Arno Schmidt. Sei bereit für den Wahnsinn der Welt.

Die Lüneburger Heide und ihre Randgebiete sind bei der Generation <47 einigermaßen in Vergessenheit geraten, weil sie als spießig und gestrig gelten. Allerdings hat die Generation <47 keine Ahnung, was ihr ohne Kenntnis dieser Region an literarischer, künstlerischer und ja, auch Herzens-Bildung entgeht. Ich sage mal nur: Kunststätte Bossard. Los, Ihr Thirty- und Fourtysomethings, wikipediat das mal!

Die Lüneburger Heide als eines der extremsten Beispiel norddeutscher Landschafts-Verflachung bietet nämlich verschrobene Künstler-Existenzen aus vergangenen Jahrhunderten zuhauf. Menschen, die einsam sein wollten und Einsamkeit fanden, um ihrer Vorstellung von Kunst zu fröhnen und daraufhin noch wunderlicher zu werden und in Wunderlichkeit zu sterben. Ein beneidenswertes Schicksal! Beneidenswerter jedenfalls als ein langsamer Aufstieg zum Vice President Senior Marketing Communications and Global Customer Relations in einem deutschen Weltkonzern.

Was ich erzählen wollte. Arno Schmidt war einer aus dieser Schublade. Jaja, kann man auch googlen, den Mann. Ein Schriftsteller aus Hamburg-Hamm, meinem Stadtteil. Wenn auch aus Untenhamm. Das ist jenseits der Social Divide, sieben Meter tiefergelegt im Vergleich zu Obenhamm, wo ich wohne, aufgrund einer eiszeitlichen Verschiebungsgeschichte des Urstromtals der Elbe, die man auch Geesthang nennt.

Egal. Arno Schmidt (1914 – 1979), Hamburger Weltliterat aus kleinen Verhältnissen. Opus magnum: „Zettel’s Traum“. Dazu später. Goethepreisträger. Großschriftsteller, der eine Mitgliedschaft in der erlesenen „Gruppe 47“ wegen eigener sozialer Inkompetenz ausschlug. Sowie Autor einer Studie, die im Werk Karl Mays eine latente Homosexualität anprangerte. Nahezu alles, was man im Zusammenhang mit Arno Schmidt erfährt und erlebt, ist mehr oder weniger verrückt, unglaublich, absurd. Das ist mehr, als die meisten von uns jemals zustande bringen werden.

Hochsitze en gros und en détail

Wer sich auf Spurensuche macht, um dem Alterswerk Schmidts nachzuforschen, kann sicher sein, auf bizarre Charaktere zu stoßen und ebenso bizarre Anblicke. Alles echt, alles lebendig, alles real – und alles heute, im 21. Jahrundert. Los geht es am Bahnhof von Eschede (ja, das ICE-Unglück, hat aber nichts zu tun mit A.S.). Das ist der Bahnhof, der Schmidts letztem Wohn- und Arbeitssitz am nächsten liegt: dem etwa zwölf Kilometer entfernten Bargfeld, Gemeinde Eldingen, Landkreis Celle. Von Eschede an gehn wa zu Fuß. Warum? Weil Schmidt im kommenden Januar 100 Jahre alt geworden sein werden gewürdet … wäre. Und deshalb soll es 2014 eine offizielle Arno-Schmidt-Wanderung geben, zu deren Vorbereitungswandergruppe ich zu gehören die Ehre hatte … geworden. Habt.

Schmidt hatte übrigens auch so eine ganz eigene, persönliche Grammatik und Rechtschreibung: „Eine andere NaturNebenstelle waren die KanalEnden, dicht vor’m BahnDamm: weißer Sand, mit sehr kleinen SchneckenGehäusen darin; einzelne Büschel Grases strandhafertn; die RohrPost kam drübm aus der Erde, überquerte als etwa meterdickes Rohr den Kanal, und verschwand wieder im Sande.“ Das war so einer seiner Sätze.

Jedenfalls ist man auf dem Weg zu Schmidt von Eschede aus so etwa zwei Stunden durch den prompt einsetzenden norddeutschen Landregen gewandert, als man unversehens hier vorbeikommt:

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Tja, was ist das? Eine Ausstellung verschiedenartigster Hochsitze für Jägersleute. Vielleicht das offizielle Deutsche Hochsitzmuseum, es steht ja nichts dran. Aber in Deutschland gibt es heutzutage für alles ein Museum, mein bisheriger Favorit war das „Deutsche Zement-Museum“ in Hemmoor, noch so eine norddeutsche Flachheit. Aber jetzt ist es dies hier, das (in-)offizielle Deutsche Hochsitzmuseum.

Futter für die Nachfolgekatzen

Und dann ist man auch schon bald am Ziel. Das Ziel ist diese mausgraue Hütte, die Schmidt im Jahr 1958 für 21.000 Mark erstand.

