Wo bleibt das Flüchtlingsheim in Harvestehude?

Wie in Hamburg die Unterbringung der immer weiter anschwellenden Zahl von Flüchtlingen behandelt – und örtlich behindert – wird, legt einen tiefen Graben offen: In nur leicht abgewandelter Marx’scher Begrifflichkeit ist es der Graben zwischen Elend und Kapital.

Hier wirkt offensichtlich, nein, eben nicht offensichtlich, eine perfide Abschottungs-Effizienz einiger der wohlhabendsten Bürger dieser Stadt, die wie keine andere in Deutschland soziales Gefälle in mentale Landkarten mit No-Go-Areas übersetzt. Oder welcher Eppendorfer Reeder-Sohn, welcher Othmarscher Architekt würde schon in normalen Zeiten je freiwillig einen Fuß nach Wilhelmsburg oder Allermöhe setzen? Es gibt dort ja nur arme Menschen. Die gibt es zwar auf Kölns „schääl Sick“, der sozial „schiefen Seite“ östlich des Rheins, auch. Dort aber lässt sich mancher Bauunternehmer und manche Ratsfrau auch noch nach Feierabend blicken, wenn in irgendeinem Off-Theater ein angesagtes Stück läuft.

In Hamburg hingegen muss die soziale Frage angesichts der im idyllischen Auenland der Hansestadt anklopfenden Krisenherde aus aller Welt offenbar noch zugespitzt werden: Welcher Harvestehuder Immobilienmakler lässt zu, dass Flüchtlinge einen Fuß ins Reich der weißen Villen an der Alster setzen?

Planvoll ins Dickicht

Hamburg ist wie viele deutsche Metropolen, allen voran Berlin, und kaum anders als Mittelstädte und Landgemeinden an der Grenze seiner Kapazitäten beim Wohnraum für neu ankommende Flüchlinge angelangt. Der Großteil von ihnen wurde bislang in den sozial ohnehin schwächeren Osten und Südosten der Stadt verfrachet. Schon die Zentrale Erstaufnahme am Neuländer Platz in Harburg ist überfüllt; selbst die notdürftig errichteten Zelte für weitere 100 Menschen reichen nicht mehr hin.

Ein Funke genügt, um daraus resulstierende Spannungen explodieren zu lassen. Als in Harburg vergangene Woche nach Beobachtungen von Anwohnern Krankenwagen mit Experten in Seuchenschutzkleindung vorfuhren, lag sofort ein schrecklicher Verdacht in der Luft: Ebola im Flüchtlingslager? Es war offenbar ein Fehlalarm, aber selbst der mit Sicherheit wiederkehrende Verdacht lässt schon Massenhysterie und Kurzschlussreaktionen in drangvoller Enge befürchten.

Derzeit fehlen rund 4000 Plätze für Flüchtlinge in Hamburg. Nicht nur Containerdörfer und Zeltstädte, sondern auch Wohnschiffe mit festen Liegeplätzen werden derzeit als Notmaßnahmen ventiliert – die Neunzigerjahre mit ihren negativen sozialen Folgen solcher schwimmenden Elendsquartiere ohne Ausweichzonen scheinen in Vergessenheit geraten zu sein. In dieser Situation wirkt es wie ein Hohn, wenn das noch vor sechs Monaten intensiv disktutierte Flüchtlingsheim an den Sophienterrassen von Harvestehude keinen Meter im Planungsdickicht voranzukommen scheint. Es ist aber kein anarchistischer Hohn. Es ist planvolles Vorgehen.

Kein adäquates Flüchtlings-Shopping

Zur Erinnerung: 220 Flüchtlinge und Asylsuchende sollten in einer eigens für 5 Millionen Euro umgebauten ehemaligen Bundesimmobilie nahe dem Alsterufer, in einer Nachbarschaft edler Villen und teurer Boutiquen, unterkommen. Sehr begrüßenswert, damit auch diese Quartiere ihr Scherflein an Solidarität beitragen und die neue soziale Gemengelage einüben können, die ärmere Stadtteile seit längerem mehr oder weniger stoisch absorbiert haben. Doch in Harvestehude, einem der bei weitem einkommensstärksten Gebiete der Hansestadt, organisierte sich im April wenig überraschend der Widerstand. Flüchtlingselend, bei uns? Absurd!

Nur die dafür ins Feld geführten Argumente waren dort beim Bürgerabend sehr viel subtiler als auf schwarzbraunen Versammlungen in Arbeiter- und Sozialrentnerquartieren. Ein Anwohner etwa gab zu bedenken, es sei doch nicht sozial, wenn man Flüchtlinge hier unterbringe, wo man doch „im Osten“ für dasselbe Geld die fünffache Menge stationieren könne. Und außerdem: Diese armen Menschen würden doch an der Alster nicht recht glücklich werden – denn es gebe hier doch überhaupt keine günstigen Einkaufsläden. Ein Blick auf Google Maps indes hätte genügt, um in zehn Fahrradminuten Entfernung gleich mehrere Lidl-, Aldi- und Pennymärkte zu entdecken. Aber, um fair zu sein: Solche Orte hat ein gängiges SUV-Spitzenmodell für die Dentistengattin ja auch gar nicht auf dem Navi.

Ende des Erinnerungs-Exkurses. Nach diesem Ausdruck große Sorge wurde es erst einmal still in Harvestehude, verdächtig lange still. Es ist inzwischen klar, was in dieser sechsmonatigen Stille passierte: sehr, sehr wenig. Denn die Flüchtlinge, sie werden nicht wie vorgesehen in diesen Wochen einziehen. Zunächst einmal musste die Planung nämlich europaweit ausgeschrieben werden. Ganz recht, europaweit. Schließlich sollten auch isländische Architekten die Chance haben, an dieser dringlichen humanitären Aktion der Unterbringung Benachteiligter mitzuwirken.

Haben alle Staaten der EU ihre Vertreter ins Rennen geschickt, dann muss der Bezirk Eimsbüttel die Baugenehmigung erteilen, und dann – nein, dann können immer noch keine Notleidenden aus aller Welt ans Alsterufer. Denn dann werden die Bauleistungen ausgeschrieben, wenn auch nur bundesweit. Wie lange das dauert? Nach Informationen des Hamburger Abendblattes ist diese Frage „völlig offen“.

Gute Gespräche mit gutem Gewinn?

Wenn ich aufgrund meiner Verdienste um die Hamburger Wirtschaft in der gesegneten und – sichtbar wie unsichtbar – vielfältig eingefriedeten Quadratmeile von Harvestehude lebte und ein Flüchtlingsheim in meinem Hinterhof verhindern wollte, wie würde ich vorgehen? Ich würde wahrscheinlich ein paar wohlgezielte Anrufe in die Staatskanzlei tätigen. Ich würde ein paar Namen fallen lassen, ein paar sehr gute Rotweine in ebenso guten Restaurants trinken und dabei noch einmal so gute Gespräche führen. Und dann würde ich Gewissheit haben, dass deutsches Planungsrecht Weile braucht, um zu reifen.

Oder um den irgendwann glücklicherweise wieder veränderten Umständen, dereinst im Jahr 2024, durch Fallenlassen eines nun nicht mehr benötigten Projekts Rechnung tragen zu können.

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