Sankt Florian in den Gängen

Die Entwicklung des von Künstlern erst besetzten und dann legalisierten Hamburger Gängeviertels habe ich immer mit Sympathie verfolgt. „Recht auf Stadt“, öffentliche Räume für alle, bezahlbare Mieten für Künstler und Erhalt des städtebaulichen Erbes Hamburgs – das alles konnte ich unterschreiben. Es fällt mir nicht schwer, die Kreativität und Originalität der Kunst und der Lebensweise als Bereicherung Hamburgs zu sehen. Aber neuerdings scheint durch die Gänge ein merkwürdiger Wind zu wehen:

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Verstehe ich das richtig? Graffiti sind falsch, wenn sie von durchziehenden Crash-Kids oder anderen von der Szene angezogenen Gestalten angebracht werden, die sich nicht um die Ästhetik der Bewohner scheren. Denn sie verunstalten die schützenswerte Idylle der Künstler mit ihren hirnlosen Tags.

Aber wenn sich dieselben Kids mit denselben sinnlosen, kunstlosen Graffiti an den „umliegenden Glas- und Betonfassaden“ austoben, dann ist das OK, weil Ausdruck revolutionärer Gesinnung und praktizierter Klassenkampf?

Nun könnte es ja sein, dass auch hinter den Glas- und Betonfassaden Menschen leben oder arbeiten, die auf diesen Vandalismus eher allergisch reagieren würden. Ich zum Beispiel. Und noch ein paar andere, die ich kenne. Aber wir sind ja Spießer, wir haben nichts anderes verdient.

Was hier zum Ausdruck kommt, sind ein paar sehr deutsche Eigenschaften:

Nach dem Sankt-Florians-Prinzip („verschon mein Haus, zünd’s andere an“) ist ein Übel nur solange eins, wie es mich betrifft und nicht den Nachbarn.

Der jeweils andere, der nicht so ist wie ich, muss auf jeden Fall unbesehen dem feindlichen Lager zugerechnet werden und gehört entsprechend bekämpft.

Denn was die einzig „richtige“ Ideologie oder Architektur ist, entscheide immer noch ich bzw. meinesgleichen.

Dazu passt auch die unter den Gänge-Bewohnern bereits intern kontrovers diskutierte, zunehmende Intoleranz gegen geführte Begehungen dieser Straßenzüge, die bis heute mit dem Slogan „Komm in die Gänge“ werben. Angeblich ist es nicht OK, wenn kommerzielle Fremdenführer für diese Arbeit Geld nehmen wie für jede andere Touristentour auch. Warum? Weil sie eine autonome Zone des Antikapitalismus betreten, innerhalb deren Grenzen die Zwänge eines Lebensunterhalts nicht mehr gelten? Nein, dies ist öffentlicher, pluralistischer Raum – so war er zumindest anfänglich mal definiert.

Vielleicht begünstigt ein historisch bedingt enges und lichtloses Wohnumfeld ja bei manchen Menschen auch eine Verengung und Verdunkelung des ideologischen Horizonts. Es wäre schade um die bislang einladend offene Gegenkultur des Gängeviertels.

 

2 Kommentare zu „Sankt Florian in den Gängen

  1. Nunja, kann man nicht tatsächlich fordern, dass das Gängeviertel ein den Gesetzen des Kapitalismus enthobener Raum sein sollte? Und entsprechend die kommerziellen Stadtführungen kritisch sehen? Und ist nicht, wie oben auch erwähnt, die Tatsache, dass diese Forderung intern kontrovers diskutiert wird, ein ganz guter Ausdruck von Meinungspluralismus? Und ist nicht die Forderung, dass sich die Gängeviertel-Nutzer ohne wenn und aber den Marktgesetzen zu unterwerfen hätten, im Gegenteil ein Zerstören dieses Pluralismus?

    Just sayin‘.

    1. Guter Punkt. Die interne kritische Diskussion ist in der Tat ein positives Zeichen.
      Was die kommerziellen Führungen angeht: Dadurch, dass ein Stadtführer Geld für seine Führung nimmt, „unterwerfen“ sich nicht die Gängeviertelbewohner dem Kapitalismus, sondern die zahlenden Kunden des Stadtführers – und zwar freiwillig.

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