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Auch, wenn es nicht so aussieht: Das Häuschen war damals erst zehn Jahre alt. Schmidt überlegte lange, ob er aus Darmstadt, wohin ihn einige Lebenswirren verschlagen hatten, hierher ziehen sollte. Er fertige eine Pro- und Contra-Liste an, deren entscheidender Punkt es werden sollte, dass im Dörfchen Bargfeld kein Durchgangsverkehr und kein Kirchengeläut drohte (er war strenger Atheist). Und die Landschaft sollte möglichst flach und unspektakulär sein, damit er während seiner 100-Stunden-Woche als Autor möglichst nicht abgelenkt würde. Gut, er hatte auch noch eine Frau, Alice, aber die war nur mit. Sie durfte allerdings auch ihr Urteil abgeben, ebenso wie die Katze, und alles wurde fein säuberlich notiert. Am Ende gab die Ödnis den Ausschlag. Schmidts zogen samt Katze nach Bargfeld um. (Auf dem Bild links unten stehen übrigens einige Näpfe voll Futter für die Nachfolgekatzen.)

Arnos Schreibtisch dort sah zuletzt (in den Siebzigern) so aus, wie ihn seine langjährige Haushälterin Erika Knop für uns bis heute konserviert hat:

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Man beachte die damalige Brillenmode. Ben Wisch und Heinz Kluncker lassen grüßen. (Ich persönlich glaube, dass Zeiten mit einer solchen Brillenmode die solideren Zeiten waren bzw. hoffentlich sein werden.) Dazu muss man sich eine enge, moosgrüne Lederjacke vorstellen, die immer noch an der Garderobe hängt. Und zeitweise eine rote Adidas-Umhängetasche, die heute von den Twentysomethings in der Hamburger Schanze mit Bravour getragen werden würde.

Im Keller lagern die Einmachgläser

Und dann zeigt Frau Knop den Besuchern die etwa sechs Quadratmeter große Küche – samt einem Souvenir, das jemand mal Frau Schmidt mitbrachte (hoffentlich nach Arnos Tod, aber es hätte ihm, dem ästhetisch Anspruchslosen, wahrscheinlich wenig ausgemacht):

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Von da aus ist es nur noch ein kleiner, aber steiler Abstieg über eine Klapptreppe in den muffig feuchten Keller des Eigenheimchens. Dort stehen noch die Original-Einmachgläser, die Herr Schmidt höchstselbst mit Etiketten beschriftet hat:

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Ob das noch essbar wäre? Frau Knop scheint nicht überzeugt, auch wenn die hohe Luftfeuchtigkeit im Keller die Dichtungsgummis bisher schön stramm gehalten hat. Sagen wir so: Ich würde lieber den Inhalt dieser Gläser essen als den Inhalt der Flaschen zu trinken, die angebrochen noch in der Küche bewahrt werden.

Ein Wackerstein wird zum Welterfolg

Aber darum geht es ja gar nicht. Es geht um Literatur. Deutsche Literatur. Hohe deutsche Literatur. Jan Philipp Reemtsma persönlich hat dem alten und nahezu verarmten (immer schon mehr oder weniger kärglich bemittelten) Schmidt eines Tages einen Scheck in Höhe eines Literaturnobelpreises vorbeigebracht. Just for fun. Weil er nicht wusste, wohin mit seinem Zigarettenerbe, und Schmidt, der bereits schwer herzkrank war, fand er gut. Denn Schmidt hatte neben vielem anderen „Zettel’s Traum“ veröffentlicht, einen 1300-Seiten-Wälzer im doppelten Lutherbibelformat – und ab-so-lut unlesbar noch dazu. Einen kleinen Eindruck davon, wie unlesbar dieser Jahrhundertroman war und immer noch ist, bekommt man in den Räumen der nahe gelegenen Arno-Schmidt-Stiftung, natürlich auch von Reemtsma maßgeblich finanziert:

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Wir sprachen in Bargfeld auch mit der sehr belesenen und in der Literaturszene exquisit bewanderten Herausgeberin der aktuellsten Neuausgabe von „Zettel’s Traum“. Susanne Fischer, Geschäftsführerin der Stiftung, hat das zweifelhafte Vergnügen gehabt, zwei bis drei Jahre ihres Lebens mit der Edition dieses Werks zuzubringen. „In der Zeit habe ich Schmidt gehasst“, sagte sie uns ungeschützt, nicht wissend, dass dieser Satz geblogt werden würde. Aber jetzt kommt’s: Für den Verlag wurde der Wackerstein mit seiner dreispaltigen Erzähltechnik (Handlungsstrom, Gedankenstrom, noch irgendein Strom in Fantasierechtschreibung und parallel zu konsumieren, auf 1300 Seiten genau 24 Stunden erzählend) ein GROSSER ERFOLG. Fast eine Art BESTSELLER. Wobei jedes Exemplar meiner Erinnerung nach deutlich über 200 Euro kostet.

Ja, man muss bereit sein für den Wahnsinn der Welt. Dann lebt es sich herrlich unbeschwert – und nebenbei wird noch Literaturgeschichte geschrieben. Am Rande des Universums, wo keine Kirchenglocken läuten.

6 Kommentare zu „Arno Schmidt. Sei bereit für den Wahnsinn der Welt.

  1. Beim Fischen in alten Manuskripten fällt mir auf, wie fordernd und gewalttätig das Schriftbild vieler Schreibmaschinen noch war, CONTINENTAL!, und wie lahm und zahnlos Computerausdrucke.

    1. Ja, man konnte sogar kleine, physische Löchlein in die Rundungen der „o“ und „a“ hauen und dadurch in die reale Welt hinauslinsen. Das ist mir mit meinem Tintenstrahldrucker noch nie gelungen. Verweichlichung und Realitätsverlust der Literatur muss die zwangsläufige Folge sein!

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