Ünüvar – Ende eines Supermarkts (4)

Jetzt wird es ernst. Noch zwei Tage, dann wird im früheren türkischen Supermarkt Ünüvar bei mir um die Ecke in Hamburg-Hamm ein Bankräuberfilm gedreht. Was bisher geschah (für nicht regelmäßige Zeilensturm-Leser, pfui, buh!): Der Ünüvar machte Ende letzten Jahres völlig überraschend zu, Ende, Aus, vorbei. Dann stand das 60er-Jahre-Haus fünf Monate leer und zeigte alle Anzeichen des Verfalls. Dann fuhr in klapprigen Kleinbussen buntes Volk vor und begann mit dubiosen Handwerkerarbeiten, die den Supermarkt allmählich in etwas verwandelten, das ausgerechnet einer Bankfiliale ähnelte. Einer unglaublich altmodischen Bankfiliale. Doch schnell klärte sich die Verwerfung im Raum-Zeit-Kontinuum auf: Wir sind gar nicht mehr in Hamburg, sondern im Jahr 1967 in Bad Segeberg, dem Flachbau sei Dank. Unter anderem dort nämlich überfiel damals die erste deutsche Bankräuberin Gisela Werler mit ihrem Geliebten eine Sparkasse, und das wird jetzt zu einem abendfüllenen Kinofilm: „Banklady“. Allerdings bekommt das Geldinstitut im Film aus rechtlichen Gründen (welche Sparkasse will schon die Vorlage dazu geben, sie zu überfallen) einen alternativen Namen:

Gut, die modernen Autos und die blickdichten Papierbarrieren im Schaufenster muss sich der Zeitreisende noch wegdenken. Störend auch die nicht sehr bank-typische Schrifttype des Filialschildes. Ich habe mal mit Marken-Designern zu tun gehabt, da bekommt man einen Blick für so etwas. Sieht eher nach Waschsalon oder Plattenladen aus. Jedenfalls: Die Arbeiten innen wurden nach einer Besorgnis erregenden Unterbrechung, in der ich schon um die Gesundheit von Hauptdarstellerin Nadeshda Brennicke bangte, vor einigen Tagen mit Hochdruck wieder aufgenommen:

Das gute alte Linoleum feierte fröhliche Urstände. Und langsam aber sicher nahm auch der aus billigem Sperrholz gut gefakte Bankschalter Gestalt an.

Das Ergebnis samt liebevoller Ausstattung hat mich bei meinem Besuch des Sets als offizieller Blog-Fotograf (Credits! Ich will in die Credits!) stark beeindruckt. Ich meine, in genau der Ecke habe ich noch vor einem halben Jahr Erdbeermarmelade gekauft!

Schön auch die Liebe zum historischen Detail. Offenbar haben die Requisiteure nicht nur alle Flohmärkte der Umgebung abgegrast. Sie erhalten auch andauernde Unterstützung aus der Bevölkerung. Heute kam ein älterer Herr des Wegs und bot einem Kulissenbauer ungefragt eine „Sortenmaschine“ an, die er noch im Keller hat. „Kenn’se das nicht?“ Nö, kannte der 30-Jährige nicht. Wir haben doch den Euro.

Aber auch ohne Sortenmaschine kann man im Ünüvar jetzt den Nostalgie-Flash kriegen: Graue! Bundespost! Telefone! mit Wählscheiben! Wie toll ist das denn? Und Zählhilfen für Heiermänner (Achtung, Geburtsjahrgänge ab 1998: Das waren 5-Mark-Stücke).

Aber fast das Beste sind die Werbeplakate, die jetzt in die schönen, großen Ünüvar-Schaufenster kommen. Wohingegen die Filmleute, deren zweite Muttersprache das Ironische ist, drinnen noch EDEKA-Poster vom letzten Jahr aufgehängt haben (da, wo die Kamera nicht hinblickt). Mein persönlicher Favorit ist das hier:

Da kann ich nur juchzen und rufen: Viva el Weltspartag! Viva el Zukunftsvorsorge! Viva el Bundesschatzbrief! Viva!

Ab übermorgen wird gedreht, drei Tage lang. Wir berichten weiter (von hinter der Absperrung).

7 Kommentare zu „Ünüvar – Ende eines Supermarkts (4)

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