Making of Romandebüt (3): Noch 60 Seiten

Was bisher geschah: Aus dem romantischen Impuls heraus, am Ende des literarischen Zeitalters dann auch noch schnell unter die Romanautoren zu gehen, habe ich das schon lange in meiner Schublade vor sich hin wachsende Manuskript öffentlich zum Fertigwerden bis zum 30. Juni verurteilt. Seither bin ich an diesen Fluch gebunden und muss, dem Konzept des Werkes entsprechend, eine im Voraus grob überschlagene Anzahl Seiten vollschreiben. Eine Zahl, die seither schon deutlich geschrumpft ist, wie man an den Überschriften dieser kleinen Making-Of-Serie ablesen kann.

Dieser ganze exhibitionistische Blog-Zauber ist natürlich dazu gedacht, den gefürchteten writer’s block zu überlisten, d.h. Schreibblockaden im Keim zu ersticken. Dann lieber halt- und schamlos drauflosgeschrieben und am Ende der Frist das Gelübde erfüllt, als mit inhaltlichen Skrupeln vor einem weiß flimmernden Bildschirm und den Augen der Weltöffentlichkeit zu kapitulieren.

Bislang hat das überraschend gut funktioniert. Gestern wurde Kapitel 9 fertig, und da es insgesamt zwölf werden sollen, darf ich mich nun in den elitären Kreis der Dreiviertelfertig-Autoren einreihen. Und dabei war das neunte ein sog. Übergangskapitel. Also eines, wo der Mord bereits passiert ist (Kapitel 8), aber die Pointe des Mordes noch nicht ersichtlich (Kapitel 10).

Übergangskapitel sind furchtbar für Autoren: Sie sind das Schwarzbrot, das wie Kuchen schmecken soll. Damit sie dem Leser nicht wie Übergangskapitel vorkommen, die sie aber eben doch sind, muss allerhand Feuerwerk stattfinden, aber eben nicht nur leerer Funkenflug und Donnerhall. Sondern, wenn dieses Kapitel ein Raum in einem Museum wäre, müsste der Besucher, vom Velázquez kommend, frohen Schrittes durch diesen Raum zum Picasso schreiten und dort dann wieder gerne verweilen, weil er im Gehen unbewusst verstanden hat, wie der Lichteinfall aus „Las Meninas“ den großen Kubisten in seinem Werk inspirierte. Das wäre ein gelungenes Übergangskapitel – leider auf einem weit höheren kunsttheoretischen Niveau, als ich es zustandebringen würde.

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Unlesbarer Schutzpatron der Debütanten: A. Schmidt aus HH-Hamm

Ich kann statt mit Weltniveau nur mit Witz aufwarten – auch und gerade im 9. Kapitel. Ein humoristischer, ja satirischer Roman ist natürlich in Deutschland etwas nicht Ernst(!)zunehmendes und darf sich also bestenfalls Unterhaltungsroman nennen. In der Hierarchie, die mir einmal ein namhafter Verlagsexperte erklärt hat, sieht das so aus: Auf der Stufenleiter ganz oben steht die Literatur, also Arno Schmidt oder Herta Müller. Man liest sie nicht, hat sie aber gern im Regal stehen und es gibt ernsthafte Literaturpreise dafür. Eine Stufe tiefer folgt die Belletristik, das sind Romane mit mehr Anspruch als Gebrauchswert. Und dann, nach einem steilen und langen weiteren Verlauf der Leiter nach unten, folgt erst die nächste, letzte, unterste Stufe: der Unterhaltungsroman. Er hat eine für Kritiker besonders unangenehme Eigenschaft: Er wird gekauft, verschenkt – und gelesen.

Über diesen Typus und vor allem über Unterhaltungsroman-Autor(inn)en hat John von Düffel in seinem wunderbaren Roman „Goethe ruft an“ auf urkomisch-kluge Weise alles Notwendige mitgeteilt, woraufhin er von der FAZ natürlich sofort verrissen wurde. Da wurde mir klar: Unterhaltungsroman-Autor, jo, das bin ich.

Mir bleiben nach Adam Riese drei Monate für drei Kapitel; so weit, so übersichtlich. Nun gilt es, sich flugs neue Zwischenziele zu setzen: Mit etwas Glück schon innerhalb des nun kommenden Kapitels 10 werde ich die 200-Seiten-Schallmauer durchbrechen und damit weiter ins Unbekannte vorgestoßen sein, als je ein Mensch zuvor ich für möglich gehalten hätte. Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein großer Sprung für die Menschheit einen arglosen Romandebütautor.

Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich muss Anlauf nehmen.

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