Urbanfeminine Eskapistinnen

Da müht man sich als Journalist jahrein, jahraus, seinen Lesern nur die abenteuerlichsten und lehrreichsten Geschichten vorzusetzen. Da gräbt man nach Themen, lässt keinen Stein un-umgedreht, recherchiert sich einen Wolf, spricht mit finsteren Geheimdiensten und seriösen Waffenhändlern, nur um den Nerv der Zeit zu treffen. Und dann – kommt LandLust. Als dieses erst vor sieben Jahren gegründete Magazin vor einigen Monaten den Spiegel an Auflage überholte, nahm ich das noch irgendwie unbeteiligt zur Kenntnis, denn ich hatte mich nie näher mit dem neuen Zentralorgan der urbanfemininen Eskapistinnen beschäftigt. Aber inzwischen liegt die Druckauflage bei 1.224.500 Exemplaren, und inzwischen hat die eigene Mutter dieses Heft abnonniert, die nicht einmal mehr einen Garten besitzt („gerade deshalb, als Ersatz“). Und dort, bei ihr, lag nun diese schon fast ein Jahr alte Ausgabe herum, und ich griff dazu und erblätterte die Titelgeschichte. Sie handelte von ihm:

Die Titelgeschichte wälzte sich über acht Seiten. Und sie hatte auch eine Headline. Die Headline, das weiß ich, seit ich 1986 Praktikant beim Kölner EXPRESS war, ist das Wichtigste überhaupt. Man muss ungeheure Sorgfalt, großen Sprachwitz und viel mentalen Schweiß auf sie verwenden, damit sie die fundiert recherchierte und den Lauf der Weltgeschichte ändernde Story auch angemessen verkauft. Bei LandLust lautete sie:

Der Dackel.

Es folgten Erkenntnisse wie „Als Maß wäre die Schulterhöhe bei den kurzbeinigen Rackern wenig sinnvoll. Zweckmäßig orientiert man sich am Brustumfang.“ Dazu viele Bilder von Dackeln und manche von Dackelbesitzern, die so aussahen, wie Gartenzwerge sich Dackelbesitzer vorstellen. Die Krönung war ein Bild von einem Dackel von hinten. Rundes Arschloch unter steil hochgerecktem Schwänzchen. Die Hoden waren etwas abgedunkelt, das dann immerhin doch.

Nein, schon gut, ich habe nichts gegen Dackel. Ich habe auch nichts dagegen, dass Weltwirtschafts- und andere Krisen in Frauen der Generation 50+ zu Hunderttausenden eine unstillbare Gier darauf wecken, mit bloßen Händen in der feuchtwarmen Erdkrume nach Regenwürmern zu wühlen. Es ist nur so … so … so schrecklich unfair. Es ist so unfassbar, so unglaublich ungerecht.

*geht schluchzend ab*

4 Kommentare zu „Urbanfeminine Eskapistinnen

  1. Ich hingegen las vor zwei Wochen aus Gründen eine Zeitschrift für etwas jüngere Frauen, sie hieß „myself“. Darin unter anderem: 23 Tipps für entspannteres Reisen. Einer dieser Tipps lautete „Überflüssiges Gepäck“. Darunter stand nicht etwa, man solle doch mal überlegen, ob nicht das ein oder andere Gepäckstück möglicherweise entbehrlich sein, nein, es wurde ganz konkret benannt, welche zwei Dinge man getrost zu Hause lassen kann, und zack! reist man gleich viel entspannter. Es handelte sich bei diesen zwei Dingen um
    1. Schmuckumschläge für den Reisepass. Die sähen zwar hübsch aus, seien aber in manchen Ländern sogar verboten.
    und 2. und das wird mich vermutlich noch bis ins hohe Alter beschäftigen, zweitens reise man viel entspannter, wenn man keine Duftkerzen mitnimmt. Denn, so „myself“, mal ehrlich: wenn es im Hotelzimmer so röche wie zu Hause, dann bräuchte man ja nicht in Urlaub zu fahren.
    Jetzt mal abgesehen davon, dass ich, wenn es bei mir zu Hause nach Duftkerzen röche, sowieso fast immer in Urlaub wäre, ist das doch, also, ich bin komplett fassungslos. Keine Duftkerzen mitnehmen! Wie um alles in der Welt kommt man darauf, Leuten zu raten, keine Duftkerzen mit in den Urlaub zu nehmen! Duft-ker-zen! Das macht mich vollkommen fertig. Fertig.

  2. Ich kenne weder LandLust noch myself, Dackel nächstens über drei Ecken, und Duftkerzen müßte ich kaufen, wenn ich denn welche zuhause lassen wollte. So. Ist doch gar nicht so übel hinterm Mond!

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