Fünf Fragen an die Kirche anlässlich der kürzlichen Sonnenfinsternis

Ich bin schon lange kein Christ mehr. Aus der evangelischen Kirche ausgetreten mit etwa 25 Jahren, über die Gründe will ich mich hier nicht vertiefen. Aber das heißt nicht, dass mich Glaubensthemen seither kalt gelassen hätten, im Gegenteil. Die großen Menschheitsfragen wie „Wo kommen wir her?“, „Wozu sind wir auf der Welt?“, „Was kommt nach dem Tod?“ verlangen es in meinen Augen zwingend und führen fast automatisch dazu, sich mit der Möglichkeit der Existenz des Göttlichen wenigstens auseinanderzusetzen.

Es sind vor allem zwei aktuelle Entwicklungen, die mich vor dem Hintergrund solcher Fragen faszinieren und mein Verhältnis zu Schöpfung, Göttern und Glaubenssystemen immer heftiger herausfordern.

Die eine ist der schreckliche Missbrauch religiöser Glaubenssätze durch Extremisten und Terroristen, die damit nur ihre skrupellosen Unterdrückungspläne in die Tat umsetzen wollen.

Die andere sind die stürmischen Fortschritte der Astronomie und Astrophysik im gerade erst begonnenen Jahrhundert: Wir haben in wenigen Jahren so viel gelernt über unsere Erde, unser Sonnensystem, unsere Galaxie und unser Universum wie in der gesamten Menscheitsgeschichte zuvor nicht.

Beide Entwicklungen stehen natürlich zunächst einmal in exaktem Gegensatz: Verdummung und Terrorisierung gegenüber Neugier und Aufklärung.

Nun war hier aber gerade diese 80-prozentige Sonnenfinsternis. In früheren Jahrhunderten wäre sie fast ausnahmslos als göttliches Zeichen oder Omen gewertet worden. Für mich war sie ein reines Naturphänomen, das ich eigentlich mit rein astronomischem Interesse verfolgen wollte.

20th_March_2015_Solar_Eclipse_in_Sheffield,_UK„20th March 2015 Solar Eclipse in Sheffield, UK“ von Arp96dcc. Quelle: Wikipedia

Doch dann glitt der Schatten des Mondes über uns hinweg, und etwas Unerwartetes geschah: Es wurde kalt. Ganz plötzlich, in Minuten, zog ein eisiger Hochnebel auf, wo gerade noch klares, vorfrühlingshaftes Wetter gewesen war. Mit einem Schlag waren der Hamburger Fernsehturm und die umliegenden Hochhäuser im Dunst verschwunden, der vorher leichte Wind schien wie eingefroren, wo vielleicht 15 Grad geherrscht hatten, waren es plötzlich (gefühlte) drei Grad in einer grauen, wabernden Eintönigkeit, die sich nach Ende des Himmelsphänomens nur zögernd normalisierte.

Und das alles nur, weil die Energieeinstrahlung der Sonne für wenige Minuten um einen deutlichen Prozentsatz abgenommen hatte.

Ich war erschüttert. Es war, als ob der Himmel den Hauch eines Zeichens gegeben hätte, wie es wäre, wenn alles aus den Fugen geriete. Wenn uns das Licht der Sonne abgeschnitten würde für mehr als ein paar lausige Minuten. Oder, wie es die Religion uns nahelegen würde: wenn das Jüngste Gericht über uns hereinbräche.

Wir leben in einer Zeit, in der Wissen und Glauben, Staunen und Furcht vor dem Universellen in ständigem Widerstreit stehen. Auch in meinem eigenen Kopf. Das hat mir eines der ältesten Symbole des Göttlichen, die Verfinsterung der Sonne, unerwartet vor Augen geführt.

