Flüchtlingsheim im reichen Viertel: die Masken fallen

Immerhin lassen sie jetzt die Maske fallen. Bislang wehrten sich Bewohner von Hamburgs weißer Villen-Idylle Harvestehude mit vorgeschobenen Gutmenschen-Argumenten gegen das in ihrer Nachbarschaft geplante Flüchtlingsheim an den Sophienterrassen („Die armen Menschen finden hier ja gar keine günstigen Einkaufsgelegenheiten.“ „Anderswo könnte man fürs selbe Geld viel mehr unterbringen.“) Ansonsten setzten sie auf die bewährte Taktik, das deutsche Planungsrecht und damit den Faktor Zeit für sich bzw. gegen die Flüchtlinge arbeiten zu lassen.

Doch inzwischen hat sich herumgesprochen, dass bislang etwa drei Viertel der nach Hamburg strömenden Flüchtlinge im ohnehin „kaufkraftschwächeren“ Osten bzw. Süden der Stadt einquartiert wurden, aber nur etwa ein Viertel in den besser betuchten Vierteln westlich der Alster – und bislang noch immer überhaupt keiner im Superreichen-Quartier Harvesthude. Zugleich müssen weiterhin immer mehr Menschen in der Hansestadt untergebracht werden, denn die Verhältnisse im Rest der Welt sind nun einmal nicht ganz so friedvoll wie im Auenland am künstlichen Seeufer.

Da wirken solche pseudo-besorgten Äußerungen nicht mehr ganz so uneigennützig und überzeugend, wenn drei Viertel des übrigen Stadtgebiets mehr oder weniger zähneknirschend ihren Teil der sozialen Lasten schultern, als die massenhafte Armutsunterkünfte natürlich in der Tat begriffen werden können. Und so gingen die Vorbereitungen für die erste Notunterkunft in Alsternähe aus Sicht mancher Harvestehuder denn auch beunruhigend konkret weiter. Bis zu 250 überwiegend nichtweiße und nichtblonde Menschen sollen hier konkret eine provisorische Heimat finden.

Deshalb haben einige Bewohner des kleinen gallischen Wehrdorfs jetzt die nächste Stufe ihres Widerstands-Feuerwerks gezündet: die juristische. Und da gibt es keinen Grund mehr, sich weiterhin als Menschenfreunde zu tarnen; im Schutz von Anwälten wird Tacheles geredet. Im Eilantrag an das Hamburger Verwaltungsgericht stellen die drei Initiatoren laut Hamburger Abendblatt gleich mal fest, die Flüchlingsunterkunft sei

„mit einem erheblichen Störungspotenzial verbunden, das einem geschützten Wohngebiet fremd und unverträglich ist.

Das Wort „geschützt“ ist hier besonders delikat: geschützt wodurch? Durch Stacheldraht und Minenfelder? Bislang schien dies ein Stadtteil mit legalem Zugang auch für Normalsterbliche zu sein; durch den Bau der weitgehend „eingefriedeten“ Superluxuswohnanlage an den Sophienterrassen (Eigentumswohnungen ab ca. 1 Mio. Euro) mag sich das im Rechtsempfinden der Immobilienbesitzer geändert haben.

Und geschützt wovor? Vor dem Elend jener Weltregionen, durch deren strukturelle Ausplünderung so mancher Hanseat erst in die Lage versetzt wurde, am Alsterufer zu wohnen? All diese Fragen und Antworten stecken semantisch in einem einzigen Wort eines deutschen Eilantrags.

Und das ist nicht etwa eine an den Haaren herbeigezogene Interpretation. Die Autoren konkretisieren nämlich ihr Schutzbedürfnis vor einer Unterkunft für Wirtschafts-, Kriegs- und Klimaopfer im folgenden auch noch ganz explizit:

„Da die Bewohner zum größten Teil ohne Beschäftigung sind, muss damit gerechnet werden, dass ihnen die Decke auf den Kopf fällt. Für beträchtliche Zeiträume werden sie sich außerhalb des Gebäudes und in der näheren Umgebung aufhalten.

Das Grauen, das Grauen. Möglicherweise halten sie sich dann nicht nur auf und atmen den rechtmäßigen Quartiersbewohnern die gute Luft weg; vielleicht kommen sie vor lauter Langeweile auch noch auf die Idee, sich die umstehenden Gebäude genauer anzusehen und sich Gedanken über deren Inhalt zu machen. Zumal dieser Inhalt, sofern er annähernd lebendig ist, sich die meiste Zeit ebenfalls außerhalb seines Gebäudes aufhält und es nicht einmal bewohnt, sondern im Büro oder auf Barbados seinen Geschäften nachgeht.

Einen besonderen Eintrag in das Wörterbuch des Unmenschen sollte in diesem Kontext die Formulierung „dass ihnen die Decke auf den Kopf fällt“ finden. Tiefenpsychologisch ließe sich geheimes Wunschdenken herauslesen.

Aber jeder Horror – sogar die Aussicht auf Arbeitslose, die sich außerhalb eines Gebäudes aufhalten – lässt sich noch steigern:

„Insbesondere Kinder mit ihrem Bewegungsdrang werden zu einer erheblichen Unruhe führen.

Und das, wo man selbst reindeutsche Gören in Harvestehude doch seit geraumer Zeit erfolgreich ausgemerzt hatte. Wie hier von Kindern gesprochen wird, entlarvt das scheinbar bedrohte Paradies am Alsterufer als das, was es in Wahrheit ist: eine geschlossene gerontologische Station für Besserverdienende.

Wenn dieser Eilantrag vor Gericht durchkommt, wird das de facto einen Baustopp und das Ende einer zumindest symbolhaft sozial gerechteren Unterbringung von Flüchtlingen bedeuten. Dann heißt es sozialgeographisch in Hamburg weiterhin konsequent: die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen. In dem Fall müsste man an dieser „weltoffenen Handelsstadt“ und ihren dann offiziell legitimierten Apartheidsstrukturen verzweifeln.

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5 Kommentare zu „Flüchtlingsheim im reichen Viertel: die Masken fallen

  1. Genau so. In Harburg müssen die Flüchtlinge in Containern leben (mitten in der Stadt und ohne lautstarke und/oder juristische Anwohnerproteste) – aber Harvestehude wehrt sich dagegen, dauerhaftere (Stein! Beton!) und Menschen angemessenere Unterkünfte zu schaffen.

  2. Aus welcher Quelle hast du das Argument,daß 3/4 der Flüchtlinge im osten und westen hamburgs untergebracht sind. Finde keine verlässichen Daten dazu.

    1. Ich schreibe im Artikel: im Osten und Süden, nicht Westen. Da gerade nicht. Einen ungefähren Einblick vermittelt dieser Artikel aus dem Hamburger Abendblatt, dessen Infografik sich leider nicht (mehr) „großklicken“ lässt.

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