Wie die Medien den „Hools“ kräftig Zulauf verschaffen

Das Phänomen „HoGeSa“ (Hooligans Gegen Salafisten) erschüttert die ohnehin fragile Selbstsicherheit des deutschen Bürgertums. Die gewalttätige Kölner Demonstration von rund 4000 Fußball-Schlägern im Schulterschluss mit Neonazis (aber wohl auch einigen kurdischen Gruppierungen und sogar manchen „Normalbürgern“) hat denn auch die meinungsführenden Medien aufgeschreckt: „Hohl, Gemein und Saugefährlich“ deutete etwa Spiegel-TV die Abkürzung der ins abrupte Rollen gekommenen Bewegung um.

Selbstverständlich gibt es mehr als genug Belege dafür, dass diese These auch zutrifft – die triumphale Anwesenheit des führenden Neonazis „SS-Siggi“ und der Hass-Band „Kategorie C“ auf der Krawalldemo waren vielleicht nur die plakativsten. Doch mit einer solchen Kurz-Analyse machen es sich die pflichtschuldigst besorgt dreinblickenden Moderatoren und Redakteure etwas einfach. Sie selbst nämlich erreichen die marginalisierten Unterschichten mit ihren Botschaften vom akzeptablen staatsbürgerlichen Verhalten schon lange nicht mehr – wenn sie es denn je getan haben.

„Man macht sich so seine Gedanken“

Man muss nur die einschlägigen Blogs, Web- und Facebookseiten der Szene studieren, um festzustellen, dass die „System-“ oder „Mainstreammedien“ heute mit zum Feindbild Nummer 1 dieser anschwellenden Gruppen und Netzwerke geworden sind – auf demselben Hass-Level etwa wie Salafisten (in Wahrheit Moslems, in noch wahrerer Wahrheit dunkelhaarige Ausländer sowie Asylbewerber und Flüchtlinge ganz allgemein). Und „Bullen“. Und „System-Politiker“.

Aber eben auch die bürgerlichen Polit-Journalisten, gleich ob von FAZ, taz oder Zeit. Ein paar Kostproben (inklusive aller Rechtschreibfehler und Formulierungsschwächen, die aber hier nicht vom Thema ablenken sollten):

Sau gefährlich ist für die Mainstreammedien die Situation, dass ihnen die Deutungshoheit entgleitet. Weil sich die Bevölkerung zunehmend aus den Onlinemedien im Internet informieren. Sau gefährlich für Mendienschaffenden und Redaktionen ist die zunehmend sinkende Glaubwürdigkeit der der Leitmedien wie Spiegel, ARD, ZDF, u.a. Da ist ihnen wohl die Deutungshoheit entglitten und da haben sich freie Bürger doch glatt organisiert, ohne, dass es die Mainstream-Redaktionen mitbekommen haben.

(User „media-watch“ im antimuslimischen Blog PI-News)

Man versucht mit allen Mitteln die normalen Bürger von Ho.Ge.Sa zu verschrecken. Wir sind es leid diese schlechten Berichte zu sehen nur weil ihr keine Informationen bzw. Interviews von uns bekommt. Wir sagen noch einmal, gemeinsam sind wir stark!Ps.(allgemeine Presse) solange ihr weiter nur Lügen & Müll verbreitet, braucht ihr uns keine Medienanfragen senden.

(Das HoGeSa-Organisationsteam auf seiner Website über den Bericht in Spiegel TV)

Nicht nur der Spiegel,sondern Alle Zeitungen,zensieren und sagen nicht die Wahrheit.Jeder,der 1+1 zusammen zählen kann,macht sich so seine Gedanken.

(User „Kalle“ auf derselben Seite)

Kein Zweifel: ein unappetitliches, rohes und undifferenziertes Meinungsgebräu, an dem sich bürgerliche Journalisten ungern die Hände schmutzig machen. Sie könnten sich zudem dem Vorwurf ihrer Kollegen aussetzen, „Verständnis“ zu haben. Und doch ist genau dies ein hässlicher, aber virulenter und bedeutungsvoller Teil des so oft geforderten „demokratischen Diskurses“. Und die Leitmedien, aber in ihrem Gefolge natürlich auch die immer weniger werdenden Titel der Provinzpresse, ignorieren ihn, blenden ihn aus, so lange sie glauben zu können. Es ist ja nicht ihre Klientel, diese Menschen zahlen ohnehin nicht ihre Abos. Allein: Lange wird das vielleicht nicht mehr gutgehen.

Gucci statt Großdeutschland

Die Frage ist zunächst: Warum greifen „die“ Medien offenbar zunehmend kürzer in ihrer Berichterstattung und Ursachenforschung zu einem sich dramatisch zuspitzenden sozialen Phänomen – so dass oft schon mit dem Stempel „Nazi“ vermeintlich genüge getan ist? (Wobei es interessant ist, auf den Facebook-Seiten mit glühenden HoGeSa-Supportern zahlreiche Klarnamen und Profilbilder junger Frauen zu finden, die durchaus eher zum Lebensziel „Gucci“ als „Großdeutschland“ zu passen scheinen.)

Die Gründe für diese Ignoranz dürften zahlreich sein und untrennbar verwoben mit der allgemeinen Medienkrise, die jetzt schon weit in ihr zweites Jahrzehnt und damit wirklich an die Substanz der Demokratie geht. Die Praktikantisierung der Redaktionen zum Aufpäppeln der Margen bringt eine drastische Verkürzung des historischen und sozialen Gedächtnisses mit sich, ebenso wie des analytischen Radars, das nur durch Erfahrung und Einsichten aus erster Hand statt aus Agenturmeldungen gezielt eingesetzt werden könnte.

