Natürlich wollen wir Hamburger Olympia. Hicks!

Glaube keiner Meinungsumfrage, die du nicht selbst gefälscht … halt! Wir wollen ja hier nichts Unbewiesenes behaupten. Bleiben wir bei den Tatsachen: Tatsache ist, dass es eine aktuelle Meinungsumfrage gibt, derzufolge 59 Prozent „der Hamburger“ dafür sind, dass sich die Hansestadt um die Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele 2024 oder 2028 bewerben soll.

Diese streng repräsentative, also auch für dich und mich und Sie dahinten in der dritten Reihe repräsentative Meinungsumfrage wurde von einem der Voreingenommenheit völlig unverdächtigen Auftraggeber in Auftrag gegeben: von der Hamburger Handelskammer. Gut, mich hat sie nicht fragen lassen, aber das war sicher Zufall.

Fähnchen und Fliegende Bauten

Fest steht jedenfalls: Hamburg, so gut wie ganz Hamburg (mit Ausnahme von 41 Prozent nihilistischen Elementen) ist für Olympia, das Fest der Völkerverständigung, des unschuldigen Sportsgeistes und der geweihten Weltjugend, die nichts will als ehrlich verdiente Goldmedaillen und ansonsten ein spartanisches Olympiadorf, gern auch als Zeltlager am Elbufer.

In aller Bescheidenheit: Wer kann gegen solche fliegenden Bauten und wehenden Fahnen etwas haben? Ganz ohne Arg und Sponsoring? Niemand! Niemand hat ja auch etwas gegen das Pfadfinderlager des Fähnleins Fieselschweif. Es gibt Dinge, die sind einfach nur gut. Für Hamburg. Und die Welt.

Völkerfest der Neuansiedlungen

Prompt fällt das in solchen Fällen (siehe auch Elbvertiefung) zuverlässig kapitalhörige Hamburger Abendblatt in den Chor der Jubelperser ein: „Mehrheit fordert: Holt Olympia nach Hamburg!“ lautet schon am ersten Arbeitstag des neuen Jahres, heute also, die Aufmacherzeile des Jubelperserblattes. Im Kommentar geht’s munter weiter: „Ein Zeichen setzen“ soll Hamburg, die „Entwicklung der Stadt nachhaltig vorantreiben … im nationalen Wettstreit mit Berlin … ein erheblicher Wettbewerbsvorteil im Kampf der Kommunen um die Ansiedlung neuer Unternehmen …“

Denn das ist ja der ursprüngliche, heilige Geist von Olympia: neue Unternehmen ansiedeln. Es sind all die abgestandenen Phrasen, die schon die Münchner bei „ihrer“ eigenen Oympiabewerbung bewundernswerter Weise nicht überzeugt haben. Eigentlich müsste man sagen: fauler Journalismus, aber genauso gut ist es faule PR. Ich glaube: Der Zeitpunkt der Publikation ist Absicht. Vordergründig hängt sie mit der unfassbar bourgeoisen „Versammlung des Ehrbaren Kaufmanns“ zusammen, bei der zu Jahresbeginn immer solche kühnen Visionen vorgesponnen werden – diesmal eben zur Abwechslung Olympia. Im Grunde aber ist das Timing einfach nur effizient: Die wissen, dass wir alle noch einen Kater haben und unsere kritischen Instanzen noch auf Halbmast hängen. Also jetzt, im Überfallmodus, das Meinungsbild gestalten!

Und zwar nach Belieben. Eine genauere Ursprungsangabe für die „Meinungsumfrage“, also das erhebende Institut oder gar dessen Art der Fragestellung oder der Teilnehmerauswahl, nennt das Abendblatt übrigens nicht, so dass sich erst gar keiner für diese Methodik interessieren kann. Reicht doch, dass es die seriöse Handelskammer bezahlt hat, die unverdächtige. Wir sind das Stimmvolk, uns kann man zu einer Prozentzahl zusammenfassen, wie’s grad gefällt. Ach, stimmt nicht? Dann Beweise, bitte! Und Einzelheiten der Meinungsumfrage!

Was alles fehlt

Denn was (oder wer) wurde da alles nicht gefragt? Ich wette, es wurde nicht gefragt, ob die Mehrheit der Hamburger für einen noch weiter gehenden, vollkommen sinnentleerten Eventisierungs-Wahnsinn mit seinem Müll und Krach und Reklameirrwitz in der Stadt ist. Es wurde nicht gefragt, ob man sich noch an die kläglich in der Vor-Vorrunde gescheiterte Olympiabewerbung 2003 erinnert, als das Weltdorf Hamburg nicht einmal dem Nationalen Olympischen Kommittee potent genug erschien, ein solches Hyper-Ereignis zu stemmen.

Es wurde (speziell in den ärmeren Bezirken und Vierteln) mit Sicherheit nicht gefragt, ob man weiter exorbitant steigende Mieten und Immobilienpreise durch das Fest der Werber und Sponsoren fürchtet. Es wurde nicht gefragt, ob man jahrelange Großbaustellen mit Staus und Emissionen will, nur damit die übliche Riege internationaler Großkonzerne am Ende sämtliche Gewinne mitnehmen kann, während die Hamburger Steuerzahler auf den hinterher zum Großteil wertlosen Infrastrukturbauten sitzenbleiben.

Es wurde vermutlich nicht einmal gefragt, ob Olympische Spiele, diese Welt-Doping-Leistungsschau führender Pharmaunternehmen, überhaupt noch einen Rest von Glaubwürdigkeit haben.

Und wer mal kurz nach Sotschi in Putins Russland schaut, der bekommt eine Ahnung vom paramilitärischen Ausnahmezustand, den moderne Olympische Spiele mit sich bringen: Straßensperren, Scharfschützen, Panzer, Aufhebung der Grundrechte – und dennoch gute Aussichten auf Terroranschläge. Ganz Hamburg ein Gefahrengebiet, ganz Hamburg ein Polizeikessel.

Ein Rülpser für Olympia

Aber klar: 59 Prozent „der Hamburger“ sind für Olympia in der schönsten Stadt der Welt. Fast hört man das Rülpsen des Präses der Handelskammer beim Festmahl auf der ehrbaren Kaufmannsversammlung, das diese unumstößliche Wahrheit besiegelt.

Nun wollen wir mal die Gegenprobe machen: Wenn Sie aus Hamburg oder aus der Umgebung sind, stimmen Sie doch hier ab. Selbstverständlich vollkommen un-repräsentativ, nur so als Fingerübung der Demokratie, wenn Sie an die noch glauben. Und kommen Sie immer mal wieder vorbei, um sich die Zwischenstände anzusehen. Schön ist, dass ein „Cookie“ hierbei Mehrfachstimmabgaben verhindert. Aber das war bei der Handelskammer natürlich genauso.

Nachtrag, 24.1.: Da schau her! Seit Tagen schon 59 Prozent Zustimmung zu Olympia in Hamburg in meinem kleinen Blog-Voting. Nicht 58, nicht 60 – nein, 59. So wie in der Meinungsumfrage der Handelskammer. Genau so wie in der Meinungsumfrage der Handelskammer. Ganz genau so.