mehrere davon nebeneinander, Elektrokästchen mit einem Drehregler zur Wahl der Fahrtgeschwindigkeit und einem Geldeinwurf, in dem man wahlweise einen Groschen, 50 Pfennige oder ein Markstück versenken konnte („1, 5 oder 10 Züge“). Und so viele Züge durfte man dann tatsächlich (simultan?) fahren lassen – denn steuern konnte man das ja nicht nennen. Machte aber nichts, man war Herr der Deutschen Bundesbahn, wenn auch nur en miniature. Da aber immer jemand gerade wundersam Geld gespendet hatte, fuhren die Züge auch für Schnorrer und Voyeure. Und keine hundert Meter entfernt donnerten die echten Vorbilder der Spielzeugzüge durchs richtige Leben, so dass selbst der Tisch mit der Anlage gelegentlich leicht vibrierte.

Dann, zu Beginn des neuen Jahrtausends, verschwanden sie aus den Bahnhofshallen, langsam, nach und nach, um niemanden zu schockieren oder gar eine Volksfront der Miniaturbahnverteidiger zu mobilisieren – das hätte der Deutschen Bahn auf Börsenkurs gerade noch gefehlt. Offenbar passte das Renditepotenzial der Groschengräber nicht länger zum Vorbild Deutsche Bank (25 Prozent), so dass man sagen kann: Ackermann killed the Bahnhofsspielzeugbahn. Nun ja, das ist heutzutage der Weg alles Menschlichen. Wir Fahrgäste gaben vor, das Vakuum nicht zu bemerken, und hatten ja auch eilig unseren Zug zu kriegen.

Und nun, Weihnachten 2011 naht, beobachte ich ein merkwürdiges Phänomen. Da steht also plötzich ein entfernter Verwandter der alten Bezahl-Spielzeugbahn, dort, wo auch ein Original einst gestanden haben könnte: in der Bahnhofshalle von Hannover. Doch man muss nicht bezahlen. Die Züge, größer und doch weniger detailverliebt ausgestattet, rattern kostenlos durch eine etwas kitschige Winterlandschaft. Die Trafos sind hier wie der Rest hinter dem Plexiglas verbarrikadiert, damit niemand an ihre Drehregler herankommt und sich zum Zugchef erklärt.

Doch was ist das: Das Gleisbett liegt voller Münzen, viele Centstücke, aber auch Zwei-Euro-Brocken säumen die Schienenstränge. Da die Anlage nur Plexiglaswände, aber kein Dach hat, müssen bereits unzählige Zuschauer ihr Kleingeld über die Barriere geworfen haben. Soll das Glück bringen? Eine milde Weihnachtsgabe sein? Aber an wen, bzw. wem wird hier geopfert? Dem Gott der Pünktlichkeit und der Klimaanlagen? Das wäre verständlich. Genützt hat es offenbar bislang nicht viel. Dennoch: Könnte man nicht nach diesem Prinzip der Freiwillig- und -giebigkeit überall auf deutschen Bahnhöfen (auch in Krefeld) wieder Ganzjahresanlagen aufstellen? Hier scheinen die 25 Prozent konkret erreichbar! Ackermann, schauen Sie – ach, der ist ja jetzt auch bald weg.

Ein Kommentar zu „Geschäftsmodelle, die wir im 21. Jahrhundert nicht mehr auf der Rechnung hatten (5): Bahnhofshallen-spielzeugeisenbahnanlage

  1. Na, ich glaube gar nicht, daß die Leute die Münzen da reinwerfen um für irgendwen oder irgendwas zu spenden, sondern vielmehr um mit einem geschickten Wurf die Bahn zum entgleisen zu bringen…
    …sozusagen als Rache für nicht funktionierende Klimaanlagen, Verspätungen, Preiserhöhungen usw.

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