An der Ruhr, wo Traktoren explodieren und dazu Herzchenballons aufsteigen

Zum Charme des Ruhrgebiets zählt, dass dieses Gebiet an der Ruhr liegt. Und wenn man mal kurz genug hat von Elb- und Alsterwasser, dann erscheint das so bescheiden benannte Flüsschen im industriellen Herzen Deutschlands (bei „Quizduell“ wird nach ihm als Synonym für eine Darmkrankheit gefragt) herrlich echt und ehrlich und einfach und allein deshalb eine Reise wert. In meinem Fall eine Wochenend-Paddeltour mit Faltboot, Campingkocher, Zelt und alten Jugendfreunden – eine Reise in die eigene Vergangenheit. Ich stamme zwar aus dem benachbarten Rheinland, aber man darf ja auch mal jenseits des eigenen Jägerzauns wildern.

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Und sofort war die Frühzeit – sprich: Jugend – wieder sehr präsent. Jenes Erdzeitalter, als man noch wusste, wie es in einem nachtfeuchten Zelt muffelt und wie kalt es im klammen Schlafsack werden kann. Als einem das aber auch egal war und man morgens nach Lagerfeuer oder Schlimmerem roch und man die steifen Knochen räkelte beim Aus-dem-Zelt-Kriechen, während der Gaskocher schon köchelte und jemand löslichen Kaffee im Glas dabei hatte und man dann dieses Gebräu seine Arbeit tun ließ, bis schließlich auch die taufeuchten Füße aufwachen und warm werden wollten.

Diese Erfahrung mal wieder gemacht zu haben, nach fünfzehn oder zwanzig Jahren, dafür gibt es kaum einen besseren Ort als die Ruhr zwischen Essen und Mülheim. Denn man trifft dort auf Kleinode wie diesen Campingplatz, wo die Elite der Dauercamper mit Mülheimer Nummernschild bisweilen auf nichtswürdige Tagestouristen wie uns trifft und daher rechtzeitig Schilder aufstellt:

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Man erinnert sich dann auch schnell, was man früher alles bedenkenlos in sich hineingeschlungen hat, ohne an bösen Folgeerkankungen gestorben zu sein, und freut sich am Anblick einer vor sich hin blubbernden Dose Ravioli Marke „gut und günstig“. Zumindest so lange, bis man erkennen muss, dass der Kocher wohl allzu sorglos aufgedreht worden war und die Kunststoffschicht am Dosenboden eins geworden ist mit der fleißig umgerührten Nudelsoßenmasse. Dann belässt man es, älterer Herr, der man inzwischen geworden ist, doch bei ein paar zunehmend skeptischen Bissen. Lebt aber eben auch diesmal fröhlich weiter.

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Das bleibt indes nicht der letzte Feuer-Störfall, denn wenig später geht man ein wenig auf dem kleinen Damm spazieren, der das Ruhr-Ufer säumt, und sieht von da aus einem gerade in dem Moment malerisch in Flammen stehenden Traktor zu, dem dabei ein dicker Reifen nach dem anderen unter großem Hallo der aus sicherer Entfernung mitfilmenden Dauercamper explodiert. Natürlich ist da die Feuerwehr bereits informiert, aber hier hat man noch Zeit und muss erst mal schauen, ob jetzt der Löschzug aus Essen-Kettwig oder doch schon der aus Mülheim-Saarn für diesen Einödhof im Niemandsland zuständig ist.

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Der schwarze Qualm zieht derweil sehr effektvoll mit dem Westwind über die elegante Hochbrücke der Autobahn 52. Aber so richtig surreal wird die Szene erst, als aus dem griechischen Restaurant „Artemis am Staader Loch“ kommend eine Gruppe von Kindern und Erwachsenen auf der Deichkrone vorbeiflaniert, von denen jeder einen heliumgefüllten Herzchen-Luftballon dabeihat. Auf ein geheimes Zeichen hin lässt dann die ganze Prozession wortlos ihre Luftballons frei, und zwei Dutzend rote Herzen steigen ebenso wie der Qualm zur Hochbrücke hin auf, während im Hintergrund auch noch der Hydraulikbehälter des Traktors in die Luft geht. Manchmal muss man einfach Glück haben und zur rechten Zeit am rechten Ort sein, dann darf man sich bestimmt was wünschen.

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Aber mehr als solche Anblicke, wenn nach ereignisprallem Tag dann die Nacht hereinbricht und man noch mal kurz zum Fluss runtergegangen ist, kann man sich gar nicht wünschen. Es gibt sie ja doch noch, diese Wunschlos-Abende. Es gibt sie an der Ruhr.

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