Da ist die (teils sogar ins Unbewusste verdrängte) vorauseilende Hörigkeit vieler (Chef-)Redaktionen gegenüber Werbekunden, Lokal- und Bundeswürdenträgern, Verlegern und Controllern, aber auch einflussreichen Interessensgruppen ausschließlich des „bürgerlich-liberalen“ oder maximal „liberal-konservativen“ Bereichs eines viel größeren Prismas. Seit Jahrzehnten ist sie vielen Kritikern auffällig gewesen, die sie durchaus eleganter zu belegen und zu formulieren wussten als die „Hools“ ohne Bildungsabschluss oder Dr. rer. pol. Insofern sind diese Zustände oft beklagt gewesen, nur noch nicht von allen.

Neu hingegen ist die zunehmend besinnungslose – und von stigmatisierten Gruppen wie Islam-Phobikern oder Deutschtümlern sehr genau wahrgenommene – Abfertigung und Brandmarkung mit Begriffen wie „Nazi“, „deutsche Dumpfmichel“, „braune Horden“. Igitt, mit denen kann man nicht diskutieren, man kann sie nur verbieten. Problem gelöst. Ja, aber für immer kürzere Zeiträume, bis zur nächsten, immer größeren Krawalldemo.

Die Antwort der Ungefragten

Warum darf dieser Teil des Meinungsspektrums nicht eine Minute länger missachtet und gar bemitleidet werden? Es liegt eigentlich auf der Hand: Hier bricht sich nur in zweiter Linie die Stimme der Gewalt Bahn, in erster Linie jedoch die eines immer weiter anwachsenden, komplizierten Mosaiks aus Menschen, die sich durch Massen-Zuwanderung „Fremdartiger“ einerseits und Verdrängung aus ihrem ehemals „deutschen“ (will sagen Heimat gebenden) Mikrokosmos bedroht sehen. Es ist – ohne dass dies pathetisch-sentimental klingen soll, dafür ist das Bedrohungspotenzial zu real – die im Reflex einstimmige Antwort der Ungefragten, der bildungs- und arbeitsfern Sitzengelassenen, aber auch und ganz besonders der sozial heimatlos gewordenen Schichten.

Ihnen stellt sich der „Staat“ und damit der Medienbetrieb als eine korrumpierte, die eigenen „Peers“ immer wieder befördernder und recycelnder, sie selbst hingegen nur mit Verboten und der „Nazi-Keule“ bearbeitende Black Box dar. Ein unzugänglicher, unverständlicher Apparat, der es ihnen gerade dadurch leicht macht, sich an Verschwörungstheorien zu berauschen und gegenseitig zu bestärken. Es sind dabei bezeichnender Weise immer mehr ursprünglich wohl „bürgerlich“ zu nennende Menschen, die indes inzwischen ohne Perspektiven dastehen und/oder sich von der weiter verschärfenden Dynamik durch Turbokapitalismus einerseits und Flüchtlingszustrom andererseits eingekesselt fühlen.

Wer im (metaphorischen) Kessel hockt, schlägt um sich. Oder er sympathisiert, längst nicht mehr nur klammheimlich, mit einer heraufdämmernden neuen „Ordnungsmacht“ wie der HoGeSa. Denn sie setzt in seinen Augen denen da oben (Staat, Medien) ebenso wie denen da unten (Flüchtlinge, Migranten, Salafisten) endlich Taten statt Worthülsen entgegegen. Dass die Taten aus perspektivloser Gewalttätigkeit und Brutalität bestehen, fällt ihnen im Verschwörer-Rausch nicht länger auf oder sie akzeptieren es sogar mit dem Schauer des Keybord-Revolutionärs.

Das Keyboard gibt ihnen Macht

Denn das Keyboard, in Verbindung mit sozialen Medien, gibt ihnen Macht. Heute haben es eben nicht mehr nur die „System-Journalisten“ zur Hand, sondern jeder, egal wie unappetitlich seine Meinung oder Haltung ist. Das spielt Extremisten jeder Couleur in die Karten, der IS ist nur das drastischste Beispiel dafür. Diese Macht sich zu vernetzen und aus Worten schließlich (ziellose oder zerstörerische) Taten werden zu lassen, wird von den behäbigen Meinungsmedien des Bürgertums nach wie vor sträflich unterschätzt.

Die einhellige Meinung unter den zigtausenden Stigmatisierten, nach denen diese Gesellschaft inzwischen zählt, ist, egal ob „links“, „rechts“, „islamistisch“, „doitsch“ oder „christlich-fundamentalistisch“: Die da oben reden schon lange nicht mehr mit uns, also reden wir jetzt auch nicht mehr mit denen. Letzte Konsequenz: politische und Zirkel- und Kurzschlüsse bis hin zu wirklich bürgerkriegsartigen Szenarien.

Es liegt nun an den „bürgerlichen“ Medien, in vielleicht vorletzter Stunde einen aufrichtigen, geduldigen und systematischen Versuch zu wagen, sich in die Gedanken- und Lebenswelt dieser Stigmatisierten oder Sinnversehrten zu begeben und danach zu fragen, was sie benötigen würden in dieser Gesellschaft, die ansonsten schon bald auf der Kippe stehen könnte.

 

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