Im gamlen Hotel aus der hyggeligen Hölle

Ostern ist jetzt schon ein Weilchen her, aber manchmal dauert es halt, bis man sich so weit gefangen hat und ein traumatisches Erlebnis in angemessen distanzierte Bilder und Worte fassen kann. Osterurlaub also. Mit seinem frischen Grün, den ersten bunten Blüten des Jahres, dem nicht vorhandenen Geschenke-Zwang und der Gewissheit, wieder einen Hamburger Winter überlebt zu haben, ist Ostern normalerweise mein Lieblingsfest im Jahreskreis.

Wir fuhren also mit Kindern und Kegeln für drei Tage nach Dänemark, in ein malerisches alten Hafenstädtchen, deren Namen ich genauso dezent verschweigen werde wie den Namen des aus dem Internet gebuchten Hotels. Auch das war, so ergab die Internetrecherche, alt (ca 100 Jahre), malerisch und dänisch gemütlich. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle zwei dänische Vokabeln einfließen lassen, die für mich nie wieder denselben Klang haben werden. Gamle heißt alt, und hyggelig heißt gemütlich.

Wir sind notorische Last-Minute-Bucher. Schon mal versucht, in Dänemark last-minute ein Hotel für die ganze Familie zu buchen? Also zwei Doppelzimmer? Über Ostern? Ich sag mal vorsichtig: Man sollte dann nicht mehr unbedingten Wert auf WLAN im Zimmer legen. Man nimmt, was noch frei und/oder bezahlbar ist. Wir freuten uns also angemessen über unser sowohl freies als auch bezahlbares Schnäppchen – und eine der Pointen dieser Geschichte wird es sein, dass wir tatsächlich ein tadellos funktionierendes, im Preis inklusives WLAN auf den Zimmern vorfanden.

Was wir nicht vorfanden, war unser Hotelier. Oder überhaupt ein menschliches Wesen. Wir standen am Ankunftstag vor verschlossener Tür, was wir auf die für Dänen vielleicht unnatürlich frühe Uhrzeit am Nachmittag zurückführten. Man kennt das ja aus diesem Kulturkreis: Siesta, die Hitze und so. Ein ca. zwölfsekündiges Telefonat mit dem Hotelbesitzer ergab dann auch schnell: Da war ein Kästchen mit Zahlencode neben der Eingangstür, in dem Kästchen waren Schlüssel, und diese Schlüssel ließen uns ein. Und das erste, was wir im Hausflur sahen, war dieses Arrangement:

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Man sieht das vielleicht rechts im Bild nicht so gut, aber es handelt sich um eine Dose mit Deospray for men, 24-Stunden-Schutz. Da muss man sich nichts Böses bei denken, das kann auch einfach daran liegen, dass das geisterhafte Hotelpersonal das silbern schimmernde Design der Sprühdose so elegant findet.

Die Zimmer selbst waren okay-ish. Also außer, dass jeder genau ein Handtuch erhalten hatte, das nicht immer das sauberste war, und außer der Kaffeemaschine, in deren Kanne Wasser vom Vorjahr mit bräunlich trüben Ablagerungen vom Jahr vor dem Vorjahr schwappte und außer, dass sich eines der Zimmer nicht abschließen ließ, was in einem absolut menschenleeren Hotel zu der Frage führt, ob man zur Nacht sich selbst oder doch lieber die Kinder einschließen will. Wir entschieden uns für die Kinder.

Ach so, und die Zimmertüren quietschten und knarrten etwa so sehr, wie sie in einem Film quietschen würden, in dem ein dänischer Kriminalkommissar am anderen Morgen einen grauenhaften Fund macht. Was akustisch insofern aber niemanden stören würde, als ja außer uns niemand da war. Und es sah auch nicht so aus, als ob noch jemand kommen würde. So stromerten wir also mal los, das ungeheizte, winterlich eiskalte Haus zu erkunden, das uns für die folgenden drei Tage ganz allein gehören würde und in dem wir dreimal das Frühstück zu uns nehmen sollten. Ich, als Cineast, immer vorweg mit dem Schlachtruf „Here’s Johnny!“ auf den Lippen. Erste Zweifel am gebuchten Frühstücksservice kamen uns dann im Frühstücksraum.

