Werbung: Wenn die Erde bebt

Bitte wer kann mir sagen, warum es unschicklich sein soll, diesen neuen Image-Werbespot für das Handwerk zu zeigen, nachdem sich vor wenigen Tagen das schlimme Erdbeben in Haiti ereignet hat? Der Zentralverband des Deutschen Handwerks hat eine Million Euro für diesen technisch, akustisch und dramaturgisch Cannes-reifen Zweiminüter ausgegeben. Dann bebte die Erde am anderen Ende der Welt, und dann – so schreibt die „Süddeutsche“ – gab es „massive Proteste der Zuschauer“, die sich an Haiti erinnert fühlten. Ob zwei oder 173405, wird nicht erläutert. Jedenfalls stoppte der Verband den Spot. 1:0 für die political correctness. Wirklich? Verhöhnt der Spot die Erdbebenopfer? Nein, denn von ihnen wussten die Filmemacher gar nichts. In Haiti wiederum wird wohl kaum jemand das Werk jemals zu sehen bekommen oder gar seinen Inhalt verstehen. Der ist nämlich deutsch. Also geht es doch wohl eher um verletzte Gefühle einheimischer, nicht vom Erdbeben betroffener Menschen. Diese aber müssten schon zum Fremd-Leiden fähig sein, stellvertretend für die arglosen Haitianer. Was real nicht wirklich möglich ist. Also leiden die Fremd-Leider in Wahrheit weder fremd noch selbst, sondern suchen eine Art Kitzel,der für sie im virtuellen Verletztsein steckt. Und wenn wir nun also vollends im Reich des Virtuellen angekommen sind – dann könnten sie eigentlich gleich die Tricktechnik des Spots bewundern.

Oder löst der Reklamefilm vielmehr geheime Ängste vor Destruktion, Anarchie und sozialem Abstieg aus? Das wäre vielleicht eine ganz andere Erklärung für die Aggression, die dem Werk offenbar entgegengebracht wurde. Eine sehr deutsche Erklärung.

P.S.: Der Song hat das Zeug zum Gassenhauer.

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