Deshalb möchte ich hier einige Fragen stellen, für deren Beantwortung ich jedem Gläubigem, besonders aber jedem Glaubenslehrer (Priester, Rabbi, Imam) dankbar wäre. Nicht, um mich in meinen Vorurteilen gegenüber seiner spezifischen Lehre bestätigt zu fühlen. Sondern um den Versuch zu machen, seine Antwort mit meinem Bild von der Welt in Übereinstimmung zu bringen.

Hier also die Fragen:

1. Wenn wir wirklich, was sich immer deutlicher abzeichnet, innerhalb der nächsten Jahrzehnte auf außerirdisches Leben stoßen, möglicherweise sogar intelligentes: Würde das Ihr Glaubensgebäude einstürzen lassen oder hat Ihr Gott / haben Ihre Götter diesen Fall bereits vorausgesehen und der Menschheit damit einen neuen Platz in der Schöpfung angewiesen?

2. Falls es der Menschheit in Zukunft gelingen sollte , beispielsweise durch Besiedelung benachbarter Planeten die Möglichkeit zu schaffen, einer durch Verschmutzung, Ausplünderung und Krieg unbewohnbar gewordenen Erde dauerhaft zu entkommen: Würden Sie dies vor dem Hintergrund Ihres Glaubens befürworten und wenn ja, wer sollte bei begrenzten Ressourcen das Recht dazu erhalten?

3. Würden Sie es für möglich halten, dass Zivilisationen auf anderen Welten andere Götter haben – und sind diese Götter dann Ihrem Gott / Ihren Göttern gleichberechtigt oder treten sie damit in eine Konkurrenz, und wie wäre diese zu entscheiden?

4. Wenn wir jemals mit einer uns überlegenen Zivilisation Kontakt aufnehmen würden oder diese mit uns: Sind die Vertreter dieser Zivilisation nicht aus menschlicher Perspektive automatisch selbst Götter, insofern sie über uns verfügen, uns vernichten oder aber uns auf eine höhere Bewusstseinsstufe führen könnten?

5. Würden Sie Einwände dagegen haben, dass ein solcher „außerirdischer Gott“ auf für uns unverständliche bzw. wundertätige Weise Abhilfe gegen irdisches Leid auf unserer kleinen Welt schafft? Was wäre dann mit der Standardantwort der christlichen Religion auf das Theodizee-Problem, nämlich dass Gott deswegen nichts gegen verhungernde Kinder etc. unternimmt, weil er nicht in die freie Entfaltung der Menschheit eingreifen will?

Wie gesagt: Ich würde mich über Antworten freuen.

4 Kommentare zu „Fünf Fragen an die Kirche anlässlich der kürzlichen Sonnenfinsternis

  1. Es gibt einen alten Peanuts Comic-Strip:

    Snoopy sitzt oben auf seiner Hütte und tippt ein Manuskripts. Charlie Brown schlendert vorbei: „Ich höre, Du schreibst ein Buch über Theologie. Ich hoffe, dass du einen guten Titel hast?“
    „Ich habe den perfekten Titel „, sagt Snoopy nachdenklich.

    “Has it Ever Occurred to You that You Might Be Wrong?”

    Lässt sich leider nur schwer angemessen übersetzten, aber:
    eine der besten Fragen!

  2. Ich weiß nicht, was ein Geistlicher auf Frage 1

    („… hat Ihr Gott / haben Ihre Götter diesen Fall bereits vorausgesehen und der Menschheit damit einen neuen Platz in der Schöpfung angewiesen?)

    antworten würde, mir ist sofort die Offenbarung des Johannes eingefallen. In 21, 1 heißt es:

    „Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde waren vergangen, und das Meer ist nicht mehr.“

    Hinzufügen möchte ich eine Frage 6: Ausgehend von der christlichen Heilslehre, müsste sich Jesus dann nicht in jeder einzelnen der vielen Zivilisationen kreuzigen lassen? Ich empfände das als Zumutung. Und was soll man von einem „Vater“ halten, der so mit seinem Sohn umspringt?

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