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Ich schrieb gleich mal eine launige SMS an unseren Hotelier, man weiß ja, Dänen lieben es informell und leger: Are you sure there will be breakfast tomorrow? Eine Antwort erhielt ich nicht. Der Mann ließ offenbar lieber Tatsachen sprechen, denn auf dem Tresen eines Bar-artigen Verschlags fanden wir durchaus reichlich Lebensmittel vor, und sogar ein Brotmesser. Eins.

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Aber hey, wir wollen nicht jammern. Es gibt doch so viel zu sehen in unserem gammeligen, hyggeligen Hotel. Zum Beispiel den kleinen Salon mit seinem wunderbaren Triptychon, dessen zentraler Teil vom Innenarchitekten vermutlich für deutschen Expressionismus gehalten wurde.

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Vom kleinen Salon aber öffnete sich der Blick auf den sonnendurchfluteten Großen Saal, der die Grandezza alter Zeiten oder zumindest alter Bügelwäsche ausstrahlte. In erstaunlichem Kontrast dazu das durchaus moderne Dampfbügeleisen. 
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Es dominierten, aufmerksame Beobachter haben es längst registriert, Fliedertöne. Aber alles in geschmackvollen Maßen: Gleich links neben dieser malerischen Szene aus der Lüneburger Heide bei Kopenhagen hatten die Hotelgeister einen kleinen Akzent in Weiß gesetzt – oder sollte man sagen: verschüttet?

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Wir verließen die Gesellschaftsräume, nicht ohne uns freizügig am reichlichen Klopapier-Buffet zu bedienen. So etwas darf eigentlich, genau betrachtet, in keinem hyggeligen gamlen dänischen Hotel-Salon fehlen. Man weiß ja nie, wie das Frühstück am anderen Morgen ausfallen wird.

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Andererseits hätte man im ungünstigen Fall dann auch Mühe, rechtzeitig bis in die öffentlichen Toiletten vorzudringen (siehe unten). Vielleicht verlegt man seine Sitzung doch besser gleich auf einen der lachsrosa Polstersessel im Salon, die sicherlich eigens zu diesem Zweck dort aufgereiht sind.

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Unterdessen war es Nacht geworden. Wir zogen uns, bereit zu sterben, auf unser Zimmer zurück und schlossen auch die Kinder weg. Nein, wir geben nicht so leicht auf, wenn wir mal auf der Walz sind. Wir haben das bezahlt, wir nutzen das. Allerdings dachte ich zu diesem Zeitpunkt noch mit einiger innerer Befriedigung, ich hätte in Wahrheit noch gar nicht bezahlt und könne am nächsten Morgen demonstrativ die Geldübergabe verweigern, wenn der Hotelier erst einmal greifbar sein würde.

Allein: Am nächsten Morgen erwachten wir, immer noch lebend, im eiskalten Hotel. Allein. Sehr, sehr allein. Wir frühstückten dann im Stehcafé eines örtlichen Baumarkts, etwas anderes hatte nicht auf. Und langsam, ganz langsam, dämmerte es uns bei allmählich zurückkehrenden Lebensgeistern, dass die Buchung übers Internet durchaus mit einer hinterlegten Kreditkarte verbunden gewesen war, von welcher unser Hotellier den Preis für drei Familienübernachtungen samt dreimal Familienfrühstück längst abgebucht hatte.

Wir fuhren dann vorzeitig nach Hause, dabei die falsche Fähre nehmend, so dass wir uns plötzlich auf einer ganz anderen Halbinsel dieses verwirrenden Hybrid-Landes wiederfanden und, mit nunmehr 534 Kilometern Überlandweg bis nach Hamburg konfrontiert, lieber für 100 Euro noch eine weitere Fähre nahmen, um doch noch in diesem Leben das rettende Zuhause zu erreichen. In diesem einen, kostbaren, unwiederbringlichen Leben.

 

Nachtrag: Da wir oben gezeigte Fotos vorweisen konnten und bei Bedarf über ausreichende Shitstorm-Entfesselungskenntnisse verfügen, wurde uns der Hotelpreis inzwischen zurückerstattet. Die Lebenszeit leider nicht.

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